<<Zurück

 
 
 
 
[Dieser Blog ist inzwischen nur noch, was er immer war und sein sollte: Ein Beleg für die Tatsache, dass sein Urheber (An-)teil nimmt am gesellschaftlichen Diskurs. Dafür stehen im Übrigen die Schlagwörter in der Menüleiste. Unter Gelesen, gesehen und besprochen werden alle Beiträge aufgeführt, die sich mit Büchern, markanten Texten und Filmen auseinandersetzen. Die Liste wird ständig aktualisiert und ergänzt.]

RedHotChillyJupp live vom Gülser Plan - Podcast zweite Episode

Intro

Ja, von vorne wie von hinten, von oben wie von unten, von rechts wie von links:

RedHotChillyJupp geht heute zum zweiten Mal auf Sendung. Unter dem Motto: – „Bücherschränke – Wehrtürme gegen Rechts“ soll vor allem auch die Frage berührt werden, was uns Heimat bedeutet! Und wie wir sie durch eine rechtsextreme Inanspruchnahme und vor einem völkischen Gesabber schützen können!

Der heutige Podcast steht unter der Patenschaft Erich Kästners undCarl Zuckmayers (der im Übrigen in Nackenheim, in der Nähe von Mainz geboren und aufgewachsen ist).

Ich melde mich vom Plan, mitten in Güls, wo wir vor wenigen Wochen unser traditionelles Blütenfest gefeiert haben. Der Plan, auf dem die Festbühne stand, platzte an allen Festtagen aus den Nähten. Ich stehe vor der Servatius-Apotheke – wie gut, dass wir noch eine Apotheke im Dorf haben!!! Gut geschützt befindet neben dem Eingangsbereich der Apotheke der Bücherschrank, der heute im Mittelpunkt stehen wird.

Es sind im Übrigen nicht nur Eingeborene, wie Jonas Spurzem, der – zuletzt mit einer kleinen Kolumne im Koblenzer Stadtmagazin – betont, dass man sich überaus glücklich schätzen könne, dort leben und arbeiten zu dürfen, wo andere Urlaub machen. Jonas, der mit seinen Heimatfreunden in Güls nicht nur Heimatverbundenheit verkörpert, sondern dieser Heimatverbundenheit mit seinen MitstreiterInnen durch praktisches Handeln auch eine eindrucksvolle Gestalt verleiht – siehe das erwähnte Blütenfest oder das inzwischen etablierte Event „Kilometer 7“ – beschreibt ein Privileg, das viele nachvollziehen können, die hier leben; auch und gerade, wenn sie zugezogen sind: Jonas Spurzem spricht gleichzeitig verschmitzt von einem Koblenz-bezogenen Großstädtchen-Gefühl und einer nahezu noch dörflichen Gemeinschaft in Güls, wo „man sich eben kennt“; wo alle dazu gehören, die dazu gehören wollen, wo eine Vielzahl von Vereinen (unter dem Dach des Ortsrings) immer wieder an einem Strick ziehen, wenn es darum geht, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Dazu gehören inzwischen der Wochenmarkt, der Ende Mai stattfindende Dorfflohmarkt oder der Adventsbasar Anfang Dezember.

Aber es bedeutet eben noch ein wenig mehr, wenn man vom Rhein und von der Mosel kommt, wenn man die Menschen als weltoffen und gesellig erlebt, wenn man – wie Jonas Spurzem auch die Geschichte – unsere Geschichte - erwähnt.  Auf unsere Geschichte kann man sich allerdings auf redliche und ehrliche Weise nur besinnen, wenn man die dunkelste Epoche in unserer jüngeren Geschichte nicht aus dem Blick verliert. Lassen wir uns heute begleiten von zwei Großen der +

++++deutschen Literatur – von Carl Zuckmayer und von Erich Kästner.

Da ist zuerst einmal Carl Zuckmayer. Nicht nur im Hauptmann von Köpenick führt er uns vor Augen, wohin Kadavergehorsam und blinder Obrigkeitsglaube führen können. Noch aus dem Exil heraus – vor Kriegsende – legt Carl Zuckmayer mit dem Drama Des Teufels General (mit Curd Jürgens und der jungen Marianne Koch in den Hauptrollen von Helmut Käutner schon in den 50er Jahren verfilmt) eine Abrechnung mit dem Terrorregime der Nazis vor. Ich zitiere in der Folge aus der Schlüsselszene: General Harras versucht dem jungen Leutnant Hartmann den Kopf zu waschen. Der hat ein Problem mit seiner Ahnentafel. Seine Familie kommt nämlich vom Rhein. Eine seiner Urgroßmütter ist „unbestimmbar – sie scheint vom Ausland gekommen zu sein“, wie Hartmann General Harras zerknirscht mitteilt.

Was nun folgt, gleicht sozusagen einer Huldigung dem Rhein und der Tatsache gegenüber vom Rhein zu stammen: General Harras spricht vom Rhein, als „der großen Völkermühle“. Er entwirft eine Ahnentafel, die in der pathosgeschwängerten Feststellung endet: „Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost!

Lasst uns noch einmal gemeinsam anhören, worauf dieser „natürliche Adel“ – von dem General Harras spricht! Carl Zuckmayer, der 1977 gestorben ist, spricht hier vor allem zu den Biodeutschen von der A f D (mit Erstwohnsitz in der Schweiz)! Harras entzaubert die Rassenideologie der Nazis und das völkische Geschwafel eines Höcke oder eines Krah, den wir am Ende noch krähen lassen. Er schwört den jungen, zerknirschten Leutnant Hartmann, der seine Verbindung mit dem Fräulein von Mohrungen wegen der Unregelmäßigkeiten in seiner Ahnentafel gefährdet sieht, auf seine eigene adelige Herkunft ein. Ich zitiere aus dem großen Monolog des General Harras:

„Denken Sie doch – was kann da nicht alles vorgekommen sein in einer alten Familie. Vom Rhein – noch dazu. Vom Rhein. Von der großen Völkermühle. Von der Kelter Europas. Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein Schwarzwälder Flözer, ein, ein dicker Schiffer aus Holland, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das alles hat am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach, was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: Vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen Sie die Papier Ihrer Großmutter in den Abtritt.“

 

In Güls – dessen 1250-Jahr-Feier wir im letzten Jahr begangen haben, wissen wir das. Wir sind wahrhaft ein buntes Völkchen. Deshalb hat die Alternative für die Dummen in Güls auch bei den letzten Landtagswahlen im Februar eines der schlechtesten Wahlergebnisse innerhalb der Stadt Koblenz verbuchen müssen – und trotzdem war und ist auch hier jede Stimme für die AfD eine Stimme zu viel.

Und nun stehe ich hier – mitten in Güls – auf dem Plan – neben mir steht Erich Kästner. Die meisten von Euch kennen ihn vom Doppelten Lottchen, von den Drei Männern im Schnee oder von Emil und den Detektiven  - vielleicht noch von der Lyrischen Hausapotheke. Ich halte seine Bücher in meiner Hand. Wie der Komet vor wenigen Monaten schweben sein Geist und seine Seele über dem Plan. Ich hoffe, dass das, was er uns sagen will, noch ein wenig härter einschlagen wird als jenes Kometchen, das Güls weltbekannt gemacht hat. Dementsprechend hat Erich Kästner die Patenschaft für das übernommen, was nun geschieht. Vor 93 Jahren musste er selbst erleben, wie seine Bücher auf dem Berliner Opernplatz dem Feuer übergeben wurden als von den Nazis beschimpfte Schund- und Schmutzliteratur. Er war leibhaftiger Zeuge, als Der zweite Rufer dazu aufforderte, den Flammen die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner zu übergeben mit den Worten: „Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!“

Nein, nein, das waren nicht Beatrix von Storch und Alice Weidel von der Alternative für die Dummen, es waren die Statthalter der Nazis – und vor allem deutsche Studenten und deutsche Professoren!

Heute übergeben wir dem Bücherschrank vor der Servatius-Apotheke die Werke Erich Kästners und Carl Zuckmayers – stellvertretend für alle, die als Republikaner und Demokraten einstehen und Schwarz-Rot-Gold hochalten für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Es ist nur folgerichtig, dass Carl Zuckmayer und Erich Kästner heute die Patenschaft für die zweite Ausgabe des Podcast von RedHotChillyJupp übernehmen. 1932 hat Kästner mit seinem Marschliedchen die Blaupause für den gleich zu hörenden Marsch geschrieben. Das Marschliedchen erschien wenige Monate vor der Machtergreifung der Nazis in der Weltbühne unter dem Titel: Denn ihr seid dumm. RedHotChillyJupp hat es mit einer Einleitung versehen und den 94 Jahre alten Text auf die Gegenwart zugeschnitten.

Gülser Lausbubengeschichte - einspielen

Und nun noch ein paar abschließende Bemerkungen zu der Geschichte hinter der Geschichte, und warum sie ausgerechnet auf dem Gülser Plan spielt:

Vor wenigen Monaten hat sich Moritz Hillesheim, ein Gülser Junge, zum stellvertretenden Vorsitzenden der Generation Deutschland wählen lassen. Das ist die Jugendorganisation der AfD. Er ist seither mit mehreren Interviews in Erscheinung getreten, in denen er sich mehrfach weigert, sich vom sogenannten Vorfeld der AfD zu distanzieren.

Bei meiner Recherche zur neu gegründeten Jugendorganisation (Generation Deutschland - GD) der rechtspopulistischen und rechtsextremen Partei Alternative für Deutschland (AfD) - gegründet am 29. November 2025 in Gießen - stieß ich auf einen kurzen Ausschnitt eines Interviews von Simon Thiele mit Moritz Hillesheim (wenn sich das jemand im Wortlaut anhören will, kann er dies über den parallel erscheinenden Beitrag in meinem Blog tun.) In diesem kurzen Ausschnitt bezieht Moritz Hillesheim Stellung zum Verhältnis der Generation Deutschland zu rechtsextremistischen Gruppierungen im sogenannten Vorfeld (namentlich z.B. der Revolte Rheinland). Hillesheim bekennt eindeutig und unmissverständlich im Verlauf des Interviews, dass es keiner Distanzierung zum sogenannten Vorfeld bedürfe:

Ich zitiere aus dem Wortlaut: "Wir distanzieren uns nicht vom Vorfeld. Wir marschieren getrennt, aber schlagen gemeinsam, zusammen, und warum sollten wir uns von Leuten distanzieren, die politisch unsere Interessen teilen, die politisch ähnlich aufgestellt sind, warum sollten wir uns von denen distanzieren. Natürlich sind wir getrennt in der Partei mit dem Vorfeld - selbstverständlich. Aber ich würde sagen, viele Vorfeld-Organisationen handeln in unserem Interesse. Und auch die die Jungs von der Revolte Rheinland, ja ich finde, das sind stabile Jungs, die auch gute Veranstaltungen gemacht haben - wovon soll man sich denn da distanzieren."

Seit Jahren verfolge ich die Radikalisierung der AfD und habe in meinem Blog vielfach dazu Stellung genommen. Wie lässt sich die Entwicklung der AfD von ihren konservativen Gründervätern wie Hans Olaf Henkel, Bernd Lucke, Konrad Adam (auch Alexander Gauland) über Frauke Petry und Jürgen Meuthen hin zu einer in Teilen gesichert rechtsradikalen Partei erklären. In dem Gedicht und dem gleichnamigen Lied Wer wir sind geht es auch und immer wieder um die Frage, welche Sozialisation, welche Entwicklungen dazu beitragen, dass sich vor allem junge Männer rechtsradikal orientieren und organisieren.

Darauf werde ich in meinem nächsten Podcast eingehen.

Der Schlussakkord des heutigen Podcastes nimmt sich einen der Gesinnungsgenossen und Lehrmeister Moritz Hillesheims zu, Maximilian Krah vor: Wir lassen den Krah krähen! Hier kräht der Krah!

„Heute steht die AfD etwa dort, wo die anderen Parteien auch stehen – sie ist ein Zweckverband von Berufspolitikern für Berufspolitiker“. So urteilt Konrad Adam, 2013 war er Gründungssprecher der AfD, 2021 trat er aus der Partei aus. Das liegt vermutlich auch an Typen, wie Maximilian Krah, der Konrad Adam in der ZEIT vom 28. Mai 2026 wortwörtlich als „Gewaltmenschen“ bezeichnet.

Max und Moritz, diese Buben, lasst sie nicht in Eure Stuben – und noch viel weniger in Eure Köpfe. Lasst uns unsere Synapsen mit den klaren, unverseuchten Wassern der Demokratie immunisieren – und vor allem daran denken, dass sich nur die dümmsten Kälber ihre Schlächter selber wählen! Euer

RedHotChillyJupp

Selbstbestimmt leben oder sich aus der Hand geben?

Das sind die beiden Spannungspole, die mit der Haltung Rudi Krawitzens einerseits und mit der Haltung Fulbert Steffenskys andererseits markiert sind. 2014 im Zuge der Kontroverse im Deutschen Bundestag hat Edo Reents in der FAZ Position bezogen und betont, das Sterben sei kein Wunschkonzert. Er hat eine Position eingenommen, die an Arroganz und Ignoranz schwerlich zu überbieten ist. Während Rudi den assistierten Suizid im Nachgang zum Urteil des Bundesverfassungsgericht aus 2020 

Zur fundamentalen Bedeutung von Generativität (in meinem Denken und Empfinden):

Ulrich Schnabel fragt: Was macht "Sinn" überhaupt aus, und in welchen Situationen erlebt man ihn?

Niklas Luhmann sagt:

"Sinn gibt es ausschließlich als Sinn der ihn benutzenden Operationen, also nur in dem Moment, in dem er durch Operationen bestimmt wird, und weder vorher noch nachher. Sinn ist demnach ein Produkt der Operationen, die Sinn benutzen, und nicht etwa eine Weltqualität, die sich einer Schöpfung, einer Stiftung, einem Ursprung verdankt. (Ders. in: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt 1998, S. 44)"

Das hört sich nicht nur brutal an. Es führt zu der schlichten Konsequenz, dass es - wie Luhmann meint - keine von der Realität des faktischen Erlebens und Kommunizierens abgehobene Idealität gebe.

Aber in dieser Konsequenz stecken versteckte Prämissen, die sich nur über eine intensive Befassung mit Luhmanns Systemtheorie enthüllen: Das faktische Erleben meint alles, was innerhalb unserer Bewusstseinssysteme der Fall ist, während das faktische Kommunizieren alles meint, was innerhalb sozialer Systeme der Fall ist und von Beobachtern durch Unterscheidungen markiert wird. Das würde aber auch bedeuten, dass damit konsitutierte Realitäten immer schon - als gewissermaßen atemporale Zerfallsprodukte - einerseits von den synaptischen Spalten verschluckt und andererseits im kommunikativen Rauschen verhallen würden. Niklas Luhmann entzieht sich dieser ernüchternden Klemme, indem er meint:

"Es braucht deshalb ein Gedächtnis, eine 'memory function', die ihm die Resultate vergangener Selektionen als gegenwärtigen Zustand verfügbar machen (wobei Leistungen des Vergessens und des Erinnerns eine Rolle spielen). Und es versetzt sich selbst in den Zustand des Oszillierens zwischen positiv und negativ gewerteten Operationen und zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz. Es konfrontiert sich selbst mit einer für es selbst unbestimmbaren Zukunft, für die gleichsam Anpassungsreserven für unvorhersehbare Lagen gespeichert sind (a.a.O., S., 45f.)."

Kleine persönliche Einlassung: Mir wird nun klarer, warum ich jeden Tag meine 95jährige Schwiegermutter im örtlichen Seniorenstift Laubenhof besuche und von Tag zu Tag gespannt bin, wie es wohl heute gehen mag. Die Eisdecke, die wir jeden Tag gemeinsam betreten wird dünner und dünner; sie trägt noch. Die Operationen, die wir im sozialen System über Kommunikation gemeinsam vollziehen, bedeuten exakt die angedeutete Atemporalität eines Zerfalls, der sich augenblicklich einstellt. Gedächtnis ist nicht beliebig verfügbar, indem es vergangene Selektionen mühelos in gegenwärtige Zustände überführen könnte; die Verfügbarkeit schwindet in einem rasanten Reduktionsprozess, der irgendwann keinen Rest mehr übriglassen wird. Ich werde das dann vermutlich auf dramatische Weise realisieren, insofern unsere gemeinsam gepflegten und über die letzten 20 Monate Tag für Tag aktualisierten Erinnerungsrituale irgendwann keine Resonanz mehr erzeugen werden - je schleichender und sanfter dieser Prozess sich vollziehen wird, umso weniger dramatisch wird er sich in meinem Erleben darstellen. Aber die Konsequenz wird aus der Sicht des Beobachters eine brutale sein: Irgendwann wird es nicht nur keine von der Realität des faktischen Erlebens und Kommunizierens abgehobene Idealiät (als Vorstellungswelt) mehr geben - die Realität selbst wird sich als leer und sinnlos erweisen (das Attribut sinnlos ist hier eigentlich sinnlos, weil es Sinn voraussetzt: Luhmann bemerkt vermutlich überzeugend, wie schwierig es ist, Unsinn bzw. Sinnlosigkeit zu erzeugen. Als Möglichkeit gelingt dies nur, "wenn man einen engeren Begriff des Sinvollen - zum Beispiel: des alltäglich Üblichen, des Erwartbaren - bildet" und dann Unsinn oder Sinnlosigkeit davon unterscheidet). Auch ein goldenes Ehejubiläum reicht nicht ohne Weiteres aus, um mühelos anknüpfen zu können an das, was so faszinierend und so sinngebend bzw. -erfüllend war, wie bei meinen Schwiegereltern beispielsweise das gemeinsame Tanzen.

[Da könnte im übrigen eine Empfehlung Klaus Dörners helfen, der meint: "Was gut tut, ist, von der Faustregel auszugehen, die freilich nur die Erfahrenen kennen, dass es den helfenden oder pflegenden Angehörigen immer schlechter geht als dem Hilfsbedürftigen oder Gepflegten, was übrigens auch und gerade - das schon mal vorab - fürs Sterben gilt" (in: Ders.: Leben und sterben, wo ich hingehöre - Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem, Neumünster 2007, S. 86)]

Und nun zu Ulrich Schnabel - in der Sylvesterausgabe der ZEIT (27. Dezember 2018) geht er der Frage nach, was "Sinn" überhaupt ausmache, und in welchen Situationen man ihn erlebe? Manche - meint Schnabel - suchten verzweifelt nach dem Sinn des Lebens, anderen sei er schlicht egal! Ich will mich aufs Wesentliche beschränken. Nach einer kurzen Einführung stellt Ulrich Schnabel fest:

"Als zentral erweist sich allerdings ein Begriff, der quer durch alle Befragungen und Dimensionen als einer der wichtigsten Sinngeber erscheint: die sogenannte Generativität. Damit ist das Bemühen gemeint, etwas an andere Generationen weiterzugeben und zum 'großen Ganzen' beizutragen - etwa indem man Kinder erzieht, Wissen vermittelt, sich politisch engagiert, Musik komponiert oder die Natur schützt. Generativität hat also vor allem mit dem Gefühl zu tun, sich in einen größeren Zusammenhang eingebunden zu fühlen, der das eigene, begrenzte Leben überschreitet und der damit die individuelle Existenz mit Sinn erfüllt - selbst über den Tod hinaus."

Um auf meine alltägliche Erfahrung im generativen Zusammenhang zurückzukommen, stelle ich mir die Frage, was denn eigentlich geschieht, wenn auch der Zugang zu einem (Selbst-)Bewusstein im Kontext von Generativität (bis zur Unkenntlichkeit - bis zum Selbst- und Fremdvergessen) schwindet? Für Fulbert Steffensky tritt damit einer der Fälle ein, wo der Mensch beginnt, sich aus der Hand zu geben (Ders.: Mut zur Endlichkeit - Sterben in einer Gesellschaft der Sieger, Stuttgart 2007). Alles, was Ulrich Schnabel vor allem auch mit dem Rekurs auf Viktor Frankl thematisiert, ist hier noch nicht der Fall. Deshalb kann er mit Fug und Recht sagen, das der Schritt von der "Ego- zur Sinnorientierung" mit Frankl in die Frage mündet: "Was kann ich beitragen, um die Situation insgesamt zu verbessern". Diese Frage beschere im besten Fall Gefühle wie Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit: "Anders gesagt, die Ausrichtung auf andere lässt uns einen Zusammenhang erleben und spüren, dass es nicht egal ist, ob wir existieren."

Ulrich Schnabel, Viktor Frankl, Niklas Luhmann, Fulbert Steffensky bescheren mir also mit ihren Überlegunen und z.B. mit Blick auf meine Schwiegermutter einen reflektierten Zugang zu genau diesem Lebensgefühl, nämlich dass es nicht egal ist, ob ich existiere. Und mit der These Jean Paul Sartres, dass wir "das sind, was wir tun", gewinne ich heute tatsächlich  - sehr viel konsequenter als in meiner Sturm- und Drangphase - einen Zugang zu meinem eigenen Leben. Und zugegeben: Generativität spielt hier eine zentrale Rolle, die sich immer deutlicher für mich herauskristallisiert: In der Auseinandersetzung mit "Hildes Geschichte", in der Auseinandersetzung mit der brutaleren Variante des Alterns sowohl mit Blick auf meinen Schwiegervater als auch meine Schwiegermutter; und hoffentlich auch mit Blick auf meine Kinder und Kindeskinder.

in progress 

RedHotChillyJupp

Mit den folgenden Sätzen endet meine knappe Darlegung der Motive in meinem kurzen Beitrag: RedHotChillyJupp? Zum Schluss weise ich darauf hin, dass ich nun einen Instagram-Account habe, in dem ausgwählte erste sechs Songs präsentiert werden. Aber ich merke, dass Instagram nicht meine Welt ist, und ich zweifle daran, ob sich dies heilen lässt.

Nun schreibe ich in der Tat seit mehr als vierzig Jahren Texte. Meine Schubladen sind voll. Meine Kinder und ehemalige StudentInnen haben mich überredet einen Instagram-Account zu starten. Nun ja, seit heute Morgen bin ich da online und habe das folgendermaßen kommentiert:

Ab 5.45 Uhr wird nun zurückgesungen und Lied mit Lied vergolten: Aktuelle Verlautbarung aus dem Hauptquartier von RedHotChillyJupp - die Offensive gegen Unbelehrbare, Rechte und Nazis wurde erfolgreich eingeleitet! Es wurden bereits erhebliche Landgewinne erzielt - schön wär's!!!

Mit sechs Stücken bin ich erst einmal gestartet: Den LausbubengeschichtenWer wir sindHier kräht der KrahRettet MalleWir sind die Silben und Mir fehlen die Worte.

Das ist doch viel zu viel haben die Instagram-erfahrenen User gemeint. Ich entgegne: Das sind doch nur sechs Songs. Ich hab ja Dutzende und Aberdutzende in der Pipline. Wann sollen die denn alle raus? Nun ja, ich sage mal - in etwas ruhigerem Fahrwasser - Woche für Woche! Heute morgen kommt einer dazu; eine kleine Satire auf den erbarmungswürdigen Manuel Hagel.

Aus der Werkstatt - die grammatikalischen und orthografischen Schnitzer sind dem Ernst der schwäbischen Lage geschuldet!

 

Hoh, hoh, hoh,
drauß vom Wahlokampf komm ich her
und ich muss euch sagen:
es hagelt schon sehr!

Da gibts was auf die Augen,
rehbraun müssen sie sein
und braun das Haar!

Aber liebe Wähler und Wähler Innen:
Das war vor so viel Jahr
verzeiht ich bin ein junger Mann,
ein Männlein mit feuchten Träumen

Ich habs versaut!

Hoh, hoh, hoh,
drauß vom Wahlkampf komm ich her
und ich muss euch sagen:
es hagelt schon sehr!

Gordon, machschs besser
und durchtrenn den Knoten
desch is dringend gebooten:

Im Ländle regiert bald ein Türk
und euch droht ein Schweitzer
isch komm und spring dir bei!

Hoh, hoh, hoh,
drauß vom Wahlokampf komm ich her
und ich muss euch sagen:
es hagelt schon sehr!

Bleib wo du bist!
ruft da der Schnieder,
der Wähler ist ein scheues Reh,
versteht keinen Spaß -
ist moralisch ganz bieder.

Hoh, hoh, hoh,
drauß vom Wahlokampf komm ich her
und ich muss euch sagen:
es hagelt schon sehr!

Jo i woiß

Isch henns verstanne,
Isch henns kapiert!

Isch geh in der Tann,
do kon ischs Rehlein begaffe
ihr heuchlerisch-dümmliche Affe.

Aber lieber Manuel,
der Tschem hat Dich doch geschützt,
jeder geht e mol fehl!
Und das hat ihm sehr genützt.

Du bist noch jung.
lass dir Zeit
nimm neuen Anlauf und Sdchwung,
halt dich fit und allzeit bereit:

Auf jeden März folgt ein April,
so Gott und der Wähler es will.

Warum Francis Ford Coppola Recht hat -lyrisch gefasst

Das folgende Gedicht ist fast dreißig Jahre alt - meine älteste Tochter ist 37 Jahre, meine jüngere Tochter 35 Jahre alt, meine Enkelkinder sind fünf bzw. drei Jahre alt. Und die Jüngste ist inzwischen gut acht Monate alt. Fangen wir an mit Unsere Kinder (dass meine eigenen Kinder sich dieses Gedicht mit Blick auf ihre eigenen Kinder zu eigen machen mögen, wünsche ich Ihnen von Herzen):
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund