Jules Barnes - Good Morning II (hier: Teil I)
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Das folgende mag nun zunächst einmal merkwürdig anmuten. Aber was die Geschichte in der Geschichte anbelangt, die Sie, werter Herr Barnes erzählen, nimmt ja ein Jack Russell namens Jimmy zunehmend eine Hauptrolle ein, auch deshalb, weil Jimmy - nach dem Ableben von Jean und Stephen - bei Ihnen Asyl findet. Sie merken an, das Jimmy der Kümmerling seines Wurfes gewesen sei, und dass Jean in in der ersten Zeit in der Manteltasche herumgetragen hat. In bester Tradition - ich verweise hier einmal auf John Steinbecks Charly und auf den Charly (ich glaube ein Dackel), den Karl Otto Hondrich in Verehrung John Steinbecks ebenfalls Charly nennt - lassen Sie nun Jimmy Persönlichkeit werden. Hier ein paar kleinere Kostproben:
"Als Stephen zum ersten Mal zu Jean kam, ertönte ein wütendes Gebell, bevor sie die Tür öffente. Durch den Spalt sagte sie: >Schau ihm nicht in die Augen.< Als Stephen ihn tätscheln wollte, biss Jimmy ihn kräftig in den Daumen. Später biss er in seine Hosenbeine und Schnürsenkel und pinkelte auf einen Pullover, der dummerweise in Hundereichweite gelegen hatte. Er wollte einfach sein Frauchen verteidigen, so viel war klar und normal; aber er war auch ein eifersüchtiges kleines Luder. So drehte er aus irgendeinem Grund vollkommen durch, wenn Stephen aus seiner Perspektive größer erschien als Jean - weil er stand, sie aber auf dem Sofa saß -, was der Hundeverstand als Bedrohung wertete. Wenn Stephen ihr zum Beispiel eine Tasse Tee brachte." (S. 116)
Sie schreiben, dass Stephen nicht aufgab und schließlich irgendwann Jimmys Akzeptanz, ja gar seine Zuneigung gewann. Lieber Julian Barnes, Sie flunkern, wenn Sie auf Seite 118 meinen, Sie wollten sich nicht lange bei Jimmy aufhalten (immerhin wird er Sie ja nach dem Tod Jeans bis zu seinem eigenen Ende im hohen Hundealter von 16 Jahren begleiten). Und die kleine Anekdote, die ich mir noch gestatten will, ist in der Tat von köstlicher Art. Sie schreiben:
"Einer seiner vielen einnehmenden Züge war, dass jede potenzielle Verletzung seines angestammten Territoriums ihn umgehend in Alarmbereitschaft versetzte. Es musst nicht einmal ein sichtbarer menschlicher Eindringling sein. Wenn Briefe durch den Türschlitz kamen, fing er sie mitten im Fall ab und unterwarf sie sich durch Zerbeißen. Mehrfach perforierte Gasrechnungen waren für Jean eine normale Erscheinung. Und nachdem er die Post gebissen hatte - viel besser, als den realen Postboten zu beißen -, trampelte er auf den Briefen herum, bis sie reglos dalagen und keinerlei Lebenszeichen mehr von sich gaben. Dann verzog Jimmy sich für eine Weile hochzufrieden in sein Körbchen." (S.118)
All dies erinnert mich natürlich an unsere Biene, und ich fühle mich Julian Barnes nicht nur aufgrund des Alters sehr verbunden. In der Folge ein kleiner Einschub, der zeigen soll, wie sehr Hunde auch Gefährten sind - entnommen aus meinen Aufzeichnungen:
(Karl Otto Hondrichs Charly erinnert in seinen jägerhaften Eskapaden im Übrigen weit mehr an Christa Krawitzens Vasco (den Rudi häufiger in Betreuung hatte) als an Biene, der als Border-Collie-Hündin das Hüten im Blut lag).
Beginnen wir da, wo Karl Otto Hondrich endet in seiner Hommage an Charly:
„Während unsere Kinder älter werdend in Beziehung zu uns immer jünger bleiben, werden unsere Tiere älter werdend in Beziehung zu uns immer älter, immer häufiger muss ich besonders am Hang auf Charly warten, immer länger hat er zu schnüffeln, es scheint mir wie ein Vorwand, um sich auszuruhen. Du warst mal jünger als ich, sage ich zu ihm, jetzt bist du älter als ich, aber zwischen uns hat sich nichts geändert.“
Karl Otto Hondrich ist 2007 gestorben, ganz sicher zu früh, aber ganz sicher nach seinem Hund Charly. 1997, in einem Beitrag für den Merkur (Heft 580, auch in: Ders.: Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft, Frankfurt 2004, S. 136-148) feiert er die Beziehung zu seinem Hund. Entzückt und verärgert, enttäuscht und voller Stolz und Angst zugleich entsinnt sich Hondrich, wie ihn Charly „zum ersten Mal in großem Stil überlistet hat“: Er und Charly waren im „Weinberg“ gewesen und Charly hatte nicht zu schlecht aus der Küche bekommen. Auf dem Heimweg war er auf einmal verschwunden. Hondrich rief nach hinten und nach vorn, doch Charly blieb verschwunden. So machte er sich denn auf, zurück zum „Weinberg“ und fand seinen Charly vor der Küche:
„Natürlich gab es zärtliches Geschimpfe, erleichtertes Gelächter, Lob der Schlauheit, gesenkten Schwanz, den ganzen Heimweg musste der gemaßregelte Charly neben mir bei Fuß laufen, fast den ganzen Heimweg lang, er musste sich, dass er ein ungezogener Hund sei, anhören, er musste sich, dass er mich blamiere, anhören, er musste sich anhören, er sei ein listiges Vieh, er musste sich, er solle nicht glauben, das ich jedes Mal hinter ihm hersuche, anhören.“
Aber – so fragt Karl Otto Hondrich – was wäre gewesen, hätte er nicht hinter ihm hergesucht? „Unsere Beziehung hätte aufgehört. Wer von uns beiden kümmert sich eigentlich darum, dass unsere Beziehung nicht aufhört?“ Hondrich verlässt sich darauf, dass Charly ihn nicht verlässt, und Charly verlässt sich wohl darauf, dass ihn sein Herr nicht verlässt:
„Setzt er unsere Beziehung aufs Spiel, weil er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann oder weil es ihm egal ist oder weil er gar nichts weiß?“
Ja, ja, Martin Heidegger verachtet Nietzsche und Rilke, weil sie die „Weltarmut“ der Tiere übertünchen mit ihrer Vermenschlichung der Kreatur. Wir weltbildenden Menschen machen eben auch Tiere zu unseren Gefährten.
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