Ricarda Messner: Wo der Name wohnt II - hier Teil I
Eine Ermunterung für meine Nichte Kathrin
Hausnummer 36 und 37, hier in Berlin hat die Familie jahrelang gelebt. Hier ist sie vor fünf Jahrzehnten aus Riga angekommen. Hier treffen Alltag und Erinnerungen aufeinander. Und hier hat die einzige Tochter den Wunsch, den Familiennamen zu bewahren – und die Geschichten, die mit ihm verbunden sind.
So ist es zu lesen auf der Rückseite des Umschlags zu Ricarda Messners (Jahrgang 1989) Buch Wo der Name wohnt (Suhrkamp, Berlin 2025). Drei Frauen bilden das generative Gerüst, dem der Erzählstrang dieses 166 Seiten umfassenden Büchleins folgt. Großmutter und die Mutter traktiert die Enkelin bzw. die Tochter mit ihren Fragen. Die Mutter kommt dabei nicht gut weg:
„Stelle ich meiner Mutter solche Fragen, kann sie mir nicht weiterhelfen, wundert sich. An die von mir gewünschten Details kann sie sich nicht erinnern, auf solche Dinge hat sie nicht geachtet, und überhaupt erinnert sie die Vergangenheit schlecht.“ (Seite 24)
Gleichwohl erinnert Ricarda Messner andere Tage, die sie zwar nicht verstehe, über die sie sich aber freue:
„Da will Mutter von alleine zurück, schenkt mir phantastische Geschichten, schickt Fotos, erzählt die Geschichten hinter den Fotos.“
Warum komme ich mir weniger skurill vor, wenn ich das lese und soeben dem SPIEGEL für’s Familienalbum ein Foto angeboten habe und gleichzeitig die Geschichte dahinter andeute?
Wir müssen wissen, dass Ricardas Großeltern am 9. April 1971 als Staatenlose ihr Früher verlassen haben. Ihr Früher war Lettland unter sowjetischer Herrschaft. Und sie hat einschließlich ihrer Urgroßeltern vier Generationen im Blick:
„Je länger ich bleibe, desto weniger zähle ich das eigene Alter. Gestern war ich fünf, und heute bin ich noch immer das Kind, will aus diesen Kinderaugen heraus erzählen. Was nach mir kommt, weiß ich nicht. Die einzige Tochter einer einzigen Tochter. Gestern war ich fünf. Morgen bin ich fünfzig.“
Ich gebe zu, dass mich Ricarda Messners Haltung beeindruckt, ihre Neugierde, ihre Beharrlichkeit!
Ist man doppelt so alt wie Ricarda Messner, ergeben sich andere Konstellationen. Wie alt ich irgendwann morgen sein werde – wie alt ich überhaupt werde –, weiß ich nicht. Aber ich bin schon fast 74 Jahre alt geworden. Vor 23 Jahren war ich fünfzig und vor 36 Jahren war ich 37. Mit meinen Kinderaugen erzähle ich über ein Weihnachtsfest Ende der fünfziger Jahre; das ist 65 Jahre her. Und in eine solch prekäre Situation wie Ricarda werde ich nicht mehr geraten können – jedenfalls nicht in der Weise, wie sie ihr widerfährt:
„Die vielen Jahre Leben sortiert sie – die Mutter Ricardas – in ihrem Wohnzimmerschrank ein, im untersten Fach zum Ausziehen. Die Kalender müssen weit über zwanzig Jahre zurückreichen. Denke ich daran, wie ich mich eines Tages sehr wahrscheinlich über dieses Ausziehfach beugen muss, wenn sie nicht mehr ist, wird mir schlecht. Ich will sie zuvor fragen, ob sie möchte, dass ich in ihren Kalendern lesen werde. Sie soll für mich entscheiden.“(Seite 50)
Meine Großeltern und meine Eltern haben keine Aufzeichnungen hinterlassen. Sie mussten für mich nichts entscheiden. Ich muss entscheiden, ob meine Kinder und Kindeskinder – die gibt es für mich im Gegensatz für die (noch) kinderlose Ricarda Messner – all meine Aufzeichnungen, all meine Tagebücher und Phantastereien irgendwann vorfinden. Und ich weiß, dass man darin tage-, wochen-, monate-, ja vielleicht jahrelang verschwinden kann. Es geht um die Frage, verschwinden wir selbst spurlos oder geben wir unseren Kindern und Kindeskindern – unserer Nachwelt – die Chance, etwas darüber zu erfahren, wo sie herkommen – nach dem Motto Odo Marquards: Zukunft braucht Herkunft.
Aber in einer Hinsicht kann ich Ricarda Messner folgen, wenn nach dem Tod ihrer Großmutter folgende Frage auf ihr lastet:
„Nach Großmutters Tod wurde das Archiv um amtliche Dokumente, Unterlagen, Zeugnisse, Übersetzungen erweitert. Seit Jahren bediene ich mich dort an der Sprache der Verwaltung, verwalte selbst, versuche zu ordnen und werde in vielen Momenten von der Frage eingeholt, mit und nach welchem Recht?“ (Seite 80)
Wir geraten unversehens in jenen undurchdringlichen Fragewust, der sich in dem Maße intensiviert, wie wir uns den eigenen familialen Wurzeln nähern. Es mag uns phasenweise bedrücken und erschüttern, wenn wir – wie im Falle von Ricarda Messner – gewärtigen müssen, dass die abgedunkelten Seiten der Familiengeschichte gewissermaßen exhumiert werden; aus den Massengräbern steigen. Aber wir sind es gewohnt als belesene und gebildete Voyeure - als gnadenlose Beobachter - das Leid ebenso wie die faszinierenden und beglückenden Seiten menschlichen Daseins zu konsumieren.
Ricarda Messner muss ganz auf sich gestellt, aus eigener beharrlicher Motivation herausfinden, warum der Großvater nach Deutschland wollte – „in Deutschland liegt die bessere Zukunft“. Und sie stößt dabei auf den Urgroßvater, der schon vor über hundert Jahren – 1921 – nach Berlin kam und ein Haus kaufte. Immerhin erzählt die Großmutter, wie sie selber zum ersten Mal von diesem Haus gehört hatte; dem Haus, das Zalmann (Salomon) Levitanus käuflich erworben hatte. In den Gedärmen der Archive – in diesem Falle des Bundesarchivs – findet Ricarda Messner die Akte zum Haus mit 57 Dokumenten.
„Nicht mehr als fünfundzwanzig Minuten liegen zwischen Salomons altem Haus und meiner Wohnung.“
Der Urgroßvater ist Schneider – nicht irgendein Schneider.
„Er schrieb auch Lehrbücher, teilte sein Wissen, steckte es nicht in die eigene Tasche und veröffentlichte selbstgeschriebene Anleitungen von Schnittmustern, mehrsprachig: Für Herren, Damen, Kinder und religiöse Kleidung, für jeden Körperbau und jede Größe, vom Kind bis zum dicken Mann – Die Methode des Schnitts (128 Seiten), Riga 1907.“
Mit Bedauern stellt Ricarda Messner fest:
„Ich glaube, Salomon hat mich nicht besucht, hat mir nichts von seinen Schnitte und Nähten abgegeben, und heute geht mir auch diese Sprache verloren.“ (Seite 99)
Aber da ist Ricarda schon älter – ihrer Mutter und ihren Großeltern schon über den Kopf gewachsen. Sie fängt an heimlich die Zigaretten ihrer Mutter zu rauchen. Darüber haben sie nie gesprochen: „Mutter hat ziemlich viel geraucht, bis sie eines Tages einfach aufhörte […] Trotzdem trauerte ich still um ihr ungesundes Verhalten, fand sie rauchend besonders schön, vielleicht am schönsten.“ (Seite 105)
Aber kann man sich in Ricarda Messners Buch von solchen kleinen Geschichten und Geschichtchen ablenken lassen? In einem Buch, in dem man auf Seite 110 unter den Nummern 6 und 7 folgendes zu lesen bekommt:
„Eines Tages (es muss Herbst 1941 gewesen sein) wurde unsere Zelle von Polizisten aufgesucht, angeführt von Laipenieks, der befahl, eine namentliche Nennung eines jeden Insassen durchzuführen. Als Herr Levitanus an der Reihe war, hörte Laipenieks mit der Befragung auf und begann zu schreien, dass der Herr Salman Levitanus der Vater zweier Söhne sei, die den lettischen Sportlern großen Schaden zugefügt hätten. Laipenieks war vor dem Krieg selbst ein bekannter Sportler. Danach begann er den Gefangenen Levitanus mit dem Prügel zu schlagen. Dieser Exekution schlossen sich weitere Politzisten an, und nach einer gewissen Zeit brachte man den leblosen Körper von Salman Levitanus hinaus.“ (Seite 110)
Ricarda Messner war fünfzehn Jahre alt, als ihre Großmutter bei einem Besuch ihrer Tochter, also ihrer Mutter, einen ihrer weißen Ordner überreichte mit den Worten: „Hier ist Mischa“. Mischa, ein Bruder ihres Mannes war vor kurzem gestorben. Er war als Erster nach Deutschland gekommen und musste beweisen, wer die Erben jenes Hauses waren, dass der Urgroßvater 1921 in Berlin käuflich erworben hatte. Der Ordner enthielt all jene Dokumente, die die Geschichte der Familie großväterlicherseits belegen. In den nächsten Jahren geht Ricarda immer wieder zum Wohnzimmerschrank ihrer Mutter, um diese Dokumente zu lesen: „Meistens dann, wenn ich allein war und meine Mutter nicht bei jedem Geräusch fragte, was suchst du da. Sie findet teils Dokumente in russischer Sprache mit Übersetzungen ihrer Mutter. Sie beginnt sich in eigenen Übersetzungen zu üben.
So erfährt sie, dass Häftlinge, die zum Grabschaufeln abkommandiert waren, jenen leblosen Körper, den sie als den von Salman Levitanus erkennen, bestatten müssen. Es handelt sich bei den Dokumenten um die Zeugenaussagen von Ber Meister, Galina Raicin und Max Tukacier.
Ricarda Messner dreht nun die übliche Konstellation um und schreibt:
„Mischa hatte mich den Toten vorgestellt. Unter L wie Levitanus waren die Todeserklärungen einsortiert. Die Zeugenaussagen, die Worte anderer Augen, was sie gesehen hatten an den Tagen, als Salomon, Rosa, Taube und Alexander in Lettland ermordet wurden […] Ber Meister, Galina Raicin, Max Tukacier. Ich sage immer wieder ihre Namen auf, die Namen der Augen, die Worte für diese Taten gefunden haben, empfinde ein seltsames Gefühl der Dankbarkeit für diese genauen Bilder, verzweifle an diesen genauen Bildern.“ (Seite 109 bzw. 115)
So entgehen wir im Zuge der Erzählung Ricarda Messners, von der Lena Gorelik auf der Rückseite des Buchumschlags meint: „Wie viel Zärtlichkeit passt in eine Erzählung?“ keineswegs historischen Wahrheiten, die in die Geschichte mit dem Begriff des Rigaer Blutsonntags eingegangen sind. Ricarda Messner bekennt:
„Ich erfuhr von den blutigen Tagen des Rigaer Ghettos […] lernte, dass im Ghetto Platz gemacht werden musste für deportierte Jüdinnen und Juden aus Deutschland, auf Befehl von Heinrich Himmler, Reichsführer SS, ausgeführt von SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln, so dass die lettischen Jüdinnen und Juden, deren Blut sich auf den Straßen sammelte, deren Essen noch auf den Tischen lag, die Hölle für die Jüdinnen und Juden aus Deutschland nach Ankunft der Transporte ankündigten, lernte dass im rund zehn Kilometer entfernten Rumbula-Wald die Gruben vorbereitet worden waren, sechs Massengräber für insgesamt 25000 bis 28000 Menschen, zehn mal zehn Meter groß und zweieinhalb bis drei Meter tief.“
Natürlich möchte ich die Leser dieser Zeilen dazu anregen, Ricarda Messners Buch zu lesen. Es gelingt ihr einen durchaus ungewöhnlichen Alltag zu schildern, der es Großmutter, Tochter und Enkelin immer wieder erlaubt auf engstem Raum Nähe zu erleben und auszuhalten. Dabei gelingt es ihr diesen Alltag letztlich zunehmend in einen Kontext zu rücken, der die Verhältnisse zurechtrückt, der historische Dimensionen von Schuld und Sühne offenlegt.
Abschließen möchte ich die Würdigung Ricarda Messners und ihrer Erzählung mit einer kleinen Passage, die uns mit unseren Enkelkindern zu einer lieben Gewohnheit geworden ist:
„Großmutter gab mir ihre kleine schwarze Tasche, stellte die Friedhofstasche mit Harke, Lappen, Wasserflasche auf den Boden. Die Blumen wurden zuerst gewechselt, war es eine heiße Woche gewesen, gab sie mir die Vase mit der vertrockneten Blume, wenn es viel geregnet hatte, war sie der Meinung, dass man ab und zu nichts wechseln müsse, die Blumen konnten noch für eine Woche stehen bleiben. Die vertrocknete Blume brachte ich zum nächsten Komposthaufen, füllte die grüne Plastikvase mit Wasser auf, lief zu Großmutter und Großvater zurück, sie stellte die neuen Blumen hinein, meistens eine rosa Rose. Wenn es schon kühler war und das Wasser nicht mehr aus dem Hahn floss, kaufte Großmutter ein Pflanzengesteck, das auf den Stein gelegt werden konnte, dort, wo IN LIEBE DEINE FAMILIE eingraviert war.“ (Seite 128)
