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Cynthia Fleury: Hier liegt Bitterkeit begraben

Wer in stw (Suhrkamp-taschenbuch-wissenschaft) publizieren darf, gehörte früher zum Wissenschaftsadel. Cynthia Fleury, geboren 1974, ist Philosophin und Psychoanalytikerin. Sie ist Professorin für Geisteswissenschaften und Gesundheit am Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris und Professorin für Philosophie am Hospital Sainte Anne der GHU Paris für Psychiatrie und Neurowissenschaften. Fleury ist Mitglied der französischen Nationalen Beratungskommission für Ethikfragen - wenn das keine Referenzen sind!

Biografisch, systematisch, systemisch und in historischen Dimensionen gehören Kränkungen wohl zu den intensivsten und nachhaltigsten Antreibern privater wie öffentlicher Konflikte. Aus Kränkungen resultieren die unterschiedlichsten affektlogischen und individuellen Antworten. Sie führen zu unkontrollierten, jedes Recht ignorierenden Aggressionen, wie im Falle des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine - mit einem pathologischen Aggressor in der Gestalt Wladimir Putins. Sie können aber unter Umständen auch zu etwas mutieren, das Cynthia Fleury zu der Feststellung führt: Hier liegt Bitterkeit begraben (Über Ressentiments und ihre Heilung - Suhrkamp, Berlin 2023). Gleichwohl setzt sie auf Seite 9 ihrer Analyse eine Prämisse:

"Hier gibt es eine Entscheidung, eine Parteinahme, ein Axiom. Dieses unantastbare Prinzip, diese regulative Idee lautet: Dern Mensch kann, das Subjekt kann, der Patient kann. Dabei handelt es sich weder um einen frommen Wunsch noch um eine optimistische Sicht des Menschen. Es handelt sich um eine moralische und intellektuelle Wahl in dem Sinne, dass darauf gesetzt wird, dass der Mensch handlungsfähig ist. [...] Niemand wäscht sich von seiner Verantwortung rein. [...] Die Bekämpfung des Ressentiments lehrt die Notwendigkeit der Toleranz gegenüber Ungewissheit und Ungerechtigkeit. Am Ende dieser Auseinandersetzung steht das Prinzip der Selbsterweiterung."

Die folgenden Ausführungen sind deshalb einerseits brisant und andererseits ernüchternd, weil Cynthia Fleury sich zur Preisgabe von Beobachtungen entschließt, die als Fremdbild abertausendfach validiert werden können, die aber als selbstbildfähige Spiegelung einer so radikalen Selbstentblößung gleichkämen, sodass das strukturell in seiner Bitterkeit gefangene Subjekt, der Mensch, der Patient genau an dieser Nahtstelle dicht macht, sich gewissermaßen im Sinne einer Einkrümmung in sich selbst abschottet von allem, was zu einer Verhaltensänderung führen könnte. Cynthia Fleury bezieht sich auf Max Scheler und übernimmt von ihm das deutsche Wort Groll:

"Groll, das ist die Tatsache, gram sein zu wollen; und man sieht, wie dieses Gramsein den Platz des Willens einnimmt, wie eine negative Energie an die Stelle der positiven Lebensenergie tritt, wie diese Verfälschung des Willens, dieser Verlust des Willens zu, wie dieses schlechte Objekt den Willen einer guten Richtung beraubt, wie es das Subjekt beraubt. Man muss defokussieren. Aber mit dem fortschreitenden Ressentiment wird die Unbestimmtheit größer und die Defokussierung schwieriger. Alles ist kontaminiert. Der Blick fällt auf das, was ihn umgibt, er schweift nicht mehr umher. Alles ist ein Bumerang, um das Ressentiment anzufachen, alles ist ein schlechtes Zeichen; ein Zeichen, das nicht da ist, um auszubrechen, sondern um im Wiedererleben gefangen zu bleiben. Das Subjekt >nährt in seinem Blute<; es verliert seine Agilität, die für die Möglichkeit der Bewegung so notwendig ist, sei sie körperlich oder geistig. Zu voll, zu eingezwängt, befindet sich das Subjekt an der Grenze zur Übelkeit, und sein sukzessives Erbrechen, seine Schreie werden nichts dagegen ausrichten; sie werden es nur für eine sehr kurze Zeit beruhigen. Nietzsche sprach von Vergiftung, Scheler von >Selbstvergiftung<, um die schädlichen Wirkungen des Ressentiments zu beschreiben. Diese hat >gewisse dauernde Einstellungen auf bestimmte Arten von Werttäuschungen und diesen entsprechenden Werturteilen< zur Folge. Die Wirkung des Ressentiments greift somit den Sinn des Urteils an. Letzteres ist verdorben, von innen zerfressen, verrottet. Daher wird es schwierig, ein klares Urteil zu fällen, obwohl dies der Weg zur Erlösung ist. Es geht darum, das Echo, die Aura des Ressentiments zu identifizieren, auch wenn dieser Begriff zu würdig ist, um das zu bezeichnen, was sich hier abspielt, nämlich eher eine Ausstrahlung, eine sklavische Kontamination, die mit der Zeit Rechtfertigungen finden wird, die diesen namen verdienen. Die Urteilskraft dient so der Aufrechterhaltung des Ressentiments und nicht seiner Dekonstruktion. Das ist das Verfahrene an diesem Phänomen, welches das mögliche Instrument der Befreiung - die Urteilskraft - als Instrument zur Aufrechterhaltung der Knechtschaft und Entfremdung gebraucht. Denn es besteht durchaus eine Knechtschaft gegenüber dem Todestrieb. Die >Sklaven-Moral< kommt bereits hier zum Tragen, in der Tatsache, sich dem wiederholten Durch- und Nachleben zu unterwerfen." (S.21f. - Hervorhebungen FJWR)

Das Verfahrene, so müsste man Cynthia Fleury ergänzen, liegt wohl gleichermaßen in der Tatsache begründet, dass hier Welt- und Subjektbeobachtung erfolgt aus unterschiedlichen, gegensätzlichen, füreinander nicht erreichbaren Galaxien. Selbstverständlich ist es uns ein Leichtes, Wladimir Putin von einer Galaxie des Völkerrechts aus zu erkennen als Kriegsverbrecher, als jemand der nach Innen und nach Außen jene Nazi-affinen, auf Carl Schmitt zurückgehenden Unterscheidungen von Freund und Feind nicht nur analytisch in Erwägung zieht, sondern sich Tag für Tag als Mörder erweist, der auf wehrlose Menschen schießen lässt - Tag und Nacht. Die Urteilskraft, die Putin für sich beansprucht, folgt genau dieser Logik und bezieht ihre Rechtfertigung aus kruden, vollkommen anachronistischen, imperialistischen Großmachtsphantasien.

Es sind freilich nicht nur internationale Konflikte auf einer Makroebene, die durch Cynthia Fleurys Arbeit in den Blick geraten. Wir kennen vergleichbare Phänomene auch auf der Mikroebene belastender Familiendynamiken, in denen sich Akteure in ihren Ressentiments verkapseln und das Leid, das sie damit fortgesetzt auf sich und ihre Familie(n) nehmen, eher bereit sind in Kauf zu nehmen, als das, was Fleury im Sinne eines klaren Urteils zugleich begreift als Weg der Erlösung. Vor allem bei Trennungsprozessen, von denen auch Kinder betroffen sind, bietet sich die von Fleury angedeutete (Er-)Lösung, wenn die Protagonisten ihre Wut, ihren Groll als etwas begreifen, das ihnen im Wege steht - im Wege ihrer eigenen Interessen und der Interessen ihrer Kinder.

Die folgende Anregung geht auf Bert Hellinger zurück, der vielfach beschrieben hat, dass bei einer Trennung die Wut und der Groll häufig Ersatz für den Schmerz und die Trauer seien. Die Lösung sei dann, dass sich beide ihrer Trauer überlassen, dem ganz tiefen Schmerz, der Trauer darüber, dass es vorbei ist. Diese Trauer dauere nicht sehr lange, gehe aber sehr tief und tue sehr weh. Oft fehle, wenn zwei nicht voneinander lassen können, das Nehmen. Dann muß der eine dem anderen sagen:

 >Ich nehme, was du mir geschenkt hast. Es war eine Menge, und ich werde es in Ehren halten und mitnehmen. Was ich dir gegeben habe, hab ich dir gern gegeben, und du darfst es behalten. Für das, was zwischen uns schief gelaufen ist, übernehme ich meinen Teil der Verantwortung und lasse dir deinen, und jetzt lass ich dich in Frieden.<

Dann können beide auseinandergehen.

 

 

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund
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