Götz Aly: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945
Götz Aly begleitet mich schon lange!
Er schreibt in seiner 2025 veröffentlichten Studie auf Seite 635:
"Alles in allem hatten sich in den ersten 20 Nachkriegsjahren die mehr oder weniger aktiven Anhänger des Nationalsozialismus und die nicht parteigebundenen, jedoch von ihrem militärischen Auftrag überzeugten ehemaligen Wehrmachtssoldaten sowie die begeisterten HJ-Jungen und BDM-Mädels Stück für Stück zu Stützen der parlamentarisch verfassten alten Bundesrepublik gewandelt. [...] Auch Kinder und Jugendliche mussten einen gewissen, freilich weniger schwierigen Prozess der Selbstläuterung durchlaufen. Mein Doktorvater Wolf-Dieter Narr (1937-2019) verabschiedete sich als Achtjähriger nur zögernd von seinen kindlichen Wunschbildern. In einem seiner letzten Texte beschrieb er unter der Zwischenüberschrift >Ich Nazijunge<, wie er als Sieben- und Achtjähriger dachte und hoffte: >Die NAPOLA, eine nationalsozialsozialistische Trimm-Anstalt für Jungen, in der angeblich Sport und Intelligenz zählten, zog meine Hoffnung auf sich. 'Wehrbauer im Schwarzerdegebiet' war mein Berufswunsch'. So deutschexpansiv, vorweg eingenommen, nannte man seinerzeit die Ukraine.< (NAPOLA hießen die als Internate geführten nationalpolitischen Lehranstalten, in denen die künftige Führungselite herangezüchtet werden sollte.)
Mein Freund Klaus Dörner (1933-2023), im Berufsleben engagierter Reformer des deutschen Psychiatriebetriebs, Demokrat und im Nebenamt Historiker, hat mir einmal erzählt, wie er 1946 das Ende des Nürnberger Hautkriegsverbrecherprozesses als knapp Dreizehnjähriger erlebt hat: >Als die Nazigrößen dann zum Galgen geführt wurfden, habe ich geweint. Ja, das war so, ich kann es nicht anders sagen - da starben die Helden meiner Kindheit.<"
Wolf-Dieter Narr war als Politikwissenschaftler einer jener Referen-Autoren in den 70er Jahren, die uns Argumente lieferten gegen revanchistische Strömunge im konservativen Lager, das sich nach wie vor gegen Gewaltverzicht und eine Anerkennung der Grenzen im Sinne der Oder-Neiße-Linie positionierte. Klaus Dörner ist mir bis heute einer der wichtigsten Referenz-Autoren, wenn wir darüber nachdenken, was es bedeutet, zu leben und zu sterben, wo wir hingehören!
Mit der Frage, wie die NS-Führung "neue Formen des organisierten, staatlich-parteilich betreuten Pluralismus schuf", werde ich Götz Alys neuerlichen Versuch die Frage zu zu beantworten, Wie das geschehen konnte, weiter verfolgen.
Die Frage aller deutschen Fragen - Einleitung
Götz Aly wagt die These, dass trotz stetig zunehmender Publikationen zur NS-Zeit die zentrale Frage aller deutscher Fragen >Wie konnte das geschehen< in Vergessenheit geraten ist. Er erzählt, auf das Thema habe ihn vor bald 30 Jahren seine jüngste Tochter gebracht. Sie sei damals 16 Jahre alt gewesen und habe von sich aus gefragt, ob er nicht gemeinsam mit ihr die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen besuchen wolle:
"Das taten wir. Gegen Ende meinte sie: >Sag' mal, und bei all dem war Opa irgendwie dabei?< Ich antwortete : >Ja, irgendwie auch.< Dieser Opa, Ernst Aly (1912-2007), kann guten Gewissens als unbedeutender Mitläufer gelten. Er hatte es mit mir nicht leicht, wurde aber im späteren Alter relativ gesprächig. Hin und wieder erzähle ich auf den folgenden Seiten auch von ihm, nicht um mich von meinem Vater zu distanzieren, sondern um an einigen Stellen zu zeigen, wie sich das Große im Kleinen spiegelte." (S. 11f.)
In den letzten Jahrzehnten - im Zuge der uns möglichen Recherche zur Biografie und zur dienstlichen Verwendung des Panzersoldaten Franz Streit (Angehöriger des Panzerregiments 33 - der 9. Panzerdivision zugehörig) - Vater meiner Schwester - hatte ich immer die Hoffnung, dass es in gemeinsamer Anstrengung möglich sein könnte, ein Stück des Weges zu gehen, den Götz Aly mit seinen Publikationen beispielhaft vorgibt. Es geht und wird immer um die Frage gehen - wie Götz Aly zu Recht betont -, wie konnte das geschehen. Ein eindrückliches Beispiel liefert Moritz Pfeiffer: Mein Großvater im Krieg - Erinnerungen und Fakten im Vergleich, 4. Aufl., Bremen 2013.
Götz Aly zeigt in seinem Einleitungskapitel - vielleicht exemplarisch -, wie man sich mit seriösen Methoden dem "Ja- irgendwie auch" annähert.
in progress