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Ernst Fraenkel: Der Doppelstaat. Ein Beitrag zur Theorie der Diktatur
1974 im Oktober begann ich mein Studium an der seinerzeitigen Erziehungswissenschaftlichen Hochschule Rheinland-Pfalz, Abteilung Koblenz (heute: Uni Koblenz). Ich stieß sehr früh auf den Politikwissenschaftler Heino Kaack, der - vollkommen ungewöhnlich und überraschend für den Standort - ein großes DfG-gefördertes Forschungsprojekt nach Koblenz holte: Parteiensystem und Legitimation des Politischen Systems - kurz PALEPS.
Mir persönlich gestattete die Mitarbeit in diesem, bis 1984 in die Forschungs-, Lehr- und Qualifizierungsstruktur der Hochschule integrierten Projekt eine - ich möchte behaupten - lebenslaufbestimmende Weichenstellung. Mir wurde ermöglicht nach dem Ersten Staatsexamen für das Lehramt ein Diplomstudium anzuschließen und schließlich als einer der ersten auf der Grundlage der vor allem von Heino Kaack betriebenen Implementierung einer Promotionsordnung auch zu promovieren (siehe hier und etwas lesbarer hier die in APuZ erschienene Zusammenfassung - zur Veröffentlichung der Dissertation in Langfassung). Aus dem Wahlpflichtfach Politikwissenschaft wurde auf diese Weise mein Hauptstudienschwerpunkt - neben Soziologie und Pädagogik. Heino Kaack verkörperte als FDP-Mitglied in der FDP Karl Hermann Flachs, Ralf Dahrendorfs, Burkhard Hirschs. Gerhart Baums, Hildegard Hamm-Brüchers die linksliberale Tradition: Die liberale Reform des Kapitalismus erstrebt die Aufhebung der Ungleichgewichte [...] und der Ballung wirtschaftlicher Macht, die aus der Akkumulation von Geld und Besitz und der Konzentration des Eigentums an den Produktionsmitteln in wenigen Händen folgen (aus dem 1971 vorgelegten Freiburger Programm). Kaum zu glauben, aber wahr. Für mich, der ich mich 1977 als Pressereferent des Allgemeinen Studentenausschusses mit vielen anderen infolge unseres Widerstands gegen ein nicht aktzeptables Hochschulrahmengesetz vor dem Landgericht Koblenz des Landfriedensbruchs und der Nötigung angeklagt sah - und insofern nicht einmal die Zustimmung des Innenministeriums zu einer Beschäftigung als studentische Hilfskraft bekam, stellte Heino Kaack durch seine engagierte Parteinahme, mit der er meine Einstellung betrieb und schließlich auch durchsetzte, unter Beweis, dass man eine obrigkeitshörige Verwaltung in einer rechtsstaatlich verfassten Demokratie in ihre Schranken zu weisen vermag. Das Verfahren vor dem Landgericht wurde im Übgrigen 1978 eingestellt!
In der bundesrepublikanischen repräsentativen Demokratie gehören die politischen Parteien zu den gesellschaftlich relevanten Kräften, die sozusagen als Transmissionsriemen unterschiedliche Interessen in das Politiksystem einbringen. Über den weiter oben erwähnten Projektkontext war eine Begegnung mit Ernst Fraenkels (1898-1975) Pluralismustheorie unausweichlich. Sie hatte Tiefen- und Langzeitwirkung. Ernst Fraenkel beschreibt dabei die Demokratie als einen Wettbewerb zwischen verschiedenen organisierten gesellschaftlichen Interessen. Dieser Wettbewerb wird bzw. muss seiner Auffassung nach über unverhandelbare Spielregeln und Werte zusammengehalten werden. Das Gemeinwohl wird nicht als etwas Vorgegebenes verstanden, sondern als Ergebnis dieses kompromisshaften Aushandlungsprozesses, bei dem sich die unterschiedlichen Gruppen in einem kontroversen Prozess auseinandersetzen. Ich erinnere mich an die Idee eines Kräfteparallelogramms, dessen Resultante sozusagen den Kompromiss verkörperte, der am Ende von Aushandlungsprozessen stand. Der nicht-kontroverse Sektor umfasst die grundlegenden Spielregeln und eine Verfassung, die für alle verbindlich sind und den Rahmen für den Wettbewerb bilden. Das mag heute naiv klingen, beschreibt aber immer noch den Kern eines demokratischen Selbstverständnisses, das auf Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung basiert und sich selbstverständlich gegen jede autoritär ausgerichtete Unterminierung wenden muss.
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Karl Ove Knausgard - Vom Lesen und Schreiben
Na klar, es lohnt sich einmal wieder ZEIT-Abonnent zu sein: Literatur – 10 Seiten Bücher – Ein Spezial zu Weihnachten (früh genug, dass auch die Buchhandlungen noch etwas davon haben: ZEIT 49/25, Seite 56ff.)
Karl Ove Knausgard eröffnet: Rilke und ich – Der Dichter wurde vor 150 Jahren geboren, im nächsten Jahr ist sein 100. Todestag. Er hat mich mein Leben lang begleitet – und zum Schriftsteller gemacht
Die erste Spalte besteht aus von Knausgard ausgewählten Passagen und Sätzen aus dem Werk Rainer Maria Rilkes. Er kommentiert das mit dem Hinweis:
„Diese Zitate sind kleine Streiflichter in etwas unendlich viel Größerem, Rilkes Werk, und mein Problem ist, dass ich mich stets in seinem Inneren befunden habe wie in einem Wald und nie, kein einziges Mal, versucht habe, es von außen zu sehen, es zu analysieren, es festzuhalten.“
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Karl Otto Hondrich - ein Weiser aus dem Abendland
Wie beginnt man die Auseinandersetzung mit einem Text, von dem man die dumpfe Ahnung hat, dass er den eigenen Horizont auf eine Weise weitet, dass sich da noch einmal etwas Originelles, etwas Überraschendes ereignet? Karl Otto Hondrichs Aufsatz: Der genoptimierte Mensch – und sein soziales Erbe umfasst 15 überschaubare Seiten (in: Karl Otto Hondrich, Der Neue Mensch, Suhrkamp, Frankfurt 2001, Seite 163-178). Hondrich, geboren 1937 in Andernach, schreibt ja nicht mehr. Er kann in dieser Welt nicht mehr schreiben. Er ist im Alter von nicht einmal 70 Jahren 2007 gestorben. Beim Lesen des erwähnten Aufsatzes aus dem Jahre 2000 habe ich den Eindruck, dass die vergangenen 25 Jahre mit Blick auf die Genoptimierung uns noch einmal einen enormen Schub von Innovationen beobachten lassen:
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GEO Dezember 2025: Die letzten Tage - Ein gutes Ende: Sterben lernen: Was in unseren letzten Tagen das Leben leichter macht
Auch für Hilla
In einem Geo-Themenheft würde einen - angesichts der sich beschleunigenden Klimakrise - ein Titel wie: Die letzten Tage der Menschheit nicht überraschen. Der Themenschwerpunkt im Dezemberheft befasst sich hingegen mit dem individuellen Ende, dem niemand von uns entgehen wird. Die letzten Tage - Lebensende werden eingeleitet mit der Anmerkung:
"Die meisten von uns wollen es, den wenigsten gelingt es: dem Tod zu Hause begegnen, in vertrauter Umgebung. Fotografin Nora Klein zeigt, wie Menschen diesen letzten Weg erleben. GEO-Autorin Katharina von Ruschkowski ergründet, wie besseres Sterben gelingen kann. Und warum es höchste Zeit ist, darüber zu sprechen."
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Wir tragen einen großen Namen - Alice und Ellen Kessler
Nun ist sie also wieder da - die Diskussion um die Sterbehilfe - die Hilfe zum Sterben. Ausgelöst wird die öffentliche Debatte durch den Freitod der sogenannten Kessler-Zwillinge, die die Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. (DGHS) zum assistierten Suizid in Anspruch genommen haben. Rudi Krawitz verfügt über einen Wikipedia-Eintrag, trägt aber keinen großen Namen. Nach Antrag - ebenfalls bei der DGHS - am 1. September hat er ebenfalls den assistierten Suizid gewählt, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Rudi hat im Mitteilungsblatt der DGHS seine persönlichen Motive dargelegt. In einem zweiten Beitrag, der in der Ausgabe 1/26 des Mitteilungsblattes der DGHS erscheinen wird, legt er - anders offenkundig als die Kessler-Zwillinge - ein gewichtiges Plädoyer für die Möglichkeit des assistierten Suizids vor.
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