<<Zurück

 
 
 
 

Zwischen Einsicht und Larmoyanz

Karl Ove Knausgard - Lieben, 15. Aufl., München 2013 (Originalausgabe: Oslo 2009)

„Ertrug ich den schrillen, kranken Ton nicht, der überall in der Gesellschaft erklang, der von all diesen Pseudo-Menschen und Pseudo-Orten, Pseudo-Ereignissen und Pseudo-Konflikten ausging, durch die wir lebten, all das, was wir sahen, ohne daran teilzunehmen, sowie die Distanz, die das moderne Leben dadurch zu unserem eigenen, eigentlich unverzichtbaren Hier und Jetzt geschaffen hatte? Wenn es so war, wenn ich mich nach mehr Wirklichkeit, mehr Gegenwart sehnte, müsste ich dann nicht bejahen, was mich umgab? Und mich nicht ausgerechnet davon fortsehnen? Oder reagierte ich vielleicht auf das Vorgefertigte an den Tagen in dieser Welt, auf diesen Schienenstrang der täglichen Routine, dem wir folgten und der alles so vorhersehbar machte, dass wir in Volksbelustigungen investieren mussten, nur um einen Hauch von Intensität zu verspüren? Wenn ich zur Tür hinausging, wusste ich jedes Mal, was passieren, was ich tun würde. So war es im Kleinen, ich gehe zum Einkaufen in den Supermarkt, ich setze mich mit einer Zeitung ins Café, ich hole die Kleinen im Kindergarten ab, und so war es im Großen, vom ersten Einschleusen in die Gesellschaft, dem Kindergarten, bis zum abschließenden Ausschleusen, dem Altenheim […] Und Europa, das immer mehr zu einem einzigen großen und gleichförmigen Land zusammenwuchs. Das Gleiche, das Gleiche, alles war gleich. Oder ging es womöglich darum, dass das Licht, das die Welt erleuchtete und alles in ihr verständlich erscheinen ließ, ihr gleichzeitig jeglichen Sinn entzog? Lag es vielleicht an den verschwundenen Wäldern, an den ausgestorbenen Tierarten, an den alten Lebensweisen, die niemals zurückkehren würden?“ (S. 87ff)

Peter Sloterdijk - Ekel als politische Evaluationskategorie?

Kleine Kostprobe vorweg - Peter Sloterdijk am 5. April 2015: "Im Ernst gefragt: Wer würde heute gern ein Teil Rußlands werden? Worin besteht der kulturelle Charme des dubiosen Landes? Was könnte Nicht-Russen zu einem russischen modus vivendi hinziehen? Die Antwort ist eindeutig: Rußland ist als Magnetpol für kleinere despotische Systeme und Länder auf autokratischen Abwegen attraktiv – fast alles übrige an seiner Erscheinung erregt Abwehr und zivilisatorischen Ekel. Der ideologiebasierte Komplottstaat >Sowjetunion< hat sich nach einer labilen Übergangsphase in den postsowjetischen Komplottstaat Russische Föderation verlängert. Als einzigen Attraktor hat sie Bündnisangebote für Staatsfiktionen mit analogen Komplottregierungen zu bieten. Wer wissen will, was Rußland ist und will, braucht nur die Nachrichten über die Bombardierung von Kliniken in Syrien durch die russische Luftwaffe zu konsultieren. Die Führung Rußlands hat nie aufgehört, sich als in einem Krieg befindlich zu denken – vor allem im Krieg mit der USA-geführten Nato, was zur Konsequenz hat, das zivilethische Kriterien außer Kraft gesetzt bleiben. Wer immer Krieg führt, kommt aus der moralischen Enthemmung nie heraus.“

Jean Améry: Über das Altern Revolte und Resignation

und das lebensbegleitende Damoklesschwert des mors certa - hora incerta, ergänzt durch aktuelle literarische Befassungen

Im Vorwort zur vierten Auflage seines Versuchs Über das Altern – Revolte und Resignation (Klett-Cotta, Stuttgart, erstmals 1968) wendet sich Jean Améry gegen die Kritik eines bei der Erstauflage schon recht betagten Herrn, der ihm ungefähr dies vorhielt: „Was könne denn, so meinte er, dieser >junge< Mensch von 55 Jahren, J.A., vom Altern und dem Alter verstehen? Was nehme er sich da heraus?“

Jean Améry meint 10 Jahre später – beim Wiederlesen des Textes, dass er dem frohgemuten Greis zu seinem eigenen tiefen Leidwesen unrecht geben müsse:

„Wenn ich etwas erfahren habe in den vergangenen zehn Jahren, dann führt es mich eher zur Akzentuierung des damals Gesagten als zur Einschränkung. Es war alles um eine Spur schlimmer als ich es voraussah: das physische Altern, das kulturelle, das täglich lastvoller verspürte Heranrücken des dunklen Gesellen, der an meiner Seite herläuft und mich dringlich anruft, wie den Valentin Reimunds mit dem unheimlich intimen Wort: Freunderl, komm ...“

Von einem närrischen Unternehmen

Auch für meinen Neffen, dessen Geburtstag unmittelbar vor uns liegt

Seit etwa zwei Monaten widme ich mich einer diskreten, kaum bemerkten Art, mich mit dem Vergehen der Zeit auseinanderzusetzen. Wir begreifen und erleben uns in einer streng habitualisierten Form des Zeitgeschehens: hinter uns Weihnachten, der Jahreswechsel, der dritte Geburtstag meiner ältesten und der Geburtstag meiner jüngsten Enkelin, vor uns der 62ste Geburtstag meines Neffen, mein eigener Geburtstag und der meiner Cousine (in Reich- und Sichtweite), der fünfte Geburtstag meines Enkels und die erneute Furcht vor einem Heißjahr – möglicherweise heißer als der vergangene Rekordjahr.

Nun stört mich der jung aus dem Leben geschiedene Jean Amery (1912-1978) auf, indem er sich auf den – Amery schreibt im Sommer 1968 (ja er markiert und schreibt sein Schreiben in die uns gewohnte Chronifizierung ein) – „in diesen Tagen (1968) schon uralten, vogelköpfigen Engländer“ bezieht und ein von ihm „aufgegebens, erheiterndes Paradoxon“ erneut in den Raum stellt (gemeint ist Bertrand Russell <1872-1970>):

Navid Kermani: Kapitel 17 - Die Geburt der Enkel

und ganz nebenbei: die Geburt der Großväter

Enkel scheinen eine Spezies aus eigenem Recht zu sein. So erfahre ich es in Navid Kermanis neuem Roman das alphabet bis S. Es ist Winter, Tag 17 in einem langen Jahr. Ich selbst stehe noch - mitten im Winter, der kein Winter ist - unter dem Eindruck der Dämmerung, in der der Erzähler (Michael Kleeberg) seinem Protagonisten Charly (Karlmann Renn) zuletzt attestiert, er sei halt "ein Produkt dieser Zeit gewesen, auf nie wirklich reflektierte, problematisierte Weise, sondern in existenzieller Harmonie mit ihr". Auf diese Weise gelingt ein Leben, dessen Widersprüche und Fragwürdigkeiten (bzw. deren Reflexion) dem Erzähler zur zeit- und individualgeschichtlichen Analyse vorbehalten sind. Navid Kermanis Protagonistin hingegen ist die Intellektuelle, die Zeitgeschichte und eigenes Scheitern minutiöser (Selbst-)Analyse unterzieht. Dabei werden mir Reflexionen geschenkt, die ich heute hier unter dem Titel Die Geburt der Enkel anmerke:

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund
Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.