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Einleitung zu "Hildes Geschichte"

Über den Link: "Alle Kapitel" gewinnt man einen Gesamtüberblick

Neben der erzählerischen Dimension ist mir wichtig, die Verstehensmöglichkeiten mit Blick auf "Hildes Geschichte" zu erweitern. Deshalb verweise ich einleitend auf wichtige Beiträge in diesem Blog, ohne die "Hildes Geschichte" zumindest die Hauptmotive des Erzählers verfehlen könnte: So weise ich zuerst hin auf eine erste Aufarbeitung der historischen Rahmenbedingungen, unter deren maßgeblicher Prägung die Geschehnisse sich ereignen. Ein zweiter Hinweis gilt einem fiktiven Gespräch mit Franz Streit, dem männlichen Hauptprotagonisten in "Hildes Geschichte". Begonnen habe ich inzwischen mit einer Aufarbeitung von Heinrich Gerlachs "Durchbruch bei Stalingrad" - ein einmaliges, von seiner Authentizität her singuläres Phänomen!

"Hildes Geschichte" (worum es dabei insgesamt geht, habe ich in zusammenfassednd einem Brief an Nico Hofmann formuliert) ist der erste Versuch, die eigene Familiengeschichte erzählerisch anzupacken - ein gescheiter, nein zweifellos ein gescheiterter Versuch! Dies war schon nicht mehr zu übersehen während der heißen Phase der Entstehung. Die Jahre 2012/13 erlebte ich selbst wie ein Vulkan, dessen Innendruck steigt. Dieser Druck ließ sich nicht in einem behutsamen Aderlass vermindern - in einem stetigen Fluss heißen Magmas. Ich erlebte die letzte Phase wie eine Eruption. So muss "Hildes Geschichte" auch eher als Torso erscheinen. Und der Drang nimmt unterdessen wieder zu, an diesem Torso zu arbeiten. Anders herum gesagt: All die Vorarbeiten, all die Recherchen verlangen nach einer Würdigung. Denn der Traum vom virtuosen Erzähler ist schon lange ausgeträumt. Viel zu nah sind mir die Protagonisten, so dass der erste unerfüllte Traum einem zweiten weicht. Darin nimmt der Abstand zu, und ich vermag etwas zu betrachten, dass nicht nur Familiengeschichte bedeutet, sondern die Geschichte einer Familie in einem wirkmächtigen geschichtlichen Kontext.

Zunächst möchte ich auf auf eine merkwürdige Erfahrung hinweisen, die den Sog des tausendjährigen Reiches umso deutlicher hervortreten lässt, je älter ich werde. Meine eigene Geburt geschah knapp sieben Jahre nach dem Ende des nationalsozialistischen Terrors, ohne dass damit auch nur eine Ahnung sich andeutete davon, mit welcher Intensität und mit welch langem Atem der auf 12 Jahre verdichtete Furor des Dritten Reiches uns bis ins 21. Jahrhundert begleiten würde. So mag es denn plausibel erscheinen, dass der Abgrund hinter mir seinen Sog in dem Maße steigern konnte, als niemand von uns ein wenig Licht in die Zusammenhänge eines Familiengeheimnisses zu tragen vermochte. "Hildes Geschichte" ist die Geschichte einer tragischen Liebe und einer (fast) lebenslangen Lüge. Die Aura einer guten Mutter und die Willfährigkeit derer, die sich dieser Aura aussetzten, bewahrten das Familiengeheimnis bis ins hohe Erwachsenenalter der Kinder und Enkel.

"Hildes Geschichte" als PDF herunterladen - dies ist jederzeit möglich. Ihr könnt diese Geschichte lesen, so wie man eine(n) Rosamunde-Pilcher-Geschichte/Film lesen oder ansehen kann - sogar mit ein wenig Happy-End. Aber all die Geschichten dahinter bleiben den meisten verborgen. Sie erhalten einen bitteren Beigeschmack, so wie hinter den Protagonisten von "Unsere Mütter - unsere Väter" eben etwas steht, wozu der Film nur die Bedingungen - die prägenden Umstände einer Sozialisation im nationalsozialistischen Deutschland - in Szene setzt. Die individuellen Dramen und die Tragiken einer in Familiensystemen zur Geltung kommenden Langzeitwirkung dieser Prägungen markieren traditionell die individuellen und familiären Tabuzonen. Von der Unfähigkeit zu Trauern bis hinein in die alltägliche Lebenslüge wirken diese Prägungen fort.

Meine Blitzlichter folgen der Luhmannschen Lebenslaufphilosophie, indem sie die Wendepunkte beleuchten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen. Der Mehrwert des nun neu aufgenommenen Projekts im Sinne von "Hildes Geschichte" bringt ein paar Scheinwerfer mehr in Position. Helligkeit und Transparenz sind deshalb nicht zu erwarten. Aber die Hoffnung auf ein paar Augenblicke - ein paar Wimpernschläge - im Chaos der Geschichte, mögen sich vielleicht erfüllen. Die Faszination für dieses Unterfangen entspringt nach wie vor aus der unerträglichen Spannung, die "Hildes Geschichte" zu einer großen Liebesgeschichte macht und gleichzeitig zum starting point einer Familiengeschichte, die diesen Funken auslöschen muss, einer Geschichte, die neue Funken schlagen muss und in der die besten Absichten und Motive immer auch unter dem Vorbehalt eines Familiengeheimnisses stehen.

Ich werde "Hildes Geschichte" in Kapitel gliedern und all meine Recherchen und Leseangebote zu den einzelnen Kapiteln über Links zugänglich machen. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass der Erzählfaden dieser Geschichte, die auch unsere Geschichte ist, noch nicht zu Ende gesponnen ist.

Ach ja - beim Durchlesen dieser Einleitung ist mir klar geworden, dass Gunthard Weber, einer meiner Lehrtherapeuten Ende der 90er Jahre in Heidelberg, spätestens hier angemerkt hätte, man solle doch aus Knallerbsen keine Granaten machen. Er hat natürlich insofern Recht, als dass sich in unserer Familiengeschichte - neben all den großen und kleinen Dramen - ein kraftvoller Strom des Lebens durchsetzt, der noch lange nicht zu Ende ist. Eine solche Perspektive erschließt sich in der Regel nicht ohne eine gute Portion Humor, der sich manchmal in einen Schuss (Selbst-)Ironie flüchtet. Angesichts der allzu frühen Brüche in vielen Lebensläufen muss man mit Luc Bondy aber auch sagen:

"Wie man von der Erde verschwindet, ist gesetzlos grausam, man versteht es nicht. Wozu rasch die Augen öffnen, um sie wieder zu schließen und womöglich gar nicht mehr zu wissen, dass man sie einmal offen hatte..."

Also lasst uns wenigstens die Augen öffnen, solange wir leben!

 

 

   

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