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Alex Schulman - VERBRENN ALL MEINE BRIEFE (Teil IV)

Siehe hier: Teil I, Teil II, Teil III

Nun ja, ich will nicht sagen, dass mich die Liebesgeschichte - die Affäre -, um die es hier geht, langweilt. Ich habe selbst Liebesgeschichten beobachtet und war selbst verstrickt in Liebesgeschichten. Und ja - ich habe die 70 im Februar überschritten, bewege mich in einem ruhigen Fahrwasser. Alex Schulman (AS) schreibt auf Seite 117 seiner Aufzeichnungen über seine Großmutter: "Noch nie hat sie einen Menschen getroffen, der sich so leicht von seinen Gefühlen überwältigen lässt. Darin ist er Svens absoluter Gegensatz." Was Karin Stolpe an Olof Lagercrantz fasziniert, wie er in seiner Liebesblödigkeit agiert, das muss man schon selber lesen (ich bekomme keine Provisionzahlungen von dtv!).

Alex Schulman - VERBRENN ALL MEINE BRIEFE (Teil III)

Siehe hier: Teil I, Teil II

Wenden wir uns - bezogen auf die drei Zeitebenen - dem zu, was den irrationalen, verrückten, gleichermaßen dramatischen wie frappierenden Anteil dieser merkwürdigen Familiendynamik ausmacht; einer Liebesgeschichte, die vielleicht normale Menschen für vollkommen absurd bis unfassbar betrachten könn(t)en, die gleichwohl hineinreicht bis in das Leben der Enkelgeneration. Ich nehme daher zunächst einmal Bezug auf einen jeglicher Romantizismen unverdächtigen Kronzeugen, der sich zur Liebe auf gleichermaßen ernüchternde wie erschreckende Weise äußert (selbst habe ich das Themenfeld in: Kopfschmerzen und Herzflimmern tiefschürfend umgepflügt):

Ausbruch aus dem generativen Gefängnis – Alex Schulman: VERBRENN ALL MEINE BRIEFE (Teil II)

Siehe hier: Teil I

AS entwickelt das komplexe Geflecht einer intergenerativen Dynamik auf drei Zeitebenen – zum einen der Ebene eines Paares – seiner Großeltern –, die sich als eklatant ungeeignet füreinander erweisen werden. Hier setzt Karin Stolpes Tod 2003 den Endpunkt. AS erlebt sich selbst noch einmal als Kind seiner Großeltern – hier ist das Jahr 1988 der Fokus, das Jahr in dem er nolens volens den Briefwechsel, den Austausch der Liebesbriefe zwischen Olof Lagercrantz und seiner Oma entdeckt und damit die unterschwellig immer präsente Katastrophe auslöst.

Ausbruch aus dem generativen Gefängnis – Alex Schulman: Verbrenn alle meine Briefe (Teil I)

44 Kapitel werden gerahmt von einem Prolog (7 Seiten) und einem Epilog (5 Seiten). Die einzelnen Kapitel beanspruchen durchschnittlich knapp sieben Seiten; das längste vierzehn, das kürzeste eine Seite.

Alex Schulman – mir bislang vollkommen unbekannt – gewinnt den Titel seines Buches aus der flehentlichen Bitte, mit der eine junge Frau einen ebenso jungen Mann bittet, ihre an ihn gerichteten Briefe zu verbrennen: „Ich bitte Dich, Olof, verbrenn all meine Briefe.“ Und sie fährt fort: „Und verrate mich nicht. Mein Leben hängt davon ab. Und Deines ebenfalls.“

Eine Erinnerung - traumgeschuldet

Alle mir vertrauten Sinnrelikte, alle Sinnrelikte, auf die ich vertraue, gerinnen zu der dünnen Erkenntnis, dass der Mensch ist, weil er sich verdankt (Fulbert Steffensky). Man kann auch fragen: Was bleibt? In Kurz vor Schluss II bin ich zunächst umgekehrt vorgegangen und habe gefragt, wie wir in diese Welt kommen? Und dabei fällt auf, dass ein Menschenleben - und dauert es auch lang - im kosmischen Zeithorizont nicht einmal den sichtbaren Bruchteil einer Nanosenkunde ausmacht. Und dennoch machen wir uns Gedanken darüber, wie Menschen in dieses Leben hineinfinden, um irgendeines ungewissen Tages daraus wieder zu verschwinden. In Todesanzeigen findet sich häufig der Michelangelo zugeschriebene Aphorismus:

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund