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Dietmar Kamper: Altersradikalität - Einsamkeit und ein erstes Lob der Sterblichkeit

Dietmar Kamper ist 2001 gestorben. Aus der Vielzahl der Stimmen der Zunft ragt er immer mehr hervor - wie ein Leuchtturm, dessen Leuchtfeuer Erinnerung ist, dessen Orientierungskraft augenblicklich zerfällt - ihr Zerfallen gleicht den Erscheinungen einer Sonnenfinsternis:

"Es ist nicht die Offenbarung des überfließenden Lichtes, die den Menschen Fassung gibt. Es ist auch nicht das dunkle Nichts, das anstelle der Götter gähnt. Es ist die flüchtige Schönheit einer unwiederbringlichen Zeit, ein verschränktes Zwielicht das wandert. Deshalb gehören die Menschen nicht ins Paradies [...], sondern in den Augenblick. Hier und jetzt sind sie Kinder des Labyrinths, das sich aus den Spuren der Sonne auf dunklem Grund ergibt, immer wieder und immer anders (Der Sonnenstand. Ein erstes Lob der Sterblichkeit, in: Von Wegen, München 1998, S 20)."

 

Alter, Altern, Alte - Identitätsschrumpfungen

Kurze Einleitung zu einem langwierigen Unterfangen

Es handelt sich im Folgenden um eine Sammlung von Briefen und Aufzeichnungen, die im höchsten Alter noch einmal dem Versuch gelten, Rudimente von Selbstvergewisserung und Identität zu bewahren. Anders als im entstehenden Büchlein hierzu, steht ein Brief voran, der mehr der Selbstvergewisserung desjenigen gilt, der für diese Aufzeichnungen verantwortlich zeichnet. Meine Schwiegermutter wird sich Wiedererkennen und Festlesen in den schlichteren Briefen, die folgen und die gemeinsamer Erinnerungsarbeit geschuldet sind. Verknüpfungen bieten sich an, im Versuch immer auch die gesellschaftliche Dimension von Alter und Altern zu reflektieren (siehe dazu: Jean Baudrillard oder: Der Tod - Gebirg des Seyn im Gedicht der Welt).

 

Zur kirchlichen Hochzeit von Anne und Sebastian am 15.9.2018 in der evangelischen Kirche zu Güls

Liebe Anne, lieber Sebastian,

der Lebenslauf besteht aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen! Was heute – hier und jetzt – geschieht, und was vor gut einer Woche bereits standesamtlich besiegelt worden ist, das beruht selbstverständlich auf der freien Willensentscheidung Annes und Sebastians. Selbstverständlich? Nun, selbstverständlich ist in dieser, unserer globalisierten und kulturell auseinanderdriftenden Welt so ziemlich gar nichts mehr – selbst, Regen, der für uns in der gemäßigten Klimazone immer selbstverständlich war, mag sich nicht mehr wie selbstverständlich einstellen. Nur am heutigen Tag Eurer Hochzeit mag ich mich persönlich damit abfinden und mich mit dieser Katastrophe arrangieren.

Jean Baudrillard - Das leichte(re) Leben

29. August 2018

Wer hätte denn gedacht, dass ich mir selbst in meinem Tun fragwürdig werden könnte. In meinen Händen halte ich einen Haufen Papier, beschriebene Blätter; der gemeinsame Erinnerungsschatz, den Lisa - meine Schwiegermutter und ich zusammengetragen haben. Nun rutsche ich gemeinsam mit ihr in jene Nische ohne Wiederkehr, die ich doch gerade zudecken bzw. wieder begehbar machen wollte.

Jean Améry spricht von den "drangvollen Herausforderungen des Daseins und namentlich des Zeitvergehens, in dessen Strom wir mitschwimmen und uns selber ertrinken zusehen; Stück um Stück unseres Ich wird schon weggeschwemmt, wenn die Erinnerungen verblassen und die Realität unserer Person schließlich in einen Strudel gerät, der uns in die Untiefen reißt (Jean Améry: Hand an sich legen Diskurs über den Freitod, Stuttgart 1976, S. 68f.)."

In memoriam Günter Altner

Günter Altner: „Natur ist nicht nur berechenbares Objekt, Materiebaustein, Müllkippe schonungsloser Ausbeutung …, sondern das Netz, in das sich der Mensch hinein verwoben findet, an dem er selbst fortstrickend mitwirken kann“. Ein wenig verfrüht - gut 3 Wochen vor seinem 82sten Geburtstag am 20. September (Günter Altner ist am 6. Dezember 2011 verstorben), möchte ich an Günter Altner erinnern. Als Professor für Evangelische Theologie gehörte er - wie ich selbst - dem Lehrkörper der Universität Koblenz an (Pensionierung 1999). Ich erinnere mich an einige Vorträge und besonders an einen ruhe- und rastlosen Mann, der ständig, seine ausgebeulte Ledertasche in der Hand, unterwegs zu sein schien - zwischen Koblenz, Heidelberg und Freiburg; mehr als viertausend Vorträge soll er in seinem Leben gehalten haben.

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund