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Kommunikation: Selbstreferenz und Fremdreferenz. Auch unter Profis gibt es Kommunikationsprobleme (und Lösungen)

Einige Anmerkungen zu den Auswirkungen des Losverfahrens im Institut für Pädagogik, Abteilung Schulpädagogik/Allgemeine Didaktik am Campus Koblenz zu Beginn des Sommersemesters 2017 unter kommunikationstheoretischen Gesichtspunkten

Wäre Kommunikation grundsätzlich ein Übertragungsvorgang zwischen einem Sender und einem Empfänger, wie uns Claude E. Shannon und Warren Weaver in ihrer mathematischen Theorie der Kommunikation nahelegen, hätten wir den etwas chaotischen Einstieg ins Sommer-Semester 2017 vermutlich so nicht erlebt (aufgrund eines fehlerhaften Losverfahrens sahen sich Studierende in ihrer Semesterwochenplanung irritiert).

Aber so naiv waren auch Shannon/Weaver nicht. Ihre Bedingung für das Gelingen von Kommunikation im oben definierten Verständnis ist ein Übertragungskanal, den man möglichst rauschfrei halten kann.

Wir haben ja dann mitbekommen, dass das Rauschen zu Beginn des Semesters beträchtlich war. Auch Shannon und Weaver begreifen Kommunikation primär – um in ihrer Terminologie zu bleiben – als die Auswahl einer Nachricht aus einer Menge möglicher anderer Nachrichten. Als Voraussetzung für gelingende Kommunikation sollte man nun annehmen, dass der Auswahlbereich, aus dem der Sender eine Nachricht auswählt, irgendetwas mit dem Auswahlbereich zu tun hat, der es dem Empfänger ermöglicht, die Absichten des Senders zu erkennen und in seinen Anschlüssen zu berücksichtigen.

Da Empfänger und Sender – personalisiert gedacht – verschiedene Individuen (Systeme) mit verschiedenen Lebensläufen und damit verbundenen Einschränkungen und Präferenzen darstellen, wird Kommunikation dies berücksichtigen müssen. Dirk Baecker hat in diesem Sinne darauf hingewiesen, dass Probleme der Kommunikation vor allem dort sichtbar würden, wo die Auswahlbereiche von Sender und Empfänger gerade nicht übereinstimmten. Sie müssten in der Kommunikation mitverhandelt werden. Erst dann könne es darum gehen, die Auswahlbereiche herzustellen und abzusichern, innerhalb derer zwischen Sendern und Empfängern Nachrichten ausgetauscht werden können. Im günstigsten Fall könnte so etwas entstehen, wie eine gemeinsame Sache. Deswegen – so Baecker – sei der Ausdruck gemeinsame Sache machen nach wie vor die beste Übersetzung des Wortes Kommunikation.

Versucht man z.B. Studierendenströme zu kanalisieren, in der Absicht eine quantitative Gleichverteilung anzustreben, muss man gleichzeitig dafür Sorge tragen, dass bei dieser Verteilung nicht nur die Interessen des Senders – hier des Instituts – berücksichtigt werden, sondern dass auch den Studierenden – als Empfänger – mit ihren terminlichen Wünschen und Zwängen entsprechende Gestaltungsmöglichkeiten eingeräumt werden. Fachleuten kann es dann näherungsweise gelingen, diese Vorgaben in einem zielführenden Algorithmus miteinander zu vereinbaren. Der durch das Losverfahren ausgelöste Kontakt schafft dann eine Abhängigkeit zwischen Elementen, die prinzipiell auf ihrer Unabhängigkeit beharren. Gemeinsame Sache wird man nur machen, wenn diese Unabhängigkeit prinzipiell Bestand hat. Mit Hilfe eines entsprechenden Verständnisses von Kommunikation lässt sich dann beobachten, welche (notwendigen) Abhängigkeiten voneinander unabhängige Elemente einzugehen vermögen. Das Gelingen eines solchen Verfahrens äußert sich dann schlicht in passenden Anschlüssen und eben nicht in der Äußerung von Unzufriedenheit über eben nicht passende Anschlüsse.

Aus systemtheoretischer Sicht liegen die Lösungen für das relativ konfliktfreie Operieren sozialer Systeme nicht schlicht in der Koordination von Verhalten, sondern in der Koordination von Erwartungserwartungen. Soziale Systeme agieren nach Luhmann dann stabil und einigermaßen zuverlässig, wenn alle Beteiligten wissen, welche Erwartungen der anderen sie zu erwarten haben. Hinzu kommt die von Niklas Luhmann schon sehr früh beschriebene Bedeutung von Vertrauen als einem der zentralen Mechanismen zur Reduktion sozialer Komplexität. Bezogen auf unsere Erfahrungen der letzten 14 Tage lässt sich dies eindrücklich an einer zentralen Erwartung der Studierenden veranschaulichen:

Die übergroße Mehrheit der Studierenden erwartet zweifelsfrei von den Akteuren der Hochschuladministration, dass sie sich in ihrem Handeln an der Lebenssituation der Adressaten ihres Handelns orientieren:

  • Die Mehrzahl der Studierenden unterhält zur Finanzierung ihres Studiums Arbeitsbeziehungen;
  • Nicht wenige Studierende bilden aus Organisations- und Kostengründen Fahrgemeinschaften;
  • Viele Studierende unterliegen dabei unterschiedlichsten Verhaltenserwartungen, die im Rahmen eines Stundenplans zu koordinieren sind. Hier geht es um die zuvor genannten notwendigen Arbeitsverhältnisse und für eine Gruppe von Studierenden beispielsweise um die Koordination unterschiedlicher Hochschulstandorte (Hochschule Koblenz/Uni-Campus Koblenz/PTH Vallendar) mit ihren jeweiligen Angeboten und Vorgaben;
  • Viele Studierende beklagen, dass sich mangelhafte Veranstaltungs-Koordination (Studierbarkeit) und ein quantitativ unzureichendes Studienangebot nachteilig auf den Versuch auswirken, sich an der Regelstudienzeit zu orientieren (ich persönlich finde es z.B. megaärgerlich, wenn innerhalb unserers Instituts Blockveranstaltungen unter Einbeziehung bereits des Freitags den regulären Seminarbetrieb s t ö r e n!!!).

Bei diesen Prämissen geht es primär darum, dass Lehrende und die Hochschuladministration diese zunächst einmal als Rahmenbedingungen und als Wahrnehmungen der anderen Seite wahrnehmen, ohne sie (normativ) zu kommentieren bzw. zu diskreditieren. So lassen sich Studierende sicherlich nicht zielführend mit einer Leitunterscheidung Arbeiten/Nicht-Arbeiten klassifizieren, ohne dass die Hochschulakteure einen gravierenden Vertrauensverlust riskieren.

Die Feinheit der Beobachtung sozialer Systeme beruht also auf der Annahme, dass jeder Kontakt bereits ein System begründet. Professionelle Beobachter sind also – ausgehend von dieser Prämisse – zumindest dafür sensibilisiert, am kleinsten sozialen Phänomen aufmerksam hinzuschauen, um die Unwahrscheinlichkeit zur Kenntnis zu nehmen, dass sich etwas aneinander orientiert, was auch die Möglichkeit hätte, nichts miteinander zu tun zu haben. Dirk Baecker macht darauf aufmerksam, dass diese Ausgangsprämissen in all ihrer Brisanz eine Alternative darstellen zum klassischen Kausalitätsbegriff, der nur Abhängigkeiten zwischen Ursachen und Wirkungen gelten lasse. Ein Kontakt oszilliere zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit der Elemente und bilde so eine andere Grundlage für die Emergenz eines Phänomens als die Kausalität.

Niklas Luhmann gelange auf diese Weise – so Dirk Baecker – zu der Einsicht, dass ein Kontakt nur ein Kontakt sei, wenn er als das, was er ist, von den beteiligten Elementen mitgedacht werden könne, wenn Selbstreferenz und Fremdreferenz zu einem Verweis auf das ihnen gemeinsame, ihnen jedoch nur begrenzt verfügbare Dritte, den Kontakt, führten. Selbstreferenz wird von Niklas Luhmann als notwendige und unvermeidbare Antwort auf Komplexität betrachtet.

Dieser Gedanke ist in der Wissenschaft aber nicht wirklich neu. Dirk Baecker weist darauf hin, dass Warren Weaver bereits 1948 davon ausgegangen sei, dass Komplexität ein Phänomen meine, mit dem die klassischen Mittel der Wissenschaft – die kausale Erklärung und die statistische Beschreibung, das heißt die Reduktion eines Phänomens auf maximal drei bis vier heterogene Faktoren bzw. auf eine Masse homogener Elemente – überfordert seien.

Wenn wir nun noch attestieren, dass die Notwendigkeit und die Unvermeidbarkeit von Selbstreferenz nicht nur Menschen oder dem menschlichen Bewusstsein eigen sind, sondern auch sozialen Systemen, dann schrumpfen die Spielräume für naives oder autokratisches Handeln ungemein. Selbstreferenz werde nämlich auf diese Weise – so Dirk Baecker – zu einer heuristischen Devise, zu einem Senkblei, mit dem man auslotet, was anders nicht beschreibbar ist. Und die einzige Empirie, die dem Beobachter für das Ausprobieren dieser Heuristik zur Verfügung stehe, sei im Übrigen die Interaktion mit dem Phänomen selbst. Wenn wir in diesem Sinne Komplexität ernst nehmen, bedeutet dies zwangsläufig, dass diese Selbstreferenz immer nur selektiv wahrgenommen werden kann. Soziale Phänomene, die grundsätzlich aus einer Vielzahl heterogener Elemente bestehen, könnten – so Baecker – untereinander niemals komplett (das wäre in fester Kopplung ein Kristall und loser Kopplung eine Gas), sondern immer nur selektiv verknüpft werden. Diese Prämisse schließlich führt zu der Einsicht, dass es in komplexen Phänomenen immer einen Überschuss an Verweisungsmöglichkeiten gibt, die letztlich ihre Unfassbarkeit begründen.

Der letzte Schritt, um beobachten zu können, welche soziale Dynamik sich in den letzten gut 2 ½ Wochen an unserem Institut ergeben hat, liegt in der Annahme, dass dieser Überschuss an Verweisungsmöglichkeiten (inklusive der Möglichkeit einzelner Selektionen) mit Blick auf psychische und soziale Systeme – also die konkret Beteiligten – so etwas ergeben muss wie

Sinn!

Psychische und soziale Systeme, Bewusstsein und Kommunikation, realisieren sich auf eine im Übrigen unterschiedliche Art und Weise (einmal als Vorstellung, einmal als Mitteilung) im Medium des Sinnes.“ (Dirk Baecker)

Auch wenn sich hier bereits andeutet, dass allein die Beobachtung sozialer Systeme unter der Berücksichtigung von Selbst- und Fremdreferenz kein leichtes Spiel ist, gelangt man erst mit der Einführung der Idee der doppelten Kontingenz zu einer Ahnung davon, was soziale Komplexität eigentlich meint!

Die sozialen Mechanismen zur Reduktion von Komplexität können einmal auf der machtvollen Durchsetzung von Interessen beruhen:

Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ (Max Weber)

Die Reduktion von Komplexität kann aber auch durch einen sozialen Mechanismus ermöglicht werden, den Niklas Luhmann mit Vertrauen begrifflich eng gefasst hat (wir erleben im Übrigen gegenwärtig, dass dieser zentrale Mechanismus vielfach erodiert – und dies nicht nur in Systemen, die autokratische Züge annehmen):

Vertrauen ist ein "Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität" behauptet Niklas Luhmann in seiner klassischen Definition. Diese Einsicht kann man relativ mühelos auf das gesamte Leben anwenden. Wollte man – statt auf Vertrauen – allein auf eigenes Wissen und Kontrolle setzen, wären unerträglich hohe Transaktionskosten die Folge. Die meisten Menschen setzen sich deshalb dem Risiko aus, zu vertrauen – zumal es Sanktionsmöglichkeiten gibt. Werden Vertrauen und Vertrauensvorschuss nachhaltig enttäuscht, wird es schwer, Vertrauen wiederzugewinnen. Eine Institution oder eben für eine Institution verantwortlich Handelnde können einen Reputationsverlust erleiden, der sich auch auf die Beziehungen zu anderen Beteiligten bzw. Betroffenen überträgt, sofern er allgemein bekannt wird.

Wir sind in der Lage über das Beobachten unseres Oszillierens zwischen Selbst- und Fremdreferenz die jeweiligen Erfahrungen zu reflektieren und zu schärfen. Und wir können sehen, dass wir Vertrauensverluste erheblichen Ausmaßes riskieren, wenn wir der jeweils anderen Seite machtvoll oder über die Maßen selektiv gegenübertreten, das heißt in erster Linie, wenn wir den fremdreferentiellen Pol ignorieren oder gar zurückweisen:

  • etwa mit der konfrontativen Leitunterscheidung: Arbeiten/Nicht-Arbeiten;
  • oder, indem man eine Unterscheidung unvermeidbarer Verfahrensfolgen mit dem Verweis auf ihre Zufälligkeit und nicht ihre Willkür (der Losfolgen) einem Zynismus-Verdacht aussetzt: Sie – eine betroffene Studentin gehöre eben zu der kleinen Gruppe, „die bei der fehlerhaften Verteilung… vorher in ihrer Wunschveranstaltung zugewiesen waren und nun in einer anderen weniger günstigen oder sogar überhaupt nicht zugeordnet, d.h. abgelehnt sind! Das ist natürlich super ärgerlich, aber keine Folge von Willkür, sondern eben einer zweiten Auslosung, d.h. es hätte dieses Ergebnis auch bei dem ersten Losungsdurchgang geben können!!!

So bleibt letztlich zu hoffen, dass sich diejenigen, die nach dem „letzten Durchlauf keine oder keine für Sie studierbare Zuordnung erhalten haben, vertrauensvoll“ an den Modulbeauftragten im Modul 2 wenden; zumal dieser garantiert: „Ich bin mir sicher, wir werden eine Lösung finden.“

Am 4. Mai kann schließlich mit Fug und Recht gesagt werden, dass die verantwortlichen Akteure dafür gesorgt haben, dass alle Studierenden letztlich mit ihren individuellen Wünschen und Notwendigkeiten versorgt werden konnten. Dieser Erfolg ist aber letztlich nur möglich geworden, weil 1. die Grenze der Gruppengrößen deutlich nach oben verschoben worden ist und 2. weil die dann immer noch nicht zufriedenstellend versorgten Bewerber über händische Korrekturen befriedigt werden mussten. Merke: Die Banalität des Technischen ist immer weniger banal als sie es vorgibt zu sein!

Die Dirk Baecker geschuldeten Zitierungen und die sich auf Niklas Luhmann beziehenden Verweise sind sämtlich entnommen aus: Dirk Baecker, Nie wieder Vernunft – Kleinere Beiträge zur Sozialkunde, Heidelberg 2008

Nachbemerkung 1 mit Blick auf die Rahmenvorgaben im Sinne des Landesgesetzes über die Universitäten in Rheinland-Pfalz (Universitätsgesetz – UG –): Paragraph § 3, Absatz 4 lautet:

§ 3

Freiheit von Kunst und Wissenschaft,

Forschung, Lehre und Studium

 

(4) Die Freiheit des Studiums umfasst, unbeschadet der Studien- und Prüfungsordnungen, insbesondere die freie Wahl von Lehrveranstaltungen, das Recht, innerhalb eines Studienganges Schwerpunkte nach eigener Wahl zu bestimmen, sowie die Erarbeitung und Äußerung wissenschaftlicher und künstlerischer Meinungen. Beschlüsse der zuständigen Hochschulorgane in Fragen des Studiums sind insoweit zulässig, als sie sich auf die Organisation und ordnungsgemäße Durchführung des Lehr- und Studienbetriebs und auf die Gewährleistung eines ordnungsgemäßen Studiums beziehen.

 

   

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