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Ricarda Messner - Wo der Name wohnt
Der letzte Satz des Interviews mit Ricarda Messner, das Cristoph Schröder verantwortet, lautet:
"Die Geschichten sind mir voraus; ich laufe ihnen immer hinterher."
Ricarda Messner (36) wird uns vorgestellt als Mitbegründerin des Flaneur-Magazins. In einer Sonderausgabe der ZEIT vom 29. November 2025 wird ihr Debütroman Wo der Name wohnt (Suhrkamp, Berlin 2025) vorgestellt. Doch zuvor ein knapper Exkurs zu dem von ihr mitbegründeten Flaneur-Magazin:
"Ein Flaneur hat Zeit. Mit offenen Augen lässt er sich durch die Straßen einer Metropole treiben, ohne Plan und ohne Ziel. Ein stiller Beobachter, dem jede zufällige Begegnung willkommen ist, denn er sammelt Eindrücke."
In der Tradition Charles Beaudelaires sehen die Begründer des Flaneuer-Magazins ihr Projekt. "Als >Botaniker des Bürgersteigs< beschrieb der französische Dichter und Dandy Charles Baudelaire diesen lässigen Spaziergänger und etablierte ihn als literarisches Sujet des 19. Jahrhunderts. Ein Flaneur, so Baudelaire, sei eigentlich ein hochsensibler Künstler. Dieser >Mann der Menge< solle in die Düfte, Geräusche und Farben der Großstadt eintauchen, um sie wirklich verstehen zu können."
In Flaneure, Spieler und Touristen schärft Zygmunt Bauman diese Perspektive durch ein spätmodern ausgerichtetes Okular und weist (schon) 1995 auf die beobachtbaren Präferenzen für ">nicht bindende Bindungen<" hin (Christopher Lasch) hin. Dort ist zu lesen, dass wechselnde, unverbindliche Beziehungen zwischen Fremden sich scheinbar primär an taktiler Lust zu orientieren scheinen:
"Im Straßenleben der Stadt sind die Leute füreinander Oberflächen. [...] Die Straße der Stadt ist aufregend und erschreckend zugleich [...] jeder Schritt, der unternommen wird bleibt, voll Risiko. Auf die Dauer ist das Glücksspiel, das man nicht vermeiden kann, ermüdend, und der Gedanke an eine Zuflucht - ein Zuhause - wird zu einer Versuchung, der sich immer schwerer widerstehen läßt."
Dazu passen Hinweise zu Flaneur 2, die sich mit der Georg-Schwarz-Straße in Leipzig auseinandersetzen:
"In Leipzig war das die Georg-Schwarz-Straße: früher eine Amüsiermeile, die Reeperbahn Leipzigs, heute eine heruntergekommene Geisterstraße mit sozialen Problemen und viel Leerstand. >Man hat uns gefragt, ob wir nicht etwas Schöneres von Leipzig hätten zeigen können<, sagt Fabian Saul, >aber es geht uns nicht darum, einen Ort zu verkaufen.< Das Flanieren führe eben auch in düstere Viertel: >an Orte, an denen wir uns nicht mehr aufgehoben fühlen<."
An welchen Orten fühlen wir uns aufgehoben? Und was geschieht mit uns, wenn es diese Orte nicht mehr gibt? In der Region, aus der ich komme - im Ahrtal - stellen sich diese Fragen mitten in der Spätmoderne - ganz ohne Krieg und das brutale Einwirken einer fremden Macht (wie wir es seit dem 22.2.2022 in der Ukraine beobachten) für viele Menschen ganz und gar unverhofft. Der Suhrkamp-Verlag bewirbt Ricarda Messners Debütroman unter anderem mit folgenden Hinweisen:
"Hausnummer 36 und 37, hier in Berlin haben sie jahrelang in direkter Nachbarschaft gelebt. Als Kind spielte die Enkeltochter (Ricarda Messner) Tischtennis auf dem Glastisch im Wohnzimmer der Großeltern. Als Erwachsene löst sie deren Wohnung schließlich auf, bringt Besteck, Töpfe und Musikkassetten nach nebenan zu sich. Und sie will noch etwas bewahren: Levitanus, den Familiennamen. Der Wunsch, den Namen wieder anzunehmen, begleitet sie nicht nur im Alltag, sondern führt sie auch nach Riga. Sie folgt den Worten ihres Urgroßvaters Salomon und findet ein Fenster im ehemaligen Rigaer Ghetto, das eng mit ihrer Familiengeschichte verknüpft ist – und sie zeichnet die Bewegungen von vier Generationen nach, vom sowjetischen Lettland der siebziger Jahre bis nach Deutschland.
Ricarda Messner erzählt in ihrem Debütroman vom Ort ihrer Erinnerungen, kehrt immer wieder zurück zum Leben in zwei Wohnungen, nähert sich Verlusten und Lücken, verbindet Heute und Gestern. Wo der Name wohnt lässt so zärtlich wie klar eine Familie aufleben und bewahrt ihre Geschichten."
Ich hake einmal ein bei der Verlagsdeutung, Wo der Name wohnt lasse so zärtlich wie klar eine Familie aufleben und bewahre ihre Geschichten. Ricarda Messner hat hierzu eine nuanciert abweichende Wahrnehmung. Sie bekennt zum einen, dass sie vor allem interessiere, wo und wie das Gestern im Heute auftaucht und umgekehrt: "Und als zentrale Frage: wie mit den Toten, nicht über sie erzählen? Wie wird aus dem Ich ein Wir? Zum anderen treibe sie die Frage um, wie Erinnerung funktioniere. Und die Deutung des Verlags, "das Buch sei zärtlich", findet sie zumindest fragwürdig: "Für mich war das Aurschreiben aber ein brutaler, mächtiger Akt. Nach und mit welchem Recht gebe ich all dies hier wieder? Was ist meine Erzählgerechtigkeit?"
Das sind gewaltige Fragen, die sich Leser vermutlich in dieser Weise nicht stellen. Ich halte uns diesbezüglich ohnehin nur noch für Voyeure, die sich mit einer Erzählgerechtigkeit erst dann konfrontiert sähen, wenn eigene Geschichten - die Geschichten der eigenen Familie - zur Sprache drängen. So beschreibt Ricarda Messner, wie sie als 15jährige Dokumente entdeckt, die belegen, dass der Großteil der Familie ihres Großvaters von der deutschen und der lettischen SS in Riga ermordet wurde. Ricarda Messner ist inzwischen mehr als doppelt so alt. Sie beginnt - wie sie sagt - den Geschichten hinterherzulaufen. Aber immerhin findet sie zur Sprache.
Bei Martin Heidegger ist zu hören, die Sprache sei das Haus des Seins: In ihr wohnen die Menschen. Diejenigen, die denken und mit Worten erschaffen, sind die Hüter dieses Hauses. Uns alle müsste die Frage umtreiben, wie unbehaust man denn leben kann? in den Grundbegriffen der Metaphysik trifft Heidegger die Unterscheidungen weltlos - weltarm - weltbildend; während der Stein weltlos sei, das Tier weltarm, sei der Mensch weltbildend - vor allem mit Hilfe der Sprache, dem Haus des Seins.
Der 93jährige Alexander Kluge meint, wir müssten uns auf die Socken machen. Wozu und Wohin? Nimmt man sein Interview mit Denis Scheck zur Kenntnis, geht es um Verankerung: "Sehn sie, wenn die Zeiten sich so verdichten und beschleunigen, dass sie unheimlich sind - wenn die Zeiten sozusagen zeigen ein Rumoren der verschluckten Welt, als seien wir im Bauch eines Wals angekommen... wenn das alles so ist, dass man sich wie im Bauch eines Monstrums fühlt, dann kommt es darauf an sich zu verankern. Es ist am leichtesten sich zu verankern in dem, was wir in uns tragen! Sehen Sie, wenn wir beide unsere 16 Urgroßeltern nehmen - unter der Zahl werden wir nicht geboren sein - dann können sie sagen, die sind so extrem verschieden und wussten so wenig, in welchen Körpern sie einmal zusammen kommen werden, dass wir eigentlich denken müssten, bei uns müsste Bürgerkrieg herrschen." (Auch darum ist "Hildes Geschichte" entstanden!)
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Von Putzerfischen und Schmeißfliegen - relouded
Ich stelle den Text bereits online - er befindet sich allerdings noch in Bearbeitung.
Es ist nicht zu übersehen: In mancherlei Hinsicht bin ich in meiner Vergangenheit angekommen. Ein Reloaded lohnt nicht nur. Es ist unvermeidbar, um sich nicht ständig zu wiederholen. Zugegeben: Hier handelt es sich um eine Paradoxie in Reinkultur! Dafür mag der folgende Beitrag stehen. Die zehn Jahre, die er auf dem Buckel hat, bedeuten - bezogen auf ein Menschenleben (im Sinne des aktuellen statistischen Mittels) - ja schon eine Hausnummer. Und wenn er (auch nur als Anhängsel von Sabine Rückerts bemerkenswerten Überlegungen) schon (fast) alles sagt und vorwegnimmt, was zu einem (fast) alle umtreibenden Thema zu sagen ist, bewegt man sich auf der Höhe der Zeit, indem man sich erinnert. Natürlich sind danach gewichtige Beiträge zustande gekommen: In der Patenschaft von Eva Illouz, durch viele in fachlicher Expertise entstandener Anregungen: STARKe Beiträge - oder in der erneuten Patenschaft von Karl Otto Hondrich; in einer Vielzahl von eigenen Beiträgen zum Themenkomplex Familie, Partnerschaft - sie haben eine leicht mildere Färbung angenommen als noch unter dem Signum von: Liebe, Sex und solchen Sachen!
Das Reloaded des nachfolgenden Beitrags aus dem Jahr 2016 kann nicht gänzlich unkommentiert daher kommen, weil eben die Zeitläufte und die Lebensläufe in der Zeit (Passwort: wiro2015) Fakten geschaffen haben, die einerseits den Empfehlungen von Sabine Rückert - immer eingedenk eines Körnchen Salzes - entsprechen; die andererseits aber auch immer wieder im Kontext der Fragen stehen, die Eva Illouz aufwirft: Warum Liebe weh tut? bzw. Warum Liebe endet?
Weiterlesen: Von Putzerfischen und Schmeißfliegen - relouded
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Kurz vor Schluss - reloaded
auch noch einmal für Rudi Krawitz, dessen schriftliches - für eine breitere Öffentlichkeit bestimmtes - Vermächtnis (zweiter Teil) in der ersten Ausgabe 2026 des Mitteilungsblattes der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. (DGHS) erschienen ist (siehe dazu auch: hier). Hier der Zugang zu Rudis schriftlichem Vermächtnis: Teil I.
Unter der Nummer 84 erschien in Kurz vor Schluss - Eine kleine Sozialkunde (Kurz vor Schluss Teil I) 2017 der Beitrag: "Familiendynamiken und andere chaotische Phänomene." Ich stelle ihn heute in einer überarbeiteten, aktualisierten Version noch einmal online. Es geht um Formen der Selbstermächtigung und die Verantwortung, die uns damit obliegt. Die eingestreuten, aktualisierten Passagen habe ich grün unterlegt. Zunkunft brauche Herkunft, meint Odo Marquard. Bei vielen Blog-Beiträgen läßt sich beim Wiederlesen genau diese Behauptung scharf stellen. Und die Ahnungen, die sich inzwischen - im Verlauf von neun Jahren - auf teils überraschende bis bedrückende Weise bestätigt haben, erlauben einen Ausblick, was nun wirklich im Sinne eines Kurz vor Schluss noch zu bedenken und zu bewegen ist. Die erste Impression ist mir - so, wie die dritte - näher gerückt. Die zweite Impression mit Blick auf (sexuelle) Sozialisation erscheint hingegen schon weitgehend entrückt und liefert in der Tat Impressionen aus einer längst vergangenen Zeit. Die seinerzeit von Wolfgang Loth vorgenommenen (höchstaktuellen) Wortspielereien: "Exit ist in, Grexit, Brexit - warum nicht auch Fexit? Family Exit", die ein "Aussteigen aus der Verantwortung" erwägen, haben in ungezählten Blog-Beiträgen der Folgejahre eine zentrale Rolle gespielt (hier: ein Beispiel), indem ich mit Wolfgang Loth an die Stelle des exit ein exist gerückt habe: Doch auch Exist gewinne Bedeutung erst im Kontext. Man müsse nicht unbedingt die Chaosrhetorik bemühen, um zu verdeutlichen, dass Existieren eine Grundlage brauche, meint Wolfgang Loth:
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Herta Müller: Ein einziger, lebenslanger Satz
Wir hatten's mal wieder schön
Ja, wir hatten's mal wieder schön; zumindest hatten wir wieder einen Weihnachtsbaum, gutes Essen und gute Gespräche, auch wenn die Krippe in diesem Jahr scheinbar verwaist blieb. Ich weiß nicht, ob es schiere Nachlässigkeit oder Intuition war. Jemand, der gefragt hätte, warum die Krippe so verweist dasteht, hätte von mir zur Antwort bekommen: Es ist ja nicht die Krippe. Es ist ja nur der Stall. Und die Krippe samt Jesuskind steht in diesem Jahr im Stall. Wir wollten nicht, dass der Kleine friert. Und auch alle anderen - Maria und Josef (und auch alle Tiere) haben sich in den Stall zurückgezogen, um es ein wenig heimeliger zu haben!
Die Geschichte, die uns Herta Müller erzählt, handelt von weniger als einem Stall. Dort, wo die Menschen - im Zuge der Reinigung des Volkskörpers im Rumänien der späten fünziger Jahre - ein Obdach fanden, gab nur lebensfeindliche Landschaft: "Es gab nichts außer dem leeren Himmel und dem nackten Sand, der glühenden Sommerhitze und dem eisigen Winter."
Ein einziger, lebenslanger Satz: Der Roman >Die Aussiedlung< von András Visky erzählt schmerzhaft schön von einer deportierten ungarischen Familie im Rumänien der Fünfzigerjahre. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller schreibt über dieses magische Dokument in: DIE ZEIT 54/25, Seite 46/47)
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Leon Weintraub -Zeitzeuge, Mahner, Optimist
Vor mir liegt die Rhein-Zeitung vom 31. Dezember 2025. Die Seite 14 - Panorama - widmet Leon Weitraub eine halbe Seite: "Holocaust-Zeitzeuge, Mahner, Optimist - Leon Weintraub entkam dem NS-Vernichtungslager Auschwitz - am 1. Januar feiert er seinen 100. Geburtstag" (mein Freund Thomas - fast vier Jahre jünger als ich - feiert heute seinen 70. Geburtstag). Ich gratuliere beiden herzlich. Mit Thomas verbindet mich seit unserer Freundschaft, die zu Beginn unseres Studiums, im Oktober 1974 ihre Anfänge nahm, eine gleichermaßen rationale wie emotionale Abscheu vor rechtsradikalen Ideologien und Milieus. Weder die Milieus noch die Ideologien sind aus Deutschland verschwunden. Sorgen wir dafür, dass nicht nur der Mahner Leon Weintraub gehört wird, sondern auch der Optimist!
Meine Gedanken zum Jahresbeginn, die gestern noch Gedanken zum Jahresende waren, widme ich heute Leon Weintraub. Denn es ist eine nachgetragene Lektüre. Gestern hatte ich keine Zeit. Ich durfte mich Ann-Christins Hundenachwuchs und meinen Enkelkindern widmen. Und das nachstehende - nunmehr Leon Weintraub gewidmete - Gedicht ist gestern Nachmittag entstanden:
Leon Weitraub wird heute - am 1. Januar - einhundert Jahre alt. Damit ist er einer der letzten Überlebenden des Holocaust. Die Rhein-Zeitung druckt einen von Norbert Demuth verantworteten Beitrag ab. Neben einer biographischen Skizze, beeindrucken mich folgende Gedanken. Aus diesem Grunde widme ich das nachstehende Gedicht Leon Weintraub:
