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Harald Martenstein: Tschüss! Nach 24 Jahren macht Harald Martenstein Schluss (ZEIT-MAGAZIN 4/26)

Harald Martenstein will siebzig werden - total alt(:-))

Veröffentlicht: Dezember 2022

- auch für Rudi, der Martensteins Kolummnen mochte und im Hinblick auf lebenssatte Perspektiven Martenstein eben zehn Jahre voraus war!

Harald Martenstein und ich sind uns schon einmal begegnet: In Der Tod und ich sinnierte er über die Sinnfrage(n) des Lebens und gab mir dazu ein Interview . Im aktuellen ZEIT-Magazin darf er nun über das Altern schreiben- total alt, in diesem Jahr (2023) die siebzig anstrebend (es handelt sich beim aktuellen ZEIT-Magazin bereits um die Nr. 1/23), stellt er zunächst einmal fest, wer alles zu seinem Jahrgang gehört. Ich bin überrascht - ein illustres Jahrgangstreffen. Ich gehöre ja nicht dazu, da ich die siebzig ja bereits seit Februar im Gepäck habe).

Harald Martenstein feiert mit Kim Basinger, Cyndi Lauper, Isabelle Huppert, Pierce Brosnan, John Malkowich, Jim Jarmusch, Tony Blair und Klaus Wowereit - und natürlich Herr Kröger, bei dem Harald Martenstein öfter mal Zeitungen kauft. Ich hingegen habe mich entschlossen, Harald Martenstein erneut zu besuchen und lade ihn in bewährter Manier zum Interview, wie schon 2014 und wieder einmal ganz ohne Reisekosten und Spesen.

70 (bin ich): Geht's eigentlich noch Martenstein? Sie werden am 9. September 2023 siebzig, das heißt, Sie möchten gerne siebzig werden. Und Ihr Arbeitgeber stellt Ihnen einen ungedeckten Scheck aus? Hat das nicht etwas von Hybris und Selbsterschleichung?

69 (HM): "Für diesen Text bin ich gecastet worden, weil ich in diesem Jahr siebzig werde [...] Ich bin jetzt zweifellos total alt."

70: Und dann ist das ZEIT-Magazin auch noch deutlich zu früh auf dem Markt. Sie müssen erst mal den Jahreswechsel überstehen. Dann haben Ihre Bemühungen vielleicht eine reale Perspektive (siehe ganz unten: Fool's ouverture - Supertramp live in Paris)

69 (HM): "Solange ich aufpasse und nicht versehentlich in den Spiegel schaue, fühle ich mich wie mit vierzig."

70: Da merkt man, dass sie noch keine siebzig sind! Aber Sie hatten ja immer schon eine Neigung zur Koketterie. Außerdem haben Sie eine junge - sagen wir eine deutlich jüngere Frau (da erscheint die 69 im Firmenschild auf jeden Fall angemessener). Und mir scheint, so wie sie nun mal schreiben, sind ja immer noch in erster Linie die anderen gemeint.

69: Ja, "in Deutschland sind 22 Millionen Menschen mindestens sechzig Jahre alt, mehr als jeder vierte. Spätestens mit sechzig geht es mit dem Altwerden ja allmählich los. Der Ruhestand wartet in Sichtweite, der Fernseher wird zum ersten Mal lauter gestellt, und der Arzt verordnet zum ersten Mal Blutdrucksenker. Mit siebzig spüren die meisten trotzdem immer noch wenig von den echten Beschwerden des Alters, auch ich nicht."

70: Mit Verlaub - woher wissen Sie das? - Jungspund!

69: "Siebzig findet noch vor allem im Kopf statt. Der richtig harte Teil kommt, nach meiner Beobachtung, in der Regel ab achtzig [...] In der Kneipe des Lebens ertönt die Klingel, das Licht geht an, und der Wirt ruft: Eine letzte Runde noch!"

70: Der mörderische Beobachter - immerhin. Die - auch räumlich - beträchtlichen Anstrengungen zur Abwehr einer Generalhaftung unserer Generation für die Verwüstung des Planeten lassen wir weitgehend außen vor. Ich räume Ihnen ein paar zentrale Argumente ein. Sie bieten vielleicht eine Gelegenheit, sich mit der von Ihnen bemühten Unschuldsvermutung auseinanderzusetzen.

69: Gerne: "Angeblich sind wir ausnahmslos unbeweglich, unbelehrbar und erstarrt, angeblich hinterlassen wir den Jungen eine verwüstete, womöglich bald unbewohnbare Erde. Erstens sind wir nicht alle gleich, zweitens haben wir die heutige Erde, also all ihr Gutes und all ihre Schlechtes, nicht ganz alleine geschaffen. Da überschätzt ihr uns doch sehr. Das Einzige, was wir garantiert ganz alleine geschaffen haben, ist von uns gezeugte und an unserem Busen genährte nachfolgende Generation."

70: Sie übernehmen eine allseits kolportierte Generalabrechnung mit dem Alter bzw. dem Altern.

69: Ja, "das Altern ist eine Demütigung des Menschen, weil es sich seiner Kontrolle weitgehend entzieht."

70: Deshalb die enormen Abwehrkämpfe dem Alter(n) gegenüber?! Sie kommentieren mit Ihrer unnachahmlichen ironischen (Selbst-)Camouflage. Dafür schätze ich Sie im Übrigen (auch als Gelegenheitsleser Ihrer ZEIT-Kolumne). Geben Sie uns doch bitte einmal eine Kostprobe! 

69: Vorausschickend sagt 69: "Die Generationen, die offenbar nie an etwas schuld sein werden, sind immer diejenigen, die aktuell am Ruder sind." Und in einem Ton- und Anfall existentialistisch anmutender Ernüchterung meint er dann: "Die Alten, die sich für einen Mädchenkörper jeden Tag schinden, wie Jane Fonda, die sich beim Schönheitschirurgen unters Messer legen, was angeblich auch immer mehr Männer tun, die sich an junge Menschen sexuell heranpirschen oder sich in enge Jeans und weiße Turschuhe zwängen, all diese Leute nehme ich in Schutz vor ihren Verächtern. Sie kämpfen, sie wollen nicht aufgeben, vielleicht können sie ein paar Jahre lang wirklich erfolgreich mogeln. Ein bisschen Glück auf Pump, was ist falsch daran? Mein Vater schwor auf die Verjüngungskraft von Apfelessig, ich gehe ins Fitness-Studio. Weiße Turnschuhe habe ich auch. Aber es ist mühsam hineinzukommen, das geht nur im Sitzen mit dem Supersize-Schulöffel von Ikea."

70: Was hält das Alter aus der Sicht von Harald Martenstein an Mehrwert bereit?

69: "Also Gelassenheit ist es schon mal nicht." Allerdings: "Wer im Rentenalter ist, hat mehr Freizeit, wer Kinder und Enkel hat oder etwas Bleibendes geschaffen, erfreut sich an den Früchten des Lebens." Allerdings: "Autoren zum Beispiel werden schnell vergessen [...] Mein einstiger Lieblingskolumnist Hermann Gremliza wäre heute ein Fall für die Eine-Million-Euro-Frage bei Wer wird Millionär?."

70: Eine Sorge, die 99,99% Prozent aller Menschen nicht haben. Und Sie wehren sich noch ein wenig gegen das Vergessen?

69: Es heißt oft: "Das was das Alter vor allem schenkt, ist Freiheit - Du musst mit siebzig nichts mehr werden und nichts mehr beweisen. Völliger Quatsch - du kannst nichts mehr werden, so herum ist es richtig."

70: Das einzige was hilft, ist Selbstironie und Selbstdesinteressierung?

69: "Meine weitere Karriere ist mir schnuppe, meine Zukunft ist überschaubar und aufgrund meiner Sparsamkeit gut durchfinanziert. Das ist ein gutes, unbezahlbares Gefühl. Ob dieser Text hier erscheint oder nicht, kann mir egal sein. Wenn mir jemand einen wichtigen Satz herausstreichen will, dann sage ich Nein, und tschüss. Verstehen Sie mich richtig, weder will ich das, noch drohe ich, noch sonst was. Ich beschreibe nur ein siebzigjähriges, gut abgehangenes Lebensgefühl, diese Freiheit."

70: Ich verstehe Sie richtig: Ein siebzigjähriges, gut abgehangenes Lebensgefühl - das ist schon vom Feinsten! Ich nehme mir die Freiheit, nur die Sätze herauszusuchen, die mir wichtig, bedenkenswert oder einfach nur amüsant erscheinen. Ich verstehe nur nicht, warum sie schon siebzig sein wollen. Lesen Sie doch einmal das Interview mit Jean-Remy von Matt - Wie viel Zeit bleibt mir noch?. Sie verschenken doch fast 21.000.000 (einundzwanzig Millionen!) Sekunden - solange wird es dauern, bis Sie tatsächlich siebzig sind. Es ist schön, dass wir eine Menge nicht mehr nötig haben. Und dennoch - dies ehrt den fast siebzigjährigen Harald Martenstein - ist Ihnen die Welt von morgen nicht egal. Warum?

69: "Es ist die Welt meiner Kinder, die ich liebe. Mein kleiner Sohn wird hoffentlich das 22. Jahrhundert erleben, im Jahr 2100 würde er seinen 86. Geburtstag feiern."

70: Und was ist mit den anderen - vor allem den kinderlosen anderen?

69: "Auch den kinderlosen Alten ist die Welt von morgen vermutlich nicht egal, sofern sie über einen kleinen Mundvorrat an Empathie verfügen."

70: Wieder so eine gnadenvolle, geistreiche sprachliche Petitesse (:-) Aber das reicht nicht; ein kleiner Mundvorrat wird nicht reichen. Aber vielleicht bewegen Sie mit Ihren anschließenden Impressionen, nein es ist schon mehr, es handelt sich wohl um den Versuch, der skelettierten Sinnfrage doch noch etwas Fleisch abzugewinnen - ja vielleicht lösen diese feinsinnigen (natürlich für den wahren Atheisten verächtlichen) Träumereien nicht nur Besinnlichkeit, sondern vielleicht sogar Besinnung aus. Erst einmal zu ihrer L e b e n s l u s t und Ihrem L e b e n s h u n g e r.

69: Ja, "es soll Menschen geben, die ihrem Ende gelassen begegnen, lebenssatt (ja, das ist die Vokabel, die Rudi für angemessen hielt, Anm. FJWR), wie man so sagt. Aber wie kann einen das Leben, dieses wunderbare Leben, jemals satt machen? So ein Sattmacherleben habe ich leider nicht geführt, ich habe noch Hunger. Vielleicht ändert sich das, wenn man schwächer wird."

70: Jetzt aber mal Butter bei die Fische - wie hält's der Martenstein mit der Metaphysik?

69: "Unendlichkeit und Ewigkeit sind mit unseren Sinnen nicht zu fassen, sie übersteigen das menschliche Vorstellungsvermögen. Unendlichkeit und Ewigkeit beweisen, dass es etwas gibt, das größer ist als wir, viel größer. Genauso unvorstellbar ist für uns der Tod, eine Welt ohne das Ich gibt es für das Ich nicht."

70: Sie sagen der Tod markiert das Datum, "an dem deine Welt untergeht, alles Gute, alles Schlechte". Aber wie muss man sich denn vorstellen, dass Kultur, Erinnerung, Gedenken, Erzählung in die Welt kommt?

69: "Heute denke ich vor allem an die, die ich mitnehmen muss, weil nur noch ich mich an sie erinnere. Solange ich lebe, gibt es diese Menschen und diese Bilder noch, danach nicht mehr. Aber ich werde im Kopf meiner Söhne vielleicht noch in vielen Jahrzehnten ein Bild sein, jemand, der ihnen vor langer Zeit einmal etwas bedeutet hat. Das ist der größte Trost, den es gibt, für meine Generation, die an der Schwelle des Alters steht."

70: Einverstanden! Noch ein wenig Sahne auf die Kirche?

69: Ja, "für solche Menschen - an der Schwelle des Alters - gibt es zwei klassische Fragen. War mein Leben richtig? Und was fange ich jetzt mit dem Rest an?

70: Einverstanden! Kurz vor Schluss I und II sind diesbezüglich nicht die ersten Versuche meinerseits. Haben Sie eine Idee, ob ein Leben auch misslingen kann?

69: "Vielleicht, wenn man am Ende einsam ist."

70: Was irritiert sie am meisten mit dem Blick auf gegenwärtige Verhältnisse und Entwicklungen?

69: "Eine weit verbreitete Gnadenlosigkeit. Es ist interessant, wie häufig wir, meine Generation, am Ende zu den Ideen der Jugend zurückfinden, ich zum Beispiel zum Christentum. Zu den liebenswertesten Ideen dieser Religion gehört die Gnade, also ein Gott, der seinen Geschöpfen lieber vergibt, als sie zu bestrafen."

70: Und noch eine wichtige Botschaft geht von Ihren alters- und generationsbezogenen Reflexionen aus. Unsere Generation verfügt aus Ihrer Sicht über ein ganz besonderes, singuläres Alleinstellungsmerkmal.

69: Ja, "fast alle meiner Generation, mich eingeschlossen, sind ja mit dem Abscheu gegen die Nazis politisch erwachsen geworden. Das war unser Treibstoff, diese Scham, dieses 'nie wieder' [...] Mit uns geht die letzte Generation, die mit echten Nazis zu tun hatte, zu einer Zeit, als diese noch voll im Saft standen und keine Greise waren. Es waren unsere Lehrer, manchmal Eltern, unsere Onkel und Tanten. Sie hatten mitgemacht, sie waren dafür, zumindest am Anfang. Und sie waren sehr verschieden. Es gab die Unverbesserlichen, die, denen ihre Vergangenheit peinlich war, die, die ehrlich bereuten, wie es schien."

70: Sie kommen zu einem interessanten Kurzschluss, der mich mein Erwachsenenleben gleichermaßen beschäftigt hat.

69: Ja, "ich hätte einer von ihnen sein können. Wie hätte ich mich damals an ihrer Stelle entschieden? Hätte ich damals, als Mensch des Jahrgangs 1913 zum Beispiel, genug Mut und Einsicht gehabt, um Nein zu sagen? Das ist die Frage meines Lebens, die mich nie losgelassen hat und die ich mit ins Grab nehme. Um einen so aggressiven Moralismus zu vertreten, wie er heute üblich ist, muss man seiner eigenen Vortrefflichkeit schon sehr sicher sein."

70: Ja, Martenseitn - einverstanden. Um so konsequenter gilt es den Unverbesserlichen, den Naiven und den vermeintlich Harmlosen entgegenzutreten. In Adornos "Nie wieder" verbürgen Staat und Gesellschaft und jeder Einzelne die unverbrüchliche Identität unseres Gemeinwesens. Wer hier zaudert, zögert oder zweifelt, stellt sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung mit ihren Grundwerten. Er darf und muss mit unserem Unverständnis und unserer Unnachgiebigkeit rechnen; solange, bis der Nährboden für Reichsbürgerschaft ausgedorrt ist und die AfD aus unseren Parlamenten verschwunden ist: Keine Stimme der AfD!

Apropos Alter: Wir schreiben heute den 31. Dezember 2022, und Harald Martenstein ist immer noch keine siebzig. 3Sat bietet uns Sylvester - wie in jedem der letzten Jahre - rund um die Uhr einen parforce-Ritt durch die Rock- und Pop-Geschichte. Zum Frühstück gab es Supertramp:

Fool's Ouverture

Ja, Harald Martenstein, wir sind alt geworden - und leider, leider, leider - Fool´s Ouverture ist aktuell, brandaktuell!!! Nie wieder - Nie wieder- Nie wieder!!! Was in Fool's Ouverture auf England bezogen wird, gilt heute für Europa (und die Welt)

Noch eine kleine Kostprobe:

crime of the century

Ricarda Messner: Wo der Name wohnt II - hier Teil I

Eine Ermunterung für meine Nichte Kathrin

Hausnummer 36 und 37, hier in Berlin hat die Familie jahrelang gelebt. Hier ist sie vor fünf Jahrzehnten aus Riga angekommen. Hier treffen Alltag und Erinnerungen aufeinander. Und hier hat die einzige Tochter den Wunsch, den Familiennamen zu bewahren – und die Geschichten, die mit ihm verbunden sind.

So ist es zu lesen auf der Rückseite des Umschlags zu Ricarda Messners (Jahrgang 1989) Buch Wo der Name wohnt (Suhrkamp, Berlin 2025). Drei Frauen bilden das generative Gerüst, dem der Erzählstrang dieses 166 Seiten umfassenden Büchleins folgt. Großmutter und die Mutter traktiert die Enkelin bzw. die Tochter mit ihren Fragen. Die Mutter kommt dabei nicht gut weg:

„Stelle ich meiner Mutter solche Fragen, kann sie mir nicht weiterhelfen, wundert sich. An die von mir gewünschten Details kann sie sich nicht erinnern, auf solche Dinge hat sie nicht geachtet,  und überhaupt erinnert sie die Vergangenheit schlecht.“ (Seite 24)

Gleichwohl erinnert Ricarda Messner andere Tage, die sie zwar nicht verstehe, über die sie sich aber freue:

Da will Mutter von alleine zurück, schenkt mir phantastische Geschichten, schickt Fotos, erzählt die Geschichten hinter den Fotos.“

Warum komme ich mir weniger skurill vor, wenn ich das lese und soeben dem SPIEGEL für’s Familienalbum ein Foto angeboten habe und gleichzeitig die Geschichte dahinter andeute?

Hildes Geschichte - Reloaded - eine erneute Betrachtung in unruhigen Zeiten

Mit fast 74 Jahren darf man Geschichten noch einmal überdenken; im Verlagsgeschäft würde ich von einer erweiterten Neuauflage sprechen - dem Versuch geschuldet, Erkenntnisse und Sichtweisen einzubeziehen, die mir vor vierzehn Jahren so noch nicht zugänglich waren. Um diese erneute Annäherung einzuleiten und auch noch einmal zu begründen, eignet sich wie kein anderes das 31. und damit vorläufig letzte Kapitel von Hildes Geschichte. Dies ist eindeutig der Fall, weil dieses Kapitel weit über Hilde hinausweist, ohne Hilde aber kein Fundament, keinen Anker hätte. So wie für mich - mit meinen fast 74 Jahren - all die Auseinandersetzungen und Aufarbeitungen, in deren Mittelpunkt Hilde steht und deren Ausgangspunkt sie ist, erst im fortgeschrittenen Alter von fast 60 Jahren begannen (das erste Kapitel von Hildes Geschichte ist am 2. Weihnachtstag 2011 entstanden), so vermute ich, dass bei meinen Kindern und Nichten eine solche Auseinandersetzung eben auch erst im fortgeschrittenen Alter einsetzen wird - zumindest im Hinblick auf eine vergleichbare Akribie und Intensität. Ich werde also mit all meinen Bemühungen einen gediegenen Steinbruch hinterlassen. Und meinem Neffen rufe ich noch einmal zu: Steinbrüche - auch Trümmerwüsten - haben unsere Ahnen allesamt hinterlassen. Es ist an uns aus diesen Gesteinshalden Häuser, Lauben und Brücken zu bauen; Häuser, in denen man wohnen kann, Lauben, in denen man durchatmen kann und Brücken, über die man gehen kann. Es geht um nichts Geringeres als die Wahrnehmung von Handlungsspielräumen in verantwortlicher Haltung.

Ricarda Messner - Wo der Name wohnt I - hier geht es zu Teil II

Der letzte Satz des Interviews mit Ricarda Messner, das Cristoph Schröder verantwortet, lautet:

"Die Geschichten sind mir voraus; ich laufe ihnen immer hinterher."

Ricarda Messner (36) wird uns vorgestellt als Mitbegründerin des Flaneur-Magazins. In einer Sonderausgabe der ZEIT vom 29. November 2025 wird ihr Debütroman Wo der Name wohnt (Suhrkamp, Berlin 2025) vorgestellt. Doch zuvor ein knapper Exkurs zu dem von ihr mitbegründeten Flaneur-Magazin:

"Ein Flaneur hat Zeit. Mit offenen Augen lässt er sich durch die Straßen einer Metropole treiben, ohne Plan und ohne Ziel. Ein stiller Beobachter, dem jede zufällige Begegnung willkommen ist, denn er sammelt Eindrücke."

In der Tradition Charles Beaudelaires sehen die Begründer des Flaneuer-Magazins ihr Projekt. "Als >Botaniker des Bürgersteigs< beschrieb der französische Dichter und Dandy Charles Baudelaire diesen lässigen Spaziergänger und etablierte ihn als literarisches Sujet des 19. Jahrhunderts. Ein Flaneur, so Baudelaire, sei eigentlich ein hochsensibler Künstler. Dieser >Mann der Menge< solle in die Düfte, Geräusche und Farben der Großstadt eintauchen, um sie wirklich verstehen zu können."

In Flaneure, Spieler und Touristen schärft Zygmunt Bauman diese Perspektive durch ein spätmodern ausgerichtetes Okular und weist (schon) 1995 auf die beobachtbaren Präferenzen für ">nicht bindende Bindungen<" hin (Christopher Lasch) hin. Dort ist zu lesen, dass wechselnde, unverbindliche Beziehungen zwischen Fremden sich scheinbar primär an taktiler Lust zu orientieren scheinen:

Von Putzerfischen und Schmeißfliegen - relouded

Ich stelle den Text bereits online - er befindet sich allerdings noch in Bearbeitung.

Es ist nicht zu übersehen: In mancherlei Hinsicht bin ich in meiner Vergangenheit angekommen. Ein Reloaded lohnt nicht nur. Es ist unvermeidbar, um sich nicht ständig zu wiederholen. Zugegeben: Hier handelt es sich um eine Paradoxie in Reinkultur! Dafür mag der folgende Beitrag stehen. Die zehn Jahre, die er auf dem Buckel hat, bedeuten - bezogen auf ein Menschenleben (im Sinne des aktuellen statistischen Mittels) - ja schon eine Hausnummer. Und wenn er (auch nur als Anhängsel von Sabine Rückerts bemerkenswerten Überlegungen) schon (fast) alles sagt und vorwegnimmt, was zu einem (fast) alle umtreibenden Thema zu sagen ist, bewegt man sich auf der Höhe der Zeit, indem man sich erinnert. Natürlich sind danach gewichtige Beiträge zustande gekommen: In der Patenschaft von Eva Illouz, durch viele in fachlicher Expertise entstandener Anregungen: STARKe Beiträge - oder in der erneuten Patenschaft von Karl Otto Hondrich; in einer Vielzahl von eigenen Beiträgen zum Themenkomplex Familie, Partnerschaft - sie haben eine leicht mildere Färbung angenommen als noch unter dem Signum von: Liebe, Sex und solchen Sachen!

Das Reloaded des nachfolgenden Beitrags aus dem Jahr 2016 kann nicht gänzlich unkommentiert daher kommen, weil eben die Zeitläufte und die Lebensläufe in der Zeit (Passwort: wiro2015) Fakten geschaffen haben, die einerseits den Empfehlungen von Sabine Rückert - immer eingedenk eines Körnchen Salzes - entsprechen; die andererseits aber auch immer wieder im Kontext der Fragen stehen, die Eva Illouz aufwirft: Warum Liebe weh tut? bzw. Warum Liebe endet?

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund
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