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Joachim Meyerhoff und Simon VerhoevenAch, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Ich gehe selten in's Kino - auch diesmal eher genötigt. Wie so häufig war ich der Auffassung, meine Lektüre nicht durch eine filmische Inszenierung stören zu lassen. Nun bekenne ich mit diesem Blog-Eintrag, dass es überaus lohnend sein kann, sich der unangenehmen Situation einer intimitätsfeindlichen Kino-Konstellation auszusetzen - ich war verwundert über eine beträchtliche, so nicht erwartete Publikumsresonanz. Andererseits haben Joachim Meyerhoff und Simon Verhoeven sich diese Resonanz redlich verdient! Natürlich kann Kino einerseits nicht, was die Prosa-Aussetzung kann. Aber es kann andererseits so ungleich viel mehr. Was mich bei Simon Verhoevens Inszenierung gleichermaßen fasziniert hat, war einerseits das präzise Spiel der Schauspieler und andererseits die gelungene drehbuchmäßige Adaption eines Stoffes, von dem anzunehmen war, dass es doch mit Blick auf 136 Minuten (das sind immerhin zwei Stunden und 16 Minuten, also das, was man gemeinhin Überlänge nennt) einer Quadratur des Kreises gleichkäme, diesem Stoff gerecht zu werden.

Randbemerkung: Ein Gerecht-Werden ist zu konzedieren. Denn ich unterstelle - mein Gott, woher kommt denn dieser misanthropische Fatalismus? - eine massenhaft erkennbare Unfähigkeit zu lesen, wirklich tiefgründig zu lesen (wir Leser bewegen uns in einer kleinen Blase, oder glaubt Ihr etwa es wäre anders? Wäre es anders, würde nicht ein knappes Viertel der Wähler ungebildeten Demagogen ihre Wahlstimme schenken). Wenn dies so ist, ist es natürlich ebenso aberwitzig anzunehmen, dass Demagogen-affine Menschen sich einem Verhoeven-Film aussetzen. Sei's drum. Warum war der Kino-Besuch auch mit fast 74 Jahren Lebensalter eine 11-Euro-werte sinnvolle Investition kostbarer Lebenszeit?

  • Es ist ein reines, unverstelltes Vergnügen, guten Schauspieler:innen bei ihrer Arbeit zuzusehen: Ein vorzügliches Casting (auch das Zusammenspiel von Mutter und Sohn) und in der Gesamtbilanz ein überaus brillantes Zeugnis für die Arbeit deutscher Schauspielschulen. Ein besonderes bonmot liegt in der Inszenierung des Spiels im Spiel, da ja Joachim Meyerhoff an der Falkenberg-Schauspielschule sein Handwerk gelernt hat.
  • Das Lernen - um es vorwegzunehmen - auch als Gesamtkunstwerk, in dem sich die grandiose Metamorphose eines Schauspiel-Eleven vollzieht, verdankt sich Bruno Alexander, der in seiner Rolleninterpretation ja den vollkommen tölpelhaft daherkommenden - vermeintlich gänzlich begabungsfreien - Joachim Meyerhoff geben muss. Chapeau!
  • Mein Urteil entbehrt ja - gerade mit Blick auf Kino - jeglicher Expertise. Es spiegelt lediglich vollkommen subjektive Eindrücke wider: Senta Berger, ja das passt auf grandiose Weise. Michael Wittenborn zeigt Schauspielkunst auf Höchstniveau. Dieses Urteil basiert auf Selbsterfahrung. Diese Selbsterfahrung enthält gleichermaßen den bereits geäußerten Vorbehalt, dass Kino dort an Grenzen stößt, wo es zwangsläufig Gevatter Chronos überlisten, ja geradezu ignorieren muss: Michael Wittenborn gelingt dies bedingt, gleichwohl auf überaus beeindruckende Weise. Mit Blick auf den sieben Jahre andauernden Weg in die Demenz und den körperlichen Verfall meines Schwiegervaters (von 2003 bis 2010) erhellen Blitzlichter schauspielerischen Könnens diesen unendlich erscheinenden Prozess, in dem sich Menschen selbst verlieren. Insofern verschatten sie gleichermaßen das, was sich täglich Wochen für Wochen, Monate für Monate und Jahre für Jahre in deutschen Familien und in Pflegeheimen ereignet (im Pflegeheim war es zuletzt meine Schwiegermutter, die über drei Jahre ihre eigene Weise der Depersonalisierung erlebte und erlitt. Sie starb ja nicht an, aber gewiss mit den verheerenden Konsequenzen unseres covid-19-Managements).
  • Mit Blick auf das Sterben - Alle Toten fliegen hoch - gelingt Joachim Meyerhoff ohne Zweifel die Quadratur des Kreises. Er legt die Wunden frei, die wir allzugern zudecken und ignorieren. Er entwickelt dazu Strategien und Formen, die es uns erlauben, diese Wunden zu spüren und anzuschauen. Nicht zuletzt spricht aus ihm  ein (schwarzer) Humor bester britischer Provinienz. Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke - der Tod seines Bruders - markiert ja einen Verlust, der möglicherweise Auslöser und Trigger für Joachim Meyerhoffs Schreiben war und ist. An dieser Stelle hätte ich zumindest mit ihm einen außerodentlichen Konsens gemein (der Tod meines Bruders hat mich zuerst als Berserker in die Krise getrieben und schließlich zu einem bislang nicht mehr versiegenden Schreibfluss getrieben).
  • Joachim Meyerhoff und Simon Verhoeven triggern mein Großelternbild (da macht es auch gerade garnichts, dass Herman Krings nicht Joachims leiblicher Großvater ist. Was mich natürlich irritieren muss, sind die bürgerlichen Skurrilitäten und mehr noch die bildungsbürgerlichen Attitüden und Absurditäten in einem gediegenen Müncher Nobelviertel. Gurgeln mit Enzian und Schutzhüllen auf den Polstern hellen die spießbürgerliche Idylle humorvoll auf. Und vielleicht ist es die stoische Haltung der Großeltern - immer promillemäßig unterfüttert -, mit der Joachim als Beobachter ein liebevoll-skurriles Bild zeichnet. Mit seinen Aufzeichnungen, die den Beginn für Alle Toten fliegen hoch markieren, beginnt er ja just in jenen Jahren, in denen er bei seinen Gr0ßeltern wohnt.
  • In den nachstehend nachzuvollziehenden ersten Würdigungen dieser Bemühungen Joachim Meyerhoffs war immer schon die intensive Wahrnehmung und Schilderung dessen enthalten, was im eigentlichen Sinn mit diesem Rahmentitel: Alle Toten fliegen hoch gemeint ist: Dass die Toten nicht tot sind, dass wir aber ihren Tod erleiden - im besten Fall ihre Sterben begleiten. Hier ist an Helga Schubert und an Alexander Kluge zu erinnern, die mir - ähnlich wie Joachim Meyerhoff - jene Haltung vermittelt, die mein Leben seit 1988 zuerst subtil und zuletzt (seit 2003) ganz offen und offensiv entscheidend prägt.

Wer daran riechen will, dem kann ich nur einen Kinobesuch empfehlen - 11 gut investierte Euro (hinzu kamen allerdings noch etwa sechsmal soviele Euros, weil Claudia, Meggy und ich uns gegenüber vom Odeon im Papa Umi noch einen Nachschlag erlaubt haben: Kommt reden wir zusammen - wer redet, ist nicht tot! Liebe Grüße an Rudi!

 

Heinrich Böll und Joachim Meyerhoff: Provinzialismus und Regionalismus als Hort bodenständigen Erzählens

Einem der intimsten und leidenschaftlichsten Kenner des Werks Heinrich Bölls zugedacht

In der dritten, 1972 erschienen Auflage eines Sammelbandes mit dem Titel: Der Schriftsteller Heinrich Böll (erstmals 1959 bei Kiepenheuer & Witsch) findet sich bei Karl Korn: Heinrich Bölls Beschreibung einer Epoche folgende Anmerkung: 

"Böll hat vor Jahren nicht ohne Ironie einer Art Regionalismus oder Provinzialismus der erzählenden Literatur das Wort geredet. Solches bezeichnet vordergründig bei Böll allemal die alte römische, die katholische und die moderne industrielle Metropole am Rhein, allenfalls noch die Rübenäcker der Kölner Bucht und die Eifel als Vorland."

Bei Joachim Meyerhoff (Jg. 1967): Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (auch bei Kiepenheuer & Witsch - 41. Auflage 2020) bildet nunmehr die Stadt Schleswig - jeweils auf halbem Weg zwischen Flensburg und Rendsburg - die untrennbare Aura zu seinen kindheits- und jugendbezogenen Erzählungen: "Von Schleswig nach Kiel sind es circa sechzig Kilometer. Der nordeutsche Winter ist trist. Bis Mittag wird es kaum richtig hell und ab vier schon wieder stockdunkel." Im Kern ist es in der Tat jene Atmosphäre der Tristesse, in die Joachim Meyerhoff - Josse, wie ihn sein Vater liebevoll nennt - seine skurillen, humoresken Geschichten implementiert.

Ich möchte heute Morgen nicht näher auf diese skurillen Geschichten eingehen, deren Unterhaltungswert durch die Schreibe Joachim Meyerhoffs garantiert und geadelt wird. Dass sich aber Meyerhoffs Unterhaltungskunst eben nicht nur in Skurillem und Amüsantem erschöpft, haben beredtere Kritiker als ich sattsam attestiert. Ja, "Meyerhoffs Roman ist ein wunderbares Vaterbuch, zärtlich, komisch und am Ende untröstlich traurig." (FAZ) Auch ZEIT online möchte ich zustimmen: "Ein mitreißender, bewegender, lebenskluger und romantischer Roman." Und meinetwegen auch dem SPIEGEL: "Dass Meyerhoff neben komischen und tragischen auch [...] traurige Geschichten zu erzählen hat, zeigt, dass es ihm nicht nur um Effekt, sondern auch um Wahrhaftigkeit geht."

Nur soviel, bevor ich - wiederum - eine Seite O-Ton hier anbiete - um neugierig zu machen, um Besinnung anzuregen, um fragend vor Fragen zu stehen; um Antworten zu finden, die uns ein Stück weit über die Sümpfe der alltäglichen Niederungen hinweg tragen: Selten hat sich jemand so radikal und schonungslos ausgesetzt, wie Joachim Meyerhoff in seinen Büchern. Ohne dabei auch nur in Ansätzen scham-, würde- oder respektlos zu erscheinen, dekonstruiert Meyerhoff - ähnlich wie Heinrich Böll -, das, was wir Familie nennen. Er gibt auf seine Weise eine Antwort auf die Frage: Was ist eine Familie und was macht sie besonders? Und all das, um am Ende - wie Monika Betzler und Jörg Löschke - auf seine Weise zu sagen:

"Familie ist ein sozialer Verband, der denjenigen, die Mitglied dieses Verbands sind, aus ihrer erstpersonalen Perspektive praktische Gründe (oder Pflichten) gibt, sich um die Familie und ihre Mitglieder um ihrer selbst willen zu sorgen und mehr zu tun als für Fremde oder Mitglieder anderer Gruppen.“

Es erscheint mehr als delikat und skurill, wenn Joachim Meyerhoff - gemeinsam mit seinem Bruder - nach dem Tod des Vaters das Sinnbild des notorischen Fremd- und Linksgehers allumfassend und schonungslos entdeckt und enttarnt, wenn sie gemeinsam die bis zum Ableben des Vaters unentdeckte Zweitwohnung in Kiel auflösen - in einem Akt der liebevollen Distanzierung: "Dann stand mein Bruder plötzlich auf und fing einfach an zu tanzen. Ich sah ihm dabei zu, und dann tanzte ich auch. Wir tanzten beide in dieser Wohnung, und aus dem Kieler Hafen lief eine riesige Fähre aus, festlich beleuchtet."

Der Abschied ist in der Tat ein brutal-schmerzhafter, ein brutal-enthüllener, ein zärtlich-liebevoller; kaum zu fassen und zu begreifen in seinen paradoxen und widersprüchlichen Facetten (so mit Blick auf die späte Versöhnung der Eltern). Es lohnt und es bleibt alternativlos Joachim Meyerhoffs - auch sprachlich - furiose Rekonstruktion einer furchtbaren Familie zu lesen. Wer ist jener Jochachim - Josse - Meyerhoff, der sich auszieht und sich zu seinem toten Vater ins Bett legt (siehe Seite 343)? Es hilft und heilt da in der Tat nur lesen. Die conclusio aus Meyerhoffs Irrungen und Wirrungen steht auf Seite 348. Ich gebe sie hier ohne Kürzung wieder:

"Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte sein, das Abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden, und das vor mir soll die sogenannte zu gestaltende Zukunft sein?
Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? Es ist ein bedrückender Gedanke, aber hin und wieder kommt mir das Leben, das noch vor mir liegt, wie eine für mich maßgeschneiderte, unumgänglich zu absolvierende Wegstrecke vor, eine Linie, auf der ich vorsichtig bis zum Ende balancieren werde.
Ja, daran glaube ich: Erst wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremder, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten
."

Dietmar Kamper und Rudi Krawitz

Dietmar Kamper und Rudi Krawitz wirken im Rückblick ebenso abgeklärt wie Julian Barnes.

Der nachfolgende Beitrag ist bereits 2016 - vor fast zehn Jahren - Blog-mächtig geworden. In Kurz vor Schluss (Koblenz 2017) ist er als Beitrag 67 (S. 590-597) berücksichtigt. Ich habe ihn heute morgen noch einmal gelesen und mich der Gespräche mit Rudi erinnert. Er kannte und schätzte Dietmar Kamper. Rudis pädagogisches Credo soll hier mit zwei zentralen Hinweisen verdeutlicht werden. Er vertrat die Einheit von Leib, Seele und Geist, indem er einerseits forderte (Hervorhebungen FJWR):

"Allein eine pädagogische Praxis, in der der Leib ausdrücklich zugelassen ist, kann Kindern sowohl das extensive (raumeinnehmende) Ausagieren ihrer individuellen Befindlichkeit wie auch die intensive (angestrengte) Auseinandersetzung mit der äußeren Welt möglich machen, so daß sie selbst in zunehmendem Maße erleben, in ihrem Leib wirk-lich in jeder Hinsicht (nach innen und nach außen) zu Hause zu sein (S. 300)."

und andererseits anmerkte:

Jules Barnes - Good Morning II (hier: Teil I)

in progress

Das folgende mag nun zunächst einmal merkwürdig anmuten. Aber was die Geschichte in der Geschichte anbelangt, die Sie, werter Herr Barnes erzählen, nimmt ja ein Jack Russell namens Jimmy zunehmend eine Hauptrolle ein, auch deshalb, weil Jimmy - nach dem Ableben von Jean und Stephen - bei Ihnen Asyl findet. Sie merken an, das Jimmy der Kümmerling seines Wurfes gewesen sei, und dass Jean in in der ersten Zeit in der Manteltasche herumgetragen hat. In bester Tradition - ich verweise hier einmal auf John Steinbecks Charly und auf den Charly (ich glaube ein Dackel), den Karl Otto Hondrich in Verehrung John Steinbecks ebenfalls Charly nennt - lassen Sie nun Jimmy Persönlichkeit werden. Hier ein paar kleinere Kostproben:

"Als Stephen zum ersten Mal zu Jean kam, ertönte ein wütendes Gebell, bevor sie die Tür öffente. Durch den Spalt sagte sie: >Schau ihm nicht in die Augen.< Als Stephen ihn tätscheln wollte, biss Jimmy ihn kräftig in den Daumen. Später biss er in seine Hosenbeine und Schnürsenkel und pinkelte auf einen Pullover, der dummerweise in Hundereichweite gelegen hatte. Er wollte einfach sein Frauchen verteidigen, so viel war klar und normal; aber er war auch ein eifersüchtiges kleines Luder. So drehte er aus irgendeinem Grund vollkommen durch, wenn Stephen aus seiner Perspektive größer erschien als Jean - weil er stand, sie aber auf dem Sofa saß -, was der Hundeverstand als Bedrohung wertete. Wenn Stephen ihr zum Beispiel eine Tasse Tee brachte." (S. 116)

Good Morning, Mister Barnes,

(hier: Teil II)

Ich folge Ihrer Einladung in eine unbestimmte Stadt in einem unbestimmten Land in ein Straßencafé.

Und ich kann Ihnen versprechen, meine Hörgeräte sind aufgeladen, und ich sitze zu Ihrer Rechten, denn mein linkes Ohr ist das empfindsamere. Ich gebe zu, dass ich Sie nicht sehr gut kenne. Aber Abschied(e) verändert dies gerade eben auf so nachhaltige Weise, dass ich dies gegenwärtig (noch) verschmerzen kann. Hinzu kommt, dass ich knapp sechs Jahre jünger bin als Sie, von lebensbedrohlichen – selbst lebensbegleitenden - Krankheiten verschont; also bei bester Gesundheit. Selbst wenn Ihnen die Marmelade ausgeht (auf Seite 238 – also immerhin auf der vorletzten Seite), mag es mir noch vergönnt sein, meinen Horizont mit Ihren Anregungen zu erweitern. Ich werde weiterschauen, bis mir ebenfalls die Marmelade ausgeht.

Nun habe ich – wie es inzwischen einer guten Gewohnheit entspricht – auch Ihre Abschiede ein wenig von hinten aufgezäumt. Dies ist insofern zumindest fragwürdig, als Sie mir bereits auf den ersten Seiten einen Flash verpasst haben, der sich in meiner zweiten Lebenshälfte als lebensbegleitendes Elixier in mir breitmacht (Kurz vor Schluss I und Kurz vor Schluss II – das erinnert mich im Übrigen an Ihre letzten Interviews, die bislang immer vorletzte waren. Mal sehen, ob sich das mit ihrem letzten Buch auch so verhält, siehe Seite 18).

NIE WIEDER

und das zivilisatorische Minimum 

Ein starkes Plädoyer für die Alternativlosigkeit einer lebendigen Erinnerungskultur mit Zygmunt Bauman eingedenk der von Carl Schmitt eingeführten ontologischen Fundamentalbetonage von Freund und Feind

Tova Friedman hat am 27. Januar im Deutschen Bundestag im Rahmen der Gedenkstunde eine Rede gehalten, die ihr eigenes Überleben im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau für alle Zuhörer und Zuschauer in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte. So sehr diese Rede berührte durch die äußerst konkreten Schilderungen einer inzwischen 87 Jahre alten Frau, so sehr betonte sie in ihrer Rede die Voraussetzungen für ein Handeln, das in seiner Grausamkeit und Unmenschlichkeit immer wieder die Grenzen unserer Vorstellungskraft überschritt (siehe exemplarisch: Posener Reden Heinrich Himmlers). Will man der Vorstellungskraft mit Blick auf die Grausamkeit und die Unmenschlichkeit der Massenvernichtung im Zuge der sogenannten Endlösung aufhelfen, so muss man die Prämissen in Augenschein nehmen, die einem entsprechenden Handeln zugrunde lagen. Sie entziehen sich als tiefster und radikalster Ausdruck jenes Zivilisationsbruches einem Verständnis, wie es die Mütter und Väter der Grundgesetzes - darauf hat Julia Klöckner als Präsidentin des Deutschen Bundestages in ihrer gestrigen Eröffnungsrede hingewiesen - mit Artikel 1 des Grundgesetzes in unserem Selbstverständnis verankert haben. Aus naheliegenden Gründen:

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund