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La famille n'existe pas

Einleitung

In der "Familiendynamik" (2/2016, S. 183) schlägt Kurt Lüscher einen "steilen Einstieg" vor, nämlich: "'Familie' ist ein Wort... Zum Begriff wird es, indem wir es nutzen, um Sachverhalte zu bezeichnen, die wir als bedeutungsvoll erachten."

Man könnte sich in der Folge auf Ulrich Becks Idee vom "eigenen Leben" (Ulrich Beck/Ulf Erdmann: eigenes Leben - Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, München 1997) stützen (und auf so viele andere), um mit Kurt Lüscher die für die Moderne bzw. Post- oder Spätmoderne so bezeichnende Frage zu stellen:

"Doch vermag ich denn wirklich und definitiv zu wissen, wer und was 'ich' bin und sein soll? Eben diese personale Subjektivität, das 'Selbst', scheint letztlich nicht fassbar. Wir sind verwiesen auf eine Unergründlichkeit menschlichen Lebens und Erlebens, worin Offenheit zugleich Chance und Last ist und das Zweifeln immer wieder aufblitzt. Gilt dies sinngemäß auch für die 'Familie'?"

Zweifellos, möchte man antworten. Für mich spiegelt sich diese Ausgangslage absolut überzeugend in der Haltung, bei meinen eigenen Erzähl- und Rekonstruktionsversuchen nicht von "unserer" Familiengeschichte auszugehen, sondern - in aller Bescheidenheit und Hybris zu

gleich - von "Hildes Geschichte" zu sprechen; jener Hilde, deren naives und zugleich dramatisches wie folgenreiches Erleben und Handeln im Spätsommer 1941 bis zur Geburt ihrer Tochter im Juni 1942 den "starting point" und den Referenzrahmen für meine Erzählungen bilden.

Ich beginne also nicht mit einer Ahnentafel; die ergibt sich sozusagen aus den - teils offen zutage liegenden, teils im Verborgenen wirkenden Systemlogiken und -zwängen gleichermaßen. Mit Blick auf einen Begriff von Familie nehme ich in höchster Not wie in erfüllender Bestätigung auf Dirk Baekers "Definitionsversuch" Bezug. In der "nächsten Gesellschaft" (in: Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt 2007 - Familienglück, S. 191 und S. 205) meint er im Sinne einer dünnen Beschreibung:

"Die Familie ist der Ort, an dem man geboren wird, aufwächst und stirbt, so sehr man dann auch zeit seines Lebens damit zu tun hat, die Grenzen dieses Ortes kennenzulernen, auszuloten und zu überschreiten."

Und bei allen Ungewissheiten, die damit verbunden sind:

"Man wird jedoch als Form der Bewältigung dieser Ungewissheit wissen, dass man es genau dann mit einer Familie zu tun hat, wenn man auf Leute stößt, die Verantwortung dafür übernehmen, wie der andere geboren wird, lebt und stirbt."

Der Erzähler und seine Geschichten

Dirk Baecker reduziert auf Elementaria: Geboren zu werden, zu leben und zu sterben. Dahinter wird man wohl nicht zurückgehen können, wenn man überhaupt etwas Sinnvolles und Zusammenhängendes erzählen will. Den Sinn und die Zusammenhänge sind - bis auf die kruden Daten, die den Geburts- und Sterberegistern zu entnehmen sind - meine Erfindungen. Manches Mal muss man selbst um die Tatsache, dass einer geboren wurde und dass er gestorben ist, ringen wie um die arme Seele. Es wird sich zeigen, dass nichts selbstverständlich ist und der Dissens beim Ringen um Sinn und die Deutung der Zusammenhänge unausweichlich ist - frei nach der Devise, dass gesund bleibt, wer sich frei in seiner Familie bewegen kann. Damit ist eine erste Zumutung schon ausgesprochen; Zumutung im Sinne von: Habe Mut! Mut wozu? Mut, dich frei in deiner Familie zu bewegen? Noch einmal Dirk Baecker:

"Für die nächste Familie ist es sicherlich nicht sinnlos, von einem Repertoire der Möglichkeiten des Familienlebens und auch von Schemata der Familiengründung und von Skripten der Kindererziehung und Altenversorgung zu reden..."

Und was ist mit der letzten Familie; der Familie, dem Ort - wir Baecker sagt - an dem wir geboren worden sind, aufgewachsen sind und auch sterben? Lässt sich auch dafür eine Sprache finden?

 

Kontakt nach mehr als 40 Jahren

nachstehende mail habe ich gestern unter meinen mails gefunden. Meine Antwort konnte leider nicht zugestellt werden. Also, mein lieber Fredy, solltest Du Dich noch einmal in meinem BLOG umsehen, dann kannst Du hier nachlesen, dass mich deine mail erreicht hat und dass ich mich gefreut habe, nach mehr als 40 Jahren ein Lebenszeichen von Dir zu bekommen. So grüße ich Dich auch heute aus dem nach wie vor unwirtlichen Koblenz.

Dies ist eine Mailanfrage via http://fj-witsch-rothmund.de/ von:
Alfred Biedermann <alfred.biedermann@gmx>;

Sehr geehrter Herr Witsch-Rothmund,

sind Sie der Franz Josef Witsch der in jungen Jahren in Bad Neuenahr am Sportplatz gewohnt hat, und mit dem ich vor fast 50 Jahren meine ersten Akkorde auf der Gitarre geklimpert habe ?
Wenn, nein, dann entschuldigen Sie bitte meine e-mail. Wenn, ja, dann kann ich ja jetzt zum "Du" wechseln und sende Dir und, unbekannter Weise, Deiner Frau schöne Grüße von den Philippinen

Aspekte zur Theorie des Tagebuchs

Denkt man darüber nach, welche Absichten und Zwecke man mit dem Verfassen eines Tagebuches verfolgt, bewegt man sich auf einer Metaebene. Ich fasse solche Bemühungen deshalb unter dem Begriff des Metatagebuchs zusammen. Nehme ich die Zwecke selbst in Augenschein, bleiben neben dem Tagebuch selbst, das vermutlich die eindrücklichste und nachvollziehbarste Form der Selbstvergewisserung darstellt, spezifische Unternehmungen, wie beispielsweise das Lerntagebuch oder ein Sterbetagebuch. Dies kann gewissermaßen auch in einem Gesamtunterfangen kumulieren, wie es z.B. Wolfgang Herrndorf in seinem Online-Tagebuch Arbeit und Struktur öffentlich in Form eines BLOGS bis zu seinem Suizid im August 2013 versucht hat. Der Leser kann bis zum Ende jene (sicht- und nachvollziehbaren) Spuren verfolgen, die jemand im Angesicht einer finalen Diagnose hinterlässt. Das Tagebuch wird auf diese Weise zu einer prozeduralen Hinterlassenschaft, die Einsichten erlaubt – eben in die Arbeit (Prozess), die jemand absondert und in die Gerinnung dieser Absonderungen (Struktur). Irgendwann – spätestens post mortem – bleiben nur noch die Einkerbungen in eine Welt, die das eigentlich nicht nötig hätte (Derrida).

Aber vielleicht hat es der Tagebuchschreiber nötig. Die spannendste Frage ist und bleibt für Beobachter (fürs Publikum) die, wie weit jemand dabei bereit ist zu gehen. Soweit ein Tagebuch ausschließlich der Selbstvergewisserung dienen soll, wird es in der Regel im Selbstpol verschlossen bleiben – ein autistisches Unterfangen, bei dem man sich rückhaltlos mit sich selbst und der Welt auseinander setzt, ohne sich einer Öffentlichkeit auszuliefern. Davon wird es vermutlich Millionnen und Abermillionen an Zeugnissen geben, die in Schulbladen – heute in virtuellen Ordnern – geheim gehalten werden oder auch vor sich hinwarten, bis sie sich irgendwann unbeobachtet – auch physisch entmaterialisieren. Im Übrigen kann man die von Henning Mankell vertretene Haltung, man solle sich im Leben nicht zu viele Sorgen machen, man komme da sowieso nicht lebend raus, so oder so deuten: Lebt einfacht und hört auf ständig zu reflektieren oder gar zu lamentieren - oder: Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden (Psalm 90). Henning Mankell hat offensichtlich beide Haltungen auf ungewöhnliche Weise zu einer Symbiose verschmolzen.

Soll das Tagebuch hingegen eine Außenwirkung haben – zwischen Selbst- und Fremdpol oszillieren –, dann muss es adressiert sein; an die Hinterbliebenen oder im Falle ausgewiesener Prominenz an die (Welt-)Öffentlichkeit. Dazu hat nicht jeder den Mut bzw. manche neigen dazu, ihr Mütchen erst posthum zu kühlen. Dann kann man nicht (mehr) gefragt werden, und man muss/kann sich auch nicht mehr rechtfertigen. Dass dies eine sinnvolle, ja not-wendige Voraussetzung für ein erträgliches soziales Miteinander sein kann, hat Peter Sloterdijk in der lapidaren Sentenz zusammengefasst, diskret sei derjenige, der wisse, was er nicht bemerkt haben solle! Selbstdiskretion – und Diskretion überhaupt – sind nicht selten notwendige Voraussetzungen für ein Überleben in Gemeinschaft. Schließlich erklärt sich aus den zivilisatorischen Errungenschaften der Selbstdesinteresserierung, des Taktes und der Diskretion, warum das Tagebuch nach wie vor in seiner überwiegenden Existenz im Selbstpol verschlossen bleibt und das nicht autorisierte Lesen eines Tagebuchs einen gravierenden, in der Regel folgenreichen Tabubruch darstellt. Entgeht der ernsthafte Versuch eines Tagebuches in der Regel nicht zuletzt auch der nachhaltigen und radikalen – oder wie sagt man so treffend: der schonungslosen Auseinandersetzung mit den eigenen Schamgrenzen und den eigenen schuldhaften Verstrickungen im Leben.

Daher grundsätzlich die Empfehlung an die zarten Seelen lieber zu leben als (nach-) zu denken oder gar mit der unvermeidbaren Sichtbarkeit von (Schrift-)Zeichen Spuren zu produzieren und möglicherweise zu hinterlassen. Wer hingegen das Risiko der Aussetzung bereit ist in Kauf zu nehmen oder zu kalkulieren, der ist mit einem Online-Tagebuch gut beraten (aber das machen die Schnapsnasen in unreflektierter bis peinlicher Weise - völlig unambitioniert - ja ohnehin in den sogenannten sozialen Netzwerken, ohne auch nur annähernd respektables Tagebuch-Niveau zu erreichen).

Hildes Geschichte - Das Feuerzeug [Kapitel 1]

Hildes Geschichte - Änne, Hilde und der Blitz [Kapitel 2]

Hildes Geschichte - Hildes Zuhause [Kapitel 3]

Hildes Geschichte - Der "Goldene Pflug" und Cupidos Pfeil [Kapitel 4]

Hildes Geschichte - Der Feldwebel [Kapitel 5]

Hildes Geschichte - Das Päckchen [Kapitel 6]

Hildes Geschichte - Hildes Plan [Kapitel 7]

Hildes Geschichte - Konspiration I [Kapitel 10]

Hildes Geschichte - Auf Kollisonskurs [Kapitel 13]

Hildes Geschichte - Konspiration II [Kapitel 14]

Hildes Geschichte - Franz nimmt Hilde zur Frau [Kapitel 15]

Hildes Geschichte - Gebenedeit unter den Frauen im Wüten der ganzen Welt [Kapitel 16]

Hildes Geschichte - Heimkehr zu Änne [Kapitel 17]

Hildes Geschichte - Franz der Teufelskerl [Kapitel 18]

Hildes Geschichte - Franz kehrt heim [Kapitel 19]

Hildes Geschichte - Franz auf dem Weg an die Front [Kapitel 20]

Hildes Geschichte - Zwischen Hoffnung und Verzweiflung [Kapitel 21]

Hildes Geschichte - Hildes Traum [Kapitel 22]

Hildes Geschichte - Die Offenbarung [Kapitel 23]

Hildes Geschichte - Franz der Teufelskerl (II) [Kapitel 24]

Hildes Geschichte - Franz will nach Flammersfeld [Kapitel 25]

Hildes Geschichte - Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) [Kapitel 26]

Hildes Geschichte - Der Himmel mitten in der Hölle [Kapitel 27]

Hildes Geschichte - Der Triumph der Lebens [Kapitel 28]

Hildes Geschichte - Das Leben triumphiert [Kapitel 29]

Hildes Geschichte - Franz, der Teufel(skerl] [Kapitel 30]

Hildes Geschichte - Wie es weitergegangen ist? [Kapitel 31]

 

 

P1170287 Cy Twombly hat die Sammlung Brandhorst für sein Monumentalwerk "Lepanto" einen eigenen Flügel im neuen Museum eingerichtet. Kurz nach der Eröffnung haben Claudia und ich uns die Sammlung Brandhorst angesehen. Fassungslos stand ich vor den 12 Monumenten, die die Seeschlacht von Lepanto mit den Mitteln der Bildenden Kunst veranschaulichen soll. Mein Unbehagen mischte sich einerseits aus den Eindrücken, die ich als Kind in der Rosenkranzkirche zu Bad Neuenahr über viele Jahre in der Betrachtung von Carl Kögls gleichnamigem Fresko gewonnen hatte. Andererseits überwog die Enttäuschung über die bildnerische und gesamtkompositorische Gestaltung und Interpretation Towmblys. Als ich Claudias erste Versuche zur Dynamik entsprechender Motivlagen betrachtete, schlug ich ihr vor, diese beiden ersten Bilder "Towmbly 1" und "Towmbly 2" zu nennen. Beide Gemälde haben mich unmittelbar gepackt und einen sehr viel nachhaltigeren Eindruck erzeugt, als die bescheidenen Versuche Cy Towmblys.

 

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© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund