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Hildes Geschichte - Das Leben triumphiert

Oder muss man nicht vielleicht einen verrückten Philosophen bemühen, der gut 40 Jahre später einen Vorgang beschreibt, der selbst unter idealsten Bedingungen eher dazu geeignet ist, alle Traumata dieser Welt in ihren tiefgreifenden und den Lauf der Welt bestimmenden Langzeitwirkungen begreifbar zu machen.

Bei Peter Sloterdijk rätselt man zunächst darüber, ob das von ihm beschriebene Schlachtengetümmel etwas sichtbar macht, was uns allen so sehr vertraut sein müsste, von dem sich aber nur die Gebärenden selbst einen erfahrungsgeschwängerten Begriff zu machen vermögen.

Oder handelt es sich bei Sloterdijks Bericht möglicherweise nicht doch um den verzweifelten Versuch einer tödlich getroffenen Panzerbesatzung ihrem stählernen Sarg zu entkommen. Und was wäre, wenn das eine dem anderen vorausginge und wenn die hell und freundlich gekleideten Schwestern, Ärzte und Hebammen nur daran interessiert wären, dem Führer jene Kindlein zuzuführen, aus denen im endlosen Kreislauf immer neue Besatzungen für die stählernen Särge (38)Buch Jupp   Hildes Geschichte   final 2 page313 image216 das Licht der Welt erblickten und natürlich auch jene Mütter, Hebammen, Schwestern und Ärzte, deren vornehmste Aufgabe wiederum darin bestehen würde, immer wieder neu der arischen Rasse ins Leben zu verhelfen: flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.

Wie mag man sich dann die Umstände und die Wahrnehmung eines Geburtsvorganges vorstellen? Unterstellen wir einmal wohlwollend, dass Hilde Franz ein Kind, das erste Kind schenken wollte und dass sie deshalb auch den Gedanken an eine vollkommen offene und ungewisse Zukunft verdrängen, gar nicht erst zulassen konnte!

Und Ursula – jene Ursula, die bis in ihr eigenes Alter (über den 60sten Geburtstag hinaus) immer wieder von den schlimmsten und erbärmlichsten Albträumen geplagt werden sollte – diese Ursula teilte früh schon Jan van Leydens Traum(a) – vielleicht schon mit einer deutlich ausgeprägteren Sensibilität als viele andere.

Und so wird sie am 5.6.1942 in den späten Nachmittagsstunden jenes Knurren vernommen haben, das auf einmal den Raum, den Saal der kreisenden Frauen, erfüllte; das Knurren, das aus ihrem eigenen Munde wollte, die langgezogenen Schreie, die sich um ihren Körper wickelten, der steif und verschnürt war von den scharfen Fäden, die aus ihrem Mund quollen und die Zeit zu einem endlosen Schlauch dehnten, wo das Warten zu einem Knebel in der Kehle anschwoll, so dass die Zeit weiter und weiter wuchs zu einer Folter, die nicht mehr zu enden schien.

Aus dem Inneren des Schmerzes quoll ein unendliches Jetzt hervor, vor dem auszuweichen fortan den Sinn des Lebens bedeuten würde.

Der Schmerz, der zum ersten Mal Gestalt annahm, erschien als ein Getöse, dessen Widerhall sich unerträglich ausdehnte. In diesem Klang – so spürte sie – war das Nichts zu Hause, ein ausdehnungsloser Punkt, in den man mühelos die ganze Welt hineingießen konnte. Jetzt spürte sie das pochende Blut wie im Würgegriff um den kleinen Schädel, wie ein tödlicher Druck, der in das rötlich flimmernde Weltall des Kopfes eindrang. Wie eine Säure fraß sich nun die Verzweiflung durch jede Faser. Angst breitete sich aus und umfasste das Leben, das sich zum ersten Mal und unwiderruflich als verlorenes und begrenztes zu fühlen beginnt. Wohin sich wenden in dieser ausweglosen, blutigen Dunkelheit? Der Druck nahm zu. Sie stemmte sich verzweifelt gegen die einsetzende Strömung und wurde dennoch in den dunklen Schlauch gedrückt, weiter in einen gurgelnden Stollen, bis die Flut zu einem reißenden Sog anschwoll. Jetzt wurden die Wände des unterirdischen Kanals weicher, schwankten wie Gummiwände, die unter dem Druck des anschwellenden Flusses nachgaben. Im Auf- und Abschwellen der schleimigen Massen, in den sauren Brühen des Schlauches hatte sie plötzlich das Gefühl zu ersticken. Und die Flut hämmerte im Kopf, ein dumpfes Schreien und Stöhnen drang von weither in ihre Ohren. Jetzt begann die reißende Flut an ihrem Leib zu zerren, und die wellenförmig sich zusammenziehenden schlauchartigen Wände drängten sie abwärts in einen Schlot, an dessen Ende ein gleißender Schlitz klaffte.

Dort konnte nur das Grauen warten; ein unerträgliches, eiskaltes Grauen. Eine purpurne Flutwelle nach der anderen rollte nun heran, denen sie nicht viel länger würde standhalten könne. Sie presste sich mit aller Kraft gegen den sich öffnenden Schlot, an dessen Ende das Licht seine Messer schliff. Eine Monsterwelle erfasste schließlich ihren Leib, wie in Zeitlupe und unendlich langsam; gefolgt von weiteren Wellen, die sie weitertrieben, bis schon etwas von ihr ins Freie mit seiner grausamen Helligkeit gedrängt wurde. Sie hatte verloren und gleichzeitig das Leben gewonnen.

Die Augen brannten und ein Kälteschock lähmte fast die einsetzende Atmung. Wie eine Sterbende rang sie nach Luft, geblendet, zitternd und Hilfe suchend öffnete sich der Mund zu einem Schrei, der aus ihr ins Freie brach; ein Schrei, wie jubelnde Verzweiflung, der die Verzweiflung Hildes heilte und der erschöpften, jungen Mutter jene Kräfte zuführte, die alle Katastrophen mit einem Mal zudeckten und die Welt als einen hellen, warmen Ort erscheinen ließen.

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© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund