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Hildes Geschichte - ...wird Sturm ernten?!

Als Hilde in die Gaststube kam, gab es gleich einen Rüffel von Änne: „Wo bleibst du denn, hier ist der Teufel los! „Du weißt doch, dass Frau Broicher nicht da ist, und das ich die Kinder alleine versorgen muss!“ antwortete Hilde. „Ach ja, aber jetzt beeil dich und fang schon einmal an, Bier zu zapfen.“

An diesem Abend war Hilde froh nach Hause zu kommen. Sie war todmüde und fiel in einen tiefen, erholsamen Schlaf. Morgens galt ihr erster Blick ihrem Wäschefach, wo obenauf das Röschen lag und unter der Wäsche ein Zettel, auf dem sie die Feldpostnummer von Franz notiert hatte. Sie hatte die Zahlenfolge zwar auswendig gelernt, verwahrte den Zettel aber für alle Fälle sorgsam auf.

Das Wochenende verging trotz der Abwesenheit von Franz wie im Fluge. Alle wunderten sich, mit welch beschwingter Leichtigkeit die ansonsten schon überaus fleißige und gewissenhafte Hilde ihre Arbeit versah. Den Kindern sang sie ihre Kinderlieder vom „Bi-Ba-Butzemann“, „Alle meine Entchen“, das Dieter immer wieder von ihr hören wollte, bis zum ‚‘“Männlein, das im Walde steht“ mit noch größerer Inbrunst vor; Germaine wurde mit einem heimlichen Kuss auf die Wange begrüßt und strahlte still ob so viel unverhoffter Zuwendung. Zu Hause versah Hilde ihre Arbeit noch schneller als sonst und sang und pfiff dabei fröhlich vor sich hin. Und alle ließen sich von Hildes ungewohnt leichter und beschwingter Art anstecken. Nur Änne beobachtete all dies eher mit Sorge und Skepsis.

Am Abend des 24. August nahm sie Hilde während der Arbeit bei Seite und schlug ihr vor, heute Nacht bei ihr zu bleiben. Hilde zögerte und meinte, sie wolle lieber nach Hause gehen. Als alle anderen weg waren und auch Hilde im Begriff war die Gaststube zu verlassen, meinte Änne, sie solle am Sonntagmorgen nach der Messe zu ihr kommen. Hilde nickte und verschwand.

An diesem Abend war Hilde das Herz abwechselnd leicht und schwer. Sie hörte immer wieder Ännes: „Hildchen, Hildchen, dich hat der Blitz getroffen“, und: „so fängt das immer an“ und vor allem: „Hildchen, Hildchen, nur das nicht!“ Andererseits überließ sie sich den unmittelbaren Folgen dieses

Blitzschlags. Sie spürte die Wärme, die sich zum inneren Glühen auswuchs. Sie bekam eine undeutliche, verschwommene Ahnung von der Hitze, die dieses innere Glühen zu einem alles verschlingenden Feuersturm entfachen könnte.

Aber sie dachte noch nicht an Asche; die Asche war noch so unendlich weit weg, und jenseits all ihrer Vorstellungskraft. Sie spürte jetzt die Sonne der ersten Liebe wie durch ein Brennglas, das die unfassbaren Energien einer stürmischen Verliebtheit bündelte, das den Zunder, der da offen zu Tage lag, langsam entzündet hatte und im Begriff war aus einem ersten zaghaften Züngeln der Flammen in der Tat jenen Sturm zu entfachen, der ihre Welt auf den Kopf stellen sollte. Und niemand – auch Hilde nicht – dachte im Feuersturm an die Asche, im Beginnen an ein Ende. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Aus dem „Goldenen Pflug“ hatte Hilde sich einen Bogen Papier und einen Briefumschlag besorgt, es fehlte noch eine Briefmarke und die Gelegenheit in Ruhe einen Brief an Franz schreiben zu können. Am Sonntagmorgen nach der Frühmesse war Hilde eher widerwillig zu Änne gegangen. Während des kurzen Gesprächs verhielt sich Hilde abwehrend bis abwesend. Sie hatte das Gefühl, Änne gönne ihr nichts von dem, was da offenkundig ihr Leben veränderte und auf undurchschaubare Weise beeinflusste.

Das heißt, Änne hatte eine überaus klare Vorstellung davon, was Hilde umtrieb. Aber es gelang ihr nicht ansatzweise, Hilde etwas von ihren Sorgen und Befürchtungen zu vermitteln. Und Hilde spürte mehr als Änne, dass dies in erster Linie zusammenhing mit Ännes Befangenheit, die Hilde zum erstem Mal deutlich spüren ließ, dass hier eine mächtige Kraft als Gegenspieler auf den Plan trat: Ännes Eifersucht.

Hilde brannte sich jedoch der letzte Satz dieses Gesprächs wie eine Drohung ins Gedächtnis: „Hildchen, sollte es dir irgendwann so gehen, dass du nicht mehr weißt, wie es weitergehen soll, dann kommst du zu mir. Ich bin immer für dich da, ganz gleich, was immer auch geschehen wird. Denk‘ immer daran!“

Hilde verließ Änne an diesem Morgen und würde ihr für die nächste Zeit aus dem Weg gehen; erfüllt von einer Stimmungslage, einer Mischung aus Trotz, Verärgerung und durchaus auch einer verschwommenen Ahnung dessen, was ihr Änne wohl mit ihrem letzten Satz bedeuten wollte. Die mit einem Zwirnfaden zusammengehaltenen Blätter, die ihr Änne mit dem Kommentar in die Hand drückte, sie solle sich die Geschichte einmal in Ruhe durchlesen, nahm sie eher widerwillig an und legte sie – ohne weitere Beachtung – zu Hause unter ihre Wäsche.

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© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund