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Hildes Geschichte - Der "Goldene Pflug" und Cupidos Pfeil

Seit sie auf den Beinen war, gingen ihr die abendliche Begegnung und ihre Tölpelhaftigkeit nicht mehr aus dem Sinn. Die Bemerkungen von Änne taten ein Übriges dazu, dass sie nicht aufhören konnte zu grübeln. Vielmehr noch beunruhigte sie ein merkwürdiger Gefühlszustand, den sie nicht zu deuten vermochte: ihre so schon empfindliche Nase spielte ihr ein ums andere Mal Streiche. Obwohl weit und breit niemand – vor allem kein männliches Wesen – in der Nähe war, umnebelte sie ein Gemisch aus herben Parfum- und Tabakdüften. Zu alledem verspürte sie eine Unruhe in der Magengegend und ein leichter Schwindel gab ihr das Gefühl andauernd zu schweben; alles in Allem nicht unangenehm, jedoch höchst beunruhigend. Und dann noch das blöde Gerede von Änne: „Hildchen, Hildchen, so fängt das immer an – du hast dich in den Kerl verguckt!“ Anderseits stimmte das genauso: immer wieder erschien ihr das lachende, offene, freundliche Gesicht dieses „Kerls“, seine weißen, überaus beeindruckenden Zähne, die strahlenden blauen Augen. All das kam ihr vor, wie ein Feuerwerk, nein wie Blitz- und Donnerschlag in Einem. Und immer wurde ihr heiß und kalt, wenn sie diese dunkle, aber überaus warme Stimme erinnerte: „Langsam, mein Kind!“ Ganz kurz nur hatte er sie gehalten, kurz vor dem Hinfallen. Aber es war, als durchführe sie ein Stromschlag – von den Haarspitzen bis zum kleinen Zeh – immer wieder. Niemals zuvor hatte sie so etwas erlebt, und sie kam sich in der Tat vor, wie ein dummes Schaf.

Die Ablenkung durch die Kinder tat Hilde gut. Sie packte Doris in den Kinderwagen, nahm Dieter an der Hand; so ging es zuerst die Poststraße hinunter bis zur Kurgartenbrücke und dann in den Kurgarten zum Springbrunnen. Zuvor hatte sie aber der Herr des Hauses kurz beiseite genommen und gebeten, heute Abend in der Gaststube auszuhelfen; ihm konnte und wollte sie keinen Wunsch abschlagen. Die besondere Verehrung für den Juniorchef des "Goldenen Pflugs" war einerseits seiner überaus freundlichen Art geschuldet. Auf der anderen Seite hatte Hilde das Gefühl, dass Herr Broicher ihr mit besonderer Sympathie begegnete, weil er sie spüren ließ, wie sehr er ihre warmherzige und dennoch strenge Art im Umgang mit den Kindern schätzte.

So verging der Samstag wie im Fluge. Broichers machten sich am Nachmittag zu einem Verwandtschaftsbesuch auf, während Hilde in der Hotelküche half, Gemüse und Kartoffeln für den Abend vorzubereiten. Hilde arbeitete gerne in der Küche. Neben der Köchin, einer Frau mittleren Alters von beeindruckender Körperfülle und der Verbindlichkeit eines Feldwebels und zwei Küchenhilfen, traf Hilde dort auf „Germaine“, eine zwangsverpflichtete Französin aus Toulon. Die wusste sehr wohl zwischen dem Chef des Hauses und der Hausherrin zu unterscheiden. Während der Herr des Hauses von allen Bediensteten und Angestellten aufgrund seiner gleichermaßen strengen wie freundlichen und vor allem gerechten Art im Umgang mit dem Personal geschätzt wurde, begegnete man seiner Frau mit großen Vorbehalten. Germaine freute sich immer „..ilde“ zu sehen. Wenn die beiden in einem Nebenraum der Küche zusammen saßen und das Gemüse fegten, dann kauderwelschte Germaine oft: „Liebes …ildchen, wenn alles vorbei und alle Nazi tot, dann kommst du nach Toulon misch zu Besuch.“ Hilde versuchte dann mäßigend auf Germaine einzuwirken. Aber Germaine war fast fünfzig Jahre alt und fluchte und schimpfte dann allenfalls auf Französisch weiter, so dass wenigstens niemand verstehen

konnte, was sie sagte. Einzig Herrn Broicher begegnete sie mit einer freundlich-charmanten bis devoten Haltung, weil sie meinte, er sei eine bon-homme, eine „gut-Mann“. (5 -  Germaine ist auf nachstehendem Foto die dritte Frau mit dem gewellten Haar; rechts neben ihr Hilde - unten das Ehepaar Broicher mit ihrem Sohn Dieter)Buch Jupp   Hildes Geschichte   final 2 page313 image26

Als Reserveoffizier, in der ersten Dekade des 20sten Jahrhunderts geboren, sollte der Juniorchef zu Beginn des Jahres 1944 noch einberufen werden und im Hürtgenwald durch Granatsplitter zum Tode hin schwerstverletzt werden. Als man ihn im November 1944 nach Bad Neuenahr überführte und im „Goldenen Pflug“ aufbahrte, so hat Hilde es gesehen und berichtet, schämte sich auch Germaine ihrer Tränen nicht, während sie ihrer Herrin nach der Befreiung und dem Einmarsch ihrer Landsleute in die Schmuckkommode einen großen Haufen Scheiße gesetzt hat.

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