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Hildes Geschichte - Franz der Teufelskerl (II)

Franz Streit erfuhr Ende Januar, dass seinem Urlaubsgesuch für den März/April stattgegeben sei. Mitte März teilte die 9. Panzerdivision mit, dass die Besatzung von Dubrowka (2 km westlich des Tim) zwischen dem 15./16.März von Teilen des Infanterieregiments 246 (88. ID) abgelöst wurde.

Franz Streit, der unterdessen von Hildes misslicher Lage auch insofern wusste, dass Hilde wohl nicht in Bad Neuenahr bleiben könne, begann seinen Urlaubsplan akribisch auszuarbeiten. Es steht zu vermuten, dass er sich wegen erneut auftretender Sehschwächen auch um eine Behandlung in der Augenklinik im Rheinland (Bonn) bemühte.

Für einen Marschbefehl, der ihm einen Aufenthalt in Bad Neuenahr ermöglichte, hätte es ansonsten wohl kaum eine Aussicht gegeben. Es stand für Franz außer jeder Frage, dass er dies unbedingt so wollte; er erwog offensichtlich Zukunftspläne, die einen Neubeginn mit Hilde keineswegs ausschlossen. Franz forderte sein Glück ganz zweifellos heraus. Sein Glück!? Er hätte wohl im März 1942 nicht sagen können, was er unumwunden und in aller Klarheit für sein Glück hielt.

Über Orel, Brjansk, Smolensk und Minsk wird Franz dann von Warschau aus weiter Richtung Westen gefahren sein. Aus dem russischen Winter fuhr er – wie W.P. Reese, der im März 1942 ebenfalls mit einem Verwundetentransport aus demselben Frontabschnitt Richtung Deutschland verlegt wurde, es beschreibt:

„Ich reiste aus dem Winter und Tauwetter in den Vorfrühling der Heimat hinein, sah die Wälder und Berge, die ich liebte und von denen ich auf russischer Ebene geträumt, stand am Fenster des Zuges und spürte Ackergeruch, Wiesenduft und Frieden.“

Die Flucht nach vorne, das Operieren im Rücken des Feindes war dem Panzersoldaten vertraut. Aber je näher Franz dem Ort der Versuchung kam, umso unsicherer wurde er. Im letzten Brief Hildes, der ihn an der Front erreicht hatte, war die Rede von einem Entbindungsheim im Westerwald. Aber Franz hatte keine genaue Adresse, und so blieb ihm nur die Möglichkeit nach Bad Neuenahr zu fahren und dort auf die Suche zu gehen. In seiner Not suchte er Kontakt zu Änne im „Goldenen Pflug“.

Änne war überrascht, als Franz am Abend des 14. März plötzlich vor ihr stand. Sein höfliches Auftreten besänftigte ihre Skepsis. Abends nach Feierabend traf sie sich mit Franz in der Bahnhofsgaststätte und erzählte ihm minutiös die Ereignisse der letzten Wochen und Monate:

Sofort mit Beginn des neuen Jahres hatte Änne begonnen, Vorsorge zu treffen und vor allem nach einen Entbindungsheim für Hilde zu suchen. Sie wusste um die Himmlerschen Aktivitäten und die kostenlose Betreuung für ledige Mütter in den Lebensborn-Einrichtungen. Aufgrund der Zugriffsrechte und der unvermeidbaren Zwangspatenschaften durch SSOffiziere kam dies für Hilde aber nicht infrage. Änne wusste aber auch um die Einrichtungen der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) – ganz in der Nähe auf der anderen Rheinseite, im Westerwald, im Luftkurort Flammersfeld, gab es eine solche Einrichtung. Änne nahm dorthin Kontakt auf.

Man sicherte ihr zu, dass hier auch ledige und minderjährige werdende Mütter gut betreut würden. Änne hatte Hilde mit nach Köln genommen. Ein Gynäkologe bestätigte Hildes Schwangerschaft und errechnete einen voraussichtlichen Geburtstermin für Ende Mai/Anfang Juni. Frühestens drei Monate vor dem Geburtstermin war eine Aufnahme in Flammersfeld üblich. Änne, die spürte, wie Hilde sich in Bad Neuenahr schwertat und quälte, hatte alles unternommen, ihre Aufnahme zu beschleunigen. Seit Wochen traute sich Hilde nicht mehr unter die Menschen, besonders nachdem eine Nachbarin sicht- und hörbar im Vorübergehen in ihre Richtung ausgespuckt hatte. Um ihrer selbst Willen war Hilde dabei nicht so sehr verzagt – nicht einmal wirklich verbittert, seit die Großmutter aus Hönningen sie ermuntert hatte, indem sie ihre Enkelin moralisch aufrichtete: „Du trägst ein Kind Gottes unter deinem Herzen; du musst dich nicht schämen, nein, gehe erhobenen Hauptes durch diese Welt – du bist kein schlechter Mensch – Gott wird alles fügen!“

Die Oma hatte Hildes Zuversicht gestärkt, aber dem Vater gegenüber empfand sie nach wie vor tiefe Schuldgefühle und Gewissensbisse.

Änne erklärte Franz, nachdem sie fast eine Stunde ohne Punkt und Komma geredet hatte, dass Hilde das unvermeidbare Spießrutenlaufen mit stoischer Haltung trug – und, dass sie immer daran geglaubt habe, dass er – Franz zurückkehren werde. Hildes Eltern bzw. der Mutter habe sie versprochen, ihn vorzustellen; alles Weitere müsse in Absprache mit ihnen geschehen.

Franz waren bei all den Schilderungen Bier und Heringe fast im Halse stecken geblieben. Er fühlte sich unwohl. So wirksam und nachhaltig er in all den vergangenen Wochen an der Front verdrängt hatte, dass es spätestens jetzt an ihm sei, sich zu erklären und Entscheidungen zu treffen, so elend fühlte er sich jetzt, wo er keinen Feind, keinen erkennbaren Gegner bekämpfen konnte, sondern seine Beziehungen ordnen musste.

Anderntags hatte Änne Frühstücksdienst und musste erst abends wieder arbeiten, und so bot sie Franz an, ihn in die Kreuzstraße zu begleiten, um ihm Hildes Eltern vorzustellen. Franz, der Änne den ganzen Abend zugehört hatte, beschränkte sich auf gezielte Fragen und Nachfragen, wodurch er ansatzweise Ännes Wohlwollen gewinnen konnte. Seine inneren Nöte und seine Zerrissenheit – die Verstrickungen zwischen Bad Neuenahr und Mistelbach, die Tatsache, dass er verheiratet und bereits Vater war, behielt er für sich. Änne ihrerseits traute dem Franz Streit auch nach diesem Gespräch nicht so ganz über den Weg, und sie hätte ihn vermutlich gevierteilt, wenn sie hinter die genauen Lebensumstände des Franz Streit hätte schauen können.

Franz hatte noch ein Zimmer im „Goldenen Pflug“ bekommen und saß morgens gut ausgeschlafen, frisch rasiert und korrekt gekleidet im Frühstücksraum. Übers Einschlafen hatte er sich besonnen, neue Klarheit gewonnen und sah daraufhin deutlich sicherer und zuversichtlicher in die Welt. Änne, die sich um das Büfett kümmerte, konnte Franz unbemerkt beobachten und gewann in kürzester Zeit den Eindruck, Hilde voll und ganz verstehen zu können. Sie gestand sich dies eher widerwillig ein, betrachtete sie diesen Menschen doch mehr denn je als eine arge Konkurrenz und vor allem als denjenigen, der dabei war Hildes Leben zu zerstören. Auch wenn sich Franz abends zuvor weitgehend aufs Zuhören beschränkt hatte, so hatte er dies in einer so aufmerksamen bis charmanten Haltung getan, dass selbst die der Männerwelt abholde Änne irritiert war. Heute Morgen verstärkte sich dieser Eindruck lediglich dadurch, dass Franz sein Frühstück auf eine betont männliche Weise so zelebrierte, als gehe es darum, einen Frühstückswettbewerb zu entscheiden. Dabei waren es nicht nur die geschmeidigen und dennoch zupackenden spärlichen Handgriffe, das harmonische Fließen seiner Bewegungen, sondern die Aura, die um ihn herum erstrahlte. Änne bemerkte – ebenso wie Hilde – das gewinnende Siegerlächeln, mit dem er Marga, der Aushilfskellnerin begegnete. Weder aufdringlich noch überzogen übte es die Anziehungskraft eines natürlichen Charmes aus, der neben gewinnender Offenheit eine merkwürdige Art von Vertrauenswürdigkeit verbreitete und zuließ. (33) „Armes Hildchen“, dachte Änne bei sich. Der sanfte Schmerz, den sie dabei empfand, offenbarte ihr eine hoffnungslose Unterlegenheit im Werben um Hilde. Aber darum ging es Änne schon lange nicht mehr. Sie wollte Hilde nur noch beschützen und bewahren vor all dem Wahnsinn, der jetzt beginnen würde, und in dem diesem Teufelskerl eine Hauptrolle zugedacht war.

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© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund