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Hildes Geschichte - Konspiration I

Sonntag, 24.8.1941 Lieber Franz,

ich hoffe, wenn Du diesen Brief bekommst, dass Deine Augen Dich dann die Welt wieder in all ihren Farben und auch ohne Sonnenbrille sehen lassen. Seit dem vergangenen Donnerstag ist meine Welt um so viel farbiger. Ich denke oft an unser „zufälliges“ Zusammentreffen und dass Du wie ein Schaf geguckt hast. Ich denke oft an Dein Lachen und was Du mir alles erzählt hast. Du hast mich neugierig gemacht, und ich möchte Dich gern wiedersehen.

Am kommenden Donnerstag werde ich – wie besprochen - gegen drei Uhr am Nachmittag im Kaiser-Wilhelm-Park sein. Ziemlich am Ende des Parks, auf der Höhe des Teiches steht ein kleiner überdachter Pavillon. Dahinter sind Wiesen und Gebüsch. Ab und zu hole ich dort Hasenfutter. Du kannst mir nicht schreiben, aber ich weiß, dass Du mich finden wirst.

  Hilde

Hilde machte in den nächsten Tagen in gewohnter Weise ihre Arbeit ordentlich und gewissenhaft. Von allen Seiten erfuhr sie Lob und Wertschätzung. Nur zu Änne blieben die Kontakte spärlich und ein wenig unterkühlt. In gewisser Weise hätte man meinen können, Hilde gehe seit einigen Tagen geradezu mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Welt. Niemand und nichts konnte sie aus der Ruhe bringen. Allen und jedem tat sie Recht. Ihr Geheimnis und ihre stetig wachsende Vorfreude auf den kommenden Donnerstag trug sie tief verschlossen in ihrem Innersten; ein Geheimnis, das die ganze Welt in einem glänzenden und schimmernden Licht erscheinen ließ. Nicht der geringste Zweifel, keine Anmutung von Angst oder Gewissensbissen konnte sie irritieren oder gar erschüttern. Die Wahl des Ortes hatte sie mit Bedacht getroffen. Dorthin zum kleinen französischen Pavillon, unweit des Schwanenteichs, verlief sich selten jemand – vor allem die anschließende Wiesen- und Heckenlandschaft bis zum Fuß des Johannisbergs wurde im Hochsommer um diese Zeit eher gemieden. Wer Hasen und anderes Kleinvieh zu versorgen hatte, ging in der Morgenfrische zu Werk, wenn der Löwenzahn noch voll im Saft stand und nicht läppisch in der Mittagssonne hing. Die wenigen Kurgäste flanierten über die Uferalleen im Schatten der ausladenden Kastanienbäume.

So kam dann der Donnerstag, der 28. August, strahlend daher, wie ein großes Versprechen auf hochsommerliches Kaiserwetter. Im „Goldenen Pflug“ war Hilde ihren vormittäglichen Pflichten auf gewohnte Weise nachgekommen. Für den Nachmittag hatte sie sich „frei genommen“ mit dem Hinweis, sie würde zu Hause gebraucht. Zu Hause würde niemand bemerken, dass an diesem Tag irgendetwas anders sein könnte. Der Vater war auf der Arbeit, die Mutter verließ das Haus allenfalls zum Einkaufen. Und Annemie durfte alleine sowieso nicht in die weite Welt. So sehr Hilde diesen Donnerstag minutiös geplant und vorbereitet hatte, so sehr spürte sie schon um die Mittagszeit, wie ihr Herz schneller schlug und der Atem schwerer ging. In der Küche hatte es noch Hühnerbrühe mit Eierstich gegeben. Aber heute hatte sie Appetit nur vorgetäuscht und löffelte artig eine Tasse leer, eher mit Widerwillen als mit dem üblichen Heißhunger. Sorgfältig achtete sie darauf, auch nur den geringsten Verdacht zu erwecken.

Gegen 14 Uhr machte sie sich auf den Weg; eigentlich viel zu früh. Aber sie wusste nicht, wo sie sich lassen sollte, wie sie die verbleibende Stunde überbrücken konnte, ohne zu platzen. Sie musste sich auf den Weg machen. Um ja nicht jemandem zu begegnen, der dumme Fragen stellen konnte, entschloss sie sich einen weiten Umweg zu gehen und sich zuerst einmal Richtung Friedhof zu orientieren. Dieser Weg führte sie gewissermaßen quer durch die Stadt über die Kurgartenbrücke auf die andere Seite der Ahr. Zwar war es keineswegs üblich für eine siebzehnjährige mitten in der Woche auf den Friedhof zu gehen. Aber ein denkbar fragwürdiges Motiv und Unterfangen mit Frömmigkeit und Totengedenken zu verbrämen, das erschien ihr doch als Schutz- und Vorsichtsmaßnahme vorzüglich geeignet. Sie durchquerte eiligen Schrittes die Stadt. Auf der anderen Seite der Ahr, am Ende der Kurgartenstraße bog sie links in die Mittelstraße ab und beeilte sich, über den Kirchpfad und dieSchweizerstraße Richtung Johannisberg zu gelangen. Als sie fast am Ende des Johannisbergs angelangt war, sah sie von der Höhe die Alleen, die Wiesen, und hinter Hecken versteckt konnte sie den kleinen französischen Pavillon erahnen. Die Alleen erstreckten sich wie gewaltige grüne Wülste links und rechts der Ahr. In ihrem Schatten mochten um diese Zeit wohl die wenigen Kurgäste wie in großen, blättrigen Tunneln wandeln, weit weg vom Schwanenteich und der im Süden angrenzenden Hecken- und Wiesenlandschaft.

Als Hilde sich von dort aus dem Pavillon (10) näherte, meinte Buch Jupp   Hildes Geschichte   final 2 page313 image56sie schon von weitem jemanden ihr zugewandt an der offenen Seite zu sehen. Je näher sie kam, umso deutlicher erkannte sie Franz und begann zu laufen. Franz, der sie ebenfalls erkannt hatte, schwenkte wild mit den Armen, übersprang mit einem Satz die Holzbalustrade und rannte auf Hilde zu. Sie fielen sich in die Arme, und Franz drückte Hilde so fest an sich, dass es ihr den Atem nahm. Als sie sich ließen und in die Augen sahen, rannen Hilde die Tränen über die Wagen. „Was ist denn Hildchen, was hast du denn?“ Hilde wischte sich die Tränen ab und schluchzte: „Ich bin so froh, dass du da bist, dass du wieder da bist. Das waren die längsten sechs Tage meines Lebens.“ Franz lachte übers ganze Gesicht und erwiderte: „Ich hab’s auch nicht ausgehalten, seit einer Stunde bin ich schon hier. Die Anwendungen habe ich mir heute erspart. Auf keinen Fall wollte ich zu spät kommen. Den Pavillon hab ich sofort gefunden. Es ist wunderschön hier – und kein Mensch weit und breit. Komm, wir gehen in den Pavillon. Ich habe eine kleine Überraschung!“ Buch Jupp   Hildes Geschichte   final 2 page313 image58Der Pavillon bestand aus einem achteckigen, weiß gestrichenen Holzbau, der fast rund wirkte. Das ausladende Dach bot gegen Sonne und Regen Schutz, und die Westseite verfügte über eine geschlossene Holzverblendung. (11) Franz hatte an seinem Fahrrad eine Satteltasche. Er holte eine Flasche Wein, zwei Gläser, ein Stück Brot und ein Stück Käse hervor, breitete ein Küchenhandtuch auf einer der Bänke aus und stellte alles darauf. Hilde staunte, und Franz spürte Hildes Verunsicherung.

Wieder lachte er laut und herzlich: „Das nennen wir bei uns zu Hause eine Brotzeit. Eigentlich gibt es dazu keinen Wein, sondern Bier. Aber heute schien mir Wein viel passender zu sein.“ Hilde winkte ab und entgegnete: „Franz, das geht nicht. Das habe ich noch nie gemacht, wenn hier jemand kommt, der mich kennt. Ich kann doch nicht mit einem fremden Mann Wein trinken in aller Öffentlichkeit!“ Franz hatte fast damit gerechnet: „Liebes Hildchen, das verstehe ich. Ich habe eine ganze Stunde Zeit gehabt und mich hier umgesehen. Dort hinten – er wies in südöstliche Richtung – an dem Bachlauf hinter den Hecken ist eine kleine versteckte Stelle, dort kommt ganz bestimmt niemand hin. Ich habe die ganze letzte Stunde nicht einen Menschen gesehen. Komm!“ Er packte alles in Windeseile zusammen, nahm Hilde an der Hand und führte sie aus dem Pavillon. „Bei diesem Wetter brauchen wir doch keinen Unterstand.“ Sie schoben das Fahrrad durch die Wiesen bis zum Bach, verschwanden hinter den dichten Hecken und suchten sich ein verstecktes Plätzchen. Franz öffnete den Wein, goss die Gläser voll und meinte: „Ich habe extra einen Rotwein besorgt, passt zwar nicht in die Jahreszeit, aber ein aufgeheizter Weißwein wäre ja noch viel unpassender gewesen.“ Hilde lachte zurückhaltend und gestand Franz, dass sie noch nie Wein getrunken habe. „Wie alt bist du denn eigentlich?“, fragte Franz mit einem frech-kecken Blick. „Achtzehn!“ entgegnete Hilde wie aus der Pistole geschossen und: „Wieso nennst du mich eigentlich Hildchen?“ „Es gefällt mir so gut. Ich habe es von eurer Kellnerin im „Goldenen Pflug“ gehört – all die Tage habe ich nur an Hildchen gedacht. Kannst du dir denn überhaupt vorstellen, fast eine ganze Woche mit einer doppelten Augenklappe in einem abgedunkelten Raum zu liegen? Außer meiner Phantasie und meinen Erinnerungen blieb mir nichts. Eine ganze Woche habe ich immer nur dich gesehen und mich nach dem heutigen Tag gesehnt. Hildchen hinter dem Tresen; ein Feldwebel für den Herrn Feldwebel; Hildchen stolpernd zum ersten Mal in meinen Armen; Hildchen auf der Bank an der Amseltalbrücke, von da an hatte ich überhaupt keinen anderen Gedanken mehr in meinem Kopf; seitdem stolpert mein Herz Hildchen entgegen, der jungen, schönen Frau mit dem Engelsgesicht aus dem ein Teufelchen blickt.“

Hilde stand mit offenem Mund und großen Kinderaugen da, bevor Franz sie in seine Arme nahm und ihr den ersten Kuss ihres Lebens schenkte. Er packte die Satteltasche, breitete sie auf dem Boden aus, nahm Hilde bei den Armen und setzte sie behutsam auf die Tasche. „Du hast doch bestimmt noch nichts gegessen, sagte er fürsorglich, indem er das Brot teilte, mit einem Taschenmesser ein Stück Käse abschnitt und es Hilde reichte. Hilde war verwirrt, spürte dumpf, das sich die „Kräfteverhältnisse“ deutlich verschoben hatten seit dem letzten Donnerstag, rang nach Atem und meinte dann: „Ja, ich habe Hunger“, biss in das Brot und nahm ein Stück Käse dazu, bevor sie klar und bestimmt sagte: „Und jetzt trinke ich mit dir mein erstes Glas Wein“. Der Wein schmeckte lieblich und stieg Hilde ohne Umweg sofort in den Kopf, deren errötende Wangen nicht nur Weinseligkeit bedeuteten. Die beiden aßen und tranken. Sie vergaßen die Welt um sich, aus der sie für Stunden verschwanden.

Jede auch nur denkbare Vorstellung von dem, was Frauen und Männer zueinander hinzieht, wurde aufs Wunderbarste für Hilde zu einer nie geahnten Gewissheit. Franz näherte sich ihr auf eine so überaus vorsichtige, behutsame und zärtliche Weise, dass die Ängste eines eben einmal siebzehnjährigen katholischen Mädchens vom Lande sich mit jedem Kuss und mit jeder Liebkosung verflüchtigten und für Stunden einer wundersamen Märchenwelt wichen. Franz berührte sein

Hildchen überall dort mit einer gleichermaßen achtsamen Zurückhaltung wie einer einfühlsamen Bestimmtheit, so dass Hilde in ihrer Weiblichkeit erblühte, ohne dass sie an diesem Tag schon zur Frau wurde.

Herzen und Küssen, ungläubiges Staunen und Erschauern wechselten einander ab, bis der Drang übergroß wurde über den heutigen Tag hinaus zu denken. Mit einem Mal bekam Hilde eine Ahnung davon, was Änne so böse einmal daher gesagt hatte und was die „Engelmacherin“ angeblich ihrer Freundin auf zynische Weise mit auf den Weg gegeben hatte:

 

„Tadelt nie die Taten der Soldaten!

Leute, die da sterben sollen.

Lasst sie herzen, lasst die küssen.

Wer weiß, wie bald sie sterben müssen.“

 

Hilde sah Franz an und fragte dann unverhofft: „Wann musst du wieder fort?“ Franz schaute ernst, setzte sich auf und sagte dann in einem nachdenklichen Ton: „Ich habe meinen Marschbefehl schon in der Tasche. Am 9. September, spät in der Nacht geht mein Zug von Remagen über Frankfurt in Richtung Osten. Meine Einheit ist im Süden Russlands. Das hat den Vorteil, dass wir tatsächlich in die Ukraine oder ans Schwarze Meer kommen“. Er lachte und meinte ein wenig verschmitzt: „Dort ist es warm und man kann gut Badeurlaub machen“. „Das ist ja schon in zehn Tagen!“, stellte Hilde entsetzt fest. Sie schwieg betreten und schaute Franz traurig an. „Jetzt mach dir mal keine Sorgen. Ich war in Holland, Belgien, Frankreich und auf dem Balkan mit dabei. Vielleicht ist in einem Jahr alles vorbei – oder sogar viel schneller. Es geht rasant vorwärts. Die Russen kennen nur eine Richtung und laufen wie die Hasen.“

Selbst Hilde war schon alt genug, um diesem schlichten Zweckoptimismus sehr nachdenklich zu begegnen. Dazu wirkte Franz zu ernst. Es mochte wohl gegen Abend gehen, da die beiden einsehen mussten, dass dieser wunderbare und wundersame Nachmittag zu Ende gehen musste. Franz umarmte Hilde zum Abschied einmal mehr so enthusiastisch und mit einer solchen Kraft, dass Hilde der Atem stockte. Aber es nahm ihr nicht nur den Atem aufgrund dieser urwüchsigen physischen Präsenz, mit der Franz Hilde in die Höhe hob. Hilde rang nach Fassung und nach Beherrschung, weil sie spürte, dass Aufbruch und Abschied kaum zu unterscheiden waren. Sie bedrängte Franz mit ihrer offenherzigen und geradezu kindlichen Erwartung, wie es denn mit ihnen weitergehe. Franz hingegen unterstützte in ihr das zaghaft sich regende Gefühl eine erwachsene Frau zu sein und versicherte Hilde, dass natürlich weitergehe, was eben erst begonnen habe. Er eröffnete ihr, dass er am Samstag mit seinen Kameraden zur Verabschiedung von Karl, der seinen Marschbefehl schon erhalten habe, im „Goldenen Pflug“ sei. Franz sah die Freude und das Blitzen in Hildes Augen und nahm sie bei den Schultern, sah sie eindringlich an und meinte: „Niemand darf etwas merken von uns beiden.“ Er lachte und sagte verschmitzt: „Ich bin gespannt, ob wir das schaffen?“ Hilde blitzte ihn an, gab ihm einen Kuss, wurde ernst und bestätigte ihm – auf einmal ganz die Vernunft in Person: „Ja, Franz, niemand darf etwas merken. Es ist unser Geheimnis. Vor allem darf Änne nichts merken.“ Franz stimmte zu und entgegnete nachdenklich: „Am Montag werde ich noch einmal untersucht, die Augen werden noch einmal getropft und ich darf mich nicht bewegen. Ich weiß noch nicht, wie lange das dauert. Aber am Mittwoch habe ich Geburtstag und wir sehen uns auf jeden Fall. Wir treffen uns wieder hier!“ Ja Franz, ja, das möchte ich so gerne“, bestätigte ihm Hilde. „Aber ich weiß nicht, wie das gehen soll“, antwortete sie zögerlich, „aber ich komme, ich bin hier. Jetzt muss ich heim.“

Franz nahm sein Fahrrad, sah Hilde an und meinte: „Lass uns noch ein Stück gemeinsam gehen!“ „Nein, nein!“ entgegnete Hilde aufgeregt und mit einem Anflug von Panik. Sie unterdrückte ihre Tränen, und indem sie sich abwandte rief sie Franz zu: „Ich laufe hier über die Brücke und bin ja dann auch schon gleich zu Hause. Ich will nicht, dass uns jemand sieht. Aber am nächsten Mittwoch bin ich wieder hier!“ Sie drehte sich noch einmal um, winkte Franz zu und verschwand hinter den Hecken. Sie lief durch die hohen Wiesen, bis zur kleinen Brücke über den Mühlbach. Von dort aus konnte sie schon die größere, gewölbte Katzenbuckelbrücke über die Ahr sehen. Sie rannte weiter und kam auf dem höchsten Punkt der Brücke zu stehen.

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© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund