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Freundschaft IV - aktueller denn je!

oder: Auf wen ist noch Verlass?

Habe ich noch alle Tassen im Schrank und leuchtet die Stehlampe noch? Und vor allem stellt sich die Frage: Ist das Ende schon nahe?

"Ich lebe allein, und so kommt es, daß im kleinen und täglichen Umgang an die Stelle der Menschen für mich mehr und mehr die Dinge getreten sind. Der Stock, mit dem ich spazieren gehe, die Tasse, aus der ich meine Milch trinke, die Vase auf meinem Tisch, die Schale mit Obst, der Aschenbecher, die Stehlampe mit dem grünen Schirm, der kleine indische Krischna aus Bronze, die Bilder an der Wand und um das Beste zuletzt zu nennen, die vielen Bücher an den Wänden meiner Wohnung, sie sind es, die mir beim Aufwachen und Einschlafen, beim Essen und Arbeiten, an guten und bösen Tagen Gesellschaft leisten, die für mich vertraute Gesichter bedeuten und mir die angenehme Illusion von Heimat und Zuhausesein geben (in: Hermann Hesse, Die Kunst des Müßiggangs, Frankfurt 1973, S. 247)."

Hermann Hesse datiert die "Klage um einen alten Baum", aus dem das obige Zitat entnommen ist, auf das Jahr 1927; er - der 1877 in Calw Geborene - befand sich da bereits in seinem fünfzigsten Lebensjahr, genau gesagt in seinem einundfünfzigsten. Ob er seine letzten 35 Lebensjahre in entsprechender Selbstgenügsamkeit - und vielleicht mit sich selbst befreundet - verbracht hat? Auch wenn heute viele Menschen mit ihren Büchern, Hunden und Katzen alleine leben, mag man fragen, ob sie dabei alle Tassen im Schrank haben? Von den Vielen sind es sicherlich eher Wenige, die in ihrer Klausnerei die Stehlampe als das erwünschte Gegenüber begreifen, auch wenn sie jeden Abend unverdrossen und verlässlich leuchtet.

„Das gemeinsame Essen ist Inbegriff des Zusammenlebens. Das Essen, Trinken und Zusammen-Reden mit dem Freund ist ein besonders vergnügliches Sichverständigen. Feste können die kultischen Höhepunkte der Freundschaft und gleichzeitig Ausdruck gelingender selbstzwecklicher, zuverlässiger und beständiger Freundschaften sein.“ Wie gut und wie schön, dass wir oft beeinander gehockt sind, getrunken und gegessen und dabei das "Verhältnis von gemeinsamem Lästern und Spotten über andere" (Arnold Retzer - ebenso vorangehendes Zitat - Quelle siehe weiter unten) ausgelotet haben; so wie wir andererseits die Verständigung gesucht haben "über ein gutes und schönes Leben" (siehe Freundschaft I; Freundschaft II und Freundschaft III).

Sind wir dabei gescheitert?

Wenn man aus dem (Freundschafts-)Paradies gefallen ist - und das ist ja schon seit Adams und Evas Zeiten der Fall - geht es nicht ohne Reflexion. Dort, wo die Tassen zerbrechen und die Stehleuchte ihren Dienst versagt, reagieren wir enttäuscht, ungehalten - vielleicht auch beschämt. Es stellen sich Fragen: Mit Arnold Retzer (Freundschaft der dritte Weg zwischen Liebe und Partnerschaft, in: Familiendynamik, 2/2006, S. 131-151) waren wir so weit - nein, war ich so weit -, den "Kommunikationscode der Freundschaft" als einen "dritten Weg" zu erwägen.

Ich behaupte an dieser Stelle einmal, dass es jenseits der kategorialen und typologischen Raster für die Einordnung unterschiedlicher Beziehungsqualitäten zwischen Liebe, Freundschaft und Partnerschaft (siehe Retzer, a.a.O., S. 149) nur schillernde Solitäre - gewissermaßen Unikate - gibt, die den kategorialen Raum zwischen Liebe, Freundschaft und Partnerschaft nuanciert ausloten und ausdifferenzieren: "Vielleicht könnte die Absolutheit der Liebe durch die Freundschaft relativiert und dadurch lebbarer werden. Der Gewissheitsillusion und Ungewissheitsparanoia der Liebe könnte vielleicht mit dem gnädigen Kontingenzpotential (alles könnte auch ganz anders sein - oder auf Kölsch: "Nix bleiv, wie et is" - un "et kütt, wie et kütt", kölsche Version, Verf.) geholfen werden."

Alles könnte auch ganz anders sein! Die Bedingungen für eine kontingenzgewärtige Beziehungsgestaltung stellen Höchstanforderungen dar, die auch in den zivilisierten Randzonen der Menschheitskultur scheinbar eine schlichte Generalüberforderung verkörpern. Das anspruchsvoll(st)e Programm hierzu hat Peter Soterdijk in "Sphären III - Schäume, Frankfurt 2003, S. 405-411) formuliert:

"Zur Anthroposphäre gehört unübersehbar und prägend das Erototop, das die Gruppe als einen Ort der primären erotischen Übertragungsenergien organisiert und als Eifersuchtsfeld unter Stress setzt. Es markiert Eifersuchtsfelder und Stufen des Begehrens. Zugegeben, man muss schon eine ganze Saison auf der anthropogenen Insel zugebracht haben, um eine Witterung dafür zu bekommen, wie die Einwohner ihr Wunschleben organisieren. […] Wer sich im Inseltreiben zurecht finden will, ist gut beraten, seine Aufmerksamkeit auf das affektive Treiben der anderen zu verstärken. […] Das erotische Feld wird unter Spannung gesetzt, indem die Gruppen durch ständige subakute Selbstirritation eine Art von begehrlich-argwöhnischer Aufmerksamkeit auf die Unterschiede zwischen ihren Mitgliedern produzieren. Daraus entsteht ein Eifersuchtsfluidum, das durch prüfende Blicke, humoristische Kommentare, herabsetzende Nachreden und ritualisierte Konkurrenzspiele in Zirkulation und Fluss gehalten wird. […]

In dieser Dimension manifestiert sich der Eros nicht als dual-libidinöse Spannung zwischen Ego und Alter, sondern als trianguläre Provokation: Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt, sobald ich annehmen darf, dass ein anderer dich liebt und deine schöne Gestalt ihn genügend reizt, um dich in Besitz nehmen zu wollen. […] Erotische Prozesse in der Gruppe bilden demnach die Grundform des Wettbewerbs – ausgelöst durch die imitative Beobachtung des Strebens anderer nach der Beschaffung von Seins-, Besitz- und Geltungsvorteilen. […] Und folglich gehört zur Gruppenweisheit ein Eifersuchtsmanagement, das dreidimensional ansetzt. Sollen die Selbstirritationen der Gruppe in einem lebbaren Tonus gehalten werden, braucht das Kollektiv ausreichende Diskretionen für die Seinsdifferenzen, die Besitzdifferenzen und die Statusdifferenzen in seinem Inneren. Diskret ist, wer weiß, was er nicht bemerkt haben soll."

Zweifellos sind es letzterer Hinweis verbunden mit einem erfolgreichen "Eifersuchtsmanagement" die darüber entscheiden, ob "die Selbstirritationen der Gruppe in einem lebbaren Tonus gehalten werden", ohne dass z.B. Mord oder das Duell der "Ehrenmänner" dies entscheiden muss.

Sloterdijk als Gebetsmühle oder zivilisationsverbürgendes Mantra - oder: "Wenn et bedde sich lohne dät" (frei nach Wolfgang Niedecken). Kehren wir zum gemeinsamen Essen und Trinken zurück: Ein guter alter Brauch war mit der Eröffnung der "Döppekoche-Saison" verknüpft. Für das Essen, Trinken und das Zusammen-Reden brauchst du Ort und Gelegenheit (und natürlich fleißige Hände, denn für einen "Döppekoche", an dem sich 10 bis 12 trink- und tellerfeste Freunde laben, müssen 8 bis 10 kg Kartoffeln geschält und gerieben werden). Feste - so haben wir gelernt - können die kultischen Höhepunkte der Freundschaft und gleichzeitig Ausdruck gelingender selbstzwecklicher, zuverlässiger und beständiger Freundschaften sein. Lange waren Ort und Gelegenheit - auf gewissermaßen "natürliche" Weise - definiert; der Ort: ein großes, offenes Haus, das seit vielen, vielen Jahren (auch) den Mühseligen und Beladenen (sprich: den Einsamen, den Versingelten, den ein wenig nach "zu Hause" Dürstenden) als Zufluchtsort erschien. "Gute" Freundschaften sind nicht wirklich an Orte gebunden - nix bleiv, wie et is; un et kütt, wie et kütt -; vielleicht erfordert '"gute" Freunschaft gerade hinsichtlich der Orte und der Gelegenheiten eine Orientierung am "variatio delectat" (wird Euripides zugeschrieben). Dass Abwechslung erfreut, wusste man also schon vor 2 1/2tausen Jahren.

Befleissigten wir alle uns lebensabendlicher Weisheit (die uns altersbedingt gut zu Gesicht stehen würde), könnte das "gute und schöne Leben" vielleicht noch eine Weile andauern. Dazu bräuchte es neben 8 bis 10 kg weichkochender Kartoffeln, Zwiebeln, Eiern, Speck (Mettwurst), Salz, Pfeffer und Muskat eine Portion "Selbstdesinteressierung", denn "sich gehen zu lassen stellt das eigene ichzentrierte Verlangen in der Vordergrund und damit den Freund und die Freundschaft infrage (Arnold Retzer, a.a.O, S. 143)". Nach Arnold Retzer wäre das - wie weiter oben schon bemerkt - eine Anregung sowohl für Freunde, wie für Liebende: "Vielleicht könnte die Absolutheit der Liebe durch die Freundschaft relativiert und dadurch lebbarer werden... dem Autonomieverlust durch die Liebe bzw. den Identitätsversprechungen der Liebe würe vielleicht durch das Recht auf Eigenes und die Selbsterzeugung durch die Freundschaft beizukommen." Und mehr noch - mit Blick auf die "spastischen Verkrampfungen" auf das Recht in einer Partnerschaft - "ließe sich vielleicht durch die Fokussierung auf die Freiheit der Freundschaft, der Freunde und des Freundens" eine neue Lockerheit gewinnen.

Es ist natürlich eine Frage der Diskretion (d.h., zu respektieren, was man nicht bemerkt haben soll), darauf hinzuweisen, dass die Frage, auf wen noch Verlass sei, offen bleiben muss. Ein operatives Kriterium für die Beantwortung dieser Frage lässt sich allerdings an die Aussicht knüpfen,  selbst "verlassen" zu werden, wenn man dauerhaft die Kriterien für ein angemessenes "Freunden" missachtet. Einer Scharfstellung dieser Kriterien allein gilt der obige Rekurs auf Peter Sloterdijk. Kompliziert wird die "Sachlage" darüber hinaus durch die Hinweise Julia Onkens immer darauf zu achten, in welchem beziehungsstiftenden Modus man sich denn bewegt: Dem der "freundschaftlichen Verbundheit" oder dem der "wechselseitigen (Komplettberücksichtigung im Modus der) Höchstrelevanz" (Peter Fuchs).

 

 

 

 

 

   

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