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Hildes Geschichte - Franz der Teufelskerl

Am frühen Morgen des 10. September 1941 näherte sich Franz Salzburg. Dort hatte er zwei Stunden Aufenthalt, und er verließ den Bahnhof in Richtung des großen Stellwerks. Er erinnerte sich an ein Café auf der Fanny-von-Lehnert-Straße in der Nähe des Hauptbahnhofs. Dort hatte er mit Gerda bei Ihrem Salzburg-Besuch 1939 ein paar schöne Stunden verbracht. Intuitiv zog es ihn in Richtung dieses Cafés. Franz‘ Marschbefehl hatte sich kurzfristig geändert, und er war im Zuge der Auffrischung seines Regiments dem Ersatzgruppenteil St. Pölten zugewiesen, um von dort aus den Weitertransport gemeinsam mit frisch ausgebildeten Rekruten zur Division anzutreten.

Franz hatte eine unruhige Nacht hinter sich. Alle Züge waren überfüllt. Man konnte den Eindruck gewinnen, als seien alle auch nur irgendwie fronttauglichen Soldaten auf dem Weg zu ihren Einheiten. Franz hatte –   beengt, nur wenige Stunden auf seinem Seesack hockend – mehr gedöst als geschlafen. Dabei hatte er von Frankfurt an noch Glück, ganz am Ende des Zuges im Einstiegsbereich eine Ecke zu ergattern, so dass er wenigstens im Winkel Halt fand und nicht ständig von seinem Seesack herunter rutschte.

Je nach Wach- bzw. Schlafzustand überfluteten ihn seine Gedanken bis hinein in angenehme, merkwürdig entrückte und doch so klar umrissene Traumbilder. Dabei kam ihm Hilde offenkundig so nahe, dass er durch einen unsanften Rippenstoß eines Kameraden aus seinen Traumbildern gerissen wurde, weil er neben wirrem, unverständlichem Gemurmel anscheinend auch noch raumgreifend gestikulierte.

Im Wachzustand bedrängte ihn die Fülle der Bilderflut. Franz versuchte seine Gedanken zu ordnen, sah er sich doch seit der Änderung des Marschbefehls mit der Frage konfrontiert, ob er versuchen sollte wenigstens für einen Tag noch von St. Pölten nach Mistelbach zu Gerda und seinem Sohn, ja zu seiner Familie zu gelangen. Die Chancen standen nicht schlecht, weil der Weitertransport erst für den 12. September vorgesehen war. Was ihn dabei irritierte – und dies schon seit geraumer Zeit – war die Tatsache, dass er mit einem merkwürdigen, ungewohnten inneren Spannungszustand kämpfte, der gleichbedeutend war mit einem deutlichen Verlust an Souveränität in der Organisation seiner Gefühlswelt. Nach dem für ihn gewohnten und gleichermaßen erprobten wie bewährten Umgang mit außerehelichen Kontakten, Avancen, Anfeindungen – gleich wie man es nennen wollte – fühlte sich Franz regelrecht aus der Bahn geworfen. Er hatte ungewohnte Mühe zurück in die Spur zu finden. So kam er sich zerrissen vor. Seine Sehnsucht hatte eine so zwiespältige Ausfransung erfahren, dass er rückwärtsgewandt am liebsten den ganzen Weg bis nach Remagen und Neuenahr zurückgelaufen wäre; andererseits erfasste ihn – je näher er der Heimat kam – ein starker Sog hin zu Frau und Kind.

Franz saß in einer Ecke des Cafés. In der ruhigen und friedlichen Stimmung am Mittwochmorgen war er offensichtlich der erste Gast. Er bestellte ein kräftiges Frühstück mit Rührei, Schinken und viel Kaffee. Franz bemühte sich um einen klaren Kopf und während die auffallend hübsche, junge Kellnerin seinen Frühstückstisch vorbereitete, ging Franz zur Toilette und schöpfte sich zu allererst mit beiden Händen mehrmals Wasser ins Gesicht. Er fuhr sich durch die Haare, wiederholte die Prozedur und spürte, wie das eiskalte Wasser ihm das Blut in die Kapillare trieb. Franz betrachtete sich im Spiegel, rieb sich mit beiden Händen die verstoppelten Wangen und das Kinn. Wieder betrachtete er sich in dem für das WC etwas zu groß geratenen Spiegel, trat einen Schritt zurück, wies mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf sich und sagte dann laut: „Franz, du dummer Hund, willst du wohl wieder Vernunft annehmen!“ Dabei blitzen seine Augen. Franz hob den linken Fuß und nahm dann mit dem linken Bein leichten Schwung und drehte sich einmal um die eigene Achse, begegnete sich im Spiegel wieder und rief zwischen Erstaunen, Überraschung und sichtbarem Vergnügen: „Du verrückter Hund, du kompletter Idiot!“ Dann nahm er einen kleinen Kamm aus der linken Gesäßtasche, scheitelte sich das Haar sorgfältig rechts, zog die Sonnenbrille aus der Brusttasche und setzte mit ihr gemeinsam sein Gewinnerlächeln auf. Er verließ die kleine Toilette und dachte, indem er den sonnendurchfluteten kleinen Frühstücksraum betrat, bei sich: „Sei nicht blöd, du lebst, heute lebst du noch, geh deinen Weg und mach dir keinen Kopf um ungelegte Eier!“

Franz rief die Kellnerin zu sich, nahm mit beiden Händen ihre rechte Hand, deutete einen Handkuss an, verneigte sich vor ihr, bot ihr sein charmantes offenes Lachen und meinte vergnügt: „Vielen Dank für das wunderbare Frühstück!“, indem er auf den dampfenden Kaffee, das goldgelbe, verlockende Rührei und die frischen Semmeln wies. „Setzen sie sich doch ein wenig zu mir. Es ist doch noch nichts los!“

Das junge Mädel mit den blonden Zöpfen und den Sommersprossen errötete leicht, lachte verlegen, dankte Franz und lehnte bedauernd und zurückweichend ab: „Wir haben jeden Morgen viele Stammgäste, und ich muss die Tische vorbereiten!“

Franz aß mit Appetit und Heißhunger alles auf, fühlte, wie der Kaffee seine Lebensgeister vollends weckte und trat, nachdem er gezahlt hatte, in die strahlende Sonne. Er streckte sich und spürte selbst hier, unweit des Stellwerks und des Bahnhofs, indem er die frische, kühle Morgenluft in sich aufsog, die Ahnungen und Verlockungen eines prallen, vollen Lebens.

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© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund