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Kurz vor Schluss - reloaded

auch noch einmal für Rudi Krawitz, dessen schriftliches - für eine breitere Öffentlichkeit bestimmtes - Vermächtnis (zweiter Teil) in der ersten Ausgabe 2026 des Mitteilungsblattes der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. (DGHS) erschienen ist (siehe dazu auch: hier). Hier der Zugang zu Rudis schriftlichem Vermächtnis: Teil I.

Unter der Nummer 84 erschien in Kurz vor Schluss - Eine kleine Sozialkunde (Kurz vor Schluss Teil I) 2017 der Beitrag: "Familiendynamiken und andere chaotische Phänomene." Ich stelle ihn heute in einer überarbeiteten, aktualisierten Version noch einmal online. Es geht um Formen der Selbstermächtigung und die Verantwortung, die uns damit obliegt. Die eingestreuten, aktualisierten Passagen habe ich grün unterlegt. Zunkunft brauche Herkunft, meint Odo Marquard. Bei vielen Blog-Beiträgen läßt sich beim Wiederlesen genau diese Behauptung scharf stellen. Und die Ahnungen, die sich inzwischen - im Verlauf von neun Jahren - auf teils überraschende bis bedrückende Weise bestätigt haben, erlauben einen Ausblick, was nun wirklich im Sinne eines Kurz vor Schluss noch zu bedenken und zu bewegen ist. Die erste Impression ist mir - so, wie die dritte - näher gerückt. Die zweite Impression mit Blick auf (sexuelle) Sozialisation erscheint hingegen schon weitgehend entrückt und liefert in der Tat Impressionen aus einer längst vergangenen Zeit. Die seinerzeit von Wolfgang Loth vorgenommenen (höchstaktuellen) Wortspielereien:  "Exit ist in, Grexit, Brexit - warum nicht auch Fexit? Family Exit", die ein "Aussteigen aus der Verantwortung" erwägen, haben in ungezählten Blog-Beiträgen der Folgejahre eine zentrale Rolle gespielt, indem ich mit Wolfgang Loth an die Stelle des exit ein exist gerückt habe: Doch auch Exist gewinne Bedeutung erst im Kontext. Man müsse nicht unbedingt die Chaosrhetorik bemühen, um zu verdeutlichen, dass Existieren eine Grundlage brauche, meint Wolfgang Loth:

  • Umwelten, die nähren, es brauche
  • Schutz,
  • Anerkennung,
  • Respekt!

„Ob Auseinandergehen oder Miteinandergehen, beides macht Arbeit. Familiendynamik ist anspruchsvoll. Ob‘s wahr ist oder nur so war: Kurz vor Schluss bleibt immer genug zu tun.“


Einige Impressionen  (aufgeschrieben im Dezember 2016)

Wolfgang Loth stellt in Heft 4/2016 der Familiendynamik die Frage, ob man über Schluss sprechen könne? Er nennt diesen Beitrag, der unter der regelmäßigen Rubrik Kurz vor Schluss auf der vorletzten Seite der jeweiligen Ausgabe erscheint: „Ach ja, Verantwortung“. So gerate ich unversehens mitten hinein in die anregenden Impressionen von Wolfgang Loth, der in seinem Beitrag zuerst die Frage stellt:

„Schluss von was? Ob da etwas zu Ende geht? Ob da schnell noch etwas zu erledigen ist? Kurz vor zwölf und danach die Sintflut? [...] Der Teufel steckt im Detail und kommt womöglich mit dem Schluss. Kann man über Schluss sprechen? Oder: Ist noch kein Schluss, solange man reden kann? Über irgendetwas, mit irgendwem? Kommunikation sei ‚eine außerordentlich robuste Operation - man kann immer noch etwas sagen, wenn man in Schwierigkeiten kommt‘, bemerkt Luhmann in seiner Einführung in die Systemtheorie (Heidelberg: Carl-Auer, 2002, S. 138). Da könnte man gleich Luhmann zitieren, wenn einem nichts Besseres einfällt und einem die Ereignisse um die Ohren fliegen.“

Herta Müller: Ein einziger, lebenslanger Satz

Wir hatten's mal wieder schön

Ja, wir hatten's mal wieder schön; zumindest hatten wir wieder einen Weihnachtsbaum, gutes Essen und gute Gespräche, auch wenn die Krippe in diesem Jahr scheinbar verwaist blieb. Ich weiß nicht, ob es schiere Nachlässigkeit oder Intuition war. Jemand, der gefragt hätte, warum die Krippe so verweist dasteht, hätte von mir zur Antwort bekommen: Es ist ja nicht die Krippe. Es ist ja nur der Stall. Und die Krippe samt Jesuskind steht in diesem Jahr im Stall. Wir wollten nicht, dass der Kleine friert. Und auch alle anderen - Maria und Josef (und auch alle Tiere) haben sich in den Stall zurückgezogen, um es ein wenig heimeliger zu haben!

Die Geschichte, die uns Herta Müller erzählt, handelt von weniger als einem Stall. Dort, wo die Menschen - im Zuge der Reinigung des Volkskörpers im Rumänien der späten fünziger Jahre - ein Obdach fanden, gab nur lebensfeindliche Landschaft: "Es gab nichts außer dem leeren Himmel und dem nackten Sand, der glühenden Sommerhitze und dem eisigen Winter."

Ein einziger, lebenslanger Satz: Der Roman >Die Aussiedlung< von András Visky erzählt schmerzhaft schön von einer deportierten ungarischen Familie im Rumänien der Fünfzigerjahre. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller schreibt über dieses magische Dokument in: DIE ZEIT 54/25, Seite 46/47)

Warum ich mir das am 2. Januar antue, vermag ich nicht zu erklären. Aber Herta Müllers Rezension ist irgendwie dem Papiermüll entgangen. Und so konnte ich nicht anders. Wer Herta Müllers feinfühlige, sprachmächtige und -sensible Würdigung dieses 453 Seiten umfassenden Romans gelesen hat (Suhrkamp, Berlin 2025), hat zwei Alternativen vor Augen: sich dieses magische Dokument verfügbar zu machen oder weiten Abstand davon zu nehmen. Ich entscheide mich für die zweite Alternative: Herta Müllers Schreiben über András Viskys Roman gleicht einer Sprachperle, die das Wachstum und die Sedimente eines jahrzehntelangen Ablagerungsgeschehens bei András Visky kongenial nachempfindet und 453 Seiten (vermutlich) in ihrem Gehalt so feinfühlig wie brutal erfasst:

"Das Buch ist eine Hommage an die Mutter, und sie heißt immer >unsere Mutter<. Und sie heißt sogar >unsere porzellanschöne Mutter<, und es gibt kein anderes Wort, das sie so treffend beschreiben könnte. Der Autor erzählt aus einer multiplen Ich-Perspektive, ein Kunstgriff, die sechs anderen Geschwister sind immer mitgemeint. Und oft erzählt er aus dem Kopf der Mutter. Die Bibel ist hier das >Buch der Gefangenschaft<, sie verwandelt sich vom heiligen Buch zum beteiligten Buch: >wir sind nicht arm, nur besitzen wir nichts, aber dieses Nichts reicht uns völlig, es ist eine Aufgabe für mehrere Leben<, sagt die Mutter, >allein schon deshalb sollte wir zusammenhalten, in diesem großen, weiten Lagernichts."

Leon Weintraub -Zeitzeuge, Mahner, Optimist

Vor mir liegt die Rhein-Zeitung vom 31. Dezember 2025. Die Seite 14 - Panorama - widmet Leon Weitraub eine halbe Seite: "Holocaust-Zeitzeuge, Mahner, Optimist - Leon Weintraub entkam dem NS-Vernichtungslager Auschwitz - am 1. Januar feiert er seinen 100. Geburtstag" (mein Freund Thomas - fast vier Jahre jünger als ich - feiert heute seinen 70. Geburtstag). Ich gratuliere beiden herzlich. Mit Thomas verbindet mich seit unserer Freundschaft, die zu Beginn unseres Studiums, im Oktober 1974 ihre Anfänge nahm, eine gleichermaßen rationale wie emotionale Abscheu vor rechtsradikalen Ideologien und Milieus. Weder die Milieus noch die Ideologien sind aus Deutschland verschwunden. Sorgen wir dafür, dass nicht nur der Mahner Leon Weintraub gehört wird, sondern auch der Optimist!

Meine Gedanken zum Jahresbeginn, die gestern noch Gedanken zum Jahresende waren, widme ich heute Leon Weintraub. Denn es ist eine nachgetragene Lektüre. Gestern hatte ich keine Zeit. Ich durfte mich Ann-Christins Hundenachwuchs und meinen Enkelkindern widmen. Und das nachstehende - nunmehr Leon Weintraub gewidmete - Gedicht ist gestern Nachmittag entstanden:

Leon Weitraub wird heute - am 1. Januar - einhundert Jahre alt.  Damit ist er einer der letzten Überlebenden des Holocaust. Die Rhein-Zeitung druckt einen von Norbert Demuth verantworteten Beitrag ab. Neben einer biographischen Skizze, beeindrucken mich folgende Gedanken. Aus diesem Grunde widme ich das nachstehende Gedicht Leon Weintraub:

Gedanken zum Jahresende - mit Hoffnung auf die Wende - wir Wähler haben's auf dem Zettel

 

Jahresende! Zeitenwende?

Ein Jahr neigt sich dem Ende.
Auf Ende reimt sich Wende.
Doch die entpuppt sich kaum,
bleibt eher flüchtig - wie ein Traum.

Ein Traum, vom Alb regiert,
aus dem der Nazi stiert.
Er scheidet - wie schon immer - Freund und Feind:
Mit Feind ist hier der Sündenbock gemeint.

Und das Fremde bleibt ihm auserkoren -
(in Nazideutschland: wer als Jude war geboren)
Und gestern, heute, morgen
müssen Asylanten und Migranten dies besorgen.

Ich kann’s nicht dulden, und ich kann’s nicht fassen!
Nach tausend Jahren Nazi-Terror könnt ihr’s immer noch nicht lassen.
Deutschland, Deutschland über alles – reicht euch nicht die MAGA-Scheiße?
Geht auf Reisen: von Buchenwald bis Auschwitz und werdet dann ganz leise!

Nach Hekatomben Toten
führte unser Weg nach Westen,
Im Osten sorg(t)en für die Toten nun die Roten -
bei uns geduldet von den neuen Braunen mit den blauen Westen.

Ihr Wähler all in deutschen Landen
lasst die blau gefärbte braune Scheiße nun versanden.
Deutschland erwache - kann heute nur bedeuten:
Geht nicht unter Unterleuten!

 

Hört lieber auf den Kästner!

(f)liegen lernen - siehe auch: hier

Lesenswert am Ende Paul Eastwicks Hinweise zu Bindungsbedürfnissen

Zufallsgenerator Fernsehen! Ich bin kein Straemer, muss mich rechtfertigen, wenn ich bekenne, dass feste Sendeplätze im öffentlich-rechtlichen Fernsehangebot nach wie vor meinem Rezeptions- und Konsumverhalten jenes Korsett verleihen, mit dem ich von Kindesbeinen an - so etwa ab einem Alter von 8 bis 10 Jahren sozialisiert worden bin (damals noch mit Klaus Havenstein und Sammy Drechsel: Sport -Spiel - Spannung und nicht zu vergessen: Astrid Lindgren: Die Kinder von Bullerbü). Gestern, Samstag - nach Weihnachten bei Christstollen und Kakao - gerate ich in einen 2003 gedrehten Spielfim, den Claudia allerdings aus der Mediathek gefischt hat. Allein die Riege der inzwischen etablierten - seinerzeit jungen Schauspieler:innen Fabian Busch, Susanne Bormann, Fritzi Haberlandt, Sophie Rois, Anka Sarstedt, Birgit Minichmayr, Florian Lukas, Uwe Rohde  (als 1958 Geborener freilich nur sechs Jahr jünger als ich) hält mich auf der Couch fest. Die ersten Bilder die ich sehe, zeigen Szenen einer Klassenfahrt nach Berlin (u.a. Helmut und Britta, die Hauptprotagonisten in der Kneipe: Zur letzten Instanz); die hatte ich 10 Jahre zuvor absolviert als ältester aus meiner damaligen UI - ein Jahr vor dem Abitur.

Ich bleibe also hängen und sehe mir den Film bis zur Schlussszene an. Es sind zweifellos nicht Angehörige meiner Alterskohorte. In der Generationenabfolge würde man sie auch - bis auf Ausnahmen - nicht mehr den Boomern zuordnen.

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund
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