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Alligators Ende! - oder: See you later Alligator?

Von der Hybris der Alligatoren und einer ganzen Wissenschaftsdisziplin

In der ZEIT vom 23. April 2015 (17/2015) prognostiziert Stefan Willeke "Alligators Ende"; am Beispiel von Ferdinand Piech - Herrscher im Weltkonzern VW - könne man den Horizont eines "posttyrannischen Zeitalters" erkennen. Den Alligatoren vergehe das Lächeln, und das Zeitalter der "Wüstenspringmäuse" habe begonnen. Ihren idealtypischen Repräsentanten erblickt Stefan Willeke in Jogi Löw:

"Er hat etwas Unmögliches geschafft, er hat die Tyrannei besiegt. Er galt als badisches Jüngelchen, das nicht die Durchsetzungskraft mitbringt, ein tendenziell widerspenstiges System zum Erfolg zu führen. Löw fügte sich dem System, veränderte es leise von innen - was viel mehr Kraft kostet als das Protzen eines charismatischen  Anführers. Am Ende machte Löw Deutschland zum Weltmeister, ohne an seinem weichen, kommunikativen Führungsstil etwas zu ändern. Das ist ein großes Verdienst, weil gegen Löw der Glaube an die Unerbittlichkeit ausgeschieden ist. Das ist von Bedeutung, weil man dem Fußball zutrauen kann, viel von Härte zu verstehen - somit auch von zurückgewiesener Härte. Und weil Antworten in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich klarer ausfallen. Nach einem 7 : 1 im Fußball muss man nicht darüber streiten, wer verloren hat."

Lesen lernen - eine Anregung im Geiste Niklas Luhmanns

oder: Die Kunst des umformulierenden Schreibens

In den "Short cuts" zu Niklas Luhmann (Frankfurt 2000) findet sich ein kleiner Beitrag zum "Lesen Lernen". Es verwundert nicht, dass eine hochgradig funktional differenzierte Gesellschaft auch unterschiedliche Textsorten produziert, die unterschiedliche Lesarten - heute spricht man von "Lesekompetenz"- erfordern. Luhmann empfiehlt eine Unterscheidung zwischen poetischen, narrativen und wissenschaftlichen Texten. Natürlich geht es Niklas Luhmann in erster Linie um wissenschaftliche Texte, deren Eigenart sich seiner Auffassung nach am besten erhellen lasse, wenn man zunächst klärt, dass und weshalb sie nicht wie Gedichte oder Romane zu lesen seien.

Luhmann unterscheidet zwischen "realer Realität" und "fiktionaler Realität". Bei narrativen Texten - so seine Argumentation - ergebe sich der Textzusammenhang aus der Spannung, die mit dem "Unbekanntsein der Zukunft" einhergehe. Bereits Gelesenes wecke Erwartungen auf eine noch unbestimmte Zukunft: "Der Leser wird sozusagen mit der Paradoxie konfrontiert, schon zu wissen, was er noch nicht weiß." Andere Anforderungen stelle hingegen die Lektüre von Gedichten. Sie seien in der Regel nicht zu verstehen als "Erzählungen in Versform". Zugänge ergäben sich eher  über klangliche Elemente, die Ungewöhnlichkeit der Wortwahl, Paradoxien und Kontraste, die zudem durch Sprachrhythmik unterstützt oder auch irritiert würden: "Die Lektüre erfordert ein aufmerksames Kurzzeitgedächtnis und vielschichtige Rekursionen, die sich nicht darauf verlassen können, dass das, was gemeint ist, auch gesagt wird."

Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?

Bertrand Russells Hühner oder: Das Vornehme der Wahrheit

Ich führe ja sporadisch Gespräche mit meinem alter ego Adrian. Vor Wochen hat er verzweifelt in das off dieses Blogs hineingerufen, ob da wohl jemand sei. Ich habe mich gemeldet und angedeutet, ich hätte "zu tun gehabt". Als vor einiger Zeit einer der akademischen Lehrer Rudi Krawitzens starb, hatte dieser verfügt, dass sein bibliothekarischer Nachlass in die Hände von Rudi übergehen solle. Rudi hat dieses Erbe angenommen und Mitte Januar standen 50 Umzugskartons mit dem entsprechenden Nachlass in unserem Archiv. Ich konnte einer ersten Sichtung nicht widerstehen und habe mich - wie zu erwarten - verloren. Bücher üben immer noch eine magische Anziehungskraft auf mich aus. In ausgedünnter Atmosphäre habe ich in unserem Archivraum -in den Katakomben des C-Gebäudes - mehrere Tage zugebracht und die Kartons ausgepackt. Dabei kommst Du Dir vor, als säßest Du am intellektuellen Totenbett des Nachlassers. Du nimmst Buch für Buch in die Hände; das ein oder andere betrachtest Du natürlich genauer. Als 25 Jahre Jüngerer tauchst Du ein in die Hinterlassenschaften eines ungemein breit interessierten Zeitgenossen, worin sich dann wiederum die geistige Hinterlassenschaft abendländischer Kultur offenbart, angereichert durch Anmerkungen und Rezensionen. Das hat mich irritiert und zugleich darauf gestoßen, dass ich Ordnung bringen sollte in eine eigene Welt, die sich irgendwann als Hinterlassenchaft meinen Kindern aufdrängen wird. Im vorliegenden Fall haben sich Kinder und Enkel gleichermaßen entlastet und ein eigenes Zeichen der Wertschätzung (von Hinterlassenschaften) gesetzt: Ist man nicht bereit oder in der Lage, seinen (wahl-)verwandtschaftlichen Beziehungen zu Lebzeiten eine lebendige und wertschätzende Aura zu verleihen, muss man sich nicht wundern, dass ein bibliophiles Erbe in den Katakomben eines anonymen Archivs landet.

Warum nun diese lange Vorrede? Neben den Geistesriesen abendländischer Kultur fiel ein Büchlein in meine Hände, das Rupert Riedl 1988 veröffentlicht hat. Das ist das Todesjahr meines Vaters (Jahrgang 1922). Rupert Riedl war 1988 so alt, wie ich heute bin, nämlich 63 Jahre. Er hat dem Buch den Titel "Der Wiederaufbau des Menschlichen - Wir brauchen Verträge zwischen Natur und Gesellschaft" gegeben.

Ohne festen Boden - oder: In Sprache mutiert Gesellschaft

Die Erfindung der fünften Gewalt

"Ohne festen Boden" - so lautet der Leitartikel von Dirk Kurbjuweit im SPIEGEL 14/15 (S. 14). Dirk Kurbjuweits Leitartikel endet mit einem bemerkenswerten Schlusssatz: "Nach der Katastrophe kommt zuerst das Innehalten im Schock, dann die Trauer, und dann leben die nicht unmittelbar Betroffenen weiter wie bisher. Anders geht es nicht."

Auf die exklusive Rolle von 150 Familien- und Freundeskreisen im Zusammenhang mit der Unglücksmaschine 4U9525 habe ich in: "Eine ZEIT-Reise" hingewiesen. Aus der gleichermaßen ernüchternden wie heilsamen Vorstellung, dass der Mensch außerhalb der Gesellschaft zu positionieren sei, dass Gesellschaft im Sinne von Niklas Luhmann "bewusstseinfrei" im Modus von Kommunikation operiert, resultiert ein weiterer entscheidender Hinweis mit Blick auf den massenmedialen "Extremismus der Erregung" (Bernhard Pörksen). Hier lassen sich fast ausnahmslos die Auslassungen selbsternannter und berufener Experten einordnen; vom SPIEGEL (Dirk Kurbjuweit) über die ZEIT (Bernhard Pörksen) bis zur Rhein-Zeitung. Letztere räumt dem Experten Werner Dinkelbach (Psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker) eine Dreiviertelseite im Rahmen eines Interviews ein, der immerhin auf die Frage, ob das Rätsel ungelöst bleiben könnte, festzustellt:

"Das ist schwer auszuhalten. Das widerspricht unseren kognitiven Vorgängen im Kopf. Wir versuchen für jedes Ereignis eine Ursache zu definieren, um etwaige Folgen einschätzen oder uns gegen etwas wappnen zu können. Dahinter steckt unser grundlegendes Sicherheitsgefühl. Diese unfassbare Tat untergräbt den Wunsch, die Welt erklären zu wollen."

Und Hans Werner Dinkelbach bekennt auf den Hinweis, dass es ihn als Psychologen doch grämen müsse, die Seele eines Menschen nicht ergründen zu können:

"Ich mache oft genug die Erfahrung von Überraschungen, und weiß das Verstehen seine Grenzen hat. Deshalb grämt es mich nicht. Es verschreckt mich zutiefst, es ängstigt mich auch. Aber ich werde damit leben müssen."

Eine ZEIT-Reise

Das Echo auf die Flugkatastrophe - Extremismus der Erregung von Bernhard Pörksen in der ZEIT 14/15 -Leitartikel

So elegant ist selten jemand zurückgerudert: Man nehme sich einen renommierten Medienwissenschaftler und lasse (sich) die Leviten lesen. Nachdem man in der letzten Ausgabe den "Absturz eines Mythos" proklamiert hatte, will man mit der heutigen Ausgabe (14/15 vom 1. April) hinter den "Extremismus der Lügen" zurück. Seit mehr als dreißig Jahren bin ich leidenschaftlicher ZEIT-Leser und norde mich im zunehmenden Medien-Hype auch heute noch mit Hilfe der ZEIT im Orkan der Nachrichten ein - und dies gewiss nicht allein deshalb, weil man in Hamburg mit steifen Brisen mehr Erfahrung hat als anderswo.

Was macht nun meine besondere Empfindsamkeit aus und erhöht meine Empfänglichkeit für "Besonnenheit in besinnungslosen Zeiten"? Bernhard Pörksen fordert dies mit der professoralen Autorität des "Medienwissenschaftlers" und glaubt die Medienzunft von A bis Z - zumindest von Bild bis ZEIT auf ein gemeinsames Ethos verpflichten zu können: "Die Mediengesellschaft braucht Regeln zur Wahrung der Besonnenheit in besinnungslosen Zeiten" - vor allem, so Pörksen, um nicht selbst in einem "Extremismus der Erregung" zu versinken und sich in eine Art "mentaler Geiselhaft des Schreckens" zu begeben. Er kreiert zwei Begriffe, die Klemme und Zwangslage der modernen Mediengesellschaft verdeutlichen sollen. Einerseits manövriere sie sich unter dem Druck pausenlos berichten zu müssen in ein Nachrichtenvakuum hinein, was im Übrigen dazu führe, dass man "Pseudo-News" präsentiere, wo man doch gar nichts wirklich Neues zu sagen habe. Andererseits bedinge das Zusammentreffen von Katastrophe und rascher publizistischer Reaktion notwendig ein Faktizitätsvakuum: Man wisse wenig sicher, wolle aber doch Gewissheiten präsentieren. Das hat die ZEIT-Redaktion immerhin dazu verführt, die Headline von 13/15 mit dem "Absturz eines Mythos" zu begründen. Ja, was waren das noch für Zeiten als Bernhard Pörksen ganze Titel von Büchern noch mit der Headline "Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" auf den Punkt bringen konnte.

   

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