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Hommage an Charly, Biene und Vasco - nun ist auch Biene schon ein Jahr tot

Und es ist eine Menge passiert im Verlauf dieses Jahres. Ums Verschwinden aus dieser Welt geht es und überhaupt um die Frage, worum es eigentlich geht, geht es; heraus kommt Besinnliches und die ein oder andere Mahnung. Hilfreich wie immer bleibt die Luhmannsche Lektion und zuletzt Odo Marquard. Ich bin halt ein intellektueller Vagabund ohne Imperativ.

"Das Sterben ist eine große, schwierige Sache. Anders wäre es kaum erklärlich, dass die Philosophie seit der Antike, verkürzt gesagt, das Leben als eine einzige Einübung darauf begreift. Dafür werden 'Gelassenheit, 'Unerschütterlichkeit' oder 'Zuversicht' geltend gemacht." So der programmatische Ausgangspunkt von Edo Reents am 22.11.14 in der FAZ im Zuge seiner Beteiligung am Diskurs über gesetzliche Regelungen zur Sterbehilfe: "Das Sterben ist kein Wunschkonzert". Ich habe in meiner Reaktion darauf gefragt, wie denn diese drei Grundtugenden Geltung erlangen, und ich habe meine Antwort darauf gefunden. Und natürlich frage ich mich, ob auch bei Tieren, bei Hunden, bei unserer Biene das Sterben eine große, schwierige Sache ist/war. Und meine klare Antwort lautet: Nein! Damit will ich keineswegs sagen, dass Tiere, dass Hunde, dass unsere Biene (über) keine tiefe Empfindungswelt verfügen, dass sie sie nicht offenbaren - das ganze Gegenteil ist der Fall. Und dennoch: Bienes Leiden spiegelt sich in erster Linie in unseren Empfindungen und in unserem Schmerz, der beträchtlich ist. Aber wir - Claudia, Laura, Anne und ich - sind uns sicher, die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt getroffen zu haben und in Frau Nüsslein, unserer Tierärztin, eine einfühlsame, sachkundige Begleiterin gefunden zu haben, die eben dann auch das richtige zum richtigen Zeitpunkt getan hat. Dafür sei ihr an dieser Stelle ausdrücklich gedankt.

Als mein Vater beinahe Klaus Harpprecht das Leben gerettet hätte

Klaus Harpprecht ist Jahrgang 1927 und legt nunmehr 2014 seine Memoiren vor - er kann sie vorlegen. Er hat seine Zeit als Soldat 1944/45 überlebt. Im Vorabdruck in der ZEIT (50/2014, S. 55) - wo sonst? werden folgende Erinnerungen an den existentiellen Wendepunkt des Überlebens widergegeben:

 Bei der Flucht vor amerikansichen Truppen eine Anhöhe hinauf, die schon fast geschafft war, traf Klaus Harpprecht "ein barbarischer Schlag auf die rechte Schulter, als träfe mich der dickste aller Schmiedehämmer". Harpprecht schreibt weiter: "Die Wucht des Aufpralls warf mich in die Furche. Vermutlich schrie ich. Blut. Ich wusste nicht weiter. Würden meine Beine gehorchen? Plötzlich neben mir ein Soldat, Unteroffizier. Das Gesicht, das ich mir heute zurechtdenke, gehört zu einem Dreißig-, Fünfunddreißigjährigen. Runde Brille unterm Stahlhelm. Er half mir auf. Die Beine trugen. Sprang mit mir drei oder vier Meter. Ein Wunder: Nur wenige Geschosse zischten vorbei. Ein zweiter Sprung. Ein dritter: Wir hatten es geschafft. Rollten ein paar Meter auf der geschützten Seite des Hanges hinab. Der Mann gab mir Schnaps aus seiner Feldflasche. Ich kotzte. Er bestand auf weiteren Schlucken, und ich begann, Leben zu fühlen. Der Mann riss meine Jacke auf und versuchte, die Einschusswunde mit seinem Taschentuch zu stopfen. Er murmelte, dass unten am Donauuver gewiss eine Sanitätsstation sei. War vom Blutverlust geschwächt. Er legte meinen heilen Arm um seinen Hals, zur Stütze, und so humpelten wir talwärts. Der Mann ließ keine zu langen Pausen zu, weil ich zu viel Blut verlöre.

Das Geheimnis des Glücks - oder: Wer kann schon von sich sagen, Glück gehabt zu haben?

Oder noch einmal ganz anders: Könnte es sein, dass der eigentliche Schatz in der „letzten Liebe“ liegt, in der Liebe von Partnern, die lange genug zusammen sind, um sich selbst und den anderen wahrhaftig zu erkennen? Eine Erinnerung an David Schnarch

In der Auseinandersetzung mit Niklas Luhmanns Mosaiksteinen zu einer kontingenzgewärtigen Lebenslauftheorie gibt es immer eine Stelle, an der ich seine Betrachtungsweise erweitere. Programmatisch und richtungsgebend ist ja seine Vorstellung, dass der Lebenslauf ein Form für die unaufhebbare Kontingenz der Geschehnisse des Lebens ist: Er fasst den Lebenslauf als eine "rhetorische Leistung auf, als eine Erzählung, dessen Komponenten aus Wendepunkten bestehen, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen".

Das Geheimnis eines Lebens II - mit unglaublichen Wendepunkten und Zufällen

Das muss ich heute noch loswerden: Der designierte Nobelpreisträger für Literatur, Patrick Modiano bekennt Iris Radisch gegenüber in einem Interview (ZEIT, 49/2014, S. 55): "Man kann sagen, ich fing an zu schreiben, um ein Geheimnis aufzudecken." Hannes Grassegger deckt im ZEIT-Magazin (49/2014, S. 24-31) auch ein kleines Geheimnis auf und lernt vermutlich an den Zufall zu glauben. Er skizziert aus gegebenem Anlass die authentischen Beigaben zu einer "kontingenzgewärtigen Lebenslauftheorie" im Sinne Niklas Luhmanns, wonach allein schon unserer Geburt ein unwahrscheinlicher Zufall sei.

Hannes Grassegger, der Enkel von Wolfram Grassegger, bezieht sich auf einen "dicken, roten Lederordner mit goldenem Aufdruck: 'Zufall?'" William A. Schmalz und Wolfram Grassegger haben in diesem Ordner aufgeschrieben und dokumentiert, was sie für immer verband. Am 28. April 1945 gehört William A. Schmalz zur Vorhut der 3. US-Armee, die Auftrag hatte bei Plattling die Isar zu überqueren. Wolfram Gassegger hatte als Kompanieführer einer Infanterieeinheit Befehl dies zu verhindern:

Das Geheimnis eines Lebens - im Spiegel von Wendepunkten

Iris Radisch reist nach Paris und interviewt Patrick Modiano, den designierten Literatur-Nobelpreisträger (ZEIT 49/2014, S. 55)

Ich bekenne, ich habe von Patrick Modiano nichts gelesen, lese aber gerne die ZEIT, insbesondere auch die Beiträge von Iris Radisch; so heute morgen wieder in der Frühe um sechs. "Das Geheimnis des Lebens" steht dick und fett über dem Interviewtext - inclusive des Hinweises, dass der Nobelpreisträger zwar entspannt wirke, sich jedoch

"tastend und immer wieder lange nach den richtigen Worten suchend (und ungeduldig mit der Zunge schnalzend, wenn sie sich nicht einstellen wollen) auf die Fragen der Besucherin so antwortet, als würde er über alles, was er sagt, zum ersten Mal nachdenken."

Und in der Tat, so liest sich denn auch der Interviewtext, immer wieder von naiven bis widersprüchlichen Einlassungen geprägt:

   

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