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Zugehörigkeit und Geborgenheit - Eine Reise nach Trostberg

oder: Wie kommt man von einem unlebbaren zu einem weniger unerträglichen Realitätskonstrukt?

Es ist bemerkenswert, dass wir alle mehr denn je einer potentiellen Ungeborgenheit ausgesetzt sind. Und Karl Otto Hondrich verweist zu Recht auf eine Ausgangsbedingung, die uns auferlegt, die Unfreiheit als Kehrseite der Freiheit immer mit zu bedenken: Wenn ein individueller Schritt in die Freiheit zugleich zwei Unfreiheiten hervorbringe, dann sei die Vorstellung eines Fortschreitens der modernen Gesellschaft zur Individualisierung als Befreiung im Ansatz verfehlt. Der Weg in die Freiheit sei immer auch einer in Unfreiheit, Unsicherheit, Ungeborgenheit, einhergehend mit dem Risiko entbunden und entlassen zu werden: auf Märkten, in Unternehmen, in Bildungseinrichtungen, Religionsgemeinschaften, Parlamenten, Parteien, Vereinen. Dieses Risiko, so Hondrichs Hinweis, mag zu verschmerzen sein, solange es Grundgeborgenheit noch in zwei Institutionen gebe, die uns nicht verstoßen dürften, weil wir ihnen durch Herkunft angehören: Staaten und Familien (vgl. Hondrich 2004, 157f.).

Freundschaft IV - aktueller denn je!

oder: Auf wen ist noch Verlass?

Habe ich noch alle Tassen im Schrank und leuchtet die Stehlampe noch? Und vor allem stellt sich die Frage: Ist das Ende schon nahe?

"Ich lebe allein, und so kommt es, daß im kleinen und täglichen Umgang an die Stelle der Menschen für mich mehr und mehr die Dinge getreten sind. Der Stock, mit dem ich spazieren gehe, die Tasse, aus der ich meine Milch trinke, die Vase auf meinem Tisch, die Schale mit Obst, der Aschenbecher, die Stehlampe mit dem grünen Schirm, der kleine indische Krischna aus Bronze, die Bilder an der Wand und um das Beste zuletzt zu nennen, die vielen Bücher an den Wänden meiner Wohnung, sie sind es, die mir beim Aufwachen und Einschlafen, beim Essen und Arbeiten, an guten und bösen Tagen Gesellschaft leisten, die für mich vertraute Gesichter bedeuten und mir die angenehme Illusion von Heimat und Zuhausesein geben (in: Hermann Hesse, Die Kunst des Müßiggangs, Frankfurt 1973, S. 247)."

Hermann Hesse datiert die "Klage um einen alten Baum", aus dem das obige Zitat entnommen ist, auf das Jahr 1927; er - der 1877 in Calw Geborene - befand sich da bereits in seinem fünfzigsten Lebensjahr, genau gesagt in seinem einundfünfzigsten. Ob er seine letzten 35 Lebensjahre in entsprechender Selbstgenügsamkeit - und vielleicht mit sich selbst befreundet - verbracht hat? Auch wenn heute viele Menschen mit ihren Büchern, Hunden und Katzen alleine leben, mag man fragen, ob sie dabei alle Tassen im Schrank haben? Von den Vielen sind es sicherlich eher Wenige, die in ihrer Klausnerei die Stehlampe als das erwünschte Gegenüber begreifen, auch wenn sie jeden Abend unverdrossen und verlässlich leuchtet.

Die Vernunft ist immer nur die eine Vernunft!

Ist der Vernunftglaube naiv?

Die Ideengeschichte der Moderne dreht sich unter anderem um die zentrale Frage einer gerechten Gesellschaft. Sie steht im Mittelpunkt des Werks von John Rawls.

Otfried Höffe hat zuletzt (in der FAZ vom 3.10.14: John Rawls Der Philosoph des Fairplay) darauf hingewiesen, dass Rawls anschließend an Immanuel Kant den Sinn eines Gemeinwesens nicht im gelingenden Leben selbst sehe, nicht darin seine Mitglieder glücklich zu machen. Der Staat habe sich auf Freiheitssicherung durch Gesetze zu beschränken. Höffe zitiert die wesentlichen Grundsätze Rawls: „Erster Grundsatz: Jedermann hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten, das für alle möglich ist. Zweiter Grundsatz: Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen folgendermaßen beschaffen sein: (a) Sie müssen unter der Einschränkung des gerechten Spargrundsatzes den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen, und (b) sie müssen mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäß fairer Chancengleichheit offenstehen.“ 

Man kann beginnen, sich ernst zu nehmen, bevor es zum Ernstfall kommt -

Vom Flaneur ene schöne Jrooß an all os Flaneure

 

Man sagt, die Moderne sei voller Flaneure,

Man sagt, in der Moderne müsse sich der Mensch immer wieder neu erfinden!

(Schon die Biologie legt uns nahe, dass wir binnen eines Jahrsiebts zellulär nicht mehr DIESELBEN sind)

Wem begegne ich dann morgens im SPIEGEL?

"Wenn mich keiner mehr haben will", offenbar nicht nur einem zellulären FREMDLING!?

TOD - Eine Anleitung zum Widerstand?

Oder: "Man kann damit beginnen, sich ernst zu nehmen, bevor es zum Ernstfall kommt."

Selbstdenken - Eine Anleitung zum Widerstand von Harald Welzer (Fischer-Taschenbuch, 3. Aufl., Frankfurt 2014)

Harald Welzer schätze ich sehr - vor allem für seine Mitarbeit an "Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" (gemeinsam mit Sönke Neitzel, 2008 - siehe dazu auch "mein 'Gespräch' mit Franz Streit"). Aus "professionellen" Gründen (siehe Uni-Blog: Grenzsituationen) habe ich mir ein kleines Kapitel ausgesucht (Tod, S. 208-211), von dem ich noch nicht umfassend verstehe, warum es in diesem Kontext Berücksichtigung findet. Denn mit Blick auf den Tod ist jeder "Widerstand" sinnlos.

   

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