<<Zurück

 
 
 
 

NIE WIEDER

und das zivilisatorische Minimum 

Ein starkes Plädoyer für die Alternativlosigkeit einer lebendigen Erinnerungskultur mit Zygmunt Bauman eingedenk der von Carl Schmitt eingeführten ontologischen Fundamentalbetonage von Freund und Feind

Tova Friedman hat am 27. Januar im Deutschen Bundestag im Rahmen der Gedenkstunde eine Rede gehalten, die ihr eigenes Überleben im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau für alle Zuhörer und Zuschauer in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte. So sehr diese Rede berührte durch die äußerst konkreten Schilderungen einer inzwischen 87 Jahre alten Frau, so sehr betonte sie in ihrer Rede die Voraussetzungen für ein Handeln, das in seiner Grausamkeit und Unmenschlichkeit immer wieder die Grenzen unserer Vorstellungskraft überschritt (siehe exemplarisch: Posener Reden Heinrich Himmlers). Will man der Vorstellungskraft mit Blick auf die Grausamkeit und die Unmenschlichkeit der Massenvernichtung im Zuge der sogenannten Endlösung aufhelfen, so muss man die Prämissen in Augenschein nehmen, die einem entsprechenden Handeln zugrunde lagen. Sie entziehen sich als tiefster und radikalster Ausdruck jenes Zivilisationsbruches einem Verständnis, wie es die Mütter und Väter der Grundgesetzes - darauf hat Julia Klöckner als Präsidentin des Deutschen Bundestages in ihrer gestrigen Eröffnungsrede hingewiesen - mit Artikel 1 des Grundgesetzes in unserem Selbstverständnis verankert haben. Aus naheliegenden Gründen:

Harald Martenstein: Tschüss! Nach 24 Jahren macht Harald Martenstein Schluss (ZEIT-MAGAZIN 4/26)

Harald Martenstein will siebzig werden - total alt(:-))

Veröffentlicht: Dezember 2022

- auch für Rudi, der Martensteins Kolummnen mochte und im Hinblick auf lebenssatte Perspektiven Martenstein eben zehn Jahre voraus war!

Harald Martenstein und ich sind uns schon einmal begegnet: In Der Tod und ich sinnierte er über die Sinnfrage(n) des Lebens und gab mir dazu ein Interview . Im aktuellen ZEIT-Magazin darf er nun über das Altern schreiben- total alt, in diesem Jahr (2023) die siebzig anstrebend (es handelt sich beim aktuellen ZEIT-Magazin bereits um die Nr. 1/23), stellt er zunächst einmal fest, wer alles zu seinem Jahrgang gehört. Ich bin überrascht - ein illustres Jahrgangstreffen. Ich gehöre ja nicht dazu, da ich die siebzig ja bereits seit Februar im Gepäck habe).

Harald Martenstein feiert mit Kim Basinger, Cyndi Lauper, Isabelle Huppert, Pierce Brosnan, John Malkowich, Jim Jarmusch, Tony Blair und Klaus Wowereit - und natürlich Herr Kröger, bei dem Harald Martenstein öfter mal Zeitungen kauft. Ich hingegen habe mich entschlossen, Harald Martenstein erneut zu besuchen und lade ihn in bewährter Manier zum Interview, wie schon 2014 und wieder einmal ganz ohne Reisekosten und Spesen.

Hildes Geschichte - Reloaded - eine erneute Betrachtung in unruhigen Zeiten

Mit fast 74 Jahren darf man Geschichten noch einmal überdenken; im Verlagsgeschäft würde ich von einer erweiterten Neuauflage sprechen - dem Versuch geschuldet, Erkenntnisse und Sichtweisen einzubeziehen, die mir vor vierzehn Jahren so noch nicht zugänglich waren. Um diese erneute Annäherung einzuleiten und auch noch einmal zu begründen, eignet sich wie kein anderes das 31. und damit vorläufig letzte Kapitel von Hildes Geschichte. Dies ist eindeutig der Fall, weil dieses Kapitel weit über Hilde hinausweist, ohne Hilde aber kein Fundament, keinen Anker hätte. So wie für mich - mit meinen fast 74 Jahren - all die Auseinandersetzungen und Aufarbeitungen, in deren Mittelpunkt Hilde steht und deren Ausgangspunkt sie ist, erst im fortgeschrittenen Alter von fast 60 Jahren begannen (das erste Kapitel von Hildes Geschichte ist am 2. Weihnachtstag 2011 entstanden), so vermute ich, dass bei meinen Kindern und Nichten eine solche Auseinandersetzung eben auch erst im fortgeschrittenen Alter einsetzen wird - zumindest im Hinblick auf eine vergleichbare Akribie und Intensität. Ich werde also mit all meinen Bemühungen einen gediegenen Steinbruch hinterlassen. Und meinem Neffen rufe ich noch einmal zu: Steinbrüche - auch Trümmerwüsten - haben unsere Ahnen allesamt hinterlassen. Und wir sind dabei, es ihnen gleichzutun. Es ist an uns aus diesen Gesteinshalden Häuser, Lauben und Brücken zu bauen; Häuser, in denen man wohnen kann, Lauben, in denen man durchatmen kann und Brücken, über die man gehen kann. Es geht um nichts Geringeres als die Wahrnehmung von Handlungsspielräumen in verantwortlicher Haltung.

Ricarda Messner: Wo der Name wohnt II - hier Teil I

Eine Ermunterung für meine Nichte Kathrin

Hausnummer 36 und 37, hier in Berlin hat die Familie jahrelang gelebt. Hier ist sie vor fünf Jahrzehnten aus Riga angekommen. Hier treffen Alltag und Erinnerungen aufeinander. Und hier hat die einzige Tochter den Wunsch, den Familiennamen zu bewahren – und die Geschichten, die mit ihm verbunden sind.

So ist es zu lesen auf der Rückseite des Umschlags zu Ricarda Messners (Jahrgang 1989) Buch Wo der Name wohnt (Suhrkamp, Berlin 2025). Drei Frauen bilden das generative Gerüst, dem der Erzählstrang dieses 166 Seiten umfassenden Büchleins folgt. Großmutter und die Mutter traktiert die Enkelin bzw. die Tochter mit ihren Fragen. Die Mutter kommt dabei nicht gut weg:

„Stelle ich meiner Mutter solche Fragen, kann sie mir nicht weiterhelfen, wundert sich. An die von mir gewünschten Details kann sie sich nicht erinnern, auf solche Dinge hat sie nicht geachtet,  und überhaupt erinnert sie die Vergangenheit schlecht.“ (Seite 24)

Gleichwohl erinnert Ricarda Messner andere Tage, die sie zwar nicht verstehe, über die sie sich aber freue:

Da will Mutter von alleine zurück, schenkt mir phantastische Geschichten, schickt Fotos, erzählt die Geschichten hinter den Fotos.“

Warum komme ich mir weniger skurill vor, wenn ich das lese und soeben dem SPIEGEL für’s Familienalbum ein Foto angeboten habe und gleichzeitig die Geschichte dahinter andeute?

Ricarda Messner - Wo der Name wohnt I - hier geht es zu Teil II

Der letzte Satz des Interviews mit Ricarda Messner, das Cristoph Schröder verantwortet, lautet:

"Die Geschichten sind mir voraus; ich laufe ihnen immer hinterher."

Ricarda Messner (36) wird uns vorgestellt als Mitbegründerin des Flaneur-Magazins. In einer Sonderausgabe der ZEIT vom 29. November 2025 wird ihr Debütroman Wo der Name wohnt (Suhrkamp, Berlin 2025) vorgestellt. Doch zuvor ein knapper Exkurs zu dem von ihr mitbegründeten Flaneur-Magazin:

"Ein Flaneur hat Zeit. Mit offenen Augen lässt er sich durch die Straßen einer Metropole treiben, ohne Plan und ohne Ziel. Ein stiller Beobachter, dem jede zufällige Begegnung willkommen ist, denn er sammelt Eindrücke."

In der Tradition Charles Beaudelaires sehen die Begründer des Flaneuer-Magazins ihr Projekt. "Als >Botaniker des Bürgersteigs< beschrieb der französische Dichter und Dandy Charles Baudelaire diesen lässigen Spaziergänger und etablierte ihn als literarisches Sujet des 19. Jahrhunderts. Ein Flaneur, so Baudelaire, sei eigentlich ein hochsensibler Künstler. Dieser >Mann der Menge< solle in die Düfte, Geräusche und Farben der Großstadt eintauchen, um sie wirklich verstehen zu können."

In Flaneure, Spieler und Touristen schärft Zygmunt Bauman diese Perspektive durch ein spätmodern ausgerichtetes Okular und weist (schon) 1995 auf die beobachtbaren Präferenzen für ">nicht bindende Bindungen<" hin (Christopher Lasch) hin. Dort ist zu lesen, dass wechselnde, unverbindliche Beziehungen zwischen Fremden sich scheinbar primär an taktiler Lust zu orientieren scheinen:

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund