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Bodo Wartke - Jahrgang 1977
chrismon 5/26, Seite 24
Bodo Wartke war mir vom Namen her bekannt. Aber ich hatte bislang keinen wirklichen Zugang zu seinem Werk - ja, ein Werk von beachtlichem Umfang und von beachtlicher Qualität. Nun ist er mir in chrismon begegnet. Er gibt bzw. erlaubt in dem sehr begrenzten Format Fragen an das Leben Enblicke in ein Leben als Künstler - und insbesondere als Kind seiner Mutter bzw. als Bruder einer Schwester, die kurz nach ihrer Geburt stirbt; da ist Bodo Wartke drei Jahre alt. Warum nun diese Aufmerksamkeit meinerseits - ein mit 74 Jahren junger Alter, der in diesem hohen Alter eine zweite - oder die, wie auch immer, wievielte Karriere beginnt (im Übrigen keine Karriere im üblichen Sinne, sondern eine, die im Sinne einer Lebensbilanz ähnlich ausfällt, wie Bodo Wartkes Zwischenbilanz: "Ich tue das, was ich liebe, und ich bin in der Lage, davon meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, das ist ein ganz großes Privileg, das erfüllt mich mit großer Dankbarkeit und Demut.").
Viel mehr aber noch taucht da ein Motiv auf, das ich zur Gänze nachvollziehen kann - natürlich immer mit dem kleinen Unterschied, dass es dafür bei mir keine Entsprechung gibt mit Blick auf eine öffentliche Karriere, die Bodo Wartke letztlich auch die Einladung verschafft hat, sich in chrismon zu Fragen an das Leben zu äußern. Gleich zweimal betont er eine Wahrnehmung bzw. Erfahrung, die ich gänzlich teile:
Er antwortet auf die Frage, in welchen Momenten er sich lebendig fühle: "Wenn ich Ideen habe zu einem Song, Theaterstück oder Zungenbrecher. Ich bin kein sher spiritueller Mensch, aber in diesem Kontext glaube ich: Da will sich etwas manifestieren und sucht Menschen, die gerade auf Empfang sind. Wenn die Ideen kommen, leiste ich ihnen demutsvoll Folge, ich lege alles andere beiseite, alles wird auf später verschoben."
Oder er antwortet auf die Frage, ob er eine Vorstellung von Gott habe: "In den Momenten, in denen die Kunst sich durch mich ereignet, fühle ich mich getragen. Ich denke nicht: Ich geiler Checker, was ich für krasse Sachen getextet und komponiert habe! Ich fühle mich eher wie ein Medium, etwas will sich ereignen - und ereignet sich durch mich. Da fühle ich mich sehr verbunden und auch gebraucht."
Gleichermaßen bemerkenswert antwortet er auf die Frage, wer oder was in der Krise helfe, indem er auf die Corona-Jahre Bezug nimmt: "In den Corona-Jahren habe ich meinen Vater erst richtig kennengelernt, er hatte Krebs, er brauchte jemanden, der sich um ihn kümmert. Das konnte ich nur Dank Corona. Ich glaube, ich habe unter der Krise weniger gelitten als andere. Ich habe Onlinekonzerte gegeben, bis zu acht am Tag. Man findet Möglichkeiten, wenn man nach ihnen sucht. Die Flinte ins Korn zu schmeißen, das geht immer, und das ist leicht - aber selten gerechtfertigt."
Was passiere liege nicht in unserer Hand, sagt Bodo Wartke. "ABER WIR KÖNNEN ENTSCHEIDEN, WIE WIR DARAUF SCHAUEN. Meine Familie und meine Freunde wissen, dass ich es mit Niklas Luhmann halte. Er vertritt die Auffassung, dass ein Lebenslauf eine Beschreibung sei, die während des Lebens angefertigt und bei Bedarf revidiert werde. Dabei schließe der Lebenslauf die vergangenheitsabhängige, aber noch unbestimmte Zukunft ein. Die Einheit des Lebenslaufs müsse demnach Vergangenheit und Zukunft umgreifen, ohne dabei eine teleologische Struktur aufzuweisen. Letzlich manifestiere sich in einem Lebenslauf eine Integrationsleistung von Nichtselbstverständlichkeiten. Diese Integrationsleistung sei eine rhetorische Leistung - eine Erzählung. Conclusio und Essenz:
"Die Komponenten eines Lebenslaufs bestehen aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen."
Das tritt im fortgeschrittenen Alter von 74 Jahren - mit dem (Rück-)Blick auf ein langes Leben - überaus deutlich zu Tage:
Die eigene, so überaus unwahrscheinliche Geburt - Schule und Schulabschluss - Beruf und Karriere - Heirat - Geburt der Kinder - Tod der Eltern - Krise(n) in der Lebensmitte -
Die Geburt der Enkelkinder - Der Tod von Freunden - Der Blick auf den eigenen Tod
Wie lebensbestimmend solche Ereignisse sein können, verbindet sich in meinem eigenen Lebens vor allem mit dem frühen Tod meines Bruders. Nach unterdessen fast 32 Jahren erweist sich Bodo Wartkes Einsicht, was passiere liege nicht in unserer Hand, aber wie wir darauf schauten, liege ein Stück weit in unserer Entscheidung, als überaus bedenkenswert. In den alljährlichen Auslassungen zum 21. Juni 1994 manifestiert sich der Wandel im Ertragen des Schmerzes und in der Deutung der Ereignisse.
Und aus meiner Sicht ist es eben dieser tragische Wendepunkt, der in der Folge mit dazu beigetragen hat, das durch mich Texte hindurchgeschrieben worden sind, auf die ich mit Demut schaue - eine Kunst, die sich durch mich ereignet. Nun ist mir Bodo Wartkes musikalische Begabung und Expertise eben nicht geschenkt worden. Ich bin ein Buchstabenmensch, der mit Unglauben und mit Respekt auf das schaut, was sich da durch ihn ereignet hat. Und mehr und mehr bekenne ich mich inzwischen dazu, dass ich dankbar bin für das Geschenk einer KI, die mir nunmehr auch erlaubt, meinen Textem musikalische Flügel zu verleihen. Im gegebenen Kontext eröffne ich den Zugang zu einigen wenigen Stücken, die mir bis heute helfen, das Unabwendbare zu ertragen. Diese Stücke kommen allerdings daher - wie ich schon mehrfach betont habe - als die Goldadern, die sich unter den Sedimenten eines langen Lebens gebildet haben. Schürfen danach kann allerdings nur jemand, der sich den Wendepunkten in seinem Leben nachhaltig und konsequent gestellt hat:
Immer wenn die Welt sich wendet
Wenn mein Herz zerfließt
Seht das Paar
Das Leben ein Klang
Wir sind die Silben
Humor ist eine Haltung - mit diesem Titel versieht Bodo Wartke seine Antworten mit Blick auf Fragen an das Leben und fragt selber: Wie wäre ein Leben ohne Humor?
"Traurig. Trist. Humor rettet mich, stiftet Trost. Humor ist eine Haltung den Widrigkeiten des Lebens zu begegnen, sich nicht runterziehen zu lassen, auch den schweren Dingen eine Leichtigkeit abzugewinnen. Das, was passiert, liegt nicht in unserer Hand, aber die Art und Weise. wie wir draufschauen, können wir entscheiden."
Ich möchte das zum Abschluss mit meiner Verehrung und meinem Respekt für Hape Kerkeling verbinden:
Horst, schenk uns ein Stück vom Glück
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Carl Schmitt - Er schon wieder
ZEIT 19/26, Seite 39
Alexander Cammann: Er schon wieder - In Washington macht der rechte Vordenker Carl Schmitt 40 Jahre nach seinem Tod eine gefährliche Karriere. Offenbaren jetzt seine Kriegstagebücher bisher Verborgenes
Sehr geehrte Leserbrief-Redaktion,
er schon wieder - auf diese Idee könnten Sie kommen, wenn ich mich zum wiederholten Mal zu Carl Schmitt äußere. Dies im Übrigen auch durch eine Ergänzung seiner vermeintlich - zumindest aus der Sicht Carl Schmitts wissenschaftlich legitimierten - neutralen Analyse einer seinsmäßig verbürgten Wirklichkeit (die in einer Ontologie der Freund-Feind-Kategorisierung gipfelt). Diese "Ergänzung" beruht auf dem Nachweis, dass Carl Schmitt seiner "wissenschaftlich neutralen Deskription und Analyse" vermittelt durch seine Tagebücher (1930-1934, veröffentlicht im Akademie Verlag, Berlin 2010) Handlungsoptionen nahelegt, wie sie in "Der Führer schützt das Recht" oder in der Klassifizierung der Nürnberger Gesetze als einer "Verfassung der Freiheit" konkrete Gestalt annehmen.
Es ist kein Leserbrief, aber vielleicht eine Bestätigung für Alexander Cammann, dass man Carl Schmitt in der Tat nie aus dem Blick verlieren darf (durfte), wenn es darum geht, einen der zentralen rechten Vordenker in seinen gleichermaßen drastischen wie subtilen Botschaften ernst zu nehmen. Dazu ist ein Quellenstudium unabdingbar, das sich nicht nur "internationalen Schmitt-Experten", sondern allen am Erhalt unserer Demokratie Interessierten aufnötigt.
Ich danke den ZEIT-RedakteurInnen für die hier immer wieder einem breiten Publikum ermöglichten Einsichten in eine unselige deutsche Traditionslinie (politischer Theorie).
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Franz Josef Witsch-Rothmund
(die Rolle Carl Schmitts - mit seinem frühen Gegenspieler Immanuel Kant - gibt es unterdessen auf vertont: Auf unserer Reise durch ein langes Jahr:
https://www.instagram.com/p/DWrAgzej3HJ/)
- demnächst auch als Podcast
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Miriam Amro: DER BH FÜR DEN PO
- ein erster assoziativer Auftakt zu Radio-RedHotChillyJupp (geht in den nächsten Wochen auf Sendung)
Zu meinem 74. Geburtstag, am 21. Februar 2026 - ich bin lediglich schlappe sechs Jährchen jünger als DIE ZEIT - wartete das ZEIT-Magazin mit dem Titel auf: SO? ODER SO? und zeigt Mode - modisch gekleidete weibliche Wesen auf zwei separaten Titelseiten. Die ZEITmagazin-Redaktion eröffnet ihre kurze Einleitung mit Walter Benjamin recht prominent:
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Warum Dummheit weh tut! Eine vielleicht nicht ganz passende Analogie zu der Frage: Warum Liebe weh tut.
Wer nicht lesen will, kann - auch vorab - schon hören:
1990 erschienen in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung zwei opulente Bände: Zur Theorie und Praxis politischer Bildung (Band 290) sowie: Umbrüche in der Industriegesellschaft - Herausforderung für die politische Bildung (Band 284). Ich hatte mit zwei Beiträgen daran meinen Anteil. Entschließt man sich zu einem pauschalen Gesamtresümee im Hinblick auf die Frage, ob die politische Bildung den seinerzeit formulierten Herausforderungen gerecht geworden ist, muss man einräumen, dass sie diesen Anspruch bzw. Erwartung nahzu zur Gänze verfehlt hat. In Band 284 gelangt Wolfgang Hilligen 1989 - seinerzeit einer der Impressarios der politischen Bildung - zu der Einsicht:
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Warum Liebe weh tut? (hinter diesem Link verbirgt sich eine entsprechende Playlist - hier die in sich geschlossene Playlist: Warum Liebe weh tut - ohne Kommentare - einfach anklicklen)
Ein wenig systematischer und chronologischer kann - wer denn mag - diesem biografischen Zyklus folgen, indem sie/er die nachstehenden Links nacheinander anklickt.
