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Noch mehr Besinnliches zum Fest - Odo Marquard sei Dank

In den hier schon häufiger bemühten philosophischen Essays Odo Marquards findet sich eine kleine Festrede, die sich im Sinne einer kleinen Philosophie des Festes für die überlebensnotwendige Bedeutung des Moratoriums im Alltag ausspricht. Wie meist, überzeugt Odo Marquard auch bei dieser Gelegenheit durch eine klare, transparente Gestaltung seiner Gedanken, die er in vier Etappen durcheilt. In der ersten Etappe erscheint das Fest schlicht als Moratorium des Alltags: Dem ein oder anderen Leser meines Blogs wird nicht entgangen sein, dass ich alljährlich meine Sehnsucht nach dem Fest der Feste in meine Weihnachtsbotschaft kleide: Wenn ich noch einmal Kind sein dürfte! Ein Versuch, gleichzeitig zu sich selbst zu finden und sich Distanz zum eigenen Leben zu erlauben.

Als Dilemma wird eine Situation bezeichnet, aus der es zwei Auswege gibt. Beide führen nicht zum gewünschten Ergebnis.

Der erste Satz dieser aus zwei Sätzen bestehenden Definition bildet eine Ausgangsituation ab, eine Situation, in der ich aktuell, das heißt gegenwärtig stehe. Lebenslaufbezogen ist das eine Ausgangslage, die dessen Gegenwart - die Gegenwart des Lebenslaufs - repräsentiert; ein Punkt, von dem aus man eine vergangenheitsabhängige Zwischenbilanz ziehen kann, und von dem aus man zukunftsorientierte Visionen entwickeln kann. Der zweite Satz repräsentiert eine ex-post-factum-Perspektive: Ganz gleich von welchem (zukünftigen) Zeitpunkt seines eigenen Lebenslaufs man zurückblicken wird, sein Verlauf wird nach dieser Definition in keinem Fall ein/das gewünschte(s) Ergebnis offenbaren.

Ruf aus dem Jenseits - Ulrich Beck meldet sich noch einmal zu Wort

Jetzt wird er also endgültig zu einem unüberhörbaren Mahner - ein Rufer aus dem Jenseits mit der Botschaft: "Die Apokalypse ist möglich, aber zwangsläufig ist sie nicht." So endet zumindest Elke Schmitters kurze SPIEGEL-Rezension (SPIEGEL 49/2016) zu Ulrich Becks nachgelassenem und von seiner Frau Elisabeth Beck-Gernsheim herausgegebenem Buch "Die Metamorphose der Welt". Wie zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere - zumindest, was seine Prominenz und Potenz als Autor anbelangt (Stichwort: Risikogesellschaft) - erscheint uns Ulrich Beck als Seher von beängstigender Präzision.

"Wer wir waren. Zukunftsrede" - Roger Willemsen am Tiefpunkt seines Denkens, voller Resignation, düster - apokryph und apokalyptisch zugleich:

Bloß weil einer tot ist? Roger Willemsen und Ulrich Beck!

Ulrich Becks "Metamorphose der Welt" lässt uns erschauern! Hier spricht der Soziologe, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, und sogar noch etwas zu sagen hat. Iris Radisch, die in einem kurzen Essay das letzte Buch von Roger Willemsen - "Wer wir waren. Zukunftsrede" - würdigt, zitiert ihn am Tiefpunkt seines Denkens, voller Resignation, düster - apokryph und apokalyptisch zugleich. Bloß weil einer tot ist? Man könnte ja auf die Idee kommen, dass dem Wort jemandes, der zu Lebzeiten schon gehört worden ist, nach seinem Ableben eine noch größere Aufmerksamkeit angedeihe!?

Also gut, ich wiederhole mich -  ich wiederhole mich mit Roger Willemsen. 2 1/2 Jahre nach seinem Tod wirken seine Worte nicht apokryph, nein sie sind apokalyptisch, sie sind voller Resignation. Die Kehre ins Perspektivische, die Hoffnung auf Umkehr mag immer weniger zu überzeugen. Maximilian Probst folgt ihm mit dem klaren und unausweichlichen Menetekel: Umkehren oder Untergehen! Probst setzt dort an, wo alle Bildungsoptimisten den letzten Hebel für einen wirksamen Einfluss sehen; für eine Wende gegen die von Ulrich Beck diagnostizierte "Egoismus-Epidemie". Aber wo sollen die Ethik-Tropfen und die Wir-Umschläge und die Einredungen fürs Gemeinwohl denn herkommen? Wo zeichnet sich ein Bildungsbegriff und ein Bildungsverständnis ab, das einer heillosen Individualisierung paroli bietet? Roger Willemsen appeliert in seinem letzten Vortrag an uns kurz inne zu halten:

"Mit all unseren Fragen danach, wer wir seien, reichten wir in der Geschichte meist tief hinab in unser Herkommen, in die Quellen unseres vorgeschichtlichen oder geschichtlichen Wesens, erklärten uns historisch, schätzten den Radius unserer Entwicklungsmöglichkeiten ab, beugten uns über unser Spiegelbild wie der Onkel über das Kind, der findet, dass aus diesem eines Tages etwas Großes werden könnte. Wer aber wurden wir? Erspare ich mir die müßige Frage danach, wie wir wohl künftig sein werden, und nutze die Zukunft vielmehr als die Perspektive meiner Betrachtung der Gegenwart, dann werde ich nicht mehr fragen, wer wir sind, sondern wer wir gewesen sein werden.

Nachzeitig werde ich schauen aus der Perspektive dessen, der sich seiner Zukunft berauben will, weil sie ihn schauert, im Vorauslaufen zurückblickend, um sich so besser erkennen zu können, und zwar in den Blicken derer, die man enttäuscht haben wird. Geradezu grenzenlos haben wir ja in allen Medien der historischen Rekonstruktion durch die Augen jener blicken gelernt, die waren und gingen. Vergleichweise selten aber versuchen wir, uns im Blick jener zu identifizieren, die kommen und an uns verzweifeln werden.

Ich sehe uns in dieser Zeit stehen, wie die Leute auf Fotos, die vor zehen Jahren in den Zeitschriften erschienen, als die Abgebildeten noch nicht wussten, dass sie ihr Haus verlieren, von der Dürre vertrieben, vom Krieg versehrt, in die Nervenklinik eingewiesen, auf Entzug gesetzt, von der Insolvenz ereilt werden würden. So stehen wir da, resistent gegen das Unheil, das kommende Generationen in den Details dieser Bilder entziffern werden - ähnlich, wie man heute über die Raucher in den Büros der Sechziger-Jahre-Krimis staunt oder über die fadenscheinigen Fangzäune bei Autorennen oder über die Sommerfrischler, die sich eine Sonnenbrille aufsetzten, um den Test der Wasserstoffbombe aus Liegestühlen zu betrachten."

Ja lest sein Vermächtnis und erschauert - vor Schrecken, vor Scham, vor Entsetzen der eigenen Ungläubigkeit gegenüber. Aber die Uhr ist abgelaufen!

"Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat."

Bloß weil einer tot ist? Man könnte ja auf die Idee kommen, dass dem Wort jemandes, der zu Lebzeiten schon gehört worden ist, nach seinem Ableben eine noch größere Aufmerksamkeit angedeihe!?

Vom Holzweg zum Feldweg - und umgekehrt!

Vorbemerkung am 30.11.2016

Ich räume an dieser Stelle ein – sechs Jahre nachdem ich den Feldweg Heideggers für mich entdeckt habe –, dass der wache Technik- und Technologiekritiker Heidegger leider nicht zu trennen ist von dem faschistoiden Gesinnungsgenossen Heidegger, der in seinem Antisemitismus bereit und offensichtlich fähig war, dem nationalsozialistischen Axiom von der Ungleichheit der Menschen Geltung zu verschaffen. Denken findet ganz offensichtlich an ethischen Leitplanken nicht auf unbedingte Weise Orientierung (es fällt mir allerdings schwer auch Martin Heidegger so etwas zuzugestehen, was in der Begrifflichkeit von Neitzel/Welzer Referenzrahmen genannt wird). Und dies wissen wir offenkundig ja auch nicht erst seit der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte (siehe hierzu die Auseinandersetzung Dietmar Kampers mit Martin Heidegger).

   

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