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VeRBOTeN!?

Entdecke die Scham...

2009 besuchte ich mit meiner Frau Claudia im Düsseldorfer Museum Kunstpalast die Ausstellung „Diana und Actaeon. Der verbotene Blick auf die Nacktheit“.

Das Museum ist einer der wenigen öffentlichen Orte, an denen man sich „legitimer Weise“ (auch) in die relativ geschützte Rolle eines nicht ohne weiteres des Voyeurismus verdächtigen, kunstinteressierten Beobachters begeben kann.

(Ein zweiter wesentlicher Zugang zu diesem Gesamtvorhaben steht jetzt mit "Schamverlust - eine Selbstverortung" zur Verfügung. Motive und Antrieb für diesen BLOG werden damit ein wenig transparenter und nachvollziehbarer. Auch der am 14.5.2015 in den Blog eingestellte Beitrag "Das Ende" enthält schamrelevante Hinweise.)

Die Rituale des Kunstbetriebs kommen diskreten Verhaltenserwartungen ja auch durchaus entgegen. Legen sie doch keine offene, lauthals geführte Diskussion nahe, sondern erwarten eher die stille, in sich gekehrte Reflexion des Kunstsachverständigen.

So entstand die ungewohnte und paradoxe Situation den „verbotenen Blick auf die Nacktheit“ im geschützten und gewissermaßen „heiligen Raum“ des Museums – vordergründig betrachtet – folgenlos riskieren zu können. Was in anderen Kontexten unter Umständen das Verdikt der Pornografie zur Folge hat, gerät hier primär in den seriösen Blickwinkel des Kunstbeflissenen. Ich erinnere mich noch, dass insgesamt Enttäuschung bis Irritation überwog. Die „Enttäuschung“ verwandelt sich erst gegenwärtig (2014) in irritierte und folgenreiche Faszination durch die aktuelle Lektüre von Mithu M. Sanyals „Vulva – Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts" (Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009, basierend auf einer kulturwissenschaftlichen Dissertation. Mithu Sanyal,

geboren 1971, ist indisch-polnischer Abstammung und lebt in Düsseldorf und arbeitet als Journalistin/Autorin hauptsächlich für den WDR. Für ihre Radio-Features wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Auf S. 181 des erwähnten Buches geht sie auf die Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast ein und eröffnet u.a. einen umfassenden, historisch und kulturwissenschaftlich fundierten Einblick in wichtige kontextuelle Bedingungen der Auseinandersetzung mit Nacktheit und dem „unsichtbaren Geschlecht“).

 Jedenfalls verwundert es mich im Rückblick nicht, dass ich mir als „Andenken“ unter anderem Eric Fischls „Bad Boy“ gestattete – als komfortables postkartengroßes Vexierbild. Das im Changieren immer wieder sich einstellende „VeRBOTeN“ faszinierte mich. Im Vergleich zu Gustav Courbets monumentalem „Ursprung der Welt“, das viele in seiner brutalen und faszinierenden vorbehaltlosen Ästhetik bis heute gleichermaßen brüskiert und fasziniert, spielt Fischl mit den bis in meine Kindheit und Jugend heiligen Tabuzonen. Er inszeniert sie in einer Betroffenheit und Scham zugleich auslösenden Weise (siehe den Beitrag zu "Schamverlust"). Wie als Junge fühlte ich mich ertappt in der Betrachtung des Verbotenen. Der Schlusssatz in Sanyals knapper Einleitung zitiert den indianischen Schriftsteller und Pulitzerpreisträger Nataschee Scott Momady: „Wir sind unsere Vorstellungen. […] Unsere schiere Existenz besteht aus Bildern, die wir uns von uns selbst machen […] Das Schlimmste, was uns zustoßen kann, ist, dass es keine Vorstellungen von uns gibt.“

Dies wird für die hier startende (erweiterte) BLOG-Idee entschiedene Folgen haben – hier und an anderer Stelle. Ebenso wie die verbotene Nacktheit „offenbarten“ sich nämlich über die Jahre andere Tabuzonen im Zusammenhang mit einer Familiendynamik, die sich seit mehr als 70 Jahren in meiner Herkunftsfamilie vollzieht und von der mehr und mehr deutlich wird, dass sie Lebensläufe gleichermaßen fundamental wie kontingent beeinflusst (hat). Tabus entziehen ein Thema oder ein Vorkommnis der Kommunikation in der Familie, in der Gemeinschaft, in der Gesellschaft. Sie gewinnen Macht über den Einzelnen und begründen bzw. erzwingen kollektive Verdrängungsmechanismen. Mitglieder, die einen Tabubruch wagen, riskieren schwere Sanktionen bis hin zum Ausschluss aus der Gemeinschaft. Typische Tabubereiche  - vor allem im Hinblick auf bestimmte Zustände der Körperlichkeit – beziehen sich nach wie vor auf Sexualität, Krankheit, Intimität, Alter und Tod.

 Ich kehre aus diesem Grund gewissermaßen an den „Ursprung der Welt“ zurück – zumindest der Welt, die unsere jüngere (vier Generationen umfassende) Familiengeschichte im Blick hat. Seit 15 Jahren schreibe ich mich durch diese Welt, in diese Welt hinein – kein Roman und keine „Biografie“, aus Verlegenheit immer wieder und immer noch Gedichte; ein veritables Patchwork. Es ist zugleich eine nicht abreißende Auseinandersetzung mit der Theoriewelt der Sozialwissenschaften. Ein wenig davon hat sich erhalten, insofern ich Lehramtsstudierenden an der Koblenzer Uni einen Einblick und einen Einstieg in die sogenannten Bildungswissenschaften anbiete; für mich nach wie vor ein Privileg, weil die „Bildungswissenschaften“ neben der (Schul)Pädagogik auch eine Auseinandersetzung mit anderen „Hilfswissenschaften“ erlauben bzw. erzwingen – so der Soziologie, der Psychologie (und auch der Philosophie).

Der „Ursprung der Welt“ – das ist für mich und meine Schwester Ursula, für meinen (leider schon 1994 tödlich verunglückten) Bruder Wilfried und für alle anderen, die im blutsverwandtschaftlichen Kontext gewissermaßen keine „Wahl“ hatten, „Hildes Geschichte“.

Hier erzähle ich eine Geschichte, deren Erzählkern „verbürgt“ ist, bis hin zum Datum der Zeugung meiner Schwester am 9. September 1941. Wer nun vielleicht verblüfft oder irritiert sein sollte (wer kann sich schon des genauen Datums und Orts seiner Zeugung gewiss sein?), dem empfehle ich „Hildes Geschichte“ zu lesen. Am Ende dieser Geschichte stelle ich uns Fragen und berühre sozusagen noch einmal das glühende, erst langsam erkaltende Magma (Gunthard Weber würde jetzt vielleicht von einer Erbse im Tresor der Familiengeheimnisse sprechen), das uns jahrzehntelang – wie in einer Goldmonstranz auf einem imaginären Altar geborgen – vor Augen stand, das/die aber niemand wirklich ansehen oder gar berühren durfte.

Wer mag, kann dazu viele der zusätzlichen Links nutzen, mit deren Hilfe sowohl Blicke auf Hinterbühnen des Geschehens möglich werden als auch Distanzierungsmöglichkeiten „ironietechnischer“ Art. Dazu verhelfen mir immer wieder Niklas Luhmann und Peter Sloterdijk, um nur die wichtigsten „Gewährsleute“ zu nennen, die mich vor jeglicher Hybris bewahren. Allerdings sei gewissermaßen ein „Einstiegs-Link“ wärmstens empfohlen, hinter dem sich ein Initialzünder für das gesamte Vorhaben verbirgt:

Im Rahmen einer Seminararbeit schlug mir meine jüngste Tochter – Anne – ein Interview zu „Hildes Geschichte“ vor. Hilde, Annes, Lauras, Ann-Christins, Kathrins und Michaels Großmutter, Ursulas, Wilfrieds und meine Mutter wird – nicht nur genealogisch – zum „Ursprung unserer Welt“; und dies auf unverhoffte, überraschende und keinesfalls selbstverständliche Weise. Wir entdeck(t)en mit Niklas Luhmann den Lebenslauf als eine „rhetorische Leistung“ – als eine Erzählung –, „dessen Komponenten aus Wendepunkten bestehen, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen“.

Der Lebenslauf als eine Form für die „unaufhebbare Kontingenz der Geschehnisse des Lebens“ – dies ist die Leitformel für den nun hiermit an den Start gehende BLOG – ein komplexes Unterfangen mit ungewissem Ausgang, vielen Haupt- und Nebenstraßen, Pfaden und (Sack)Gassen, Feld- und Hohlwegen und was immer noch wegweisend werden mag.

Der BLOG erzeugt und begleitet dabei eine Struktur, die durch eine flexible Menüanpassung zugänglich wird und dynamisch bleibt:

Vor Jahren schon habe ich mir mit Adrian Nemo (schaut mal unter dem Link: "Über's Büchermachen") einen Mitstreiter ins Boot geholt, der – gewissermaßen als „alter ego“ – Kastanien aus dem Feuer holt, an denen ich mir die Finger nicht verbrennen will, und der vor allem als versierter Moderator und Interviewer prominente ZeitgenossInnen aus Wissenschaft, Kultur und Politik interviewt. Die Methode haben wir gemeinsam entwickelt und sind so in der Lage auch sperrige Texte im kommunikativen Miteinander zum Sprechen und Schwingen zu bringen (die entsprechenden Quellen werden jeweils belegt und ausgewiesen). Die Interviewpartner treten nicht als reale GesprächspartnerInnen in Erscheinung, sondern kommen jeweils mit Originalzitaten aus ihren Schriften zu Wort, nur eben nicht so trocken und dröge wie in „wissenschaftlichen Exkursen“, sondern eben in dialogischer Formgebung (siehe z.B. "Paartherapeuten im Interview"). Sie geben gewissermaßen Antworten auf Fragen, zu denen sie uns durch ihre Texte anregen. Auf diese Weise „fressen“ wir uns auch durch die Theoriewelt und unterziehen uns vor allem der „Luhmannschen Lektion“. Dem Wissenschaftsbetrieb enthoben lassen wir uns zum Beispiel von Peter Sloterdijk an die Hand nehmen und folgen seiner Einschätzung, was „das Ereignis Luhmann im Feld der Sozial- und Humanwissenschaften ausmacht“.

Geschichten: Wir erzählen Geschichten und begründen auf diese Weise die Mythen, mit denen wir uns unser Leben plausibel und erträglich gestalten – auch da, wo es eigentlich unerträglich ist.

Der mörderische Beobachter: Wir beobachten uns und andere, beteiligen uns an Klatsch und Tratsch. Aber wir orientieren uns darüber hinaus an Strategien der Selbstdesinteressierung, indem wir ironietechnisch „aufrüsten“: Erst wenn man sich selbst nicht mehr so ernst nimmt, gewinnt man die Aussicht von anderen halbwegs ernst genommen zu werden.

Biografie und Lebenslauf: Ich sehe was, was du nicht siehst!? Mit unvermeidbaren blinden Flecken und versöhnlichen aInkonsistenzbereinigungsprogrammen erzählen wir Familiengeschichten, begründen nicht nur Mythen, sondern segeln zuweilen hart an unübersehbaren Fakten entlang, machen uns einen Reim auf Ungereimtes und scheitern dennoch im unwegsamen Gelände.

Liebe, Sex und solche Sachen: Zwischen Skylla und Charybdis belichten wir Geheimes und Verborgenes, Verrücktes und Lustvolles, Schmerzhaftes und Tragisches. Wir schürfen nach Edelsteinen und suchen nach den Quellen allen lebendigen Lebens. Dabei nehmen wir Große und Übergroße aus der Welt der Mythen, der Wissenschaft, der Literatur und Poesie mit ins Boot und segeln als Sterbliche zwischen Himmel und Hölle.

Sterben, Tod und Trauer: Die Übergänge sind fließend – sie sind noch näher am Leben, sie haben sich zumindest genau so tief eingegraben in unseren Alltag und das, was uns zu Menschen macht – zu (mit-)fühlenden und (mit-)leidenden Menschen. Hier stoßen wir noch klarer und unvermeidbarer an die Frage, wer wir eigentlich sind.

Familie und Partnerschaft: Von der Verliebtheit, von der puren Lust am Sex führen Wege in ein langes Leben (wenn man Glück hat). Von der Lust über die Last zur Lust kommt man offenkundig nicht ohne Haltung anzunehmen und Verantwortung zu übernehmen für die Unterscheidungen, die man spurenmächtig werden lässt; ein spannendes Feld, das ich mit meiner Frau Claudia immer noch und immer noch beackere.

Beruf und Professionalität: Zwischen Erfolg und Misserfolg, zwischen Verdruss und Beglückung gilt es nüchtern zu bleiben und vor allem Verantwortung zu übernehmen in einer Welt, die glaubt sich hinter Objektivitätklemmen und –zwängen definieren zu können. Aber der Ruf nach Objektivität, Messbarkeit und Überprüfbarkeit kaschiert mehr denn je die Angst, Verantwortung für eigene Entscheidungen zu übernehmen. Wer lächelt heute nicht resigniert bis belustigt über Wolfgang Klafkis Versuch, Bildung mit einer Haltung gleichzusetzen, in der sich die Fähigkeiten zur Selbst- und Mitbestimmung bzw. zur Solidaritätsfähigkeit zur Idee einer verantwortungsbewussten Persönlichkeit verdichten?

Eigene und fremde Bücher: Hier kann man insgesamt Einblick nehmen in die Bücher für die ich Verantwortung bzw. die Herausgeberschaft übernommen habe.

(Lyrische) Impressionen: Da will einer hoch hinaus – das Gedicht als die Königsform der Verknappung und Verdichtung – und weil es so schön ist in der neuen Medienwelt erliegt der Romantiker ab und zu der symbiotischen Verbindung/Verschmelzung von Wort und Bild. Und er entsinnt sich Niklas Luhmanns Hinweis, wonach es uns nicht an gelehrter Prosa fehle. Er meint für anspruchsvolle Theorieleistungen sollte es eine Art Parallelpoesie geben, „die alles noch einmal anders sagt und damit Wissenschaftssprache in die Grenzen ihres Funktionssystems zurückweist“.

Ausstellungen: Meine Frau (und auch meine älteste Tochter) haben eine andere Sprache und Ausdrucksform gefunden, Welt zu gestalten und zu erfinden. Lasst euch überraschen.

Café Hahn: Vor vielen Jahren war der Club des Jahres 2013 nicht nur mein Wohnzimmer, sondern auch zeitweise mein Schlafzimmer. Bücher haben hier eine Bühne gefunden und Nahrung für lyrische Ergüsse. Ich erinnere mich mit Lust und Freude daran.

   

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