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Schamverlust - Vom Wandel der Gefühlskultur

Eine Selbstverortung

Nein, dies ist keine Rezension von Ulrich Greiners 2014 erschienener gleichnamiger Monographie (Schamverlust Vom Wandel der Gefühlskultur, Rowohlt Verlag, Hamburg 2014, 349 Seiten). Seine nicht als "Kulturgeschichte der Scham", sondern als "strukturelle Betrachtung" gedachte Auseinandersetzung fungiert hier vielmehr als "Steinbruch" für eine Selbsteintschätzung, eine Verortung in schwierigem Terrain. Zunächst bediene ich mich der archivarischen Leistung, die Ulrich Greiner hier in beeindruckender Weise vollbracht hat. Er versteht "die Literatur [als] hervorragendes Archiv, das die Wandlungen der Gefühlskultur sammelt und aufbewahrt (S. 21)." Den Komplex aus Schuld und Scham und Peinlichkeit zählt er "zu den stärksten Antriebskräften, die Literatur entstehen lassen: als Ausdruck eines unlösbaren Konflikts, als rückwirkende Schambewältigung, als Erklärungsversuch des Unverstandenen, vielleicht gar Unerklärbaren (S. 22)."

Nunmehr - ein Vierteljahr nach dem Start dieses Blogs "VERBOTEN" - markiere ich das zentrale Motiv, indem die Annäherungen deutlicher und konkreter werden. Neben die auf Dauer gestellte ikonografische Verknüpfung von Eric Fischls "Bad Boy" und (m)einem "Selbstbild" rückt der erste Versuch, den implizit immer wieder angedeuteten Motiven und Antrieben für diesen Blog auf die Spur zu kommen. Dabei hilft und entlastet der oben erwähnte Hinweis Ulrich Greiners, dass "rückwirkende Schambewältigung als Erklärungsversuch des Unverstandenen, vielleicht gar Unerklärbaren" immer nur näherungsweise vorstellbar ist. Schon jetzt befinden sich in dieser Blog-Struktur unzählige Belege dafür, wie  s c h a m s e n s i t i v  diese Annäherungen ins Werk gesetzt werden bzw. rückwirkend immer schon inszeniert worden sind: "Ich weiß es noch" - "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete" - "mohnverhaftete Zugänge" unterliegen gleichermaßen dem Sloterdijkschen Hinweis, dass diskret nur sein könne, wer wisse, was er nicht bemerkt haben solle. Diskretion wird hier verstanden als die schamhafte Selbstbeschränkung sowohl im Hinblick auf "Höchstrelevanz" aktualisierende Intimverhältnisse als auch im Hinblick auf Erfordernisse langfristig stabiler Freundschaftsbeziehungen. Mir ist  D i s k r e t i o n  aber auch im Sinne einer taktvollen Welterschließung und -beschreibung als zentrale Orientierungshilfe deutlich geworden im Hinblick auf den zweiten zentralen existentiellen Phänomenbereich, der mit Sterben, Tod und Trauer umgrenzt wird: "Was mögen die Müllmänner denken" - lyrisch und in Prosa lotet diesen Raum aus. Sich zu schämen, Anwandlungen von Scham zu empfinden ist dabei wohl unvermeidbar - ja im Gegenteil not-wendig, wenn Reflexion und Selbstreflexion ein stabiles Oszillieren zwischen Selbst- und Fremdreferenz ermöglichen soll: Bewegen sich Erwartungen und Erwartungserwartungen noch in einem halbwegs verlässlichen sozialen Rahmen? Darauf geben wir selbst tagtäglich Antworten. Und diese Antworten bilden insbesondere im familialen, im intimen und im freundschaftsbezogenen Kontext den Stoff, aus dem eine mehr oder weniger zuträgliche Kommunikation resultiert - Wir müssen reden:

Über Ulrich Greiner: Kapitel VI Blicke und Territorien (Voyeurismus - Der Blick des Anderen - Das System der Blicke im Alltag)

Die ikonografische Verknüpfung von Eric Fischls "Bad Boy" mit (m)einem "Selbstbild" lässt sich auf mehreren Ebenen deuten:

  • Sie symbolisiert - bezogen allein auf Eric Fischls Bild - ein voyeuristisches Urmotiv in einem ungemein facettenreichen Arrangement: Es verknüpft das Objekt der Begierde mit der unschuldsaffinen Haltung eines überraschten bis beglückten Beobachters, der erst durch den Beobachter zweiter Ordnung (außerhalb des Arrangements) zum Voyeur wird.
  • Auf dieser (ersten) Ebene kann das Objekt der Begierde selbst einerseits gedeutet werden als unschuldiges Opfer, das den Blicken eines unerwünschten Beobachters ausgesetzt ist. Andererseits kann ihm aber auch die Rolle der lasziven femme fatale zugeschrieben werden, die den unschuldigen Jungen an die Schwelle dessen treibt, der das Glück(oder den Schock) des unverhofften Blickes wendet hin zum voyeuristisch inspirierten heimlichen Beobachter.
  • Die zweite Ebene bezieht sich ausschließlich auf den Beobachter zweiter Ordnung: Spätestens hier muss der Interpret die Unterscheidungen offen legen, mit denen er Unterscheidungen beobachtet: Jede Form der Repräsentation von Außenwelt ist (unvermeidbarer Weise) immer eine gewisse Form der Selbstrepräsentation. Allein schon die gewählte Form der Präsentation meines BLOGS durch eben die ikonografische Verknüpfung von Eric Fischls "Bad Boy" mit (m)einem Selbstbild lädt ein zu einer Reihe von Spekulationen. Bezogen auf meine eigenen Motive werden einem aufmerksamen Leser dieses BLOGS die Einladungen zu einer Auflösung dieser spekulativen Deutungsmöglichkeiten nicht entgehen: Eric Fischl (Jahrgang 1949) lädt mich (Jahrgang 1952) ein, die Bedingungen und Umstände der eigenen sexuellen Sozialisation als (Selbst-)Beobachter schärfer zu stellen. Vor dem "Verlust der Kindheit" (Neill Postman) war Sexualität geheimnisvoll und mit einem mächtigen Tabu belegt. Dies ist der Boden, auf dem der (unschuldige) Junge zu einem "Bad Boy" mutieren kann/muss.

Ulrich Greiner erwähnt in Kapitel VI seines Buches jenen Mythos, der seinerzeit (2009) der Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunstpalast (die ich mit meiner Frau Claudia besucht habe - siehe Entrée zum Startblog: VERBOTEN) zur Namensgebung diente: „Diana und Actaeon. Der verbotene Blick auf die Nacktheit“. Greiners Verweis bezieht sich auf die Passage, in der der Jäger Actaeon durch die Wälder streift und die Göttin Artemis (Diana) beim Baden in einem See "erspäht". Diana ihrerseits - dies realisierend - habe ihn zur Strafe in einen Hirsch verwandelt, der dann von seinen eigenen Hunden zerfleischt worden sei. Beiläufig erwähnt Greiner, dass Actaeon - zumindest "in der Neuerzählung durch Ovid" - die Göttin nicht absichtsvoll, sondern versehentlich erblickt habe - nicht absichtsvoll, sondern versehentlich!!!

Gerade dieser letzte Hinweis auf die Interpretation Ovids scheint mir persönlich - als Gedankenspiel - in seiner Tragweite bis in die aufbrechende Moderne zu reichen, bis hinein zumindest in die Zeit, in der ich - wie eben auch Eric Fischl - prägender sexueller Sozialisation ausgesetzt war. Wesentlich ist an diesem Hinweis, dass der Voyeur vermutlich nicht als Voyeur geboren wird, und dass ihm - vor allem in einer Welt der sexuellen Tabus - einerseits die Karriere eines Voyeurs in Aussicht steht, die er andererseits aber nur unter intensiven schamauslösenden Affekten zulassen kann. Dass Diana Actaeon mit dem Tode dafür bestraft, dass er ihr in voyeuristischer Absicht nachgestellt habe, könnte in der Moderne (im Anschluss an Sigmund Freud) möglichen Kastrations-, Schuld- und Versagensängsten eine völlig neue Deutungswelt eröffnen.

Es gibt aber noch eine weitere, mit diesem antiken Mythos verbundene Dimension, die sexuelles Begehren und sexuellen Genuss essentiell berührt: In Herodots Geschichte, die von Friedrich Hebbel in "Gyges und sein Ring" (1854) und damit 2400 Jahre später aufgegriffen wird, ist erzwungener Voyeurismus das zentrale Motiv. Weil Kandaules - der König - der Versuchung erliegt, die unvergleichliche Schönheit seiner Frau auch in den Augen seines Dieners (Gyges) gespiegelt und bestätigt zu sehen, zwingt er diesen an einem Platz hinter der Tür zu beobachten, wie sich die Königin entkleidet. Diese bemerkt diese Ungeheuerlichkeit und stellt Gyges vor die Alternative selbst zu sterben oder Kandaules, den König zu töten und selbst König von Lydien zu werden. Gyges bittet inständig, ihm dies zu ersparen. Da aber die Königin hart bleibt, tötet er schließlich Kandaules und tritt an seine Stelle.

Peter Sloterdijk hat - viel weniger spektakulär - die Topoi der Anthroposhäre in vielfacher Hinsicht beschrieben, so auch das "Erototop":

"Zur Anthroposphäre gehört unübersehbar und prägend das Erototop, das die Gruppe als einen Ort der primären erotischen Übertragungsenergien organisiert und als Eifersuchtsfeld unter Stress setzt. Es markiert Eifersuchtsfelder und Stufen des Begehrens. Zugegeben, man muss schon eine ganze Saison auf der anthropogenen Insel zugebracht haben, um eine Witterung dafür zu bekommen, wie die Einwohner ihr Wunschleben organisieren. […] Wer sich im Inseltreiben zurecht finden will, ist gut beraten, seine Aufmerksamkeit auf das affektive Treiben der anderen zu verstärken. […] Das erotische Feld wird unter Spannung gesetzt, indem die Gruppen durch ständige subakute Selbstirritation eine Art von begehrlich-argwöhnischer Aufmerksamkeit auf die Unterschiede zwischen ihren Mitgliedern produzieren. Daraus entsteht ein Eifersuchtsfluidum, das durch prüfende Blicke, humoristische Kommentare, herabsetzende Nachreden und ritualisierte Konkurrenzspiele in Zirkulation und Fluss gehalten wird. […]

In dieser Dimension manifestiert sich der Eros nicht als dual-libidinöse Spannung zwischen Ego und Alter, sondern als trianguläre Provokation: Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt, sobald ich annehmen darf, dass ein anderer dich liebt und deine schöne Gestalt ihn genügend reizt, um dich in Besitz nehmen zu wollen. […] Erotische Prozesse in der Gruppe bilden demnach die Grundform des Wettbewerbs – ausgelöst durch die imitative Beobachtung des Strebens anderer nach der Beschaffung von Seins-, Besitz- und Geltungsvorteilen. […] Und folglich gehört zur Gruppenweisheit ein Eifersuchtsmanagement, das dreidimensional ansetzt. Sollen die Selbstirritationen der Gruppe in einem lebbaren Tonus gehalten werden, braucht das Kollektiv ausreichende Diskretionen für die Seinsdifferenzen, die Besitzdifferenzen und die Statusdifferenzen in seinem Inneren. Diskret ist, wer weiß, was er nicht bemerkt haben soll (in: Sphären III -Schäume, Frankfurt 2004)."

Zweifellos sind es letzterer Hinweis verbunden mit einem erfolgreichen "Eifersuchtsmanagement" die darüber entscheiden, ob "die Selbstirritationen der Gruppe in einem lebbaren Tonus gehalten werden", ohne dass Mord oder das Duell der "Ehrenmänner" dies entscheiden muss. Jenseits dieser sozialen Dimension sollen aber noch einmal die möglichen Wirkungen thematisiert werden, die zwischen sexuellen Tabus und sexueller Libertinage Wege zur individuellen Bewältigung "primärer und sekundärer erotischer Übertragungsenergien" weisen:

  • Eine sexuelle Sozialisation in der prüden und angstbesetzten Atmosphäre der späten 50er und frühen 60er Jahre verleiht einem naiven, jungenhaften Voyeurismus à la Eric Fischls "Bad Boy" eine mehr oder weniger "natürliche" Aura, die allerdings - soweit ich das überblicke - durch eine relativ scharfe genderspezifische Trennlinie definiert ist.
  • Die schambesetzte Dimension reicht historisch bis in die rigorose und gnadenlose Tötung Actaeons durch Diana zurück. Sie mischt sich mit angstbesetzten Anteilen vor dem "Ertapptwerden". Ulrich Greiner verweist auf Christina von Braun, die in ihrem Buch "Versuch über den Schwindel" davon ausgeht, dass der Blick als physische Verletzung erfahren werden könne: "In der Geschichte des Sehens findet sie eine Dominanz des männlichen Blickes, sie spricht von 'Penetration' und schildert, wie die neuen technischen Mittel der Fotografie und des Films die 'Ermächtigung des Blickes' weiter vorantreiben (nach Greiner, S. 144)."
  • Auch eine "Kultivierung des männlichen Blicks" wird immer ein genderspezifisches Schisma begründen zwischen radikalen Positionen im Sinne Christina von Brauns und selbst moderaten Positionen, die weibliche Schützenhilfe zum Beispiel in der Rolle von "Erika Lust" beanspruchen.
  • Die Suche nach möglichen Wegen zwischen sexuellen Tabus und sexueller Libertinage muss allerdings sehr viel grundlegender ansetzen. Hierzu könnten die Forschungsbefunde und therapeutischen Erfahrungen einer aktuellen - insbesondere weiblich dominierten - Elite von SexualforscheInnen und TherapeutInnen hilfreich sein.

In der Fortsetzung werden wir uns der Frage zuwenden, was denn unter "primären und sekundären erotischen Übertragungenergien" zu verstehen ist und wie sie sich auf unser alltägliches Verhalten auswirken.

 

 

   

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