debekabanner.svgcafe hahn bannerreuffel banner

Der mörderische Beobachter

Wir beobachten uns und andere, beteiligen uns an Klatsch und Tratsch. Aber wir orientieren uns darüber hinaus an Strategien der Selbstdesinteressierung, indem wir ironietechnisch „aufrüsten“: Erst wenn man sich selbst nicht mehr so ernst nimmt, gewinnt man die Aussicht von anderen halbwegs ernst genommen zu werden. Hier findet Ihr auch viele Anlehnungen, Interpretationen und Hinweise, die im engeren Sinne dem „Funktionssystem“ Wissenschaft zuzuordnen sind.

Horizontverschiebung

 

Wie beunruhigend und beglückend,

wenn der Horizont noch ein Geheimnis böte,

wenn wir Amerika noch erwarten

und die Indianer erfinden könnten.

Andererseits bietet das Umgreifende

in jeder Lebenslage die heilsame

Horizontverschiebung ad infinitum,

so dass für Gewissheiten kein Spielraum bleibt –

auch für diese nicht – auch für diese nicht –

auch für diese nicht – auch für diese nicht –

auch für diese nicht – auch für diese nicht –

auch für diese nicht – auch für diese nicht –

auch für diese nicht – auch für diese nicht –

auch für diese nicht – auch für diese nicht –

auch für diese nicht – auch für diese nicht –

auch für diese nicht – auch für diese nicht –

auch für diese nicht – auch für diese nicht –

auch für diese nicht – auch für diese nicht –

auch für diese nicht – auch für diese nicht –

auch für diese nicht – auch für diese nicht –

auch für diese nicht – auch für diese nicht –

 

Der mörderische Beobachter (paardynamisch)

Beobachtungen von Karl Otto Hondrich und von Arnold Retzer

(Dies ist eine Auskopplung aus meinem Buch: Die Mohnfrau, Koblenz 2010 – hinsichtlich der Literatur- und Quellenverweise empfehle ich auf die Buchpublikation unter „Eigene und fremde Bücher" zurückzugreifen)

Erster Teil – Zuruf I: Rauft euch zusammen und arrangiert euch!

Drei Jahre vor seinem Tod hat der Soziologe Karl Otto Hondrich, unweit von Koblenz in Andernach geboren, im Suhrkamp-Verlag ein schmales Bändchen mit dem Titel: „Liebe in den Zeiten der Weltgesellschaft" (Frankfurt 2004) veröffentlicht. In der Vorbemerkung beschreibt er sein Interesse an dem „alltäglichen Vorgang, wie ein Liebespaar zusammenzieht und sich wieder trennt..., um zu erkunden, was aus Herkunftsbindungen wird" (Hondrich 2004, 7). Er zeigt sich in der Folge irritiert darüber, dass wir uns so schwer tun, Wirklichkeit und Wirkungsmacht der Gefühle anzunehmen: „Als Gefühle beleidigen sie, nur zu oft, unsere Rationalität; als kollektive Gefühle unsere Individualität; als unbeabsichtigte Gefühle und Handlungsfolgen unseren Willen, die Wirklichkeit zu gestalten; als verborgene Gefühle unseren Anspruch an Aufklärung und Aufrichtigkeit: Die Wirklichkeit entzieht sich ihr. Sie liegt nicht offen – nach noch so vielen Worten. Das Wichtigste hält sie verborgen. Dies ahnend, spüre ich Genugtuung. Denn was verborgen ist, ist auch geborgen" (Hondrich 2004, 8). Dahinter steht die umfassendere Frage, welcher Teufel denn die westlichen Gesellschaften reite, ihre Familien, von deren Leistungen doch der Fortbestand des sozialen Lebens abhänge, auf die flüchtigsten Gefühle, das Beständigste auf das Vergänglichste, das Alltägliche auf das Außeralltägliche, das Reale auf das Romantische zu bauen? Denn während sich die westlichen Gesellschaften in der Sphäre ihrer Produktion höchster Rationalität verschrieben hätten, gäben sie ihre Reproduktion ganz der Emotionalität anheim (vgl. Hondrich 2004, 13).

„Die Wut des Verstehens“

Gedanken-Gedanken-Gedanken

(aus: Ich sehe was, was du nicht siehst – Komm in den totgesagten Park und schau, Koblenz 2002)

Ein Interview mit Jochen Hörisch, in: der blaue reiter Journal für Philosophie Nr. 8 (2/1998) Wer ist Jochen Hörisch, warum meine Resonanz in diesem Buch mit seinen kostbaren und kostspieligen Seiten auf dieses Interview? In „lieber Herr Fuchs, lieber Herr Schmatz... (S. 306-324) habe ich mich ausgiebig und selbstkokett mit dem Phänomen einer bewussten, gewollten(?), kalkulierten, einer all dies nolens volens einschließenden immer unvermeidbaren Verweigerung bzw. Blockierung von Fremdreferenz beschäftigt. Immerhin bringt man der modernen Lyrik gegenüber diesen Einwand der Unverständlichkeit gewohnheitsmäßig entgegen. Und zweifellos zerschellt an ihren schroffen Klippen häufig genug eine noch so ausgeprägte „Wut des Verstehens“. Aber die Hermeneutik als „die Lehre vom Verstehen“ wird ja nicht nur von der Literaturwissenschaft, sondern insbesondere ja auch von der Pädagogik (im Rahmen der Sozialwissenschaften) als wissenschaftliche Methode erster Wahl angesehen. Das Interview mit Jochen Hörisch - als „Text“ - lädt als provokative Anregung ein zur Reflexion bedeutsamer Facetten professioneller Selbstvergewisserung („Die Wut des Verstehens – Zur Kritik der Hermeneutik“ ist im Übrigen 1988 als Monographie im Suhrkamp Verlag erschienen). Im Rahmen dieses BLOGS gibt es keine „kostbaren und kostspieligen Seiten“ mehr. Ich kann meinen Gedanken Raum geben – unendlichen Raum. Wie schön!

Der mörderische Beobachter (erkenntniskritisch und poetologisch)

Von mörderischen Beobachtern und poetischen Aussetzungen (Dies ist eine Auskopplung aus meinem Buch: Die Mohnfrau, Koblenz 2010 – hinsichtlich der Literatur- und Quellenverweise empfehle ich auf die "Mohnfrau" zurückzugreifen).

Ob ich noch ganz dicht sei? Mit dieser Frage habe ich mein erstes Lyrikbändchen (Koblenz 2003) eingeleitet. Heute kann ich bestätigen, dass ich offensichtlich nicht ganz dicht bin! Es scheint so, als habe mein geschlossener Gedankenkosmos ein Leck, aus dem es immer wieder abtropft. Dabei sicht- und lesbar werdende Abtropfungen haben Eingang gefunden in die Mohnfrau. Meine Freude an lyrischen Formen der Daseinserhellung oder – je nach Standpunkt des Beobachters – auch der Daseinsabschattung vollzieht sich in einem Lebens- und Arbeitskontext, der mich zunehmend empfänglich macht für einen interessanten Hinweis Niklas Luhmanns, wonach es uns nicht an gelehrter Prosa fehle, sondern eher an gelehrter Poesie: „Vielleicht sollte es für anspruchsvolle Theorieleistungen eine Art Parallelpoesie geben, die alles noch einmal anders sagt und damit Wissenschaftssprache in die Grenzen ihres Funktionssystems zurückweist (Luhmann 2005, 200f.)." Was aber könnten mögliche Kriterien für eine poetische (Selbst)Aussetzung sein? Gottfried Benn beispielsweise erhebt die Form zum absoluten Maßstab entsprechender Bemühungen, denn: „Die Form ist ja das Gedicht. Die Inhalte eines Gedichts, sagen wir Trauer, panisches Gefühl, finale Strömungen, die hat ja jeder, das ist der menschliche Bestand, sein Besitz in mehr oder weniger vielfältigem und sublimen Ausmaß, aber Lyrik wird daraus nur, wenn es in eine Form gerät, die diesen Inhalt autochthon macht, ihn trägt, aus ihm mit Worten Faszination macht (Benn 1951, 20)."

   

Zurück

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund