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„Vereiste Vergangenheit" (ZEIT) und „Es ist nie vorbei" (FAZ)

                                                                                                                                                                                                                                                 Koblenz, den 6.1.2014

Sehr geehrter Herr Hofmann,

mit diesem Brief und dem beigefügten Buch möchte ich mich bei Ihnen persönlich und stellvertretend bei allen bedanken, die „Unsere Mütter, unsere Väter" ermöglicht haben. Ihr Film hat kontroverse Resonanz hervorgerufen. Aber er hat vor allem die Resonanz ausgelöst, die Sie sich erhofft hatten. Er hat nicht die Befürchtung bestätigt, dass es keine Bereitschaft mehr gebe, sich mit diesem Stoff der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

„Unsere Mütter, unsere Väter" hat auch mir den letzten Anstoß vermittelt, „Hildes Geschichte" zu Ende zu schreiben. Es ist eine von unzähligen Geschichten, in der „die große Geschichte auf die Welt des einzelnen Menschen und von Familien runtergebrochen wird". Auch in ihr wird das „Massentrauma", von dem Sie und Götz Aly sprechen, geschichtsmächtig, indem es – bis in die dritte Generation – in eine Familiendynamik hineinwirkt, in der das Schweigen und Verdrängen die Bedingung für den Neuanfang darstellen.

Insofern ist „Hildes Geschichte" natürlich auch nicht zu Ende. Dass eine siebzehnjährige die Liebe ihres Lebens erlebt, dass sie schwanger wird und ihr im katholischen Rheinland nur der Weg in ein Entbindungsheim der NSV bleibt; dass sich die große Liebe ihres Lebens (zu einem verheirateten Soldaten mit Frau und Kind) als Trugbild entpuppt, dass sie ihr entsagt und sie ihre Tochter in der Fremde entbindet und nur mühsam den Weg ins „geordnete" Leben zurückfindet, ist sicherlich nicht singulär. Dass sie nach Jahren dem Werben des Jugendfreundes nachgibt und für ihre Tochter doch noch einen (Stief-)Vater findet, mit dem sie zwei Söhne zeugt, klingt fast nach einem Happy-End.

Aber das Familiengeheimnis, das Verschweigen des Vaters der Tochter („Vater unbekannt"), schwelt Jahrzehnte im Verborgenen, bis die Mutter am Beispiel der eigenen Tochter erfährt, wie ihre längst erloschene („vereiste") Sehnsucht von ihrer Tochter wiederbelebt wird – bis an das Ziel einer verzweifelten Suche nach dem, was sie aufgeben musste. 60 Jahre später erfährt die Familie, wie es „auf der anderen Seite" weitergegangen ist, dass der Geliebte, der Vater der Tochter, schon im September 1943 gefallen ist, und dass es zwei (Halb)Brüder gibt. Erst jetzt beginnt der mühsame Prozess der Versöhnung und auch der der Rekonstruktion. Entstanden ist „Hildes Geschichte – oder: Auch eine Liebe in Deutschland".

Auf die Frage, ob es auch Ihr Anliegen sei, „eine Versöhnung zu stiften?" antworten Sie: „Ich wüsste nicht, was da zu versöhnen wäre. Mir geht es um das Aufbrechen dieser Gefühle und den Versuch, diese Zeit auch empathisch zu diskutieren. Vielleicht kann in einem Dialog zwischen den Generationen über diesen Film Versöhnung liegen."

Unsere Mutter ist 2003 gestorben – wenigstens versöhnt mit ihrem ersten Leben und den Folgen. Aber darüber hinaus wird mit großer Emphase darüber diskutiert und darum gerungen, wie all dies innerhalb der Familie wirkt und gewirkt haben mag. Denn was die Suche der Tochter zu einem seligen Ende geführt hat, bedeutet für den Enkel sich damit auseinanderzusetzen neben dem geliebten und verehrten sozialen Opa einen genetischen Nazi-Großvater in sein Leben integrieren zu müssen. So kann „Hildes Geschichte" auch nur der Beginn einer Auseinandersetzung sein, die weit ins 21. Jahrhundert reicht.
Durch „Unsere Mütter, unsere Väter" wird dieser Auseinandersetzung eine breite Basis geschaffen, die – da bin ich mir ganz sicher (und unsere Familie möge dafür ein Beispiel sein) - alle einbindet, die sich und ihre Familiengeschichte besser verstehen wollen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Franz Josef Witsch-Rothmund

Anlage: „Hildes Geschichte"

   

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