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"Gespräch" mit Franz Streit (Vater meiner Schwester Ursula)

oder: "Die Toten sind gar nicht tot" (Alexander Kluge - siehe auch das Interview mit Sabine Bode)

Du bist im September 1914 zur Welt gekommen. Ich bin im Jahre 1952 geboren worden, 8 1/2 Jahre nachdem du gefallen bist. Wir sind nicht verwandt. Du bist aber der Vater meiner Schwester, das heißt sie und ich haben die gleiche Mutter. In „Hildes Geschichte" erzähle ich „nur", wie meine Schwester in diese Welt gekommen ist. Für viele Fragen, die sich für einen „mörderischen Beobachter" ergeben, ist in dieser Erzählung kein Raum. Aber ich hätte da noch eine Reihe von Fragen an Dich.

[Es gibt im Übrigen einen anderen Soldaten, Heinz Otto Fausten, der an der Ostfront gekämpft hat und den ich 2013, ein Jahr vor seinem Tod, besucht habe. In einem langen Gespräch hat er mir seine Eindrücke geschildert. Sie sind im Übrigen nachzulesen in: "Wir haben uns die Zeit nicht ausgesucht" (Schriftenreihe des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Jena 2013 - leider vergriffen). Aber es gibt weitere Schrift- und Hördokumente: "Die letzte Schlacht" oder mehrere Hördokumente auf youtube. Heinz Otto Fausten wird an anderer Stelle noch eine wichtige Rolle spielen. Hochinteressant auch das letzte Interview Sandra Maischergers mit Helmut Schmidt - vor allem der Ausschnitt aus einer Bundestagsrede Helmut Schmidts (ab Minute 36.10).]

Für mich, der ich u.a. auch Franz heiße, ist es so, dass mir die Welt seit mehr als zehn Jahren ein wenig anders vorkommt. Immerhin bist Du in unterschiedlichen Dosen bzw. Potenzen allgegenwärtig, seit Deine Tochter Licht ins Dunkel gebracht hat. Als Vater meiner Schwester, als Großvater meines Neffen und als Urgroßvater meines Patenkindes hast Du bleibende Blutspuren hinterlassen. Du kannst Dir vorstellen, dass die Menschen – je nach Ansehen und Reputation, die sie Dir zubilligen, auf unterschiedliche Weise danach gieren bzw. wohlmöglich Ekel und Abgrenzungsphantasien mobilisieren, wenn es darum geht, zu sagen: „Ja, Du bist mein Vater, Großvater, Urgroßvater!" Und: „Ich bin froh, dass ich Dich gefunden habe bzw. ich könnte kotzen vor lauter Abscheu, weil Du das Böse schlechthin, die Ausgeburt faschistischer Gesinnung und nationalsozialistischer Zwangsherrschaft verkörperst; weil Du nicht nur im Blut gegenwärtig bist, dass in unseren Adern fließt, sondern weil Du geholfen hast das Blut so vieler Menschen zu vergießen, die in Deinen Augen als ‚Untermenschen' ihr Recht auf Leben verwirkt hatten."

Das Leben Deiner Nachkommen ist dadurch nicht einfacher geworden. Neben alte Risse und Konflikte treten neue, deren schlichteste Ausprägung darin Gestalt annimmt, dass man nichts von Dir wissen will, dass zwischen Mutter und Sohn das gegenseitige Verstehen aufgespannt ist zwischen einem vorbehaltlosen, sehnsuchtsschwangeren Vaterbild und dem monsterhaften Zerrbild eines Nazi-Großvaters. Was würdest Du wohl sagen und empfinden, wenn Du Deine Kinder, Enkel und Urenkel heute sehen könntest, wenn Du ihnen begegnen würdest; dem Polizeihauptkommissar, der Polizeibeamtin, dem Rechtsanwalt und all den anderen? Was hättest Du wohl aus Deinem eigenen Leben gemacht, wenn Du es hättest behalten dürfen, wenn Du einen Weg aus Rußland zurückgefunden hättest? Wärst Du ein überzeugter, unverbesserlicher Alt-Nazi geworden, oder hättest Du Dir eine Entwicklungschance gegeben? Wie hättest Du die Fragen beantwortet, und wie hättest Du die Hypothesen bewertet, die junge Männer (Harald Welzer *1958, Sönke Neitzel *1968, Felix Römer *1978) heute in die Welt tragen?

Johannes Hürter stellt im Vorwort zu Felix Römers Buch „Kameraden – Die Wehrmacht von innen" (München 2012) zuallererst die Frage: „Wer waren diese Männer, die als Soldaten der Wehrmacht und Waffen-SS Hitlers unseligen Krieg um Weltmacht und Lebensraum führten?" Und in seiner ersten folgenreichen Feststellung vergreift er sich lediglich im Tempus: „Vor allem aber gehörten sie zu unseren Familien, waren sie unsere Väter, Großväter und Urgroßväter oder deren Brüder und Schwäger." Nein, sie gehörten nicht zu unseren Familien, vielmehr gehören sie dazu. Alleine darin beruht ihre Wirkungsmacht bis in die unmittelbare Gegenwart. So hole ich Dich, Franz Streit, zurück in unser Bewusstsein und in unsere Erinnerung.

Johannes Hürter meint, der 1978 geborene Felix Römer lege ein Buch von ganz eigener Klasse und Originalität vor, weil er einen differenzierten Blick hineintrage in die Kontroverse, wonach die Soldaten nach der einen These zu Mördern werden, weil sie Nazis sind, nach der anderen These schlicht, weil sie Soldaten sind (vgl. S. 13). In diesem Streit, ob eher intentionale oder eher situative Faktoren „als Treibsätze des Handelns deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg höher zu veranschlagen seien", billigt der ältere Johannes Hürter dem jungen Militärhistoriker Felix Römer eine „mittlere und zugleich vermittelnde Position" zu. Danach sei nicht nur die universelle Logik sozialer und situativer Zwänge verhaltensbestimmend gewesen, sondern auch die Wirkungsmacht kultureller Prägungen, gesellschaftlicher Deutungsmuster und individueller Standpunkte. Schließlich liege in Felix Römers Buch die größte Leistung darin, „dass in ihm die deutschen Soldaten als denkende und handelnde Subjekte gezeigt und analysiert werden und nicht als bloße Objekte oder gar willenlose Roboter universaler Mechanismen" (ebd. S. 14). Die Rückkehr des Akteurs sei verbunden mit einer höheren Gewichtung seiner Individualität und damit auch einer persönlichen, spezifischen Verantwortung für bestimmte Gewaltpraktiken.

Johannes Hürter stellt 2012 zu Recht und naheliegend fest, dass das offene Gespräch mit unseren Verwandten, die der Wehrmacht oder der Waffen-SS angehörten, uns die Augen für die Mentalität und das Geschehen in diesem schrecklichen Krieg geöffnet und möglicherweise unser Verständnis für unsere Familienmitglieder uns letztlich für uns selbst geschärft hätte. Aber dieses Gespräch wollten oder konnten die meisten von uns nicht führen – aus welchen Gründen auch immer!

Und schon sind wir mittendrin in den Verstrickungen, die auch gegenwärtig noch offenkundig werden, wenn wir auf der Grundlage der immens veränderten Forschungs- und Dokumentenlage neue Fragen stellen und neue Antworten wagen. Auch das Buch „Soldaten" von Sönke Neitzel und Harald Welzer (Frankfurt 2011) ist im Zuge der Auswertung von ca. 150 000 Seiten Gesprächs- und Abhörprotokollen der Alliierten erst 2011 erschienen. Inzwischen ist es eine unterschiedliche Lehrmeinungen übergreifende Feststellung, „dass die Wehrmacht an allen Verbrechen – von der Erschießung von Zivilisten bis zur systematischen Ermordung jüdischer Männer, Frauen und Kinder – beteiligt war". Das sage – so Neitzel/Welzer – aber nichts darüber aus, „ob und wie die einzelnen Soldaten in Verbrechen involviert waren, und vor allem nichts darüber, welches Verhältnis sie selbst dazu hatten – ob sie solche Verbrechen willig oder mit Abscheu oder auch gar nicht verübten" (S. 13).

Das programmatisch-theoretische Einführungskapitel in Neitzel/Welzer ist überschrieben mit dem Titel: „Der Referenzrahmen des ‚Dritten Reiches'". Beide gehen davon aus, dass die Sozial- und Kulturgeschichte des ‚Dritten Reiches' gut dokumentiert ist. Hinsichtlich des sich entwickelnden Referenzrahmens des ‚Dritten Reiches' heben sie zwei besondere Aspekte hervor: „Der erste Aspekt ist die sich mit der ‚Judenfrage' sukzessiv etablierende Vorstellung, Menschen seien kategorial ungleich (S. 48)." Der zweite Aspekt resultiert nach Neitzel/Welzer aus dem nationalsozialistischen Alltag: „Die Forschung neigt dazu, die symbolischen Formen gesellschaftlicher Praxis – also etwa ‚Ideologien', ‚Weltanschauungen', ‚Programmatik' zu untersuchen und dabei zu übersehen, dass die sozialen Praktiken des Alltags eine weit stärkere formative Wirkung haben – unter anderem deswegen, weil sie nicht reflexiv zugänglich sind. Diese formative Kraft des Faktischen bildet einen wesentlichen Aspekt des Referenzrahmens des ‚Dritten Reiches' (S. 49)." Für die handelnden Akteure ergeben sich aus dieser Sichtweise durchaus entlastende Momente:

„Niemand würde auf die Idee kommen, die Biografie einer Person vom Ende her zu entwickeln oder die Geschichte einer Institution von hinten nach vorne zu rekonstruieren – einfach deshalb, weil Entwicklungen nach vorn, nicht aber nach hinten offen sind. Nur in der Rückschau scheinen sie alternativlos und zwangsläufig, während soziale Prozesse in ihrer Entfaltung eine Fülle von Möglichkeiten bereithalten, von denen faktisch nur einige ergriffen werden und ihrerseits bestimmte Pfadabhängigkeiten und Eigendynamiken ausbilden" (49f.).

Du, Franz Streit, bist am 23. September 1943, nach vier Jahren deines Soldatendaseins, während der Rückzugsgefechte im Dnjeprbogen, in der Nähe von Saporoshje gefallen. Von dem von den jungen Militär- und Kulturwissenschaftlern begründeten „Referenzrahmen des ‚Dritten Reiches'" kannst Du nichts wissen. Und nicht Du, der bei seinem Tod eben erst 29jährige Soldat, sitzt in der Klemme, sondern ich, der 62jährige, historisch bemühte Geschichtenerzähler. Selbst wenn ich es wollte – oder je gewollt hätte, selbst wenn es Deine Söhne oder Deine Tochter, Deine Enkel es je gewollt hätten, ein Gespräch wäre schon allein deshalb nicht möglich gewesen, weil Du selbst den Wahnsinn des Naziterrors mit deinem eigenen Leben bezahlt hast. Und der Begriff „Naziterror" oder „nationalsozialistische Gewaltherrschaft" geht uns heute mit einem Abstand von 70 Jahren und mehr weit unbefangener über die Lippen als es euch seinerzeit vollständig geblendeten Fanatikern, von denen viele zuletzt nur noch ums eigene Leben gebangt und gekämpft haben, jemals in den Sinn gekommen wäre. Und allein der Versuch eine Biographie „von hinten her" – unter Verwendung von üblichen „Inkonsistenzbereinigungsprogrammen" zu rekonstruieren, verbietet sich, weil du in russischer Erde elend verreckt bist.

Es bleiben alleine die fiktiven Fragen, wie Du wohl eine Haltung aufnehmen würdest, in der Neitzel/Welzer argumentieren, wenn dort zu lesen ist: „Die nationalsozialistische Gesellschaft wird nicht unmoralisch, nicht einmal die Massenmorde gehen, wie vielfältig angenommen, auf einen moralischen Verfall zurück. Vielmehr sind sie das Ergebnis der erstaunlich schnellen und tiefgreifenden Etablierung einer ‚nationalsozialistischen Moral', die Volk und Volksgemeinschaft als Bezugsgrößen moralischen Handelns definiert und andere Werte und Normen des Sozialen etabliert, als sie zum Beispiel in der demokratischen Nachkriegszeit in Geltung waren (S. 56)." Solche „partikulare Moral" beruhe eben auf der fundamentalen Behauptung, dass Menschen radikal und unüberbrückbar ungleich seien: „Eine Schule bleibt in ihren Funktionsbedingungen auch dann noch eine Schule, wenn der Lehrplan vorsieht, das in Biologie auch Eugenik gelehrt wird, und eine Fabrik funktioniert auch dann noch immer wie eine Fabrik, wenn sie Koppelschlösser für die Uniformen der SA produziert (S. 56)." Vermutlich hättest Du dem uneingeschränkt zugestimmt, sofern Du solche Unterscheidungen jemals zugelassen hättest.

Dein Fall, Franz Streit, ist in diesem Kontext sicherlich ein besonderer und zugleich ein besonders delikater: Als Sohn österreichischer Arbeitsmigranten aus Kärnten 1914 in Erkenschwick/Westfalen geboren, warst Du Deutscher von Geburt her, von Deiner landsmannschaftlichen Herkunft hingegen Österreicher. Österreich hast Du 1934 nach dem gescheiterten Putsch gegen die Dollfuß-Regierung fluchtartig Richtung Deutschland verlassen. Das heißt im Klartext, dass Du deutlich jenseits der „Austrofaschisten" à la Dollfuß gestanden haben musst:

„Engelbert Dollfuß war ein Faschist!" Robert Menasse (2005, S. 421ff.) begründet dies mit zwei Argumenten, die heute historisch unstrittig sind: „Erstens: Dollfuß sah im Faschismus als System, wie immer wir heute den Faschismusbegriff ziselieren, die konsequenteste und daher logische Form zur Durchsetzung seiner Heilsvorstellungen (S. 421f.)... Zweitens: Dollfuß hat es in seiner politischen Praxis, solange er dazu Zeit hatte, bestätigt. Faschismus ist autoritäre Gewaltherrschaft, die, unter anderem, aber im Wesentlichen, das Parlament außer Kraft setzt, demokratische Strukturen zerstört, jegliche Opposition verfolgt und vor allem die Parteien und Organisationen der Arbeiterbewegung verbietet, verfolgt und durch patriotische Ersatzbewegungen als Mitläufer in das System einzubinden versucht (S. 422)."

Dir, Franz, wie vielen anderen, hat die Variante des Austrofaschismus offensichtlich nicht gereicht. Ich glaube mit Robert Menasse auch nachvollziehen zu können, warum dies wohl so war: „Der Austrofaschismus wird heute noch dazu verwendet, Faschismus grundsätzlich zu relativieren: Erst der Nationalsozialismus ist so richtig böse gewesen – der Austrofaschismus à la Dollfuß war ein patriotischer Akt (S. 425)!" Menasse insistiert an dieser Stelle, endlich zu begreifen, dass es in Österreich um eine traditionelle Gleichsetzung von Faschismus und Patriotismus geht, und insofern jegliche Form von Alltagsfaschismus als „gut österreichisch" wirksam bleibt. Die Nationalsozialisten seien seit der Entnazifizierung (nach 1945) – wie inkonsequent sie auch immer gewesen sein mag – politisch geächtet. „Die Austrofaschisten hingegen waren nie gezwungen, sich damit auseinander zu setzen, dass sie Verbrechen begangen oder gutgeheißen haben, und konnten nach 1945 personell und strukturell dort fortsetzen, wo ein konkurrierender Faschismus sie unterbrochen hatte (ebd.)."

Du, Franz, gehörtest offenkundig zu den „Konkurrenten". Dies belegt nicht zuletzt Deine Flucht 1934 nach der Ermordung von Engelbert Dollfuß und dem dennoch gescheiterten Putschversuch. Dein Sohn Werner hat mir erzählt, dass Du wesentliche und prägende Anteile Deiner Kindheit und Jugend bei den Großeltern im Kärntner Lavanttal verbracht hast. Bei Christian Klösch (Des Führers heimliche  Vasallen), einem 1969 in Wolfsberg/Kärnten geborenen Historiker lese ich, dass es den Nazis im Zuge des Juli-Putsches 1934 gelang, im Kärntner Lavanttal für kurze Zeit die Macht an sich zu reißen. Klösch schreibt, die Unterstützung für die Putschisten sei so groß gewesen, „dass wohl jene kritische psychologische Masse erreicht worden war, so dass sich auch Mitläufer anschlossen." Er erwähnt eine noch weitgehend patriarchalische Gesellschaftsstruktur im Tal: „Bauern befahlen ihren Söhnen und Knechten am Putsch teilzunehmen, und Gewerbetreibende und Industrielle stellten ihre Angestellten und Arbeiter für den Putsch ab und drohten ‚Verrätern' mit Entlassungen." Schließlich resümiert er, dass sich im Lavanttal eine „radikale Minderheit", offenbar mit stillschweigender Billigung einer relativen Mehrheit der Bevölkerung für die „Anschluss-Option" entschieden habe: „Insbesondere für die Jugendlichen des Tales, die durch Schule, Vereinswesen und regionale Medien seit jeher im ‚großdeutschen' Sinne indoktriniert worden waren, erschien die Zukunftsperspektive des ‚Dritten Reiches' verlockend."

Du gehörtest also zu den „Juli-Putschisten", und als 1914 Geborener zu jener Alterskohorte, die prozentual den größten Anteil (26,9%) stellte (vgl. dazu insgesamt Christian Klösch: Des Führers heimliche Vasallen). Wir wissen, dass Dir Ende Juli – nach dem Zusammenbruch des Putschversuchs – mit ca. 1500 Kameraden die Flucht nach Jugoslawien gelungen ist. Auf welchem Weg und wann Du dann nach Deutschland eingereist bist, ist noch offen. Dokumentiert hingegen ist Deine Heirat mit Gerda Rixner (*12.4.1916) durch das Standesamt Duisburg-Mitte II am 10.10.1939. Damals warst Du bereits Unteroffizier. Am 22. August 1938 hattest Du Dich in Wünsdorf (Panzertruppenschule) bereits für eine 10jährige Dienstzeit (vom 1. Oktober 1938 bis zum 30. September 1948) als Berufssoldat verpflichtet. Dokumentiert ist auch Deine vorhergehende Ausbildung zum Gebirgsjäger in der 12. Kompanie des Geb.-Jäg.-Reg. 99 in Sonthofen/Allgäu. Deine Vereidigung fand am 29.10.1936 statt; Major Ritter von Hengel hielt die Ansprache. Deine Ausbildungszeit hast Du in einem Album mit einer Fülle von kommentierten Fotos festgehalten – so auch Deine Urlaube Ostern bzw. im Sommer 1937 in Duisburg-Neuenkamp und Deinen Sieg im Ski-Abfahrtslauf (bei immerhin 30 Teilnehmern). Die Stube 99 in der Jäger-Kaserne/Sonthofen war für zwei Jahre "Dein zu Hause".

Mit Schreiben vom 25.9.1943 wird Deiner Frau über Leutnant – ich lese seinen Namen als Jenny (in Vertretung des Kompaniechefs) folgende Mitteilung gemacht:

„Feldeinheit 05474 Im Felde, 25.9.1943
Sehr geehrte Frau Streit!
In Vertretung meines Kompanieführers muß ich Ihnen die traurige Mitteilung machen, dass Ihr Mann, Uffz. Franz Streit, am 23. September 1943 anlässlich einer Geländeübung im Dnjepr nächst Nowo Kiewka, 25 km nordostwärts Nikopol den Tod durch Ertrinken fand.
Über die näheren Umstände ist mir folgendes bekannt: Uffz. Streit wollte mit noch zwei Kameraden auf einem kleinen Schifferboot den Fluß überqueren. Das Boot kam infolge eines Windstoßes zum Kentern. Alle die Insassen stürzten ins Wasser. Kameraden, die den Unfall vom Ufer aus beobachteten, eilten sofort schwimmend zur Unfallstelle, kamen jedoch leider zu spät. Uffz. Streit und die beiden anderen waren bereits ertrunken. Durch die sofort einsetzende Bergungsaktion konnten alle drei Ertrunkenen schon nach kurzer Zeit geborgen werden. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Uffz. Streit wurde heute, den 25. September 1943 auf dem Heldenfriedhof in Saporoshje mit allen militärischen Ehrungen beigesetzt. Es wurde eine Aufnahme der letzten Ruhestätte gemacht. Diese wird Ihnen nach Fertigstellung zugesandt.
Dieser Unglücksfall ist umso bedauerlicher als Uffz. Streit bei Vorgesetzten und Untergebenen als guter Kamerad besonders beliebt war.
Ich bin der Überzeugung, daß Sie diesen für Sie und Ihre Kinder so schweren Schicksalsschlag standhaft hinnehmen werden.
Die Übersendung der Privatgegenstände erfolgt durch die Kompanie.

Mit Deutschem Gruß
Jenny
(Leutnant)"

Die „Namentliche Verlustmeldung" des Pz.Rgt. 33, I. Abteilung bestätigt das Todesdatum, nennt als genauen Ort „Malanino" und als Adresse: Roseggerstr. 30 in Mistelbach/St. Pölten („beerdigt im deutschen Kriegerfriedhof Alt-Saparoshje, Grab Nr. 670). Interessant ist unter der Spalte: „Gestorben außerhalb der Lazarettbehandlung infolge von" die Zuordnung unter Nr. 17/18 „Unfall/Selbstmord" mit der näheren Präzisierung: „Ertrunken".

Zwischen der Ausbildung in Wünsdorf und der Verlustmeldung haben meine Recherchen mit Hilfe der Wehrmachtsauskunftstelle in Berlin(WASt) u.a. folgende Hinweise ergeben:


Unter der Erkennungsmarke: -18- 4./ Inf. Ers. Batl. 482 (4. Kompanie Infanterie-Ersatz-Bataillon 482) wird folgende Truppenzugehörigkeit ausgewiesen:

  • laut Meldung vom 28.11.1939 und vom 11.4.1940 4. Kompanie Infanterie-Ersatz-Bataillon 482 - Abgang am 11.4.1940 zur Feldeinheit
  • laut Meldung vom Nov./Dez. 1940 und vom 8.8.1941 4. Kompanie Panzer-Regiment 39 – unterstand der 17. Panzer-Division (Einsatzräume: Juli/August 1941 Smolensk)
  • laut Meldung vom 16.9.1941 3. Kompanie Panzer-Ersatz-Abteilung 33 – Standort St. Pölten
  • laut Meldung vom 11.11.1941 und vom 12.1.1942 1. Kompanie Panzer-Abteilung 212 – unterstand der Heerestruppe in Kreta
  • laut Meldung vom 10.5.1941 Genesenden-Kompanie Panzer-Ersatz-Abteilung 33, Standort: St. Pölten
  • laut Meldung vom 4.6.1942 Stabskompanie I. Bataillon Panzer-Regiment .33; Zugang am 4.6.1942 von 3. Kompanie Panzer-Ersatz-Abteilung 33
  • laut Meldung vom 29.4.1943 Genesenden-Kompanie Panzer-Ersatz- und Ausbildungs-Abteilung 33
  • laut Meldung vom 31.7.1943 und vom 23.9.1943 4. Kompanie Panzer-Regiment 33 = Feldpost-Nummer 05474Zugang am 31.7.1943 von 1. Marsch-Kompanie Panzer-Ersatz- und Ausbildungs-Abteilung 33 (das Panzer-Regiment 33 unterstand der 9. Panzer-Division – Einsatzräume: Juni-Aug. 42 Woronesch, Sept. Orel; Okt./Nov. 42 Orscha, Mogilew; Dez. 42 bis Feb. 43 Rshew; März-Juli 43 Orel; Aug. 43 Brjansk

 

Die entscheidenden Hinweise zur Rekonstruktion der drei Wochen im Sommer 1941 (vom 15.8. bis zum 9.9.1941) ergeben sich aus der Auflistung der Lazarettaufenthalte. Dort ist laut Auskunft der Deutschen Dienststelle (WASt) am 15.8.1941 Dein Zugang zum Reservelazarett Ahrweiler mit Lazarettzug 682 vermerkt. Der Abgang mit Dienstfähigkeitsbescheinigung zur Panzer-Ersatz-Abteilung 33 in St. Pölten ist mit dem 9. September ausgewiesen. Die von Hilde zuletzt gemachten Angaben zu Eurer Begegnung im August/September 1941 werden damit eindrücklich und gewissermaßen amtlich bestätigt. Auch die Zeugung Deiner Tochter, Ursula, am 9. September 1941 ist damit – nicht nur rein rechnerisch –, sondern auch aufgrund der „amtlichen" Eckdaten bestätigt, da Du ganz offensichtlich mit „strategischer Weitsicht" das enge Zeitfenster für einen gesegneten Beischlaf erwischt hast.

An einigen Stellen sind meine "Rekonstruktionen" in „Hildes Geschichte" allerdings nicht haltbar: Die WASt belegt u.a. Deine Zugehörigkeit zur Panzer-Abteilung 212, die der Heerestruppe in Kreta unsterstand, so dass Du – wie von mir unterstellt – im Herbst und Winter 1941/42 nicht an der Offensive und den anschließenden Rückzugsgefechten vor Moskau teilgenommen haben kannst. Der Unterschied ist sicherlich klimatisch beachtlich gewesen. Bis zum 17.3. 1942 wird Dir über verschiedene Lazarettaufenthalte eine Verweildauer im Mittelmeerraum attestiert (Saloniki, Chania, Athen).

Am 17.3.1942 wirst Du „garnisonsverwendungsfähig" der Ersatztruppe in St. Pölten zugewiesen. Am 12.6.1942 ist der nächste Zugang zum „Leichtkranken-Kriegslazarett 4/619 Kiew" vermerkt. Dies gibt Sinn und bleibt bis heute spurenmächtig durch die Zeugung Deines zweiten Sohnes, Werner, der am 31.12.1942 das Licht der Welt erblickte. Sogar der von Hilde bestätigte Besuch in Flammersfeld im Frühsommer 1942, kurz vor oder kurz nach der Geburt Deiner Tochter, erscheint auf diese Weise nicht ausgeschlossen. Dass Du Dich anschließend immer wieder an der Ostfront wiedergefunden hast, belegen Deine Lazarettaufenthalte in Kiew und im „motorisierten Kriegslazarett 2/581 Kursk". Aufenthalte in der „Krankensammestelle Shisdra" (12.3.1943) und im Reservelazarett I Posen vom 12.3.1943 bis zum 29.4.1943 bestätigen weiterhin Deine Verweildauer an der Ostfront. Nach dem „kriegsverwendungsfähigen Abgang zur Truppe" am 29.4.1943 gibt es im Protokoll der WASt nur noch den Eintrag vom 23.9.1943, der besagt, dass Du an diesem Tag „verstorben" bist und zwar „in Malanino/UdSSR – bei einer Übung in einem Nebenarm des Dnjepr ertrunken. Grablage: Deutscher Kriegerfriedhof in Saparoshje, Abt. IV b, Grab Nr. 670".


Heute gibt es keine Zeitzeugen mehr, die etwas berichten könnten über die Umstände Deines „Versterbens". Natürlich wirft der oben abgedruckte Brief Deines stellvertretenden Kompaniechefs Fragen auf: „In Vertretung meines Kompanieführers muß ich Ihnen die traurige Mitteilung machen, dass Ihr Mann, Uffz. Franz Streit, am 23. September 1943 anlässlich einer Geländeübung im Dnjepr nächst Nowo Kiewka, 25 km nordostwärts Nikopol den Tod durch Ertrinken fand." Mit diesen Worten beginnt der stellvertretende Kompaniechef den Brief an Deine Frau. Er spricht von einer „Geländeübung" am 23.9.1943!!! Im Internet sind 70 Jahre später eine Fülle von Augenzeugenberichten und offiziellen Dokumenten – bis hin zu Kartenmaterial – über räumliche und zeitliche Truppenbewegungen im Raum Saporoshje nachzuvollziehen. Sie laufen alle darauf hinaus, dass im Zuge der „Schlacht am Dnjepr" nach dem 26. August (in erster Linie die Heeresgruppe Mitte betreffend) beginnend mit dem 22. September 1943 die komplette Front der Heeresgruppe Mitte bis nach Saporoshje und Melitopol unter (erneuten) Druck gerät. Dies wird im Übrigen auch im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (1943 Teilband II, S. 1131 – Lizenzausgabe für die Manfred Pawlak Verlagsgesellschaft 1982) bestätigt. Und Deine Einheit macht in diesen Rückzugskämpfen und –wirren eine „Geländeübung"!???????????


Im Gespräch mit Deinem jüngsten Sohn, Werner, der seinen Wehrdienst im Übrigen zu Beginn der 60er Jahre (Kubakrise) auch in einer Panzereinheit abgeleistet hat, erinnerte er sich an die Aussage eines Deiner Kameraden, der die Auffassung vertrat, dass man mit dieser Verlustmeldung bzw. den darin geschilderten Umständen (unfallbedingter Tod durch Ertrinken im Rahmen einer Geländeübung) näherliegende Hinweise auf Einwirkungen durch Artilleriebeschuss eigener Einheiten in den Rückzugswirren vertuschen wollte. Die Amerikaner haben dafür den sarkastisch-euphemistischen Begriff eines „friendly fire" geprägt. Beweisen lässt sich dies allerdings wohl kaum noch.


Aber wir arbeiten daran und werden das Gespräch fortsetzen!

   

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