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Eine kurze (Nach-)Besinnung - oder worauf können wir stolz sein?

"Ihr bekommt meinen Hass nicht!" (Antoine Leiris)

Jeden Freitag während des Vorlesungsbetriebs läuft mein Masterseminar "Grenzsituationen" (Teilmodul 6.3 Differenzierte Unterrichtsmethoden und Kommunikation in spezfischen Unterrichtssituationen). Nach den ersten drei Sitzungen zu einer theoretischen Grundlegung mit der Klärung der Fragen: Was ist Kommunikation (in der modernen Gesellschaft)? bzw.: Inwieweit können wir den Lebenslauf als das allgemeinste Medium zur Beobachtung der Wirkungen von Erziehung (pädagogischer Kommunikation) betrachten? - haben wir heute, am 20. November 2015, zum ersten Mal "fallorientiert" gearbeitet.

Am 22./23.1.2000 erschienen im Wochenend-Journal der Rhein-Zeitung zwei Artikel unter der Fragestellung: "Einfach vergessen?" (Passwort: wiro2015) In einem Beitrag vertraut sich Christina Bienotsch der renommierten Redakteurin Gabi Novak-Oster (unter Mitarbeit von Kerstin Stiefel) vor allem unter der Perspektive an: "Wie lange darf eine Mutter trauern?"

Frau Bienotsch (bzw. die Familie Bienotsch), die ihren damals 10jährigen Sohn (Dennis) 1995 bei einem Rekordversuch im Tauziehen beim Pfingsttreffen der Pfadfinder in Westernohe/WW verloren hat, bekennt, dass sie "sich von der Gesellschaft im Stich gelassen und zugleich bedrängt fühlt". Wie gesagt, der Artikel bietet einen fallbezogenen Zugang zu der generellen Frage, wie wir in der modernen Gesellschaft, in der wir leben, mit Tod, Trauer und Sterben umgehen. Herbert Gudjons, der 1996 in einem ersten Themenheft der Pädagogik vom "Verlust des Todes in der modernen Gesellschaft" spricht, bietet gleichermaßen eine gesellschaftsbezogene Analyse wie eine pädagogisch motivierte Besinnung mit der zentralen Fragestellung, wie wir Tod, Trauer und Sterben in der modernen Gesellschaft wiedergewinnen bzw. rekultivieren (siehe dazu insgesamt Materialien und BLOG zum Themenschwerpunkt). Frau Bienotsch belegt überzeugend, wie vor allem die abrupte, plötzliche Verlusterfahrung naher Menschen nahezu unvermeidbar zu einer Exklusion führt, deren ursächliche Zusammenhänge nur sytemisch verstanden werden können. Sie beschreibt z.B., dass die Unbefangenheit, mit der wir uns bei Feiern, Festen und Feten zuweilen loslassen, die auch schon einmal zu Exzessen der Freude und der Sponanität geraten können, ein absolutes No-Go markieren; da bleibt man fern - auch auf die Gefahr hin, nicht mehr eingeladen zu werden. Ob alte Freunde und Bekannte der eigenen Einladung noch unbefangen folgen, ist gleichermaßen in Frage gestellt. Zentrale Sätze der (Selbst-)Erkenntnis lauten z.B.: "Trauer ist keine Krankheit, sondern seelische Schwerstarbeit, die jeder Mensch auf seine Weise bewältigen muss." Die moderne Gesellschaft mit ihrer Differenzierung und ihren rasanten Zeit-Takten (Beschleunigung) lässt dafür kaum noch Spielraum. Wenn man Glück hat, bleibt einem als letzte Bastion das einzige System, in dem der Mensch in seiner Ganzheit gemeint ist und in der Blick gerät - mit all seinen Macken und Idiotien (Idiosynkrasien). Peter Fuchs - als Soziologe - beschreibt das Funktionssystem der Intimität mit den wunderbar-abstrakt-verrückten Worten ungemein präzise: Hier und nur hier gehe es um "wechselseitige Komplettberücksichtigung im Modus der Höchstrelevanz"! Und so bekennt Frau Bienotsch, sie sei so stolz darauf, "dass ihre Ehe den Verlust des Sohnes ausgehalten hat".

Ja, worauf können wir stolz sein? In einem meiner letzten Beiträge habe ich gefragt: Worum geht es eigentlich in Paris und anderswo? In der heutigen Ausgabe der Rhein-Zeitung (270/2015) findet sich der offene Brief eines Franzosen, der bei den Anschlägen vom vergangenen Freitag seine Frau verloren hat. Antoine Leiris, ein Radiojournalist aus Paris, vermittelt uns auf unfassbare Weise, worum es geht und worin der Unterschied beruht zwischen Weltbildern erster Ordnung auf der einen Seite und einer Zivilisation verbürgenden Grundhaltung, die ihn - Antoine Leiris, zu folgendem Brief veranlasst:

"Ihr bekommt meinen Hass nicht

Am Freitagabend habt ihr das Leben eines außergewöhnlichen Menschen geraubt, der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes - aber meinen Hass bekommt ihr nicht. Ich weiß nicht wer ihr seid. Ich will es auch nicht wissen. Für mich seid ihr tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr auf so widerwärtige Weise zu töten vorgebt, uns wirklich nach seinem Ebenbild geschaffen hat, dann hat jede Kugel im Körper meiner Frau sein Herz verwundet. Ich tue euch nicht den Gefallen, euch zu hassen. Auch wenn ihr euch sehr darum bemüht habt; auf den Hass mit Wut zu antworten, würde bedeuten, der gleichen Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit Misstrauen betrachte, dass ich meine Freiheit für die Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel. Ich habe sie heute Morgen gesehen. Endlich, nach Nächten und Tagen des Wartens. Sie war noch genau so schön wie am Freitagabend, als sie losgegangen ist, genauso schön wie vor zwölf Jahren, als ich mich so hoffnungslos in sie verliebt habe. Natürlich bin ich vor Kummer zerstört, ich gestehe euch diesen kleinen Sieg zu, aber er wird nicht von Dauer sein. Ich weiß, dass sie uns jeden Tag begleiten wird und dass wir uns wiedersehen in jenem Paradies, zu dem ihr niemals Zutritt haben werdet. Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind viel stärker als alle Armeen der Welt. Ich will euch jetzt keine Zeit mehr opfern, ich muss mich um Melvil kümmern, der gleich aus seinem Mittagsschlaf aufwacht. Er ist gerade 17 Monate alt, er wird seinen Brei essen wie immer, und sein ganzes Leben wird dieser kleine Junge euch beleidigen, indem er glücklich und frei ist. Denn nein, auch seinen Hass werdet ihr nicht bekommen."

Ob Antoine hier auch für Melvil sprechen kann/darf? Es erinnert mich an die Idee John Kotres, wie wir als Kinder mit dem Vermächtnis unserer Eltern umgehen (können).

Das Projekt der Moderne ist ganz offenkundig ein Projekt der Selbstdesinteressierung! Ob man sie soweit treiben kann wie Antoine Leiris, erscheint schier menschenunmöglich. Ich kann noch nicht absehen, ob er auch mir hilft, all die fragwürdigen Emotionen in mir zu beherrschen, die sich fokussieren auf jene Barbaren, denen gegenüber Argumente nicht mehr verfangen. Wobei ich mich hüte vor einer einseitigen Beoabachterhaltung erster Ordnung. Die Verantwortung des Westens ist überdeutlich, auch wenn verantwortliche Akteure kein größeres Interesse vereint, als genau diese Verantwortung zu verschleiern. Denn worum geht es eigentlich - in Paris und anderswo?

 "Es geht [...] um nichts geringeres als das allen Weltbescheibungen erster Ordnung inhärente Paranoia-Potential und die von ihm gebundene und entbundene Gewalt. Wo immer Menschen anfangen, ihre Weltbilder distanzlos zu bewohnen und und ihre Einteilungen des Seienden im ganzen als eine Arena realer Kämpfe zu erleben, dort sind sie der Versuchung ausgesetzt, für ihre Identitätskonstrukte bis zum bitteren Ende zu kämpfen und für ihre Fiktionen zu töten."

Ich widme diesen Beitrag all den Menschen, die ich liebe, meiner einzigartigen Liebesperle Claudia, meinen unvergleichlichen Kindern, Laura und Anne und ihren Liebsten, meinen Nichten, den Töchtern meines Bruders und ihren Liebsten. Ich widme ihn all denen, die mir nahe sind und denen ich nahe sein darf - auch denen, die in jenem Paradies schon sind, zu dem die Barbaren niemals Zutritt haben werden (der Barbaren sind viele!) - meinen Eltern und meinem Bruder zuvorderst. Ich widme diesen Beitrag uns allen, die wir gekränkt und mit kleinem Geist die alltäglichen Kleinkriege führen, die so sehr verblassen, angesichts des Unausweichlichen. Denn meine Selbstvergewisserung läuft auf einen Appell hinaus, der für viele keine Adresse mehr hat bzw. von der sich viele nicht (mehr) adressiert fühlen:

Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden (Psalm 90).

Wenn ich den Brief von Antoine Leiris lese, dann weiß ich, dass er die Konsequenz ist aus einer Haltung, wie sie von Fulbert Steffensky (Passwort: wiro2015) beschrieben wird, der uns darauf aufmerksam macht, dass wir nur sind, weil wir uns verdanken. Wer dies vergisst, wird sein Glück nicht finden und noch viel weniger eine Haltung, die offenkundig in urchristlicher Auslegung (nicht in der Auslegung ihrer Ideologen!!!) zu einer Befriedung der Welt beitragen könnte und die uns von Antoine Leiris mit seinem Brief ins Gedächtnis gerufen wird. Besinnen wir uns - allein schon wegen unserer Kinder und wegen der Kinder, die wir selbst einmal waren.

 

 

 

 

 

 

   

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