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Pardon wird nicht gegeben - die Sache mit dem "Referenzrahmen"

Sönke Neitzels und Harald Welzers Schlüsselargument des Referenzrahmens, die Aufzeichnungen Hans Graf Lehndorffs aus den Jahren 1945-1947 und Giorgio Agambens Blick auf das Lager als "Nomos der Moderne" (Idomeni wird zum Synonym des Lagers im 21. Jahrhundert). Und mit Heinrich Gerlach stelle ich die Frage, was Stalingrad mit all dem zu tun haben könnte.

Das programmatisch-theoretische Einführungskapitel in „Soldaten" (Sönke Neitzel und Harald Welzer, Frankfurt 2011) ist überschrieben mit dem Titel: „Der Referenzrahmen des ‚Dritten Reiches'". Beide gehen davon aus, dass die Sozial- und Kulturgeschichte des ‚Dritten Reiches' gut dokumentiert ist. Hinsichtlich des sich entwickelnden Referenzrahmens des ‚Dritten Reiches' heben sie zwei besondere Aspekte hervor: „Der erste Aspekt ist die sich mit der ‚Judenfrage' sukzessiv etablierende Vorstellung, Menschen seien kategorial ungleich (a.a.O, S. 48)." Der zweite Aspekt resultiert nach Neitzel/Welzer aus dem nationalsozialistischen Alltag: „Die Forschung neigt dazu, die symbolischen Formen gesellschaftlicher Praxis – also etwa ‚Ideologien', ‚Weltanschauungen', ‚Programmatik' zu untersuchen und dabei zu übersehen, dass die sozialen Praktiken des Alltags eine weit stärkere formative Wirkung haben – unter anderem deswegen, weil sie nicht reflexiv zugänglich sind.

Diese formative Kraft des Faktischen bildet einen wesentlichen Aspekt des Referenzrahmens des ‚Dritten Reiches' (ebd., S. 49)." Solche Überlegungen fließen auch ein in mein "Gespräch mit Franz Streit" (Vater meiner Schwester und Angehöriger der 9. Panzerdivision).

Neitzel/Welzer übertragen diesen Erklärungsansatz gleichermaßen auf den "Krieg gegen die Sowjetunion und die Verbrechen an Kriegsgefangenen" (in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 6/2011). Die Autoren bezweifeln, "dass die Soldaten, die am frühen Morgen des 22. Juni 1941 ihre Anordnungen erhielten, begriffen, welch ein Krieg ihnen bevorstehen würde" (Blätter, S. 112). Jede Vergleichbarkeit mit den raschen Offensivkriegen in Polen, Frankreich oder auf dem Balkan erwies sich als trügerisch und unzureichend. Dass man es bis in die Hauptkampflinie mit einem "Vernichtungskrieg mit bislang beispielloser Härte" zu tun haben würde, war zweifellos den allermeisten Soldaten nicht klar; vor allem "dass im Rahmen dieses Krieges systematisch Personengruppen vernichtet werden würden, sah der 'Referenrahmen Krieg' bis dahin nämlich nicht vor" (ebd.).

Andererseits gehen Neitzel/Welzer davon aus, dass die Umwandlung einer 100 000 Mann starken Reichswehr ab 1933 zu der 1939 bereits 2,6 Millionen Männer zählenden Wehrmacht nicht nur auf einer materiellen Anstrengung beruhte. Vielmehr wurde die Aufrüstung begleitet "von der Ausbildung eines Referenzrahmens, in dem das Militärische in einer zeit- und nationaltypischen Signatur positiv konnotiert war" (ebd.). Zahllose Parteiorganisationen von der HJ über RAD, SA und SS sorgten nach Neitzel/Welzer dafür, die "Wehrhaftmachung" des deutschen Volkes voranzutreiben und militärische Werte im Referenzrahmenm der Deutschen zu verankern. Im Verlauf des gesamten Krieges führte dies immerhin dazu, dass 17 Millionen Männer (!) problemlos in die Wehrmacht integriert werden konnten. Neitzel/Welzer übernehmen darüber hinaus Argumentationsfiguren wie den von Norbert Elias geprägten Begriff des "Gestaltwandels", indem genuin militärische Werte, aber auch Grundeinstellungen zu Fragen der Ehre, der Ungleichheit von Menschen und der Satisfaktionsfähigkeit von Nation und Volk eine zunehmend größere Bedeutung zukam. Im klaren Gegensatz zu den Idealen der Aufklärung und des Humanismus - mit dem Postulat der Gleichheit aller Menschen - wurde eine "klare Ordnung des Befehlens und Gehorchens" mentalitätstypisch. Dem entsprechen ein ausgeprägter Sozialdarwinismus, ein rassisch begründeter Nationalismus ausmündend in die Idee eines radikalen Volkskrieges über Sein oder Nichtsein: Dulce et decorum est pro patria mori, das Ideal vom Heldentod wird das alles überstrahlende Motiv, in dem "Manneszucht und Mannestugenden" aufgehen und sich erfüllen.

Neitzel/Welzer zeigen, dass die positive Konnotation des Militärs und des Kampfes fast alle gesellschaftlichen Gruppen eint. Selbst das "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" oder der "Rotfrontkämpferbund" waren dem Wehrgedanken nicht grundsätzlich abgeneigt (vgl. Blätter, S. 115). Der "Hass gegen den äußeren Feind" sowie der "Kampf gegen alles Undeutsche" bildete die Plattform für den übergroßen Teil der Gesellschaft. Es dauerte keine 10 Jahre bis die Ausbildung stabiler rassischer und völkischer Mentalitäten und Motive im Zuge des Überfalls auf die Sowjetunion zum größten Verbrechen der Wehrmacht führte:

"So war das größte Verbrechen der Wehrmacht der Massenmord an den sowjetischen Kriegsgefangenen. Von den rund 5,3 bis 5,7 Millionen Rotarmisten in deutschem Gewahrsam sind 2,5 bis 3,3 Millionen umgekommen - das sind 45 bis 57 Prozent (Blätter, S. 116)."

Um diese exorbitanten Zahlen zu verstehen, muss man das Kalkül der Heeresleitung zur Kenntnis nehmen. Dieses Kalkül lässt keinen Zweifel an der Angemessenheit der von Neitzel/Welzer gewählten Sprachregelung des "größten Verbrechens der Wehrmacht". Dieses Kalkül bestand nämlich darin, "die Gefangenen ihrem Schicksal zu überlassen und keine Vorsorge für deren Ernährung zu treffen" (Blätter S.116f.). Bei jeder Gelegenheit - so Neitzel/Welzer - wurde den eigenen Soldaten vermittelt, gegen eine "feindliche Rasse" und "Kulturträger minderer Art" zu kämpfen. Dies sollte ein "gesundes Gefühl des Hasses" legitimieren, was jeglicher "Gefühlsduselei und Gnade" den Boden entziehen sollte.

Neitzel/Welzer (Blätter, S. 118) zitieren General Gotthart Heinrici (siehe auch die Rezension zur Veröffentlichung der Briefe und Tagebücher Heinricis durch Johannes Hürter), der bereits bereits Anfang 1941 an seine Familie schreibt:

"Teilweise wurde überhaupt kein Pardon mehr gegeben. Der Russe benahm sich viehisch gegen unsere Verwundeten. Nun schlugen und schossen unsere Leute alles tot, was in brauner Uniform umherlief. So steigern sich beide Parteien gegenseitig empor, mit der Folge, dass Hekatomben von Menschenopfern gebracht werden."

Entscheidend im gesamten Argumtentationszusammenhang von Neitzel/Welzer bleibt das Beharren auf der These, dass das Verhalten der Soldaten gegenüber den Rotarmisten in der eigenen Optik kein Verbrechen war, obwohl die völkerrechtliche Lage eindeutig dagegen spricht:

"Das, was man aus der heutigen Sicht als 'humanes' oder 'menschliches' Verhalten bewerten würde, spielte kommunikativ so gut wie keine Rolle [...] Wo das Töten allgemeine Praxis und soziales Gebot ist, ist prosoziales Verhalten gegenüber Juden, russischen Kriegsgefangenen und anderen als minderwertig apostrophierten Gruppen ein Normverstoß (Blätter, S. 120, Hervorhebung, Verf.)."

Möglicherweise überzeugt an dieser Stelle der Hinweis Neitzels/Welzers, dass es selbst in der Nachkriegszeit viele Jahre gedauert habe, bis solche Motive normativ höher bewertet wurden. Der Referenzrahmen des Dritten Reiches - so Neitzel/Welzer - sah so etwas wie Empathie gar nicht vor.

Von höchstem Interesse ist dann natürlich der Versuch, die Perspektiven einfach einmal umzukehren, um zu erkennen, wie der Referenzrahmen der Sieger - zumindest in Gestalt der Roten Armee - in Erscheinung trat. Gelegenheit dazu gibt Hans Graf von Lehndorff: Ostpreußisches Tagebuch - Aufzeichnungen eines Arztes aus den Jahren 1945-1947 (Biederstein Verlag, München 1961). Wir eröffnen mit einem Zitat aus seinem Ostpreußischen Tagebuch:

"Vom Hörensagen weiß heutzutage jeder Mensch, was ein Lager ist. Das ist ein Ort, wo man Menschen hintut, über die man eine Weile nicht nachdenken möchte, entweder weil man andere Dinge im Kopf hat, oder weil das Nachdenken zu unbequem ist. Im Lager geraten sie dann automatisch in einen Zermürbungsprozess, der zwar in keinem nachweisbaren Zusammenhang mit den Absichten dessen steht, der die Leute hierher beordert hat, ihnen aber insofern entgegenkommt, als er geeignet ist, ein späteres Nachdenken zu erübrigen oder auf ein Minimum zu beschränken. Enderfolg des Lagers ist jedenfalls ein Zustand, der nur noch ein Naserümpfen hervorzurufen vermag. Man braucht solchen Menschen gegenüber wirklich keine Verpflichtung mehr zu empfinden (a.a.O., S. 109, Hervorhebung, Verf.)."

Um diese distanziert wirkende Beschreibung des Lagers zu konkretisieren, greife ich auf einige Schilderungen Hans Graf von Lehndorffs zurück. Sie zeigen auf ihre Weise, wie ein an Menschenrechten orientierter Referenzrahmen - gewissermaßen als Antwort auf den Vernichtungskrieg der Deutschen - auch von russischer Seite vollständig suspendiert wurde:

"Da es keine Latrinen gibt, trifft sich alles, Frauen und Männer, in abenteuerlicher Weise zwischen den Hallen in einem Gang von etwa 4 Metern Breite. Dort herrscht ein scheußliches Gedränge, da ein Teil der Leute schon stark vom Durchfall geplagt wird. Dazu regnet es unentwegt weiter. Nicht selten bricht einer vor Schwäche zusammen. Ein Leben gelebt zu haben, um hier an dieser Stelle zu verrecken, buchstäblich in der Scheiße (a.a.O., S. 112, datiert im April 1945)."

Graf von Lehndorff ist hier - wenige Tage nach seinem Lagerdebüt - noch bei Sinnen. Zwei Wochen später wird das Lager im Sinne einer biologisch-physischen Selbstauflösungsstrategie seitens der Lagerbetreiber vollends greifbar:

"Nachts ist es sehr still. Da unsere Nieren nurn noch im Liegen funktionieren, müssen wir des öfteren auf den Gang hinaus, wo die Eimer stehn. Dort ist nichts zu hören als das leise Tappen und Schleichen all der Leute, die ebenfalls nach den Eimern suchen. Und wir sind froh, dass es für einige Stunden dunkel ist. Am Morgen werden die Toten herausgesucht. Mehrere sind auf dem Gang gestorben, einer sitzt tot auf dem Eimer. Die übrigen lassen sich nicht so leicht herausfinden, da auch die Lebenden nur sehr langsam reagieren, wenn man sie anspricht oder anstößt. Später liegen im Waschraum über meterhoch aufgestapelt sechsunddreißig Tote, alles Männer. Die Frauen halten länger aus. Viele sind fast nackt. Ihre Kleider haben sich schon andere angeeignet zum Schutz gegen die Kälte. Papiere haben die wenigsten noch. Aber auch die werden kaum lange erhalten bleiben, und später wird keiner mehr sagen können, wer eigentlich hier gestorben ist (Hervorhebung, Verf.)."

Meiner Tochter Laura verdanke ich die Berührung mit Giorgio Agamben und seiner These vom Lager als "Nomos der Moderne":

2002 erschien bei Suhrkamp Agambens „Homo sacer“. Er greift auf Foucaults Idee zurück, wonach der moderne Mensch als „Tier“ in Erscheinung trete, dessen Leben als „nacktes Leben“ auf dem Spiel stehe: „Die Politisierung des nackten Lebens bildet auf jeden Fall das entscheidende Ereignis der Moderne und markiert eine radikale Transformation der klassischen politisch-philosophischen Kategorien (Agamben 2002, S. 14).“ Agamben begründet seine These damit, dass in der Antike, das einfache natürliche Leben aus der „polis“ (dem öffentlichen Raum) ausgeschlossen und auf den Bereich des „oikos“ (das Haus) begrenzt war. Er beruft sich auf Aristoteles, der den Menschen als „politisches Tier“ begreife und eine Trennlinie zwischen dem „bios“ (qualifiziertes oder auch politisches Leben) und der „zoe“ (das einfache, nackte Leben) vornehme. Eine weitere zentrale Argumentationsfigur bemüht Agamben aus dem römischen Recht mit der Formel „vitae necisque potestas“. Diese Macht über Leben und Tod komme dem römischen Vater gegenüber seinen Söhnen bzw. gegenüber der Familie zu. Agamben schlussfolgert, dass diese „vitae necisque potestas“ des Vaters (im häuslichen Bereich = oikos) auf die souveräne Macht (im öffentlichen Raum = polis) übergehe. Der „homo sacer“ markiert für Agamben die Trennlinie zwischen „zoe“, dem einfachen, nackten Leben, und „bios“, einem rechtlich und auch politisch geregeltem Leben. Dort gewann dann der Magistrat nach römischem Recht die „vitae nicisque potestas“ über die gesamte Bürgerschaft (vgl. Agamben 2002, S. 98).

Dem entspricht eine Definition von „Souveränität“, die Agamben Carl Schmitt entlehnt, wonach derjenige über Souveränität verfüge, der über den Ausnahmezustand – und damit die zeitweilige Suspendierung einer staatlichen (Rechts-)Ordnung - entscheide: „Der Souverän steht zugleich außerhalb und innerhalb der Rechtsordnung (Agamben 2002, S. 25).“ Giorgio Agamben erweitert diesen Aspekt der „Souveränität“ um den von Michel Foucault eingeführten Terminus der „Biomacht“ bzw. „Biopolitik“: „Der von allem Recht entblößte und bedingungslos tötbare homo sacer ist das Emblem dieses Nexus von Biomacht und souveräner Macht (Eva Geulen 2009, S. 96).“ Schließlich verweist Eva Geulen in ihrer Einführung zu Giorgion Agamben auf eine dritte wichtige Quelle zum Verständnis des „nackten“ bzw. „bloßen Lebens“ bei Agamben. Er greife dabei auf Walter Benjamins Aufsatz „Zur Kritik der Gewalt“ (1921) zurück. Walter Benjamin wende sich in diesem Aufsatz gegen eine „Sakralisierung der aristotelischen zoe, des nackten Daseins“. Damit weist Benjamin nach Eva Geulen ein – auch heute noch in bioethischen Kommissionen oder von Tierschützern vorgebrachtes – Argument zurück, das von der „Heiligkeit des Lebens“ ausgehe und insofern auch ein Recht auf Tötung in Gestalt von Notwehr, der Todesstrafe oder auch im Krieg prinzipiell ablehne. Menschsein sei nach Benjamin nicht reduzibel auf das „bloße“ Leben des Menschen (vgl. Eva Geulen 2009, S. 97).

Mit Giorgio Agamben könnte man nun fragen: Was aber ist aber dann noch mit einem umfassenderen Verständnis von einer „Heiligkeit des Lebens“ im Sinne Benjamins gewonnen? In der Beantwortung dieser Frage offenbart sich die düstere Weltsicht und –analyse Giorgio Agambens. Sie wird natürlich unmittelbar scharf gestellt im Schlüsselargument von Neitzel/Welzer, wonach Menschlichkeit oder Empathie im gegebenen Referenzrahmen (des Dritten Reiches) gar nicht erst vorkomme, oder auch in den Erlebnissen Hans Graf von Lehndorffs, der die biologisch-physische Selbstauflösung von Lagern - eingedenk des Verlustes jeglicher Identität - als Schlüsselerlebnis seiner Lagererfahrung beschreibt.

Historisch eröffnet sich durch die Exklusion eines „nackten Lebens“, das heißt eines rechtlich nicht geschützten Lebens, über das der Souverän verfügen kann, die umfassende politische Dimension einer Politisierung des natürlichen (nackten) Lebens: „Der Bann ist im strengen Sinne die Kraft, welche die beiden Pole der souveränen Ausnahme verbindet: das nackte Leben und die Macht, den homo sacer und den Souverän (Agamben 2002, S. 120).“ Und auch in der Moderne – nach der Proklamation der Menschenrechte – geht Agamben davon aus, dass wir lernen müssen, diese Struktur des Banns in den politischen Beziehungen und den öffentlichen Räumen, in denen wir heute noch leben, zu erkennen: „Die Heiligkeit des Lebens, die man heute gegen die souveräne Macht als Menschenrecht in jedem fundmentalen Sinn geltend machen möchte, meint ursprünglich gerade die Unterwerfung des Lebens unter eine Macht des Todes, seine unwiderrufliche Aussetzung in der Beziehung der Verlassenheit (Agamben 2002, S. 93)."

Das Lager als „nomos der Moderne“

Diese radikale, nüchterne Betrachtungsweise ergibt sich in erster Linie aus der Beschreibung des Lagers als „nomos der Moderne“ (vgl. dazu Eva Geulen 2009, S. 106): Agamben betrachtet das Lager als den Raum, „der sich öffnet, wenn die Ausnahme zur Regel zu werden beginnt […] Insofern seine Bewohner jedes politischen Status entkleidet und vollständig auf das nackte Leben reduziert worden sind, ist das Lager auch der absoluteste biopolitische Raum, der je in die Realität umgesetzt worden ist, in dem die Macht, nur das reine Leben ohne jegliche Vermittlung vor sich hat. Darum ist das Lager das Paradigma des politischen Raumes, und zwar genau an dem Punkt, wo die Politik zur Biopolitik wird und der homo sacer sich virtuell mit dem Bürger vermischt (Agamben 2002, S. 177 bzw. S. 180).“

Agamben selbst beschränkt sich bei Weitem nicht auf die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Gerade an der aktuellen Situation von Flüchtlingen, die sich seit der Veröffentlichung von homo sacer zugespitzt hat, veranschaulicht Agamben seine Position: „Der Flüchtling, der den Abstand zwischen Geburt und Nation zur Schau stellt, bringt auf der politischen Bühne für einen Augenblick jenes nackte Leben zum Vorschein, deren geheime Voraussetzung er ist (Agamben 2002, S. 140).“ Der „natürliche“ Zusammenhang zwischen Geburt und nationaler Zugehörigkeit (Staatsbürgerschaft) – Geburt und Volk (der Mensch als Bürger eines Nationalstaates mit Namen und Adresse) steht für immer mehr Menschen in Frage. Und die Antworten, die eine Staatengemeinschaft darauf gibt, werden von Giorigo Agamben äußerst kritisch kommentiert:

„Ein Lager ist dann sowohl das Stadion von Bari, in dem 1991 die italienische Polizei vorübergehend die illegalen Einwanderer aus Albanien zusammentrieb, bevor sie sie zurück geschafft hat als auch das Velodrome d’Hiver, in dem die Vichy-Behörde die Juden vor der Übergabe an die Deutschen gesammelt haben, sowohl das Konzentrationslager für Ausländer in Cottbus-Sielow, in das die Weimarer Regierung die ostjüdischen Flüchtlinge gesteckt hat, als auch die Wartezonen in den internationalen Flughäfen Frankreichs, wo die Ausländer, welche die Anerkennung des Flüchtlingsstatus verlangen, zurückgehalten werden. In all diesen Fällen grenzt ein scheinbar harmloser Ort […] in Wirklichkeit einen Raum ab, in dem die normale Ordnung de facto aufgehoben ist […] Die zunehmende Entkopplung von Geburt (nacktem Leben) und Nationalstaat ist das neue Faktum der Politik unserer Zeit, und das, was wir das Lager nennen, ist der Abstand […] Das Lager als entortende Verortung ist die verborgene Matrix der Politik, in der wir auch heute noch leben und die wir durch alle Metamorphosen hindurch zu erkennen lernen müssen, in den Wartezonen unserer Flughäfen, wie in manchen Peripherien unserer Städte. Es ist das vierte unablösbare Element, das zur alten Trinität von Staat, Nation (Geburt) und Territorium hinzugekommen ist und sie aufgesprengt hat. […] Das Lager, das sich mittlerweile fest in seinem Inneren eingelassen hat, ist der neue biopolitische nomos des Planeten (Agamben 2002, S. 183ff.).“

Auch der deutsche Soziologe Karl Otto Hondrich weist darauf hin, dass Brüche in einer Biografie – z.B. in Kriegszeiten – vielleicht bewältigt werden können, solange es Grundgeborgenheit und Zugehörigkeit noch in zwei Institutionen gebe, die uns nicht verstoßen dürften, weil wir ihnen durch Herkunft angehören: Staaten und Familien (vgl. Hondrich 2004, 157f.). Hieran mag man ermessen, was es bedeuten mag, die Lager des 20. Jahrhunderts überlebt zu haben. Mit Giorgio Agamben aber stellt sich die Frage, wie das Lager auch im 21. Jahrhundert als "Nomos der Moderne" in Erscheinung tritt?

Das Überleben Hans Graf von Lehndorffs wird von ihm selbst - mit seinem Neuanfang im Westen - auch diesbezüglich mit Blick auf das "neue Dasein" radikal in Frage gestellt:

"Wird es ein gleichgültiges sein, eins von Tausenden, das gar nicht gelebt zu werden braucht? Oder wird mir und denen, die das gleiche erfahren haben, die Gnade zuteil werden, durch unser Leben etwas aussagen zu dürfen von dem, was wir gesehen und gehört haben?"

Mein Beitrag soll zumindest die Frage von Hans Graf Lehndorff beantworten:

Das ostpreußische Tagebuch ist aus dem Nachlass von Ernst Begemann über Rudi Krawitz in meine Hände geraten und 64 Jahre nach seinem Erscheinen darf ich Hans Graf Lehndorff gegenüber bezeugen, dass er nicht der Gleichgültigkeit anheim gefallen ist.

 

Ergänzende Literatur:

Giorigo Agamben: homo sacer, Frankfurt (Suhrkamp) 2002

Eva Geulen; Giorgio Agamben – Zur Einführung, Hamburg (Junius) 2005

Karl Otto Hondrich: Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft, Frankfurt (Suhrkamp) 2004

 

 

   

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