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Weihnachten 2016

Wenn ich noch einmal Kind sein dürfte - Meine Weihnachtsgeschichte 2016

(in Anknüpfung an ein altes Motiv aus: Komm in den totgesagten Park und schau, S. 172 und als Brücke zu einer neuen Auseinandersetzung mit "Hildes Geschichte")

Teil I: Wenn ich noch einmal Kind sein dürfte

Weihnachten 2014 1

Nun begründe ich also auch hier eine kleine Tradition. Meine Weihnachtsgeschichte 2015 - also das, was ich vor gut einem Jahr hier aufgschrieben habe- lass ich unverändert stehen. So halte ich es auch 2017 - allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass ich auch die "alte" Weihnachtsgeschichte einer redaktionellen Frischkur unterziehe. Das erste Wort zur "alten" Weihnachtsgeschichte ist rot unterlegt:

Schon 2016 war kein leichtes Jahr. Selbst die Geburt von Mathilde weckte zuallererst unsere Urängste; als Frühchen mit unter 1000g Geburtsgewicht meistert sie aber unterdessen ihren Weg ins Leben auf beeindruckende Weise. Der zweite bleibende Eindruck verband sich mit dem allzufrühen Tod von Andreas Krawitz.Sein Tod löste für mancheinen von uns einen nachhaltigen Schock aus, während ich der Auffassung war, dass Abschiede wie der von Hilde Ackermann oder von Wilfried Jansen ehr etwas Tröstliches hatten.

Es war zu lesen, dass meine Schwiegermutter nach ihrem Oberschenkelhalsbruch im Dezember 2015, mit uns gemeinsam unter einem Dach lebt und Weihnachten im Kreis ihrer Familie feiert. 2017 wird sie Weihnachten im Laubenhof verbringen. Dort lebt sie seit dem Juli 2017 - nach der Genesung von ihrem Armbruch im Mai. Ich verändere in der Auseinandersetzung mit Klaus Dörner meine Einstellung zu der Frage, ob wir dort leben und sterben können, wo wir hingehören: Unterdessen erachte ich es als ein außerordentliches Privileg, meine Schwiegermutter dort fas täglich besuchen zu können. Auf diese Weise haben wir einen intensiveren Kontakt als wir in je in den letzten 38 Jahren hatten. Das könnt ihr im Demenztagebuch nachlesen. Dass ich selbst dieses Privileg nutzen kann, hängt natürlich mit meiner Versetzung in den Ruhestand zusammen. Meine neu gewonnene Freiheit findet ein wesentliches Betätigungsfeld in dieser Erinnerungsarbeit. Dazu passt natürlich nach wie vor, dass kein anderer festlicher Anlass im christlichen Jahreskreis mich so tief eintauchen lässt in meine Kindheit, die sich dann - ähnlich wie bei meiner 94jährigen Schwiegermutter aufs Wesentliche zu verdichten scheint.  Die folgenden Schilderungen entsprechen meiner "alten" Weihnachtsgeschichte - allerdings habe ich mehr und mehr das Bedürfnis, mich mit meinen eigenen Erinnerungen auseinanderzusetzen.

Was können Eltern ihren Kindern sagen - und dann auch noch zu Weihnachten? Sie könnten zum Beispiel sagen: "Liebe Kinder, der Mensch ist, weil er sich verdankt! Dieser Dank ist auch ganz diesseitig. Ich danke meinen Eltern immer noch und immer wieder. Ohne sie gäbe es mich nicht - und Euch genausowenig. Dass es Euch gibt, ist das größte Geschenk des Lebens. Dass Ihr so seid, wie Ihr seid - mit all Eurer Strahlkraft und Empathie, mit der Ihr für andere da seid -, ist dabei gewiss eine ganz besondere Gabe. Und ein besonderer Dank gilt Euch an diesem Weihnachtsfest dafür, dass Ihr Eurer Oma ein Stück Vertrautheit im Fremden bewahrt. Denn Eure Oma hat sich am 11.12.2015 im fortgeschrittenen Altern von 92 Jahren den Oberschenkel gebrochen - übrigens an dem Tag, an dem Euer Neuenahrer Opa 93 Jahre alt geworden wäre. Sie hat gestern im Laubenhof, in ihrem Heimatort Güls ein Zimmer bezogen - zunächst für eine sogenannte "Kurzzeitpflege". Euer und unser aller Tun zeigt, wie sehr wir uns alle verdanken. Und es ist keine Selbstverständlichkeit für hochbetagte Menschen, sich selbt aus der Hand zu geben. Es ist der größte Vertrauensbeweis, zu dem Menschen in der Lage sind, denn mit einer Vorsorgevollmacht, wie sie Euer Opa Leo und Eure Oma Lisa Eurer Mutter in die Hand gegeben haben, begibt man sich in eine fremde Hand. Diese Hand ist umso mehr die eigene, als Menschen wissen, dass sie sich verdanken. Eine Ahnung davon macht uns als Familie so stark. Dafür danke ich Euch heute allen. Meine alte Weihnachtsgeschichte, die ich im folgenden erzähle, liest sich dadurch immer wieder neu (und sie spiegelt sich in der vor wenigen Tagen begonnenen Aufarbeitung des Demenztagebuches -> siehe Einleitung). Und nun zu meiner Weihnachtsgeschichte:

Was mir am schwersten gefallen ist beim Abschied von zu Hause – zu Beginn des Studiums, schon zu Bendorfer Zeiten, und auch noch in Güls?

Eines der eindrücklichsten Rituale in meiner Kindheit verbindet sich mit dem Weihnachtsfest. Mein Vater war seit Beginn der fünfziger Jahre Croupier im Bad Neuenahrer Spielcasino. Damit verband sich ein eigenwilliger Arbeitsrhythmus, bei dem eine Schicht mal um 14.00 Uhr begann und dann gegen 22.00 Uhr zu Ende ging. Dann war mein Vater auch schon früh auf den Beinen. Begann sein Dienst aber erst gegen 20.00 Uhr oder später, kam er erst morgens in der Frühe nach Hause und schlief lange. Wir mussten leise sein und Rücksicht auf ihn nehmen. Weihnachten – am Heiligen Abend und am ersten Weihnachtstag – ruhte aber auch im Casino der Spielbetrieb. Und bei uns zählte der Heilige Abend:

kind1Dies war bei weitem keine Idylle – auch bei uns gab es die üblichen Streitereien und Aufgeregtheiten wegen des Christbaumes oder anderer Kleinigkeiten; die Atmosphäre war von erwartungsvoller Spannung erfüllt. Dies alles verlief nach einem festen Grundmuster – ein alljährlich wiederkehrendes Ritual: Der Glasausschnitt in der Türe zum Wohnzimmer war mit einer Decke verhangen, und alles Leben spielte sich in der Küche ab. Dort herrschte schon Wochen vorher reger Backbetrieb – wie in einer Weihnachtsbäckerei. Und am Heiligen Abend war der Tag der Sülze und der Pute. Die Sülze war Papas Hoheitsterrain. Neben der vorzüglichen Brühe, die dabei entstand, konzentrierte er sich auf das sorgfältige Abfegen der Knochen. Kein Fitzelchen Fleisch entging seiner Bestimmung. Einige Behältnisse füllten sich mit der nach und nach gelierenden Brühe, reichlich mit Fleisch und Gewürzen versehen. Ich mochte nur das Gelee – und das soll ja wohl gut für die Konsistenz und Widerstandsfähigkeit der Knochen sein. Und dann der Puter; der wurde von Jahr zu Jahr größer. An unserem Weihnachtstisch versammelten sich ja schließlich auch von Jahr zu Jahr mehr Esser, zumindest bis 1968, als unsere Oma nicht mehr dabei war. Das Weihnachtsessen fand in der „großen Familie“ statt. Nach der Bescherung - am frühen Abend - fanden sich alle bei uns im Wohnzimmer ein. Das war kein Problem, da wir ja Hausbacke an Hausbacke nebeneinander wohnten: Oma, Opa, Mama, Papa, Ulla (später Ernst), Willi, Tante Annemie, Gaby und ich; für zwei oder drei Jahre war ab 1962 auch noch Michael, Ullas und Ernstens Sohn, dabei.

Waren schon die Tage vor dem Heiligen Abend von gespannter Erwartung erfüllt, so geriet der 24. Dezember selbst manchmal zu einem unvergleichlichen Höhepunkt. Von da an eröffnete sich eine Nische, in der man unsichtbar wurde für die Schule und den Rest der Welt. Manchmal sind wir – Papa, Willi, Gaby (Gaby ist unsere Cousine) und ich – für zwei Stunden verschwunden, um dem Christkind Gelegenheit für die letzten Vorbereitungen zu geben.

gabi2aIn besonders lebendiger Erinnerung ist mir ein Heiliger Abend, an dem es schon um die Mittagszeit heftig zu schneien begonnen hatte. Nach allem, was - teils unter unserer Mithilfe – noch zu tun war, machte sich unser Papa mit uns auf den Weg. Die Erinnerung ist deshalb vielleicht so eindrücklich, weil wir auf den Friedhof wanderten. Man braucht von der Kreuzstraße zum Friedhof am Fuße des Neuenahrer Berges – je nach Tempo – eine halbe bis dreiviertel Stunde. Ich kann mich an keine andere Gelegenheit erinnern – außer der einen oder anderen Beerdigung –, zu der mein Vater mit uns auf den Friedhof gegangen wäre. Dort waren seine Eltern – meine Großeltern – beerdigt. Wir Kinder, bis auf meine Schwester Ulla, haben sie nicht mehr kennen gelernt. Meine Oma ist Ende der 40er Jahre und mein Opa Anfang der 50er Jahre gestorben.

Dieser Heilige Abend war ein besonderer, weil er uns die immer heiß ersehnte weiße Weihnacht bescherte. Kleinen Zwergen gleich zogen wir frische Spuren durch den Neuschnee und fühlten uns wohlbehütet, geborgen in der Aufmerksamkeit und Fürsorge der Erwachsenen. Wie auf einer Postkarte hat sich mir dieser Spaziergang eingeprägt – eingerahmt von einer allseits ersehnten weißen Weihnacht, erfüllt von einer eigentümlichen Spannung. Den Heiligen Abend und die Bescherung vor Augen wanderten wir durch die schneeerfüllte Luft hinein in die Dämmerung; hinein ins Dunkel, in die Friedhofsruhe – immer in der beruhigenden Gewissheit, dort ein wenig zu verweilen, das Leben zu fühlen, innerlich jauchzend schon in der Vorfreude auf das, was uns erwartete; im sicheren Wissen, dass wir zurückkehren würden in die warme, strahlende Stube, wo das Christkind alles gerichtet hat, und wo sich alles nur um uns drehen würde.

Während ich so phantasiere, spüre ich wieder die Kälte, eingemummelt in warme Kleider und sehe vor mir das weihnachtliche Motiv Weihnachten 2014 3einer weißen Friedhofslandschaft. Wir stehen am Grab meiner Großeltern. Unser warmer Atem malt helle Schleier in die kühle Schneeluft. Mein Vater zündet eine Kerze an; auf fast allen Gräbern flackern die schwachen, zarten Lichter der Erinnerung. Und so oft ich später an sein Grab kam, jemand war schon vor mir da. Auf jenem Grab, in dem auch seine Eltern begraben sind, brannte eine Kerze für ihn. Nur fünf Meter und eine Gräberreihe trennen ihn heute von seinem Sohn, Willi (meinem jüngeren Bruder), und Gabys Vater liegt zwei Gräberreihen entfernt, alle ganz nahe beieinander. Und 2003 bzw. 2004 haben dort, im großelterlichen Grab mütterlicherseits meine Mutter und meine Tante, Gabys Mutter, ihre letzte Ruhe gefunden. Von meiner Herkunftsfamilie leben nur noch meine Schwester und ich – und meine Cousine Gaby gehört wie eh und je dazu. So sind wir heute in der Unterzahl und es gibt nicht mehr so viele, die eine Kerze entzünden.

Aber damals an diesem Heiligen Abend wird uns der Rückweg ein Fest: Die menschenleeren Straßen und die Parks vermitteln eine behagliche Stille, alles geschäftige Leben ist erstorben. Doch in uns brennt die Fackel erblühenden Lebens. Im schwachen Licht der Straßenlaternen tänzeln und glitzern die feinen Schneekristalle wie pulverisiertes Lametta. Der Schnee hüllt Dächer und Straßen, Bäume und Plätze in ein festliches Weiß. Alles deckt er zu und weckt in mir eine Art beharrlichen Gleichmuts, der wie ein basso continuo mich in meinem Leben immer wieder besänftigen und ermuntern sollte. Jeder Schritt im weichen, frischen Schnee führte uns damals hinein in ein Leben, das uns an diesem Tag herrlich und endlos erschien. Wir gehören zusammen, fühlen uns verbunden, und so tauchen wir ein in die festliche Stimmung – immer noch Vorfreude. Und niemand ist allein! Alle Fenster leuchten, manche hell wie der Weihnachtsstern, andere heimlicher und flackernd wie ferne Gestirne. Aber alle verheißen das Weihnachtsfest. Und alle Menschen kommen zusammen, die zusammengehören. Alle?mama6 Erst jetzt im Nacherleben dieser euphorischen Stimmung stellt sich mir wieder die Frage, wie Gaby das alles wohl erlebt haben mag. Gaby, die damals noch kein wirkliches Bewusstsein davon hatte, ein Scheidungskind zu sein, die zu uns gehörte, die wir in unserem bescheidenen Wortschatz noch keinen Begriff für den Fall ausgebildet hatten, dass Eltern getrennte Wege gehen. Ob wir durch die große Familie und unsere Gemeinsamkeit das Fehlen von Onkel Fred, ihrem Vater, ein wenig gemildert haben? Das Trauma, ein Scheidungskind zu sein, überwinden nicht alle. Manch eine(r) trägt sein Leben lang an dieser Kränkung, die uns Geborgenheit nimmt und Zugehörigkeit zutiefst in Frage stellt. Wie glücklich darf ich mich schätzen, dass ich alle Liebe, alle Fürsorge und alle Anerkennung dieser Welt bis zum letzten Atemzug meiner Eltern tief in mich aufnehmen durfte. Sie leben weiter in der Liebe, die durch mich in meine Kinder übergeht.

Und für mich und meine Familie erneuern sich die Rituale der Kindheit immer wieder aufs Neue. Sie speisen sich aus derHerr mit Hund (für bewegte Bilder anklicken) lebendigen Erinnerung an eine eigene heile Kindheitswelt. Viele Jahre sind wir mit unseren Kindern durch die Weinberge von Güls nach Winningen gewandert, und wer sich anschließen mochte, war herzlich willkommen. Dreizehn Weihnachtsfeste war Biene, unsere Border-Collie-Hündin, mit dabei. In der Adventszeit, am Nikolausabend (5.12.14) haben wir sie von ihrem kurzen Leiden erlöst und. Wir vermissen sie schmerzlich. Hier könnt ihr es nachlesen und in bewegten Bildern ansehen (Foto: "Herr mit Hund" anklicken). Und heute ist mir mehr als deutlich, dass sich im Abschied vom Weihnachtsfest meiner Kindheit und Jugend auch der Abschied von Bad Neuenahr, von meiner Herkunftsfamilie symbolisch verdichtet. Es wäre schön, wenn die anderen, die noch da sind, und die, die hinzugekommen sind – in Bad Neuenahr und hier in Güls – festhalten würden an den alten Traditionen und Ritualen. Und je älter ich werde, desto deutlicher empfinde ich, dass das Alte Kraft hat, und dass die Alten aufgehoben sind in den Ritualen, die sie einst ihren Kindern bereitet haben, und die wir heute als Eltern mit unseren Kindern bewahren und pflegen. 2013 haben Michael und Barbara dafür gesorgt, dass die Familie einen Ort hat - 2014 haben wir uns bei Gaby getroffen; 2015 hat meine Schwester Ulla uns in ihrem neuen Domizil beherbergt. Da war Wilfried Jansen noch dabei, in dessen Haus Ulla heute wohnt. Und auch 2016 haben wir uns gestern, am 4. Advent in Güls getroffen. Und wie so oft, kommt dort, wo jemand uns verlässt (Wilfried Jansen und Peter Valder) jemand dazu, der eben erst das Licht der Welt erblickt hat. So war es das erste Adventstreffen mit Mathilde. Sie ist - neben Karla - die erste, die aus meiner Sicht zur Enkelgeneration gehört. Und ich bedauere so sehr, dass sich das Bild ihres Großvaters nur aus unseren Erzählungen nähren wird! Ja, wenn ich noch einmal Kind sein dürfte!

Teil II: Der Tod nimmt der Versöhnung das Gesicht und dem Leben die Kraft

Die Welt war nie heil, und sie ist nie heil geworden. Neben Willi, meinem Bruder und Mathildes Großvater, sind die Alten aus unserer Familie ihren letzten Weg gegangen – bis auf Lisa (93), meine Schwiegermutter (und Tante Agnes, die Schwester meines Vaters, 92). Zuletzt – im März 2010 – hat uns Leo, mein Schwiegervater, nach einem langen Weg durch die Demenz verlassen. Und die Hoffnung, dass die Schwerter in der eigenen Familie stumpf und zu Pflugscharen werden, hat sich nicht in allen Fällen erfüllt. Der Tod nimmt der Versöhnung das Gesicht und dem Leben die Kraft:

Ein Beispiel: Den weitaus größten Teil seines Lebens hat mein Schwiegervater Leo in Koblenz gelebt. Mit der Luhmannschen Wendepunkt-sensiblen Lebenslauftheorie erachte ich es als großes Glück, dass Leo 1949 aus Ittendorf - im Hinterland von Meersburg/Bodensee - fliehen musste; fliehen vor den Konsequenzen eines one-night-stands - so würde man heute sagen. Eine Möglichkeit aus dieser halb erzwungenen, halb herbei gesehnten Flucht war die schließlich angestrebte Verbindung mit Lisa, meiner Schwiegermutter: Ohne Flucht keine Lisa, ohne Lisa keine Claudia, ohne Claudia kein Josephus (auch als Schnulli bekannt), ohne die beiden keine Laura und keine Anne: Der Lebenslauf besteht aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen (Niklas Luhmann).

2003 bin ich mit Leo auf Abschiedstour gegangen. Wir sind in seine Heimat nach Ittendorf gefahren, Leo schon am Beginn seines langen Weges in die Demenz. Ich kannte seine Familiengeschichte; wusste um die gespannte, unversöhnliche leobseeHaltung seiner Schwester Klärle gegenüber. Wir mieteten uns im Adler ein, unweit seines Elternhauses. Wir besuchten Edi Wiedemann, einen der Apfelkönige vom Bodensee. Abends sind wir nach Immenstaad gefahren zum Heinzler, haben Bodenseefelchen gegessen. Leo war ganz und gar gegen seine Gewohnheiten, gegen sein Temperament, schweigsam, hat - ebenso ungewöhnlich - mehr zugehört als geredet. Ich musste mit ihm das "Annegärtle" besuchen, sein verbürgtes Erbe, wo er fürs Alter in Sichtweite der von ihm so unendlich geliebten Berge hatte Wohnung nehmen wollen. Wir sind mit dem Auto im Schritttempo um das Elternhaus gefahren - mehrfach. Wir sind nicht ausgestiegen. Er hatte die Chance zur Versöhnung nicht genutzt. Seine Schwester Klärle war bereitsim Jahr zuvor gestorben. Ich bin mir sicher, dass er mit sich gerungen hat, dass er sich in Selbstzweifeln und Sehnsüchten ergangen ist. Ob er ihr und sich selbst verziehen hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Dass er - wie es Alexander Kluge für seine Eltern bis heute erhofft - mit seiner Schwester im Elysium zusammengefunden hat, möchte ich für ihn hoffen. Schließlich haben wir miteinander in der Birnau gesessen, ganz alleine. imagesEr hat mir sein alter ego, den "Honigschlecker" gezeigt. Wir haben eine Weile verharrt. Es war das einzige Mal, dass ich Leo weinen gesehen habe. Zehn Jahre später habe ich mit Claudia an derselben Stelle - vor dem Honigschlecker - gesessen, und wir haben uns unserer Tränen nicht geschämt. Zumindest ich habe auch die verpassten Chancen zur Versöhnung beweint und mich der Worte eines Juister Gastwirts erinnert. Jackie meinte zu einem verbitterten und sich in fortgesetzter Klage ergehenden Gast: "Mein Freund, merke Dir, wer nachtragend ist, hat viel zu schleppen!" Der Tod nimmt der Vergebung - und erst recht der Versöhnung - das Gesicht und dem Leben die Kraft.

Wir haben Leo auf dem Weg in die Demenz bis zu seinem Tod im März 2010 begleitet. Auf diesem Weg hat mir Fulbert Steffenskys: "Mut zur Endlichkeit - Sterben in der Gesellschaft der Sieger" (Radius Verlag, Stuttgart 2007) eine letzte Richtung gewiesen, mit Wort, Begriff und Intuition die Einsicht in einen Zusammenhang offenbart, der mir zwar über Gunthard Webers Aufstellungsarbeit und seine Dokumentation der Arbeit Bert Hellingers in "Zweierlei Glück" (Carl Auer Verlag, Heidelberg 1998) überaus vertraut war, aber nicht in der Konsequenz einer langen finalen Pflege: "Der Mensch ist, weil er sich verdankt - und wer weiß, dass er sich verdankt, ist des Lebens fähig, vielleicht auch des Sterbens."

Ob Luhmannsche Selbstdesinteressierung oder die besondere Bescheidenheit meines Vaters - in der Wechselwirkung von Geben und Nehmen und in der Grundfähigkeit des Dankens liegen die Geheimnisse und die lebendigen Dynamiken eines gleichermaßen kraftvollen wie verantwortlichen Lebens:

"Der Mensch ist, weil er sich verdankt, das lehrt uns Paulus in jenem Kapitel des Römerbriefes. Die große Grundfähigkeit des Lebens ist der Dank. Der Dank lehrt uns, das Leben zu lieben."

(Fulbert Steffensky, a.a.O., S. 41)

Teil III: Aspekte einer "psychologsichen Anthropologie" (nach Fulbert Steffensky)

Ich neige dazu, die Psychologie - vor allem die Geschichte der Psychologie - mit Niklas Luhmann kritisch zu sehen: "Es gibt für eine Wissenschaft vom Menschen genug Wissen und zwar, wenn man von der Psychologie absieht, allgemeines Wissen, das nicht im Verdacht steht, Vorurteile über 'den Menschen' zu transportieren (in: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, Frankfurt 2002, S. 22; siehe hier im BLOG "die Luhmannsche Lektion")."

Andererseits - bei aller selbstreferentiellen Verwiesenheit - erscheint mir der jeweilige starting point eines individuell interpunktierten Lebens zwischen Anfang und Ende oder die Idee eines unbewegten Bewegers, wie sie von Karl Jaspers vertreten wird, so tröstlich wie untröstlich in all seinen/ihren Konsequenzen. Sie bringt uns zumindest darauf, dass es Situationen gibt, in denen der Mensch sich nicht selbst in der Hand hat. Er ist und bleibt verwiesen auf professionelle oder liebevolle Zuwendung/Fürsorge von Menschen, die sich um ihn kümmern. Mich hat zum Beispiel die Dankesgeste meines Neffen, Michael, gegenüber dem Ärzte- und Pflegeteam der Abteilung des Universitätsklinikums Bonn tief gerührt und beeindruckt; jenen Menschen gegenüber, die ihn nach seinem kombinierten Hirn- und Herztrauma im März 2008 durch sein fast dreimonatiges Koma und darüber hinaus begleitet haben. Die aus tiefem Dank sich speisende Pflege meines Schwiegervaters über viele Jahre, die Erfahrung, dass sich jemand "aus der Hand gibt", der sein Leben als "self-made-man" niemals jemandes Verantwortung überantwortet hätte, hat mich selbst geöffnet für eine Einsicht, die Fulbert Steffensky in "eine Art psychologische Anthropologie" integriert:

"Der Versuch sein eigener Lebensmeister zu sein; sich selber zu erjagen und sich in der eigenen Hand zu bergen, führt in nichts anderers als in Vergeblichkeit und Zwänge. Der Zwang, sich selber zu gebären und sich durch sich selbst zu rechtfertigen, führt in Verzweiflung und in den Kältetod. Das wovon wir eigentich leben, können wir nicht herstellen: nicht die Liebe, nicht die Freundschaft, nicht die Vergebung, nicht die eigene Ganzheit und Unversehrtheit. Man kann sich nicht selbst beabsichtigen, ohne sich zu verfehlen. Man kann sich nicht selbst bezeugen, ohne der Verurteilung zu verfallen. Gnade ist also nicht der Differenzbegriff zwischen dem großen Gott und dem kleinen Menschen. Gnade heißt Befreiung von dem Zwang, sein eigener Hersteller zu sein. Gnade denken heißt wissen, dass den Menschen nicht seine Tauglichkeit und Verwendbarkeit ausmacht."

Liebe und Dankbarkeit waren die nicht versiegenden Kraftspender in der Begleitung der Eltern und in der langen Pflege des Schwiegervaters - aber all dies letztlich nur in Gestalt eines wechselseitigen Phänomens, dass Fulbert Steffensky für mich in seinen weiteren Überlegungen in einer überaus kristallinen Klarheit formuliert hat:

"Vielleicht könnte auch der Kranke aus dieser paulinischen Anthropologie lernen, der eigenen Endlichkeit zuzustimmen. 'Pathos' - 'Mathos' haben die Griechen gesagt - Leiden ist Lernen. In der Krankheit könnte der Mensch lernen, sich nicht mehr durch sich selber zu rechtfertigen. Der Schwerkranke ist hilflos, und er ist nicht mehr Souverän seines eigenen Lebens. Er hat seine Stärke verloren. Er kann sich nicht mehr in der eigenen Hand bergen, er muss sich aus der Hand geben. Er ist angwiesen und bedürftig geworden. Er braucht für die äußeren Verrichtungen und für seine innere Konstitution Menschen. Die Bedürftigkeit ist der Grundzug aller Humanität. Je geistiger ein Wesen ist, um so bedürftiger ist es; um so mehr weiß es, dass es sich nicht selbst gebären und vollenden kann. Es braucht Väter und Mütter, es braucht Kinder und Enkel. Es muss sich auf mehr berufen können als auf den eigenen Witz und die eigene Stärke. Schwer erkrankt sein, heißt verarmt sein: arm an eigener Kraft, arm an Bewegungsfähigkeit, arm an Zukunft. Die Krankheit ist Krise: man kann angsichts dieser Verarmung in Hoffnungslosigkeit und Verbitterung erstarren, und man kann sich ergeben. Sich ergeben ist ein veraltetes Wort, das ich mag. Es heißt, sich aus der Hand geben, sich anvertrauen, sich nicht mehr mit sich selber rechtfertigen; wissen, dass es zu wenig ist, nur bei sich selber aufgehoben zu sein. Vermutlich gelingt diese letzte Ergebung, die letzte Bedürftigkeit nur wenigen Menschen; aber vielleicht ein Anfang davon vielen."

Dass derjenige den Anfang gemacht hat, von dem niemand jemals hätte annehmen wollen und können, dass er sich aus der Hand geben würde, sich anvertraut, sich geborgen und aufgehoben fühlt, dafür bin ich unendlich dankbar, lernen wir doch alle - ohne es zu wissen - durch die Haltung anderer, still und ruhig - allensfalls hörbar weit in der Ferne, wie das Gurgeln und Murmeln eines Gebirgsbaches, der sich beharrlich seinen Weg sucht, denn kein Wasser fließt zurück.

 

   

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