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Kennt jemand Heinrich Gerlach?

Oder: Jo, dä Jupp trick jraad sing Sejel huh [... ] Nur vun Stalingraad, verzällt er nie. Wo litt dann Stalingrad, en welchem Land ess dat? Stalingrad pack'e nie, irjendwie

Warum Hans Graf Lehndorff und Heinrich Gerlach nicht umsonst gelebt und geschrieben haben!

Am 3. September 1941 kommen Franz Streit folgende Gedanken in den Sinn (niedergeschrieben in "Hildes Geschichte", S. 66-68):

"Franz schämte sich seiner Tränen nicht. Er nahm Hilde in die Arme und hielt sie einfach fest. Sein Herz wurde ihm nun noch schwerer. Franz wunderte sich darüber, wie tief ihn diese junge Frau berührte. Wenn er je Ähnliches gefühlt haben mochte, so lag es weit zurück, und lange schon war es einer Haltung und Disziplin gewichen, die ihn die Zeiten der andauernden Trennung stoisch ertragen ließen.

Fast zwei Jahre war er nun verheiratet mit einer guten, treuen Frau, einer Gefährtin fürs Leben. Den Krieg hatten sie sich gewiss nicht als Schutzherrn ihrer Liebe ausgesucht. Aber diese Liebe selbst hatte nie in Frage gestanden, gerade weil es ihm immer gelungen war, in allen Frauen immer nur das Weib zu sehen, seiner Kurzweil so dienlich wie seine Verzweiflung darüber abtötend von Frau und Kind getrennt zu sein. All die Zeit war Franz der Souverän seiner Gefühlswelt und ganz gewiss hätte er es eher für möglich gehalten, dass die Sonne sich um die Erde dreht, als dass er den Schlüssel zu seinem Herzen aus der Hand geben würde. Vielleicht hatte er den Schlüssel leichtfertig aus der Hand gegeben.

Vielleicht war er insgesamt zu leichtfertig, weil er zum ersten Mal Zweifel hegte am Berufssoldatentum, das ihn jetzt nach Russland führen würde. Vielleicht zweifelte er zum ersten Mal wirklich an einem Leben, dessen Zukunft aus einem ungedeckten Scheck bestand. Er konnte sich ja noch nicht einmal sicher sein, seine Familie jemals wiederzusehen. Bei allen bisherigen Feldzügen war man den Gegnern überlegen. Nun aber war allen nüchtern und rational abwägenden Soldaten von den einfachen Mannschaften bis in die höchsten Offiziersränge hinein klar, dass auch die Anfangserfolge nicht über den bislang schwersten Waffengang hinweg täuschen konnten. Und Franz Streit hätte sich angesichts dieser Tatsache sicherlich nicht gewundert, wenn ihm die in den Jubelberichten der Wehrmacht verschwiegenen Statistiken bekannt gewesen wären, wonach in den ersten zehn Wochen der Kriegshandlungen im Osten bereits mehr als 120.000 Kameraden gefallen waren. Aber ganz dumpf im abgeschatteten Bereich seiner Wahrnehmung war ihm das Ausmaß dieses ungeheuren Blutzolls stets bewusst. Er spürte intuitiv, wie die meisten seiner Kameraden, dass der „größte Feldherr aller Zeiten“ diesen Blutzoll nicht nur in Kauf nahm, sondern dass er der Preis sein sollte, mit dem die neuen Herren der Welt ihre Herrschaft auf einen bis dahin nie da gewesenen und bis in die fernste Zukunft wirkenden Heldenmythos gründen wollten. Vielleicht machten ihn diese Gedanken anfällig für die Frage, ob sein (junges) Leben auch nur in diesem Opfergang einer ganzen Generation enden sollte. Und vielleicht war Hilde ja nur in sein fragwürdiges Soldatenleben eingedrungen, um diese Fragen noch einmal zuzulassen. Sollte er – Franz Streit – ungefragt den Weg zur Schlachtbank antreten, damit Söhne und Töchter in einer vaterlosen Gesellschaft aufwachsen mussten, um dann wenigstens als „Herrenrasse“ und in Demut vor dem Opfergang der Helden die bitteren Früchte dieses Blutzolls ernten zu können."

Heinrich Gerlach schreibt in der Urfassung seines Romans "Durchbruch bei Stalingrad" - verfasst und abgeschlossen in russischer Gefangenschaft bereits 1944, wiederentdeckt 2012 von Carsten Gansel in Moskauer Archiven und 2016 in dieser Urfassung erstmals veröffenlicht bei Galiani (Berlin):

"Hinter dieser plötzlichen Ohnmacht aber verbirgt sich eine erste, noch dumpfe Ahnung davon, daß 'Stalingrad' bereits hinausgewachsen ist über Raum und Zeit, daß man ihm nicht mehr entfliehen kann, und wär es auch durch eine Flucht in den fernsten Winkel der Erde; daß an die Hunderttausende hier, die Lebenden, die Leidenden, Mißbrauchten und Verratenen und an die Toten Bande fesseln, die nie mehr zu lösen sind. Wer das Grausige Geschehen auf den Schneefeldern an der Wolga überdauern sollte, für den wird es kein Leben mehr geben ohne Stalingrad. Minuten in den Armen einer geliebten Frau - Stalingrad! Ein Blick in strahlende Kinderaugen - Stalingrad! Kein Frohsinn, kein Weinen ohne Stalingrad; kein Schaffen, kein Werken und Ringen ohne Stalingrad! Keine Rast, kein Schlaf, kein Traum mehr ohne Stalingrad! Und wenn einmal dieses Leben gewogen wird vor dem Richterstuhl der Ewigkeit, werden auch die Toten von Stalingrad ihr Urteil sprechen. Und verworfen wird jeder Gedanke, jede Tat, die nicht Überwindung war jenes aberwitzigen, zerstörenden Geistes, der das Massenopfer von Stalingrad forderte als schauerliche Kulthandlung eines barbarischen Götzendienstes." (S. 414)

Warum die Lektüre und die intensive Auseinandersetzung mit Heinrich Gerlach lohnt, soll in der Folge eingehend begründet und dokumentiert werden:

1. Ein erster Einblick in die vermutlichen Motive und die Umstände von Heinrich Gerlachs monumentalem Versuch, "Stalingrad" erzählerich zu verarbeiten und die Bewertung durch Carsten Gansel.

Im Anhang zur Romanveröffentlichung weist Carsten Gansel auf Heinrich Gerlachs Engagement im Bund Deutscher Offiziere und in der Zeitung Freies Deutschland hin. Alle Aktivität kann nicht verhindern,

"dass ihm immer wieder die traumatischen Erlebnisse der Katastrophe von Stalingrad vor Augen stehen. Er sieht eine Chance, sich davon zu befreien: im Schreiben! Gerlach beginnt mit Tagebuchnotizen, kommt aber damit nicht voran, weil sich das Geschehen verdichtet, ja im zunehmendem Abstand an Monstrosität gewinnt und die Dringlichkeit der Verarbeitung der Erlebnisse sich ständig steigert. Er entscheidet sich am Ende des Jahres 1943, von den tagebuchartigen Einträgen auf die epische Form zu wechseln Dazu braucht er Figuren, er braucht Schaupläzte, er braucht eine zeitliche Abfolge der Ereignisse." (S. 615)

Carsten Gansel ist Professor für Neuere Deutsche und Germanistische Literatur- und Mediendidaktik. Daraus erklären sich die Schwerpunkte, aber auch die Grenzen seiner Analyse. Sicherlich kann man wenig einwenden gegen seine zusammenfassende Würdigung der erzählerischen Leistung Heinrich Gerlachs:

"Geschildert wird die Ausweglosigkeit des Schicksals der Soldaten im Fortgang der Katastrophe von Stalingrad. Exemplarisch führt Gerlach vor, wie es im Zuge der Vernichtungsschlacht zu Auflösung der sozialen Ordnung kommt und der Einzelne dem über ihn hereinbrechenden Geschehen hilflos ausgeliefert ist. Ungeschönt zeigt er, wie Zerstörung und Tod auch gerade jene ergreifen, die als Identifikationsfiguren angelegt sind. Aus der Sicht der Hauptfigur Breuer - nicht eines kommentierenden Erzählers - kann der Leser in der Mitsicht verfolgen, zu welcher Erkenntnis der Protagonist gelangt, dass nämlich der Krieg mit Notwendigkeit zur Auflösung der Gemeinschaft führt und den Einzelnen zerstört." (S. 557)

Carsten Gansel subsummiert Gerlachs Roman unter dem Sammelbegriff einer "Gründungserzählung", wie sie von den Vertretern der jungen Autorengeneration um die Gruppe 47 nach 1945 erfolgreich installiert worden sei. Die zentrale Absicht der Verbreitung eines "soldatischen Opfernarrativs" habe auf einen stabilisierenden Identitätsrahmen abgezielt. Er bezieht sich auf Alfred Andersch, der in seinem Beitrag "Das junge Europa formt sein Gesicht" die junge Generation auf jene "Männer und Frauen zwischen 18 und 35 Jahren" festgelegt habe; das bedeutet in etwa, die Jahrgänge von 1910 bis 1927 (Heinrich Gerlach gehört im Übrigen dem Jahrgang 1908 an, Franz Streit ist 1914 geboren, mein Vater 1922). Dem nunmehr in der Originalfassung vorliegenden, bereits 1944 abgeschlossenen Roman Heinrich Gerlachs wird man mit dieser Etikettierung zweifelos nur bedingt gerecht. Denn - so Gansel - mit dem Opfernarrativ habe man ein Kollektivsymbol entworfen, das in der Lage gewesen sei, die Erfahrungs- und Erinnerungsgemeinschaft des zum Opfer gewordenen (jungen) deutschen Soldaten zu begründen.

"Bevorzugt in Romanen und Erzählungen wurde eine Generationsgestalt entworfen, in der der Landser Opfer eines diktatorischen Systems war [...] Selbst in den Fällen, da Stalingrad nicht - wie bei Gerlach - zum Chronotopos des Erzählens wurde, existierte mit dem 'soldatischen Opfernarrativ' eine 'Meistererzählung', die in der Lage war, für größere Teile der Kriegsgeneration Erfahrung neu zu organisieren und die erlittenen 'Störungen' im 'Dienst der Herstellng sozialer Verbundenheit und konturierter Identität' in einer gemeinsamen Geschichte zusammenzufassen (Verweis auf Brigitte Boothe: Das Narrativ: Biografisches Erzählen im psychotherapeutischen Prozess, Stuttgart 2011). Im Kessel von Stalingrad - das war im öffentlichen Bewusstsein der 1950er Jahre - waren von 300.000 Soldaten nur 91.000 mit dem Leben davon gekommen und in Gefangenschaft geraten. Lediglich 6000 von ihnen kehrten bis 1956 nach Deutschland zurück. Heinrich Gerlach gehörte zu diesen wenigen und gerade darum wollte er 'Zeugnis im Namen der Toten' ablegen." (S. 560)

2. Warum übersteigt Heinrich Gerlachs Urfassung "Durchbruch bei Stalingrad" die Grenzen des von Carsten Gansel bemühten "soldatischen Opfernarrativs"?

Vorbemerkung:

"Und auch dieser Tod hier auf der Richtstätte von Stalingrad wird sinnvoll sein; der gerechte Abschluss für ein irregeleitetes Leben! Und wenn der Tod nicht kommt? Auch darin wird ein Sinn sein. Einmal wird er sich offenbaren... Breuer glaubt an den Sinn seines Schicksals." (S. 423)

Ich habe die Lektüre von Heinrich Gerlachs Roman am gestrigen Karfreitag abgeschlossen und stehe noch sehr unter dem Eindruck seiner gleichermaßen sprachgewaltigen wie feinsinnigen Schilderungen und Analysen. Neben den Positionen von Sönke Neitzel und Stefan Welzer in der Auseinandersetzung um die Bedeutung des kulturellen Referenzrahmens des Dritten Reiches als Erklärungshintergrund für das Handeln deutscher Soldaten, liegt eine zentrale Bedeutung in den (Selbst-)Zeugnissen der Soldaten selbst; ihn ihnen lassen sich gewissermaßen alltägliche Belege für die latente und offenkundige Wirksamkeit entsprechender Einflüsse nachweisen. In diesem Zusammenhang habe ich Willy Peter Reeses erschütternden Nachlass mit großer Betroffenheit und Gewinn gelesen.

Eine ungleich größere Bedeutung kommt Heinrich Gerlachs Roman zu. Eigentlich muss man ja von zwei Romanen sprechen. Heinrich Gerlach hat keinen Zugang mehr bekommen zu der von ihm verfassten und von den Russen beschlagnamten und nun erst zugänglichen Urfassung "Durchbruch bei Stalingrad". Seine jahrlangen, teils unter den Einfluss von Hypnose erfolgten Bemühungen um die Rekonstruktion dieser Urfassung nahmen in dem 1957 veröffentlichten Roman "Die verratene Armee" Gestalt an. Carsten Gansel, der beide Fassungen akribisch verglichen hat, und der für die Publikation der Urfassung gesorgt hat, stellt zusammenfassend fest:

"Der 1957 publizierte Roman besitzt den Status einer authentischen Dokumentation, die vergleicht und abwägt, so dass die Sprache auffällig in die Breite geht, abgerundeter und glatter erscheint und durch den Erzähler das für die 1950er Jahre kennzeichnende soldatische Opfernarrativ zu installieren such. Der Erzähler des Urmanuskripts problematisiert und kommentiert weniger. Er vermag daher in der 'harten Schreibweise' seiner Darstellung wesentlich authentischer ein Kaleidoskop nicht allein des deutschen Landsers in einem Feldzug, sondern des 'Menschen' im Kessel von Stalingrad zwischen Illusio, Hoffnung und übermenschlichem Leiden ohne außerliterarische Rücksichtnahme zu gestalten [...] Die kompromisslose Darstellung erzeugt bei aller moralischen und auch erzählerischen Distanz zu den politischen und ideologischen Hintergründen durchaus eine gewisse Sympathie, nicht für den deutschen Soldaten als Krieger, wohl aber den Menschen in seiner Schwäche und Stärke [...] Diese offenkundige Anteilnahme für den 'Soldatenmenschen' ist dabei Folge der unmittelbaren Eindrücke und traumatischen Erfahrungen des ehemaligen Offiziers undZeitzeugen der Schlacht um Stalingrad, Heinrich Gerlach, der sich im Gefangenenlager eruptiv freizuschreiben versucht." (S. 689f.)

 

   

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