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Es ist der Mühe wert

Andreas Mühe hat diesen neuerlichen Versuch ausgelöst, sich mit "Fluch und Segen" der eigenen Familie auseinanderzusetzen - mit "dem Schönsten" und ich füge hinzu: mit dem Hässlichsten, was uns in Gestalt von Familiendynamiken widerfährt. Widerfahren scheint mir ein passender Begriff, um der Ohmächtigkeit das Wort zu reden, die uns anfällt, ja anfrisst angesichts des vermeintlich Unabänderlichen, das sich in uns, um uns herum unaufhaltsam vollzieht: Ich verändere nichts, aber mich verändert alles! Diesere Aphorismus wird Martin Walser zugeschrieben. Ich übernehme ihn hier als ein Lebensgefühl, über dessen Berechtigung nicht wir entscheiden werden, sondern die uns Nachfolgenden.

Sie werden sich fragen, haben wir uns im innerfamiliären Austausch, im Gespräch, im Erzählen eigentlich jemals der Mühe unterzogen, ein wenig Licht zu tragen in die dunklen Ecken dieses familiären Gehäuses, dieses Gestells, in das wir alle verspannt sind - in der Absicht, die mein Neffe so trefflich in einem ersten Versuch: "Bevor es losgeht" (2010) formuliert hat:

"Immer wenn ich den Füller aufgeschraubt hatte und alle Hemmungen, die mich daran hinderten, zu schreiben, endlich überwunden glaubte, spätestens dann endete mein Vorhaben mit der Frage: Wen sollte oder könnte das denn interessieren? Ich will diese Frage nun vorsichtig beantworten, wobei ich gerne zugebe, dass die Hoffnung, es würde wirklich so sein, mit von der Partie ist. Die Antwort lautet: Meine Kinder."

Ich bin mir sicher, dass es natürlich nicht zu spät ist, sich dieser galaktischen Aufgabe zu stellen. Ja, sie ist galaktisch diese Aufgabe - was meinst Du, Andreas Mühe? - weil man unter Umständen nach wenigen Seiten der Astrengung, den eigenen Gedanken und Umtrieben Wort und Gestalt zu geben, tiefster Resignation anheimfällt. Dieses Gebirge, das sich vor uns auftürmt, zu besteigen - in der Hoffnung von "oben" einen weiteren Blick zu haben, erweist sich gewissermaßen als unbezwingbar. Gleichwohl bleibt uns nichts anderes übrig, als das Teelöffelchen in die Hand zu nehmen und zu beginnen, dieses Massiv abzutragen. In "Andreas Mühe belohnt mich für meine Mühe" könnt ihr nachlesen, warum ich es bedauere, dass mein Neffe bei seinen Versuchen wenigstens eine Schneise in ungangbares Gelände zu schlagen, zu früh aufgegeben hat. Dies ist umso bedauerlicher, als wir alle - so alt wie wir geworden sind - wissen, dass nur der überlebt, der zu erzählen vermag. Erzählen bedeutet Erinnerung und Befreiung zugleich. Die Prämisse, unter der dies so sein könnte, bedeutet auf Wahrheitsansprüche und Letztgültigkeit zu verzichten. Aber nur in dem Versuch, dem Ozean des Vergessens durch Eindeichung kleiner Erinnerungsinseln zu trotzen, liegt eine kleine Chance, das Überleben zu sichern, den Schiffbrüchigen Heim und Nahrung - ein zu Hause zu geben. Verweigern wir uns an dieser Stelle, dann wird das Leben bitter. Wir wissen nicht mehr - besser, wir vergessen, warum wir einmal aufgebrochen sind, warum wir besessen waren von dem Gedanken, Haus und Heim zu begründen, uns Form und Zukunft zu geben. Wir vergessen, dass wir uns unsterblich verliebt haben, dass wir aus dieser Liebe Edelsteine geschliffen haben, dass diese Edelsteine, die wir selbst sind und die wir für unserer Eltern sind bzw. waren, uns jetzt nachfolgen; sie begegnen uns morgens am Frühstückstisch, sie begegnen uns am sonntäglichen Mittagstisch. Wir alle zusammen bilden die Colliers, die uns entgegenblitzen. Wir müssen sie polieren, jeden Tag im Rückblick und in der Vorausschau. Dann werden wir sie finden jeden Tag auf unserem Weg. Wir können sie auch Katzengold nennen - Hauptsache ist, dass sie blinken, glitzern und glänzen (können). In ihnen spiegelt sich unser Seelenleben. Und der Seele geht es gut - es geht ihr besser, wenn wir nicht vergessen, den Glanz, den wir verstrahl(t)en und der uns entgegen strahlt(e).

Deshalb drucke ich nachfolgend noch einmal einen der vielen Briefe ab, die ich mit meinem Neffen gewechselt habe - hier 2011 - vor sieben Jahren, ein Jahr vor der Veröffentlichung von "Hildes Geschichte" und sechs Jahre vor "Kurz vor Schluss".

Eine letzte Vorbemerkung: Der nachfolgende Brief steht hier, weil er Typisches uns Strukturelles thematisiert. Es geht um Dynamiken, die sich immer wieder und aller Orten - cum grano salis - beobachten lassen. Aber da alles im Fluss ist, mag sich die Verflüssigung geronnener und beharrlicher Blockaden/Wahrnehmungen/Defizite offenbaren in unserem Umgang mit Anregungen/Irritationen/Provokationen. Eines scheint dabei gewiss. Gleich um welche familiären Irritationen es gehen mag - auf der Paarebene oder im erweiterten familiären Nexus, der durch verwandtschaftliche Bindungen definiert ist: Die Devise, dass das Güldene im Schweigen geborgen ist, gilt nicht grundsätzlich und auch nicht vorbehaltlos.

 

Im Mai 2011

Mein lieber Neffe,                                                                                                                                                     

„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ Diese etwas paradox anmutende Frage begleitet mich seit meiner „Heidelberger Zeit“ (IGST), also seit mehr als 10 Jahren. Sie hat mir zu allererst eine zaghafte Vorstellung davon vermittelt, dass wir nicht einfach sind, irgendwer sind, sondern dass wir schon Mühe haben einen Identitätskern  auszumachen, wenn wir versuchen uns von unseren Primärbindungen her zu verstehen. Einfacher kommt es uns vor, uns von unseren „Wahlverwandtschaften“ her zu verstehen, weil wir da auch die Erfahrung machen, dass vieles an Bekanntschaften, an Freundschaften kommt, aber auch geht. Diese „Wahlverwandtschaften“ sind zeit- und entwicklungsabhängig. Die wenigsten von uns machen heute noch die Erfahrung, dass es den (besten) Freund fürs ganze Leben gibt, der uns von frühester Kindheit bis in höchste Alter begleitet – vice versa! Selbst d i e  Wahl des Lebenspartners wird heute von Begriffsungetümen umschrieben, wie dem des „Lebensabschnittspartners“, alleine der Tatsache geschuldet, dass es auch hier den einzigen Partner fürs ganze Leben (häufig genug) nicht (mehr) gibt – wir alle haben eine Vergangenheit: „Im besten Fall ist Monogamie vielleicht der Wunsch, jemanden zu finden, mit dem man sterben kann. Im schlimmsten Fall ist sie ein Mittel gegen die Schrecken des Lebendigseins. Da kommt es leicht zu Verwechslungen“ (Adam Phillips).

Ganz anders ist das mit der Blutsverwandtschaft. Sie erscheint uns schwierig und manchmal auch belastet und belastend, weil wir es hier nicht mit einem Wahlverhalten zu tun haben. Solche Sprüche wie „Verwandte sind von Gott gegebene Feinde“ oder auch „Blut ist dicker als Wasser“ zeigen die ganze Not und Ambivalenz, die mit der unaufhebbaren Blutsbindung einhergehen. Auch wenn Kain seinen Bruder Abel erschlagen hat, so war er ihn nicht los – ganz im Gegenteil, die damit ausgelöste schuldhafte Verstrickung war vermutlich folgenreicher und lebensprägender, als alles andere in seinem Leben. So bin ich der Sohn meiner Mutter, dein Onkel und der Bruder meiner Schwester. Ich bin der Sohn meines Vaters und der Bruder meines Bruders, sehnsuchtsschwanger und mit immer (noch) schmerzender Wunde.

Dir habe ich oft darüber berichtet, wie sehr mein Bruder und ich – im Streben nach systemisch begründetem Ausgleich – dir gewogen waren. Über dich sind die Ausgleichsbemühungen für etwas gelaufen, was im Eigentlichen und Tieferen deine Mutter betrifft. Und wenn ich in diesem Brief der Frage nachgehe, wer ich denn sei, dann bin ich gleichzeitig der Beobachter meiner selbst und der von mir gelebten und interpretierten Beziehungen im Verwandtschaftsgeflecht. Nichts von dem, was ich sage und schreibe hat irgendeinen Anspruch auf Wahrheit oder Objektivität. Alles, was ich sage entspringt meiner (subjektiven) Beobachtungs-, Erklärungs- und Bewertungsweise. Ich versuche auf die mir mögliche Weise ein wenig Licht ins Dunkel der verwandtschaftlichen Beziehungen zu bringen. Es ist ein Versuch, die eigene Not zu lindern.

Das beginnt schon damit, dass ich hier sage, dass deine Onkel um einen systemisch begründeten Ausgleich gerungen haben. Wir haben ein Bild in uns geformt, in dem es schon sehr früh und in zunehmendem Maß um die innerfamiliären Unterschiede ging, die im Umgang und der Wertschätzung, in der liebevollen Zuwendung und der Fürsorge gegenüber unserer Schwester auf der einen Seite und eben uns beiden Brüdern gegenüber auf der anderen Seite spürbar geworden sind. Wir waren die Prinzen – unsere Schwester zumindest keine Prinzessin. Sie war irgendwie anders, oder präziser: Die Beziehung zwischen ihr und unserer gemeinsamen Mutter war irgendwie anders, wenig harmonisch, eher von ständigen Konflikten und Auseinandersetzungen geprägt. Dies führte sogar soweit, dass unsere Eltern die Schwester – sie muss wohl etwa 15 bis 16 Jahre alte gewesen sein – in eine strenge, kirchlich geführte Haushaltschule mit Internatsbetrieb steckten. Dass die Schwester in der Wahrnehmung unserer Mutter etwas Fremdes, vielleicht etwas Ungewolltes verkörperte, entzog sich damals vollständig unserer Vorstellungskraft. Dass man sich etwas nicht vorstellen kann und dass man dementsprechend sprachlos bleibt, bedeutet aber nicht, dass man nicht fühlen und spüren kann, dass etwas Geheimnisvolles und Unausgesprochenes im Familiensystem wirkt.

Ich werde diesen Gedankengang an dieser Stelle vertiefen, um zu verdeutlichen, was meine eigene Wahrnehmung der verwandtschaftlichen Bindungen und Verstrickungen zunehmend beeinflusst: Im Mittelpunkt steht dabei immer auch die Frage, wie sich die Beziehung zu meiner Schwester, deiner Mutter, in den letzten 10 Jahren verändert hat.

1. So wie es unsere Schwester - deine Mutter - Zeit ihres Lebens vermieden hat, ein schlechtes Wort über ihren sozialen Vater zu sagen und ganz im Gegenteil ihm immer ein Übermaß an Wertschätzung entgegen gebracht hat, so sehr möchte ich hier betonen, dass ich selbst diesen sozialen Vater, der zugleich mein biologischer Vater ist, mit großer Dankbarkeit und Wertschätzung erinnere. Unser Vater war ein liebevoller Vater, der uns seinerseits immer mit Wertschätzung und Liebe begegnet ist. Diese Liebe – und der Eros darüber hinaus – hat ihn auch Zeit seines Lebens mit deiner Oma verbunden.

2. Unser Vater hat Vieles ausgeglichen, was im Verhältnis von deiner Mutter und deiner Großmutter schwierig war. Zwischen den beiden konnte die Liebe nicht uneingeschränkt fließen. Deine Mutter hat immer – ohne dass dies jemand gewollt hat – das Fremde, in jedem Fall aber das Illegitime verkörpert. Niemand soll vergessen, dass deine Oma mit dieser illegitimen Frucht ihres Leibes Haus und Hof verlassen musste. Deine Oma war ein gefallenes Mädchen und deine Mutter war ein Kind der Schande. Deine Oma ist nicht freiwillig nach Flammersfeld gegangen, sondern sie musste aus dem Wahrnehmungsfeld einer verspießten, erzreaktionären primitiv-katholischen Öffentlichkeit verschwinden.

3. Niemand von uns hat auch nur eine Ahnung davon, wie sich deine Oma, die Mutter deiner Mutter in dieser Zeit gefühlt haben mag. Da brach erstens die Urangst auf, den Sündenfall schlechthin auf sich genommen zu haben. Mir hat sie einmal anvertraut, dass sie mit 17 keine Ahnung davon hatte, wie Kindermachen und Kinderkriegen geht. Vor der Schande aber war die Liebe – the first cut is the deepest! Ich weiß, dass sich deine Oma verliebt hat, den chemotionalen overkill gefühlt und gelebt hat, so eigensinnig wie von Sinnen. Deine Mutter ist in Remagen gezeugt worden – als Kind der Liebe. Die Kräfte, die sie da getrieben und getragen haben, haben alle Vorsicht, alle Vernunft, alle Rationalität, alle Moral hinweggefegt. Sie hat geahnt, was geschah. Sie wollte diesen Mann, deinen biologischen Großvater um jeden Preis. Und der Preis war enorm. Denn nach dem Höhenflug, einer kurzen, völlig aussichtslosen Liebe, kam der Absturz in eine Welt der tiefsten Enttäuschung, begleitet von allen Urängsten und Schuldgefühlen dieser Welt.

Zur Erinnerung: Dein Großvater war als Soldat zur Rehabilitation in Bad Neuenahr. Nachdem die Schwangerschaft offenkundig und deine Oma bereits in Flammersfeld war, ist es ihm gelungen deine Uroma dazu zu bewegen, mit ihm nach Flammersfeld zu fahren – zu einer letzten Begegnung mit deiner Oma. Nur das dies zu diesem Zeitpunkt niemand wissen konnte (allein dies mag ein Beleg dafür sein, wie auch dein Großvater deiner Großmutter in Liebe zugetan war – ansonsten hätte er sich schlicht aus dem Staub gemacht und wäre niemals mehr nach Bad Neuenahr zurückgekommen). Der Lebenslauf besteht aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen. Dass der Vater deiner Mutter, dein Großvater, 1943 - ein gutes Jahr nach ihrer Geburt - in Russland gefallen ist, haben wir erst 50 Jahre später erfahren. Erfahren hat aber deine Oma, dass dieser Mann bereits Familie hatte, verheiratet und bereits Vater eines Sohnes war – der zweite, jüngere, war zu diesem Zeitpunkt der Begegnung in Flammersfeld, bereits gezeugt, und ist im Dezember 1942, ein halbes Jahr nach seiner Schwester, deiner Mutter geboren worden. Wie groß, wie unendlich und verheerend muss die Bitterkeit und die Verbitterung in deiner Oma gewütet haben??? Leibesschwanger und – jetzt auch moralgeschwängert – hat sie sich die Bindung aus der Seele und aus dem Leib gerissen (sie hat ja nach eigenem Bekunden alles vernichtet, was Erinnerung bedeutete, alle Bilder, alle Briefe). Aber diese (Ver-)Bindung hat Gestalt angenommen, sie ist in deiner Mutter verkörpert und lebendig geblieben – die lebendige Externalisierung von etwas Widerwärtigem, Ab- und Auszustoßenden und dennoch und immer wieder: ein Kind der Liebe!!!

Es ist meine tiefste Überzeugung, dass mit der Heimkehr aus Flammersfeld letztlich die Liebe gesiegt hat. Es gibt Bilder, die deine Mutter mit ihrem Großvater zeigen. Gerade er – den ich selbst in meiner Erinnerung bewahre und verehre – gerade er, der im Keller gesessen hat und der – wie deine Oma mir erzählt hat – bitterlich geweint hat, als seine älteste Tochter nach Flammersfeld floh, gerade er hat der Liebe den Weg gebahnt.

4. Bereits unsere Geburt können wir als einen extrem unwahrscheinlichen Zufall betrachten. So sehr dies über alle Maßen für die Geburt deiner Mutter gilt (und damit auch indirekt für deine Geburt), so sehr gilt es für die Geburt deiner beiden Onkel mütterlicherseits, die Söhne deiner Oma. Deine Oma war vermutlich fertig mit dieser Welt und hat der ersten Liebe ihres Lebens und der damit in sie eingeschriebenen Enttäuschung und Verbitterung lange Vorrang gegeben. Mein Vater hat vier Jahre beharrlich geworben um die Liebe seines Lebens. Er hat sich nicht beirren lassen – auch nicht von seiner eigenen Mutter, er müsse doch nicht diese Frau (überdies ein gefallenes Mädchen) zur Frau nehmen – er könne doch jede andere haben und sich seine Kinder selber machen. Aber er wollte nur diese eine, die unsere Mutter und deine Oma werden sollte. Dass er deine Mutter adoptiert hat, dass gerade er ihr (sozialer) Vater werden sollte, ist ein großes Glück. Denn unser Vater hat nie einen Unterschied gemacht zwischen seinen Kindern und der Tochter seiner Frau. Und im Übrigen ist das die Stelle, sich zu erinnern, dass es deine Mutter war, die bei der letzten, verspäteten Geburtstagsfeier unseres Vaters, am 15.3.1988 in Bodendorf, die Festrede gehalten hat.

Und nun komme ich zu dem, was mich eigentlich umtreibt, zu dem Kern, der meine Beziehung zu deiner Mutter so sehr und so nachhaltig und in guter Weise verändert hat: Nur die Liebe, die Liebe, die sein konnte und sein durfte, hat dazu beigetragen, dass deine Mutter eine starke, lebenstüchtige Frau geworden ist, für deren Lebensleistung ich den allergrößten Respekt empfinde. Die einschränkenden Momente sind bedeutsam. Deine Mutter konnte deine Großmutter nur bedingt verstehen – möglicherweise gab es Phasen, in denen sie sie nicht leiden konnte; vielleicht ein Reflex auf den Umstand, dass ihr nicht die ungebrochene, ungeteilte und vorbehaltlose Liebe ihrer Mutter zu Teil geworden ist. Sie mag den Vorbehalt gefühlt haben, der aus den geschilderten Umständen resultiert. Der starting point ins Leben deiner Mutter ist über alle Maßen belastet durch die Geschichte ihrer Eltern und durch geschichtliche Umstände, denen die Beteiligten schlicht ausgesetzt waren. Aber diese Umstände sind unabdingbar eingewoben in ihre eigene biografische Geschichte. Im Rückblick halte ich es für eine fast übermenschliche Leistung, dass deine Mutter erst nach dem Tod unseres Vaters mit Nachdruck und Konsequenz begonnen hat, die Frage nach ihrer Herkunft zu stellen und aufzuklären. Deine Oma, meine Mutter hat dazu wenig beigetragen. Ich erinnere mich, dass die Muttersöhne, ihre Söhne, hier behutsam die Partei deiner Mutter ergriffen haben. Mein Bruder hat die Erlösung und die Aussöhnung leider nicht mehr erlebt. Und uns beide - dich und mich - verbindet diesbezüglich eher eine gewisse Sprachlosigkeit. Was ans Tageslicht gelangt ist – was aber immer schon da war und gewirkt hat – all dies hat für dich nachhaltige Veränderungen zur Folge gehabt. Mit fast 50 Lebensjahren (bei mir sind es fast 60) kann man auf ein Leben mit so vielen Facetten und Unwahrscheinlichkeiten vielleicht etwas gelassener schauen.

Systemische Therapieansätze orientieren sich vorrangig an Ressourcen, nicht so sehr an Defiziten. Wenn man etwas nicht leiden kann, ist man nicht bereit das Leid zu tragen, das mit manchen Aspekten und Umständen unseres Lebens unabdingbar verbunden ist. Mir gibt es großen Sinn darauf zu schauen, wo die Liebe im System fließt und fließen kann und wo sie es nur mit Mühe und gegen Widerstände oder überhaupt nicht vermag. Aus der Sicht und den Lebensumständen deiner Oma mag es sein, dass ihre Liebe im Falle deiner Mutter, meiner Schwester, eher dazu geneigt hat, eine Generation zu überspringen. Alle Liebe, derer eine Oma fähig ist, ist auf dich übergegangen; und dein (sozialer) Opa hat sich über die Maßen angeschlossen, sich gebunden und beschenkt gefühlt durch dich, den einzigen Enkel, der ihm vergönnt war heranwachsen zu sehen. Deine Onkel haben sich hier eingereiht und alles war richtig, wie es dann im Leben weitergegangen ist. Ich kann es bis heute nicht wirklich leiden, dass mein Bruder daran keinen Anteil mehr nehmen kann – seinen Anteil an alledem hat er zu Lebzeiten ebenfalls über die Maßen dazu gegeben. Ich bin stolz darauf, dass die widrigen Umstände, die folgenreich waren für das innerfamiliäre Klima in meiner Herkunftsfamilie, nie die Macht hatten, uns Geschwister auseinanderzudividieren. Bis zum heutigen Tag trägt uns die geschwisterliche Liebe unverbrüchlich durchs Leben.

Dein verstorberner Onkel – genauso wie ich – würde Anteil nehmen an dem neuerlichen Wendepunkt im Leben deiner Mutter (einer neuen Liebe), an dem etwas geschieht, was so nicht geschehen muss. Aber dass es geschieht, verdankt sich der Lebenskraft und dem unerschütterlichen Gemüt deiner Mutter. Ich wünsche ihr alles erdenklich Gute. Wenn irgendjemand auf dieser weiten Welt in diesem Leben ein spätes Glück verdient hat, dann ist es deine Mutter! [Wir wissen heute (2018), wie es weitergegangen ist, und dass dieser Liebe leider nur eine kurze Zeitspanne vergönnt war.] 

Martin Buber hat einmal gesagt: „Abstand schafft Beziehung.“ Möglicherweise ist es ein großes Glück, dass meine Schwester die Kraft und den Lebensmut hat, auch im Alter von fast 70 Jahren Veränderung anzustreben und zu ermöglichen, Eigenständigkeit und Eigensinn zu beweisen. Auf diese Weise wird vielleicht eine unzuträgliche Enge relativiert und alle können freier atmen, die sich durch die Eigenart der anderen eingeengt und beeinträchtigt fühlen. Meiner Mutter habe ich einmal gesagt, dass man – wenn man das eigene Kind nicht leiden kann und zurückweist – einen aussichtslosen Kampf auch gegen sich selbst führt. Deine Oma hat sich spät versöhnt mit diesem eigensinnigen Kind, das für sie ja immer auch das Fremde verkörpert hat. Letztlich war es eine Aussöhnung mit ihrer Lebensgeschichte, auch mit den abgespaltenen und verdrängten Anteilen. 2003, im letzten halben Lebensjahr deiner Oma, hat sich dies über die Maßen gezeigt. Deine Mutter und dein Onkel haben den Frieden mit der Welt auch gefunden, weil diese Aussöhnung möglich und nachhaltig war.

Familiendynamik ist unvermeidbar. Sie beinhaltet systemisch betrachtet, dass den familiären Dynamiken Wechselwirkungen zugrunde liegen, die immer für alle Beteiligten folgenreich sind. Manchmal gelingt es, ein wenig Einfluss darauf zu nehmen. Ob es ein guter Einfluss ist, merkt man schlicht daran, dass man sich besser fühlt und leiden kann. Und genau das wünsch ich uns allen.

 

   

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