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Andreas Mühe belohnt mich für meine Mühe

Bei meinen Versuchen mich in der Welt über die Welt zu orientieren spielt auch das ZEIT-Magazin (hier N°27/2018) immer wieder mal eine Rolle. Wie weiland den SPIEGEL beginne ich das ZEIT-Magazin immer von hinten: "DAS WAR MEINE RETTUNG" - in aller Kürze - beschränkt auf eine Seite - führen Khue Pham, Herlinde Koelbl, Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Christine Meffer Interviews mit prominenten Zeitgenoss(inn)en und thematisieren dabei Wendepunkte in deren Leben.

Im aktuellen Magazin stellt sich Andreas Mühe den Fragen Khue Phams. Hier ist es schon allein der Name, der elektrisiert, und ich versuche spontan im Überfliegen des Textes herauszufinden, ob dieser Andreas Mühe zum Mühe-Clan gehört, der seine Wurzeln in der DDR hat.

Genau dies ist der Fall, und mein Interesse ist geweckt. Alle Mühes faszinieren. Aber seit "Das Leben der Anderen" bin ich der bewegenden, schlichten und Melancholie definierenden Spielweise Ulrich Mühes verfallen. Alle zentralen Fragen der diesseitigen Welt verdichten sich in der Interpretation der Rolle des Stasi-Hauptmanns Gerd Wieslers durch Ulrich Mühe. Aber darum soll es hier nicht gehen. Allein die Reaktion Andreas Mühes auf den Verweis Khue Phams im Zusammenhang mit den Anschuldigungen Urlich Mühes zu Beginn der 2000er Jahre Jenny Gröllmannn gegenüber (das ist die Mutter von Anna Maria Mühe - eine Halbschwester Andreas Mühes), sie habe ihn bespitzelt, lässt aufhorchen:

"Dazu möchte ich nichts sagen. Nur so viel: Ich habe immer ein sehr guts Verhältnis zu meinen Eltern gehabt. Die Nebenkriegsschauplätze gehören halt dazu."

Die Interpretation des Stasi-Hauptmannes Gerd Wiesler durch Ulrich Mühe erscheint dadurch vielleicht in einem anderen Licht. Umso mehr weckt dies meine Neugier, wie sich wohl Andreas Mühe mit diesen Nebenkriegsschauplätzen auseinandersetzen mag. Zumal er eine sehr eindeutige Antwort auf die Frage Khue Phams findet, was ihn denn an der eigenen Familie interessiere? Er beschäftige sich doch seit Längerem künstlerisch mit dem Konzept von Zeitreise und der Vergangenheit der eigenen Familie! Andreas Mühe hierauf:

"Je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass die Zeit zerrinnt. Und was ist außer der Familie im Leben überhaupt noch wichtig? Selbst Freunde, die ihre Familie 15, 20 Jahre abgelehnt haben, laufen jetzt nach Hause. Es geht bei dem Projekt um die eigene Vergangenheit und Zukunft. Es geht um die Frage, wo man herkommt. Um das eigene Ich."

Khue Pham hakt nach: "Die Familie holt sie wieder ein?" Andreas Mühe antwortet:

"Ich bin selber Vater und frage mich: Was gibst du deinen Kindern mit? Und wie war das damals, als du noch selbst ein Kind warst? Schaut man zurück, findet man lauter Scherben. Familie, das ist Fluch und Segen. Und das Schönste der Welt."

So lande ich denn endlich wieder bei meinem zentralen Motiv. In "Kurz vor Schluss" habe ich das Raster gefüllt, mit dem man Spuren legt und sich auf der Spur bleibt. Durch Verschweigen - durch selektives Erinnern und Vergessen - trägt ein solches Unterfangen zweifellos nolens volens auch dazu bei, Spuren zu verwischen, vor allem aber auch - durch Ignoranz - Spuren zu verleugnen. Es gelingt mir nicht - und es ist mir nicht gelungen - jenen Diskurs zu begründen, der auch nur ansatzweise verbürgen könnte, dass man in der Familie (besser gesagt, in dem, was als Sippe die blutverwandtschaftliche Komplexität weiter fasst) um Spurensuche und Spurensicherung ringt oder auch nur bemüht ist. Für Andreas Mühe wird es sicherlich eine außerordentliche Mühe bedeuten, etwas zu dem zu sagen, wozu er nichts sagen möchte. Denn wir wissen, dass Schweigen gleichermaßen heilsam wie belastend sein kann. In der Fähigkeit den Unterschied zu erkennen, liegt die eigentliche Herausforderung. Ich will es ins höhere Alter noch einmal erzählend versuchen. Im Erzählen sich zu befreien und die ganz eigene Sicht der Dinge und Zusammenhänge offenbaren, das könnte mich noch einmal reizen.

Nachtrag: (Dieser Nachtrag lässt sich inzwischen nahtlos eingliedern in das Demenztagebuch, das im Zusammenhang mit den letzten dunklen Jahren meines Schwiegervaters entstanden ist, und das ich endlich zu Ende bringen sollte)

Ein Nachtrag, der meine Besinnlichkeit und Resignation gleichermaßen befördert und belegt: Ich besuche regelmäßig - fast täglich - meine Schwiegermutter, die in einer örtlichen Senionrenresidenz lebt. Sie wird im September 95 Jahre alt. Seit sie dort lebt, ist unser Kontakt intensiver geworden und um einiges entspannter. Was mir sowohl in der "Fremdbeobachtung" meiner Schwiegermutter als auch in der "Selbstbeobachtung" zu schaffen macht bezieht sich auf den rasanten Verfall eines intakten Selbstbildes. Schlüsselkriterium für unsere alltäglichen Begegnungen ist und bleibt das gegenseitige Wiedererkennen. Angst habe ich vor dem Tag, an dem das vertraute "Hallo Josef, wo kommt Du her?" ausbleiben wird und wir uns als "Fremde" begegnen werden. Noch gelingt es einige basale Mosaiksteine ihres "Identitätskerns", der sich in reziprozer Weise bewähren und bestätigen muss, immer wieder zu beleben:

"Ich bin Elisabeth Rothmund, geboren am 27.9.1923 und wohne auf der Triererstr. 282". In der Adresse manifestiert sich die nahezu vollkommene Erosion eines langen, langen, immer noch dauernden Lebens. Die 58 Jahre währende Ehe mit ihrem einzigen Mann - Leo - ist aus ihrem operativen Bewusstsein ebenso verschwunden wie aus ihrem Langzeitgedächtnis. Nur in mühsam zu inszenierenden Ritualen blitzen Erinnerungen auf, die sich darauf beschränken, dass da jemand war, der eine "Bude" im Keller hatte und dort "etwas gebastelt hat" (es geht um Leos Büro als Architekt) und der auf ihre Rufe: "Leonardo 'de' Vinci - essen kommen" in stoischer Haltung beharrlich antwortete: "Ja, ich komme, Lisa della casa!"

"Reziprozitätsresiduen" zu ertasten - das ist unterdessen meine tägliche Herausforderung. Dazu dient auf der einen Seite ein Album mit etwa 50 Fotos, das Leo, mein Schwiegervater, in seinem wohl einzigen Versuch Erinnerungen zu ordnen und mit Zeit- und Ortsangaben zu versehen, Ende der 50er Jahre zusammengestellt hat. Hier finden wir Spuren der gemeinsamen ersten Jahre des jungen Ehepaares Rothmund, die bis in die frühen 60er Jahre reichen. Wir "arbeiten" mit Postkarten und haben vor einem Viertejahr begonnen Briefe zu schreiben; Briefe an Lisas Eltern, Geschwister und Bekannte. Wenn ein Brief oder eine Idee Gestalt findet, liest Lisa sie vor. Davon habe ich einige Videoaufzeichnungen gemacht, die auf eindrucksvolle Weise zeigen, wie präzise Lisa zumindest in der Lage ist Texte noch zu lesen. Inwieweit damit eine sinnhafte und sinnbetonte Erschließung der Texte verbunden ist, lässt sich nur im unmittelbaren darauf bezogenen Gespräch erschließen. Eine "Permanenz" des "Objekts" vermag sich nicht mehr einzustellen. Das (Selbst-)Bewusstsein flackert nur noch zaghaft zwischen aktualisierbaren Erinnerungen. Chronologisches Gedächtnis und die Verbindung von logischen und biografischen Zusammenhängen sind nur noch mit Hilfe und - wie gesagt - nur noch flackerhaft wachzurufen und zu erreichen. Verfallszeiten und das Phänomen des Erlöschens ereignen sich "just in time".

Warum irritieren mich diese geschilderten Phänomene?

Andreas Mühe sagt: "Ich bin selber Vater und frage mich: Was gibst du deinen Kindern mit? Und wie war das damals, als du noch selbst ein Kind warst? Schaut man zurück, findet man lauter Scherben. Familie, das ist Fluch und Segen. Und das Schönste der Welt."

Diese Fragen stelle ich mir natürlich selbst. Und die Irritation ist vollkommen, weil mir über den Weg meines Schwiegervaters und meiner Schwiegermutter auf brutale Weise vor Augen geführt wird, wie rettungslos wir alle miteinander verloren gehen. Ich schaue nun schon geraume Zeit zurück und flicke Scherben zusammen. Dabei mögen die von mir gesammelten Erinnerunssplitter vielleicht hinüberreichen in die nächste Generation - manchmal träume ich sogar noch von der übernächsten Generation.

Kleine Einlassung: So bin ich z.B. Patenonkel eines 14jährigen Mädchens - Karla -, deren Vater vor etwa 10 Jahren die Idee hatte, seiner Tochter und seinem Adoptivsohn unter dem Titel: "Bevor es losgeht" Zugänge zur Familiengeschichte zu eröffnen. In einer kurzen Einleitung war zu lesen:

"Immer, wenn ich den Füller aufgeschraubt hatte und alle Hemmungen, die mich daran hinderten, zu schreiben, endlich überwunden glaubte, spätestens dann endete mein Vorhaben mit einer Frage: Wen sollte oder könnte das denn interessieren? Ich will diese Frage nun vorsichtig beantworten, wobei ich gerne zugebe, das die Hoffnung, es würde wirklich so sein, mit von der Partie ist. Die Antwort lautet: Meine Kinder. Also werde ich mit dem Schreiben fortfahren, oder besser: anfangen und dabei hoffen, dass Johann und Karla meine Antwort freuen wird. Wann immer das auch sein wird."

Es sind Tränen der Enttäuschung - es ist der ganze und vollständige Weltschmerz, der sich in mir breit machen. Mein Neffe hat - so weit ich es - auch im unmittelbaren Kontakt erahnen kann - nach den ersten wenigen Seiten aufgegeben. Das Motiv des Aufgebens hängt vermutlich mit Andreas Mühes Feststellung zusammen:  "Schaut man zurück, findet man lauter Scherben. Familie, das ist Fluch und Segen. Und das Schönste der Welt." 

Michael hat zu früh aufgegeben. Meine "Hoffnungen" ruhten auch auf ihm, jenem eloquenten, interessierten Zeitgenossen, der seinen Beruf - nach eigenem Bekunden - verfehlt hat. Ich halte fest an dem Bild des Juristen, der eigentlich ein hervorragender Geschichtslehrer geworden wäre - einer, der noch in der Lage gewesen wäre hohe fachliche Kompetenz mit einer tief verankerten Neigung und Fähigkeit zu einer narrativen Verlebendigung von toter Geschichte zu verbinden. Die Todsünde, die er begangen hat, und die alle Quellen lebendigen Erinnerns und Erzählens hat versiegen lassen, ist verständlich. Aber sie ist erklärlich nur aus der eigenen, tiefen Verstrickung in eben jene Geschichte, der man nur sine ira et studio standzuhalten vermag, mit einer Haltung, die gleichermaßen Abstand zu gewinnen versucht, obwohl man selbst inmitten des Auges eines alles verschlingenden Taifungs aufgehoben ist. Wir müssen lernen mit Paradoxien dieser Art umzugehen. Ja, wir bewegen uns mitten im Auge des Taifuns. Dieses Privileg eines geschützten Raumes - einer unheimlichen Ruhe inmitten des Wütens der Welt - bürdet uns Verantwortung auf. Dieser Verantwortung dürfen wir nicht begegnen, indem wir den Ast einer erreichten historischen Selbstvergewisserung absägen. Die Todsünde meines Neffen offenbart sich in dem gleichermaßen fatalen wie fatalistischen Satz:

"Die Suche nach den 'eigenen Wurzeln' erscheint mir zudem einigermaßen fragwürdig, sobald sie über das unmittelbar erlebte Umfeld hinausreicht, etwa um angeblich bestehende familiäre Kontinuitäten nachzuweisen."

"Trotz aller Vorbehalte" setzt er sich dann doch mit der eigenen Ahnentafel auseinander - allerdings mit folgender Einschränkung:

"Verzichten will ich aber auf die Suche nach Erinnerungen an Menschen, die mir niemals begegnet sind, und über deren Leben ich nur etwas vom Hörensagen berichten könnte. Mir fehlen Überzeugung und Glaube daran, dass diesen Abstammungslinien eine wichtige Bedeutung für mich und meine Kinder zukommt. Meine Wurzeln, wenn man es so nenne mag, liegen mit einer Ausnahme, auf die ich noch zu sprechen kommen werde, offen zutage. Und etwas Geheimnisvolles ist an dem, was ich nun erzählen möchte, auch nicht."

 "Schaut man zurück, findet man lauter Scherben. Familie, das ist Fluch und Segen. Und das Schönste der Welt." Darin manifestiert sich also das Resümee des Andreas Mühe. Mühelos ließe sich für manch einen der abschließende Satz auch austauschen etwa mit der kleinen Variation: "Familie, das ist Fluch und Segen. Und das Hässlichste der Welt." Andreas Mühe zielt mit der Idee, "das Schönste der Welt" vor Augen zu haben, vielleicht auf seine Gegenwartsfamilie. Zu Wesentlichem, was seine Herkunftsfamilie betrifft, möchte er - wie er betont - nichts sagen. Vermutlich ist er den damit verbundenen schmerzhaften Konsequenzen noch nicht gewachsen; er ist ja auch erst Anfang oder Mitte vierzig! Aber bis an sein Lebensende wird er sich vor dieser Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten seiner Familiengeschichte vermutlich nicht bewahren können. Vorher beginnen die Kinder zu fragen, und die Fragen in uns werden drängender. 'Wir sollten uns und unseren Kindern Antworten nicht schuldig bleiben. Was uns dabei begleiten wird, ist das Ringen um Antworten. Denn Antworten liegen nicht auf dem Tisch. In Hannah Schmitz und Franz Streit weist die Auseinandersetzung mit Wolfgang Klafki zumindest eine Richtung, so wie uns in diesem Zusammenhang Bernhard Schlinks Vorleser insgesamt mit den unausweichbaren Fragen konfrontiert. Wir dürfen ihnen angesichts der AfD - Affront für Deutschland -, mit der sich eine verfassungspatriotische Grundhaltung konfrontiert sieht, nicht ausweichen.

 

 

   

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