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Sparring partner (Paolo Conte)

(nach meiner freien Übersetzung)

 

Er ist ein Ungeheuer ohne Geschichte

Denkt sie über ihn!

Ihm fehlt die Erinnerung -

Abgesunken auf den Boden des Verborgenen.

Und Du wirst sehen

Wie sich sein Blick im Dschungel verliert.

Nein, geh ihm aus dem Weg – triff ihn niemals!

 

Habe ich das Spiel durchschaut? War das alles?

Ja, Du machst mich zu Deinem Opfer;

So abgeklärt und gelassen, so ruhig, so hintertrieben.

Nimm den ersten Zug,

Der Rest ist Poesie.

 

Er mag älter sein als vierzig, und die Herzen fliegen ihm zu!

Nein, geh ihm aus dem Weg – triff ihn niemals! Zu spät:

Er stand da mit seinem Lächeln, und sie sah die Bahn

Die sich auf der alten Spur verliert,

dem Macadam, auf dem die Elefanten ziehen.

 

 

Hildes Geschichte wäre nicht ohne Paolo Contes Sparring partner entstanden - jedenfalls nicht so und nicht eingebettet in einen allgegenwärtigen Klangkörper, in dem ich versinke und der mir einen Zugang zu allen Facetten dieser Geschichte auf einer vollkommen intuitiven, vorreflexiven Ebene eröffnet - eröffnet hat. Niemand wird mir abnehmen, dass ich mich diesem Klangerlebnis 2013 - während der Entstehung von Hildes Geschichte ungezählte Male ausgesetzt habe, ohne auch nur irgendeinen sprachlichen Zugang zu finden. Ich habe ihn seinerzeit nicht gesucht. Ich bin kein polyglotter Mensch. Immer wieder hatte ich die Idee, mir einen Zugang zu der textlichen Seite zu eröffnen. Die oben stehende freie Übersetzung habe ich mit Hilfe von Koautoren vorgenommen. Verblüffend dabei ist der Umstand, dass eine Übersetzung aus dem Italienischen ins Englische für die eindrücklichsten Eingebungen gesorgt hat.

Was mich nun zutiefst beglückt und irritiert zugleich, ergibt sich aus meiner schlichten Ermächtigung, mit der ich hier behaupte, dass Paolo Conte diesen Text (auch) für Hilde - so wie er die Musik für mich - geschrieben hat. Hilde ist ihm nicht gefolgt. Aber ich habe mich ihm ergeben; aber eben nicht, indem ich im vorreflexiven, intuitiven emotionalen Sumpf hängen bleibe, sondern indem ich mich der vorbehaltlosen (Selbst-)Reflexion stelle.

Der inzwischen vielgeschmähte Hartmut von Hentig zitiert 1996 in seinem Versuch einer Reformulierung des Bildungsbegriffes (1996, S. 135) aus Platons Der Staat (401 c-d): "Rhythmen und Töne dringen am tiefsten in die Seele des Menschen ein und erschüttern sie am gewaltigsten. Sie haben gutes Betragen im Gefolge und machen bei richtiger Erziehung den Menschen gut oder verderben ihn im anderen Fall." Von Hentig mahnt gut 20 Seiten zuvor (S. 113) zur Besinnung im Umgang mit "Bildungsmitteln": Was mit bezwingenden Bildern (ich möchte hinzufügen mit Klängen) und gestalteter Sprache unmittelbar in uns eindringe, dürfe nicht ungeprüft Macht über unsere Seele gewinnen!

Ich bediene mich in der Folge sprachlicher Mittel, um mir selbst noch einmal vor Augen/Ohren zu führen, wie sehr Paolo Conte für mich 2013 ein Fluidum geschaffen hat, dass seinerzeit in wenigen Wochen dazu beigetragen hat, zum Kern von Hildes Geschichte vorzudringen:

Paolo Contes täteti tärätä dietidem yä dämdidem dädem däm fällt mit einer unsäglichen Lässigkeit ein in die diskrete Folge dreier Mollakkorde, die sich in ihrer Abfolge selbst genügen und stabilisieren, ein kleiner Klangkosmos, angeschlagen auf einer 12saitigen akkustischen Gitarre - meinetwegen e-moll - h-moll - a-moll und dann wieder h-moll. Diese Folge wiederholt sich mehrere Male. Bei der dritten Wiederholung - nach dem letzten schmutzigen däm - legt sich ein Piano mit der tragenden melodischen Aussage darüber, deren Notenfolge fortan - zu lesen und zu spielen im Bassschlüssel - den basso continuo bildet. Dieser Basso continuo erzeugt mit der Dominanz der Mollakkorde jenes unaufhebbare, unaufhaltsame Untergangsszenario, mit dem sich die Klänge irgendwann in den tiefen des Raumes verlieren werden. Wer sich in diesem Klang-Pathos vorbehaltlos aussetzt, den ergreift - bei entsprechender Affinität -  melancholia! Zwischendurch erzählt Conte in drei Strophen die oben zu lesende Geschichte. Nach jeder Strophe (zer-)fällt der Versuch eine Geschichte zu erzählen (zurück) in dem angedeuteten, alles verschlingenden Klangteppich, verstärkt durch den Zupfeffekt, mit dem ein Vielzahl von Geigen (oder auch Bratschen) das zentrale melodische Motiv auf- bzw. übernehmen. Im Verklingen dieses Motivs löst sich (die) Welt auf.

Selbst Kontexte (im Internet), die das Motiv eines One-Night Stands mit Sparring partner verbinden, lassen nicht annähernd jene abgründige Tiefe erahnen, die sich eben für mich mit Hildes Geschichte verbindet. Ein One-Night Stand mag heute eine Option sein - spontan oder geplant. Diese Option ist in einer offenen Gesellschaft, die moralische Fragen sehr stark individualisiert, vermutlich nie alternativlos. In Hildes Fall hingegen ist der One-Day Stand am 9. September 1941 insofern alternativlos, als er geschehen ist mit der Folge, dass sie gebenedeit war unter den Weibern und am 5. Juni 1942 ihre Tochter Ursula zur Welt bringt:

 

Er ist ein Ungeheuer ohne Geschichte

Denkt sie über ihn!

Ihm fehlt die Erinnerung -

Abgesunken auf den Boden des Verborgenen.

Und Du wirst sehen

Wie sich sein Blick im Dschungel verliert.

Nein, geh ihm aus dem Weg – triff ihn niemals!

 

Ungeheuer erscheint mir überaus passend. Franz Streit ist nicht nur irgendein Affe (un macaco). Die Begegnung mit ihm konnte Hilde nicht geheuer sein. Die etwas mehr als drei Wochen vom 15. August bis zum 9. September 1941 veränderten den Lauf der Geschichte Hildes. Franz Streit wird ein Ungeheuer ohne Geschichte bleiben, das zwar bleibende Spuren hinterlässt, dessen Geschichte sich aber für Hilde in den Weiten Rußlands endgültig verlieren wird. Er fällt am 23. September 1943 in der Nähe von Saporoshje/Ukraine. Hilde wird dies erst 60 Jahre später erfahren, nachdem ihre Tochter Licht in seine Identität und Geschichte trägt. Die Erinnerungen Franz Streits sind mit ihm in Rußland versunken - ohne dass Hilde ihm aus dem Weg gegangen wäre. So ist die Welt weitergegangen in Österreich, wo zwei Söhne die Spur Franzens weiterziehen - bis heute Gert in Wien und Werner fast sein ganzes Leben lang mit seiner Familie im Chiemgau. Und in Deutschland verkörpert sich die Spur Franzens in seiner Tochter Ursula, deren Bruder ich am 21. Februar 1952 werden sollte (und deren zweiter Bruder, Wilfried, geboren am 12.11.1955, sein Leben am 21. Juni 1994 auf dem Weg nach Österreich bei einem Flugzeugabsturz verloren hat).

 

Habe ich das Spiel durchschaut? War das alles?

Ja, Du machst mich zu Deinem Opfer;

So abgeklärt und gelassen, so ruhig, so hintertrieben.

Nimm den ersten Zug,

Der Rest ist Poesie.

 

Was hat Hilde durchschaut? Als sie sich - spät - öffnete, bekannte sie, dass sie nach der Geburt ihrer Tochter erfahren hat, dass Franz verheiratet war und bereits einen Sohn hatte - ins St. Pölten/Österreich. Dass Franz einen zweiten Sohn gezeugt hat, der im selben Jahr geboren werden sollte wie ihre Tochter, hat sie erst kurz vor ihrem eigenen Tod (2003) erfahren. Sie hat die beiden Söhne Franzens noch vor ihrem eigenen Tod kennengelernt. Hilde war 17 und Franz war die Liebe ihres (jungen) Lebens. Sie war ein (willfähriges) Opfer. Franz war 10 Jahre älter, und er war verheiratet. Hilde war Franzens Opfer. Aber beide waren Opfer eines geschichtlichen Kontextes, der sie einerseits zusammenfinden ließ, und der ihnen andererseits nicht die geringste Chance ließ. Dieser spezielle Fall verdeutlicht, wie sehr wir alle doch weit mehr unsere Zufälle als unserer Wahl sind. Der Wimpernschlag dieser Begegnung markiert einen - wenn nicht den - zentralen Wendepunkt in Hildes Leben. Und dass damit welt- und menschenbewegendes ausgelöst worden ist, dies begegnet mir - Gott und allen Mächten dieser Welt sei gedankt - auch heute noch in der Gestalt meiner Schwester Ursula, ohne die ich nicht der wäre, der ich bin, und ohne die ich nicht jenen Neffen hätte, der mir so nahe und so fern zugleich ist. Der Rest ist Poesie - nicht nur! Am Abend des 9. September ist Franz Streit in Remagen in den Zug gestiegen, der ihn zuerst nach Österreich und dann an die Front bringen sollte. Er ist noch mehrere Male von der Front zurückgekehrt - einmal wohl auch noch zu Hilde und seiner Tochter und dann allerdings nie mehr!

 

Er mag älter sein als vierzig, und die Herzen fliegen ihm zu!

Nein, geh ihm aus dem Weg – triff ihn niemals! (Zu spät:)

Er stand da mit seinem Lächeln, und sie sah die Bahn

Die sich auf der alten Spur verliert,

dem Macadam, auf dem die Elefanten ziehen.

 

Franz war 27 als Hilde ihn kennen und lieben lernte, und er war 29, als er gefallen ist. Hilde ist ihm nicht aus dem Weg gegangen. Sie hat Franz gehen lassen, sie hat ihn weggeschickt. Sie war alleine - in Flammersfeld, in einem Entbindungsheim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Paradoxerweise war sie dort in einem geschützten Raum. Im Zuge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurde bürgerliche Moral pragmatisch wie programmatisch suspendiert. Auch gefallene Mädchen wurden für würdig befunden, dem Führer Kinder zu schenken. Was in der verpissten und vermieften konservativ-erzkatholischen Heimat auf sie wartete, war davon deutlich unterschieden. Sie hatte schon erfahren und würde weiterhin erfahren, was es bedeutet, einen Bastard in die Welt zu setzen. Die Hilde, die ich später und sehr viel später als meine Mutter kennen gelernt habe, trug in sich die Ambivalenz dieser Erfahrungen. Sie war genauso stark, eigensinnig, bockig und unversöhnlich wie sie liebevoll, geduldig und geradezu unendlich tolerant und empfindsam sein konnte. Sie war eine wunderbare Frau, die einen wunderbaren Mann hatte, der die Ambivalenz geheiratet und gehegt hat. Dieser Mann, der unser aller (Groß-)Vater war - ganz gleich, ob wir aus ihm hervorgegangen sind oder nicht. Ihm erweise ich an dieser Stelle meinen Respekt und die Ehre in liebevoller Erinnerung.

Ich gestatte mir an dieser Stelle einen knappen Exkurs. Inhaltliche Splitter finden sich bereits in den ausufernden Auseinandersetzungen mit den familiendynamischen Konsequenzen aus all diesen Verstrickungen:

Vor mir liegen sechs Postkarten aus dem Juli 1960. Hilde befindet sich mit ihren beiden Söhnen, Franz Josef (8) und Wilfried (5) zu einem Kurzurlaub in Flammersfeld - dort wo sie ihre Tochter Ursula am 5.6.1942 zur Welt gebracht hat. Auf einer dieser Postkarten an Theo, ihren Mann, und Ursula, ihre Tochter, vermerkt Hilde am Rande - kaum leserlich und in Kleinstschrift: "Der Herr mit Auto ist mir auch schon begegnet, war mir sehr peinlich." Da sich auf den anderen Postkarten kein weiterer Hinweis befindet, erschließt sich dem unbefangenen Leser nicht der geringste Sinn oder Kontext, in dem diese Randbemerkung wohl stehen mag. 57 Jahre später wird mir zumindest umfassend klar, dass die Prämissen und das Wissen, mit denen ich Hildes Geschichte aufgeschrieben habe, sich nicht annähernd decken mit den Lebensumständen, unter denen Hilde seinerzeit gelebt hat, und die sich erst mit der Zeit relativiert haben mögen - mit der Zeit, in der die Erinnerung an den Vater ihrer Tochter so sehr verblasste und ins Dunkel absank, dass all dies, was mit Franz Streit und somit mit der Herkunft seiner Tochter zu tun hatte, unserem Familienalltag vollständig entzogen war; solange bis die Tochter Licht in dieses Dunkel tragen wollte. Die ersten Nachkriegsjahre, die ersten Jahre ihrer Ehe - auch der Urlaub in Flammersfeld - standen unter dem Vorbehalt jederzeit damit rechnen zu müssen, dass da irgendwann plötzlich ein Mann auf der Bildfläche erscheinen könnte, der sich als Vater der Tochter zu erkennen geben würde. Was latent und erinnerungsträchtig im Verborgenen wirkt - z.B. diese irrsinnige, abgründige Liebe, mit der sich eine Siebzehnjährige einem vollkommen fremden Mann hingibt und schwanger wird - vermittelt (mir) im Nachhinein und immer noch einen existentiellen Schwindel; vielleicht erst heute auch die Vorstellung, dass meine, dass unsere Mutter ständig in der Erwartung gelebt hat, dieser Mann, dem sie als junge Frau erlegen war, könnte plötzlich vor ihr stehen. Zugegeben, dies mag sich zunehmend abgeschwächt haben. Aber auch für Hilde war der Blick erst klar, als ihre Tochter die Identität ihres Vaters unter dem Schutt der Vergangenheit und all der Verleugnung und Beschämung freilegte!

 

Die Eindrücke, die ich in der Folge wiedergebe, kosten mich ein Stück Überwindung. Sie gehen einher mit der Warnung Hartmut von Hentigs, dass das, was mit bezwingenden Bildern und Klängen in unsere Seele eingehe, sie nicht beherrschen dürfe. Daher zwinge ich mich zur Reflexion. Aber zuvor lasse ich etwas zu, was von frühester Jugend an, mein Bild der Vätergeneration eben auch beeinflusst hat: In meiner ausgehenden Kindheit habe ich Landser-Heftchen gelesen. Ja, dabei handelt es sich um nichts anderes als kriegsverherrlichende Trivialliteratur. Als in den 60er Jahren die ersten langen Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg ausgestrahlt wurden, habe ich sie zum Teil mit meinem Vater gemeinsam angesehen. Mein Vater gehörte zweifellos zu jenen - tief von der Erfahrung des Krieges Geprägten und Gezeichneten -, die ihren Kindern gegenüber allenfalls ihre Betroffenheit über das Erlittene und das zu Verantwortende nur rudimentär und eher still zum Ausdruck gebracht haben. Mein Engagement in KDV-Antragsverfahren hat vor allem auch die (selbst-)kritische und defensive Haltung meines Vaters zum Hintergrund. Die intensive Auseinandersetzung mit aktueller Literatur und (nachgelassenen) Dokumenten im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg drückt sich unter anderem in der anhaltenden Aufarbeitung des Diskurses zur Frage des Referenzrahmens aus (zuletzt anlässlich des Letzten großen Trostes von Stefan Slupetzky).

In der Auseinandersetzung mit Zeitzeugen, insbesondere mit den von mir akribisch aufgearbeiteten, Authentizität eher verbürgenden Nachlässen (z.B.Willy Peter Reeses oder auch Heinrich Gerlachs) nehme ich (auch in mir) unübersehbare Ambivalenzen und Widersprüche wahr. Ich habe z.B. Heinz Otto Fausten ein Jahr vor seinem Tod in Sinzig besucht. Er ist als einer der letzten Zeitzeugen 2014 im Alter von 94 Jahren verstorben. Er hat mir erklärt, wie er als 18jähriger die Panzertransporte auf der Rheinstrecke beobachtet hat. Für ihn war klar, dass er sich freiwillig zum Kriegsdienst melden würde - allein schon, um die Zugehörigkeit zur Waffengattung bestimmen zu können. Heinz Otto Fausten war Mitglied der 1. Panzerdivision und hat den Rußlandfeldzug bis zu seiner schweren Verwundung und dem Verlust eines seiner Beine mit erlebt. Seinem Sohn gegenüber versucht er die Verstrickungen seiner Generation in den Nationalsozialismus begreiflich zu machen. In seinen Schilderungen (Heinz Otto Fausten: "Wir haben uns die Zeit nicht ausgesucht". Schriftenreihe des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Band 9.) verschweigt er nicht die Faszination, die die Wehrmacht mit ihren Waffengattungen auf pubertierende Jungs ausgeübt hat. Es mag neben den sozialisationsprägenden Gesamteinflüssen, die auf die 20er Jahrgänge einströmten, ein weiterer, bescheidener zeitgeschichtlicher Mosaikstein sein, mit dem sich die anfängliche Begeisterung - oder auch nur das nüchtern-pragmatische Kalkül junger Männer - offenbart. Auch mein Schwiegervater (Jg. 1924) hat mir erklärt, dass er sich 1942 freiwillig zur fliegenden Truppe gemeldet hat, weil ihn die Fliegerei faszinierte und weil aus damaliger Perspektive der Endsieg unmittebar bevorstand. So wirken die Wochenschauberichte siegreicher deutscher Truppen, insbesondere der Panzertruppen und der Flieger auch heute noch als Bestätigung einer unfassbaren Hybris.

Wenn ich allerdings weiter oben schildere, wie sich Paolo Contes Musik 70 Jahre später über diese Bilder legt, die siegesgewisse deutsche Soldaten auf ihren Panzern zeigen - in der offenen Steppe zwischen Wolga und Don -, dann weiß ich, dass alle diese stolzen Soldaten auf ihren Panzern im unendlichen Raum verschwinden werden. Aber sie tun das nicht engelsgleich, sondern sie tun es so, wie Heinrich Gerlach es schildert in: Durchbruch bei Stalingrad. Und sie tun es auch nicht so, wie die alten Elefanten, die in einem tiefen intuitiven Wissen ihre letzten Wege gehen und sich zum Sterben legen. Sie tun es als schuldig gewordene Opfer, die in den Hitze- und Eiswüsten elendig verrecken oder die - wenn sie Glück hatten - im besten Fall, wie Heinz Otto Fausten oder Heinrich Gerlach, die Lehren für ihr künftiges Leben und das ihrer Kinder und Kindeskinder mit nach Haus bringen konnten.

Dies alles gibt keinerlei Raum für irgendwelche Geschichtsklitterungen oder -relativierungen, wie sie kühl kalkulierende, skrupellose Köpfe à la Björn Höcke verbreiten. Ich würde sie gerne der geistigen Verwirrung zeihen. Dies greift aber bei Weitem zu kurz, gerade weil sich die Verführbarkeit einer sich der [kritischen, historischen (Selbst-)Reflexion] verweigernden Gruppe von Menschen in den kühl kalkulierenden demagogischen Haltungen der Populisten widerspiegeln. Und da tröstet die Brechtsche Einsicht wenig, dass sich die nur die dümmsten Kälber ihre Metzger selber wählen. Es hilft halt nur Bildung.

   

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