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„Abgehängte Decken" – eine Metapher für Familiengeheimnisse

Ich muss so um die 14 Jahre alt gewesen sein – Mitte der 60er Jahre. Meine Eltern hatten das Elternhaus meines Vaters umgebaut und modernisiert; nur die Raumhöhen entsprachen (noch) den ursprünglichen baulichen Gegebenheiten – so ca. 3,80 m im Erdgeschoss. Das wirkte ungemütlich und machte sich auch bei den Heizkosten irgendwie unangenehm bemerkbar. Mit Hilfe unseres Nachbarn, des Schachtmeisters Johann Jochemich und meines Schwagers Ernst, machte sich mein Vater daran, die Decken im Wohnzimmer und in der Küche abzuhängen. Mir fielen dabei bescheidene Handlangerarbeiten zu. Mittels Schlauchwaage und einer soliden Holzkonstruktion wurde die Raumhöhe um exakt einen Meter auf 2,80 m abgesenkt. Die Kabel für die Stromversorgung wurden von den jeweiligen Verteilerdosen – unsichtbar – über vorgesehene Bohrungen durch die nunmehr raumerniedrigende abgehängte Decke in Lüsterklemmen überführt, um auch im neuen kuscheligen Raumzuschnitt für angemessene Beleuchtung zu sorgen.


Vor zwanzig Jahren bauten wir mit sachkundiger Hilfe meines Schwiegervaters unser eigenes, großes „Einfamilienhaus" und bewegten uns dabei – was die Beleuchtung angeht – auf der Höhe der Zeit. Wir versteckten die Energieversorgung für eine Vielzahl von Halogenleuchten, die wir im Wohnzimmer zu einem Sternenhimmel arrangierten – oder mittels Transformatoren, die wir im Dachraum unterbrachten, um dort magnetische Schienen mit integrierten Leuchtelementen zu installieren. Nur wenn Beleuchtung ausfällt, muss man schauen, ob Leuchtelemente selbst defekt sind oder ob irgendein Trafo den Geist aufgegeben hat. Manchmal  muss man dazu die Verkabelung im Einzelnen nachvollziehen, um rekonstruieren zu können, welcher Trafo für die jeweilige energetische Versorgung zuständig ist. Unser Elektriker misst dann die elektrischen Ströme und kriegt so heraus, was die Ursache für einen Totalausfall oder ein ständiges Flackern ist; das ist trivial und folgt sozusagen simplen, linearen Algorithmen.

In Familien bzw. den zugrundeliegenden paardynamischen Netzwerken unterliegen die rein biologischen Austauschbeziehungen vermutlich auch trivialen bio-elektro-chemischen Prozessen, die das Leben physiologisch anstoßen und auf den Weg bringen. Was sich dann allerdings als Leuchtkörper an der Decke des Familienhimmels zeigt, offenbart auf der Hinterbühne bzw. im Hohlraum der abgehängten Decke oftmals recht verworrene und vordergründig irreführende Kabelführungen.
Ich erinnere mich beispielsweise, dass meine Frau vor vielen, vielen Jahren – unsere Kinder waren noch gar nicht geboren – meinen Schwiegervater im Verlauf eines Nachmittagskaffees im Beisein seiner Frau (ihrer Mutter) unverhofft mit der Frage konfrontierte, ob sie noch einen Bruder am Bodensee habe. Leo, so heißt mein Schwiegervater (ein Bodenseeschwabe), fiel buchstäblich die Kaffeetasse aus der Hand. Gott oder gesunder Intuition sei Dank hatte er seiner Frau vor der Hochzeit von (s)einem vermeintlichen Fehltritt erzählt, so dass hier kein später Paarkonflikt ausgelöst wurde, sondern relativ sachlich der Tochter ein Blick hinter ein ihr gegenüber bislang gehütetes Familiengeheimnis gewährt wurde.

In meiner Familie war das nicht ganz so einfach, weil die Eltern es versäumt haben, uns Kinder (zwei Jungen und eine ältere Schwester), insbesondere aber die Tochter darüber aufzuklären, dass sie einen anderen Vater hat als ihre beiden Brüder. Warum unsere Schwester anders leuchtete, ab und zu flackerte und irrlichterte, hätte man natürlich sehen können, wenn man die unterschiedlichen energetischen Kabelführungen im unsichtbaren, verborgenen Zwischenraum der abgehängten Decke hätte durchschauen können. Deshalb ist erst spät, nach dem Tod von Hilde, unserer Mutter, „Hildes Geschichte" entstanden; um uns zu versöhnen mit einem Familiengeheimnis, das uns über all die Jahrzehnte zwar nicht atomisiert hat, das aber seine problematischen Wirkungen bis in die Gegenwart offenbart.
Ich habe aufgrund meiner Ausbildung bei der IGST in Heidelberg Ende der 90er Jahre vielfach die ungute Wirkung solcher „Familiengeheimnisse" beobachten und therapeutisch (z.B. durch Familienaufstellungen) begleiten können. In späteren Tagebuchaufzeichnungen habe mich intensiver mit der Vorstellung auseinandergesetzt, dass jeder das Recht hat zu wissen, wer sein Vater und wer seine Mutter ist.

   

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© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund