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Ausbruch aus dem generativen Gefängnis – Alex Schulman: Verbrenn alle meine Briefe (Teil VII)

Siehe hier: Teil ITeil II, Teil IIITeil IVTeil V, Teil VI, Teil VII

Und Alex Schulman beginnt zu begreifen

In all den nachgelassenen Briefwechseln stößt Alex auf einen Brief, den Sven Stolpes Mutter 1932 an ihren Sohn schreibt. Sie zeigt sich enttäuscht, dass Sven so verantwortungslos war, das Auto kaputtzufachen. Sie hatte es ihm nämlich bezahlt. Darauf antwortet er:

"Verantwortungslosigkeit beim Unfall? Hm. Und wenn es Absicht wäre? Wenn ich aus Verzweiflung von der Fahrbahn abgekommen wäre? Wenn ich vorhabe, dasselbe noch einmal zu tun, sobald ich das Auto wiederhabe? Fall Mutter zufälligerweise nicht begreift, welchem Druck ich ausgesetzt bin (Seite 271)?"

Alex Schulmann kommt zu der nüchternen Einsicht:

"Es wurde zu Karins und Svens Lebenslüge: der Mordversuch, der in einen Unfall verwandelt wurde. Ich erinnere mich an Karins zusammengeflickten Hals, den alle Enkelkinder anfassen wollten. All die Jahre baten wir sie immer wieder, uns die Geschichte zu erzählen, und jedes Mal war sie gezwungen, die Version wiederzugeben, die Sven ihr diktiert hatte. Karin redete nur ungern über den Unfall, Sven dagegen umso offener (Seite 271)."

Und wie muss man sich ein Leben vorstellen zweier Menschen, von denen George Steiner sagen würde, dass sie eklatant ungeeignet füreinander sind - ein Leben, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr - 65 Jahre lang. Warum - um Gottes Willen - verlässt Karin Stolpe ihen verhinderten Mörder nicht?

"Für Karin war das Beginn von etwas ganz anderem. Sven wollte sie kurzehand im Auto ums Leben bringen. Doch das misslang, und so brachte er sie Stück für Stück um, über Jahrzehnte hinweg. Und Karin fügt sich, wird immer kleiner, verstummt. Von der Karin, die Olof Lagercrantz in der Stiftung kenengelernt hat, ist am Ende kaum noch etwas übrig. Doch in einer Kiste hebt sie all diese Briefe auf, über all die Jahre.
Sie wird älter, sie bekommt vier Kinder, sie zieht mit ihrem Mann, der sie permanent von der Umwelt isolieren will, an immer entlegenere Orte, und bei jedem Umzug nimmt sie ihre Briefe mit. Sie behält sie, obwohl ihr die Risiken bewusst sind. Wenn Sven sie fände, kännte es ihr Ende bedeuten, aber sie vermag sie nicht wegzuwerfen. Sie lebt ein Leben im Dunkeln, aber manchmal holt sie heimliche diese Briefe heraus und liest, ein paar gestohlene Augenblicke. Für sie sind sie lebensnotwendig, denn es sind die einzigen Male, dass Licht zu ihr hereinkommt (Seite 280)."

Alex erinnert sich an seinen Besuch bei den Großeltern 1988 und den Eklat, nachdem der Großvater die von ihm gefundenen Briefe zum Anlass eines erbarmungslosen Verhörs gemacht hat. Vorsichtig fragt er die Oma, ob sie sich wieder mit Großvater vertragen habe:

"Ja, natürlich. Mach dir keine Sorgen wegen uns. Denk nicht mehr daran (Seite 281)."

Alex fühlt sich schuldig. Der Großvater hat wohl lange draußen in der Kälte gesessen, und er schlägt Oma vor, ihn zu holen: "Ich dachte, er würde vielleicht sterben, und dann wäre ich dafür verantwortlich." Aber Oma meinte, es wäre besser, wenn er noch ein bisschen da sitzen könnte. Die Oma bringt Alex schließlich zum Bus: "Pass auf dich auf, kleiner Alexander", sagt sie. "Du auch", antwortet er. Er erinnert sich:

"Ich steige ein, entdecke Oma auf dem Bürgersteig draußen, sie sieht klein aus zwischen den großen Männern, die die letzten Taschen und Koffer  im Bus verstauen. Jemand schließt mit einem Knall die Gepäcklucke, der Fährer lässt sich auf seinen Sitz fallen. Wir fahren los. Ich schaue noch lange zu Oma auf dem Busbahnsteig zurück. Ich sehe ihr sanftes Lächeln, bald aber verschwimmen die Umrisse, sie schrumpft auf einen winzigen schwarzen Punkt zusammen, der mit der Stadt verschmilzt (Seite 284)."

Alex Schulman ist ja nicht alleine, er ist nicht der einzige Enkel der Stolpes. Er schildert ein Gespräch mit seinem Bruder, der ihn besucht. Sie erinnern sich gemeinsam: Erinnerst du dich an die Familienessen?" Sie unterhalten sich und erzählen, dass Oma sich immer "den Hintern aufriss, damit alles fertig wurde".

"Und dann gab es endlich Essen, alles war schön gedeckt mit dem feinen Geschirr, und nachde sich gerade alle hingesetzt hatten, stand Großvater auf, faltete seine Serviette zusammen und sagte: 'Jetzt kommt Dallas.' 'Er ist einfach vom Tisch aufgestanden?' 'Ja, er ist aufgestanden und gegangen.' 'Das war eigentlich nicht besonders lustig.' 'Nein, das war total Scheiße, Oma gegenüber', sagt mein Bruder. 'Ich erinnere mich, dass er zu ihr immer eiskalt war' (Seite 204)."

Es hat ja alles gegeben! Ja, es hat auch den Versuch Karin Stolpes gegeben, ihren Mann zu verlassen. Alex Schulmans akribische Recherchen belegen wohl, dass Karin Stolpe beschließt, Sven zu verlassen. Sie will zu ihrer Mutter und bittet Olof Lagercrantz am 3. Juli 1932 um ein Treffen, um mit ihm ihre gemeinsame Zukunft zu beschließen. Und dennoch "ist es das letzte Mal, dass sie einander sehen, als sie sich in der Nachmittagssonne verabschieden". Alex Schulman kommentiert dies in seinen Aufzeichnungen folgendermaßen:

"So hätte es nicht kommen müssen. Es ist das sinnlose Spiel des Zufalls, das über ihre Zukunft entscheidet (Seite 247)."

Niklas Luhmann vermerkt in einem seiner letzten Aufsätze lapidar zur Tatsache unserer Geburt: "Sie wird als Faktum deklariert, ist aber zugleich, wenn man mitberücksichtigt, wie es dazu gekommen ist, ein extrem unwahrscheinlicher Zufall (in: Erziehung als Formung des Lebenslaufs, Frankfurt 1997)." An welch seidendünnen Fädchen hängt/hing wohl demnach die Geburt der Kinder des Ehepaares Stolpe und mittelbar eben auch die Geburt der Enkelkinder - einschließlich des Alex Schulman???

Das unfassbar Kontingente - die Zufallsabhängigkeit so unabsehbarer Entwicklungsdynamiken durchwirkt den Nexus der so tragisch und aussichtslos miteinander Verstrickten. Sven Stolpe reist Karin zu ihrer Mutter nach. Dort wo sich Karin endlich lossagt und sich einstimmt auf ihr Leben mit Olof. Und da bricht Sven erneut ein, indem er sich reu- und demütig gibt:

"Er bereue alles, ihm sei bewusst, dass er sich unmöglich verhalten habe, und er wolle sich entschuldigen. Er will mit ihr reden. Er will, dass sie das hinkriegen. Und wenn sie sich trennen wolle, dann sollten sie das doch wenigstens in aller Ruhe besprechen. Das habe er sich verdient. Er werde nur ein paar Tage bleiben, und wenn sie dann immer noch an Trennung dächte, werde er sie in Ruhe lassen. Und die Angst, die Karin so gut kennt, kehrt zurück. Sie wagt nicht, Nein zu sagen, denn sie weiß nicht, was er dann tut."

So lese ich es auf Seite 247 und auch in der Folge den Show-Down - den Versuch Olof Lagercrantz' Karin auf dem Hof ihrer Mutter zu besuchen, die Entdeckung Olofs durch Sven und schließlich die erneuten Attacken, das Aufbrechen des Traumas mit der konfrontativen, drohenden Frage an Karin: "Hast du hinter meinem Rücken eine Affäre mit Olof Lagercrantz?"

Ja, hatte sie - wir wissen es, jetzt weiß auch Sven Stolpe, was er immer gewusst hat - self-full-filling... Und Alex  w e i ß, was er seit jenen Tagen 1988 weiß, gefühlt, geahnt hat; damals als er Zeuge der Auseinandersetzung seiner Großeltern wurde. In Kapitel 40 schreibt er seine Erinnerungen und seine Ahnungen auf der Höhe seines nun gesicherten Wissens nieder. Alex sitzt auf der Treppe im Dunkel und lauscht durch die dünnen Wände, dem Streit seiner Großeltern:

"Das ist also dein endgültiger Versuch, mich zu töten. Das willst du also, jetzt verstehe ich, du willst mich umbringen!" Alex versucht aus den verbalen Attacken und Beschuldigungen, Ausfällen und Schreiereien seines Großvaters sich ein Bild zu machen: "Sechzig Jahre hast du diese Briefe aufbewahrt, sie vielleicht als kleine Nachlektüre gelesen. Jeden Abend, sechzig Jahre lang!" So geht es immer weiter, bis sie wieder in der Küche sind. "Er verfolgt sie mit seinem Hass durch das ganze Haus [...] Einmal frage ich mich, ob er ihr wehgetan hat. Da ist das Geräuch eines Aufpralls, das ich nciht einordnen kann, und Oma stößt einen spitzen Schrei aus [...] Die Tür öffent sich, und da steht er plötzlich, den Blick auf mich und die Treppe gerichtet. Ich weiß, dass ich mich im Stockfinstern befinde und er mich nicht sehen kann, deshalb rühre ich mich nicht und beobachte ihn, mit dem unangenehmen Gefühl, dass sein Blick mich durchbohrt. Dann dreht er sich zum Schrank um, zieht seinen Mantel an, geht zur Haustür und wirft sie hinter sich ins Schloss."

Alex geht zu seiner Oma in die Küche und versucht sich dafür zu entschuldigen, dass er dem Großvater die Briefe gezeigt hat:

"Es war nicht deine Schuld, mein Schatz. Das darfst du nicht glauben. Alles, was heute Abend passiert ist, ist nicht deine Schuld. Es ist seine Schuld." Die Oma bereitet ihm einen Kakao zu, den er so gerne trinkt und setzt sich zu ihm an den Küchentisch. Die beiden führen ein Gespräch, dessen Sinn sich Alex erst zwanzig Jahre später erschließt. In dessen Verlauf erwähnt sie ein Gedicht von Edith Södergrann: Das Land, das nicht ist. Sie zitiert eine Schlüsselzeile: "Ich sehen mich nach dem Land, das nicht ist [...] Ich sehne mich nach alldem, was nie geschehen ist [...] Diese Briefe sind das Land, das nicht ist." Sie versucht Alex zu trösten und meint: "Ich weiß nicht ob du das richtig verstehen kannst - jetzt. Aber was ich dir sagen will, ist, dass ich das, was ich mir selbst einmal versprochen habe, nicht halten konnte." Und sie ergänzt: "Sobald man das Gefühl hat, das Land, das nicht ist, sei verlockender als das Land, in dem man ist, ist man übel dran."

Es entspinnt sich ein kurzer Dialog, dessen Rätsel sich erst in der Jetztzeit erschließen:

"Empfindest du denn so?" fragt Alex.
"Ja, vielleicht."
"Aber wie ist es dazu gekommen?"
"Ich hatte keine Wahl."
"Wieso?" fragt Alex. "Jeder hat doch eine Wahl."
"Es sind Dinge passiert, ziemlich schlimme Dinge." Sie schaut aus dem Fenster.
"Aber das ist nichts, worüber wir jetzt zu reden brauchen."

Das 44ste Kapitel schließt nun einen Kreis, den Alex Schulman geknüpft hat, indem er - der nun Allwissende - uns durch jene kunstvolle Verknüpfung dreier Zeitebenen teilhaben lässt an einem Drama, das droht, vier Generationen des Stolpe-Zweigs ins Verderben zu führen - für deren drei ist es mehr oder weniger ein düsteres Faktum. Schon zum Abschluss des 18ten Kapitels - 1988 - stellt sich Alex mit Blick auf die Großeltern die Frage: "Wann ist es so still  zwischen ihnen geworden?" und gelangt zu der Auffassung: "Was ich sehe, ist ihre Endstation. Weiter können sie sich nicht voneinander entfernen." Es gibt aber ein Ferne, von der alle Beteiligten noch keine Ahnung haben. Sie führt für Sven Stolpe in die Demenz. Die wenigen Andeutungen erlauben Blicke aus einem Fenster, die mir sehr vertraut sind - vertraut durch die Begleitung meines Schwiegervaters in und durch die Demenz.

Karin Stolpe fertigt einen Stammbaum für ihren Mann an - versehen mit Fotos:

"Jeden Tag lag er da und schaute sich die Fotos an, versuchte, die Zusammenhänge zu begreifen, schaut auf seine eigene Familie und die Verwüstungen, die er angerichtet hat. All die Biografien, die er zerstört hatte. Das Erbe von Hass, mit Geschwistern, die nicht mehr miteinander redeten, hinter jedem Namen lauerten Konflikte und lebenslange Feindschaften. Er war schuld an allem, doch ds machte ihm sein Leben lang nichts aus, schon gar nicht am Ende, als er Mühe hatte überhaupt zu verstehen, wer er überhaupt war [...] Sven Stolpe war die Wurzel des Dunklen in der Familie, aber mit seinem Tod war der Fluch nicht gebrochen, das Gift lebte weiter. Es brach keine neue Zeit des Verständnisses und der Versöhnung an."

Wir Leser stehen vor solch apodiktischen Urteilen in der Regel mit großer Skepsis, zumal Alex seinen eigenen Großvater rettet, indem er uns die Verstrickung bis in die Generation des Urgroßvaters (väterlicherseits) offenbart - das Trauma des frühen Vaterverlustes für Sven Stolpe. Erst im Epilog bekennt sich Alex Stolpe zu der gewaltigen Kraft, die sich mit der Freilegung der Familiengeheimnisse freie Bahn schafft.

Großväter hütet euch vor euren Enkeln! Bemühen wir noch einmal das bereits erwähnte Vokabular zur Sprache der Familientherapie (Simon/Clement/Stierlin, Stuttgart 1999). Auf 
Seite 88 gibt es eine kurze Erläuterung zum Begriff Familiengeheimnisse:

"Bestimmte, häufig mit starken Angst- und Schulgefühlen besetzte Themen unterliegen einem familienweiten Tabu und dürfen nicht offen besprochen werden. Oft wissen jedoch alle Mitglieder darüber (mehr oder weniger genau) Bescheid. Das Tabu dient in erster Linie zur Vermeidung von Kränkungen und Konflikten.
Familiengeheimnisse stellen eine Form gemeinsamer Verleugnung dar, die nicht ohne weiteres als pathologisch anzusehen ist. Wahrscheinlich ist sie in allen Familien mehr oder weniger verbreitet und auch (in Grenzen) funktional. Wie bei anderen familiären Problemlösungsstrategien auch, entscheiden letztlich ihr Ausmaß und ihre Ausschließlichkeit über ihre Funktionalität oder Dysfunktionalität. So können Familiengeheimnisse dazu dienen, das Selbstwertgefühl der Mitglieder zu schützen. Sie werden problematisch, wenn sie Vertrauen untergraben, den Dialog verhindern und zu einer Wirklichkeitskonstruktion führen, die die Anpassungs- und Entwicklungsmöglichkeiten der Familie einschränken. Dies gilt vor allem dort, wo sie zur Aufrechterhaltung von Familienmythen dienen. Inhaltlich beziehen sich Familiengeheimnisse häufig auf Geheimnisse des Geschlechtslebens der Eltern (nichteheliche Geburten, 'Affären', frühere Ehen usw.) oder auf andere Ereignisse, die der Familie Schande bereiten könnten. Es handelt sich immer um Bereiche, die in unserer Gesellschaft tabuisiert sind und deren Offenlegung schmerzhafte Konsequenzen für das Selbstwertgefühl der Betroffenen haben könnte."

Alex Schulman stellt ein Familiengeheimnis auf ungewöhnliche Weise in den (literarisch-kulturellen) Raum. Dass er es mit literarischen Mitteln versucht und dabei therapeutische Schlüsselerfahrungen offenbart, macht ihn angreifbar und ehrt ihn zugleich. Das Literarische Quartett jedenfalls bildet nicht das angemessene Forum zur Würdigung seiner Anstrengungen; zumindest solange nicht, wie die Protagonisten mit meinungsbildendem Einfluss mehrheitlich davon ausgehen, literarische Qualität und autobiografische Selbsterforschung würden sich ausschließen.

Ich wünsche Alex Schulman jedenfalls, dass die gewaltige Kraft, die durch seine Erkenntnis- und Seelenwelt rauscht, ihm dabei helfen möge, seine affektlogischen Bezugssysteme in Ordnung zu bringen und dass es ihm auf diese Weise endlich gelingen möge, die beiden Erfassungmodi Fühlen und Denken mehr und mehr in Einklang zu bringen zum Segen aller - seiner selbst, seiner Kinder, seiner Frau und auch seiner Geschwister. Mir jedenfalls sind - neben meiner Heidelberger Zeit - vor allem auch bibliotherapeutische Interventionen immer von großem Nutzen gewesen.

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund