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Ausbruch aus dem generativen Gefängnis – Alex Schulman: Verbrenn alle meine Briefe (Teil I)

44 Kapitel werden gerahmt von einem Prolog (7 Seiten) und einem Epilog (5 Seiten). Die einzelnen Kapitel beanspruchen durchschnittlich knapp sieben Seiten; das längste vierzehn, das kürzeste eine Seite.

Alex Schulman – mir bislang vollkommen unbekannt – gewinnt den Titel seines Buches aus der flehentlichen Bitte, mit der eine junge Frau einen ebenso jungen Mann bittet, ihre an ihn gerichteten Briefe zu verbrennen: „Ich bitte Dich, Olof, verbrenn all meine Briefe.“ Und sie fährt fort: „Und verrate mich nicht. Mein Leben hängt davon ab. Und Deines ebenfalls.“

Alex Schulman enthüllt auf Seite 273 (von 297 Seiten) die folgenreiche Katastrophe einer „Liebesgeschichte ohne Happy End“. Er steckt auf diesen insgesamt 297 Seiten nicht nur den Rahmen ab für ein Liebesdrama galaktischen Zuschnitts; er bietet uns seine Hypothesen zu einer toxischen Familiendynamik an, in der er sich selbst wiederfindet als Protagonist, der mit der gleichen zerstörerischen Wut wie sein Großvater alles auf’s Spiel setzt und gefährdet, was ihm lieb und teuer ist. Alex Schulman beschreitet dabei einen Weg, der ihn in’s Offene führt – in eine Offenheit, die möglicherweise mit einer Besänftigung und Heilung seiner toxischen Männlichkeit enden könnte. Zuvor gelangt er aber an einen Punkt, der seinen Großvater – Sven Stolpe (offenbar ein gleichermaßen bekannter wie umstrittener schwedischer Schriftsteller und Gelehrter, verheiratet mit Karin Stolpe) als Quell eines unmäßigen, zerstörerischen, religiös unterfütterten Männlichkeitswahns enthüllt:

„In der Bibliothek hängt ein Foto von Sven aus den frühen Dreißigerjahren, auf dem er am Fuße der Stiftungsmauer steht. Ich betrachte die scharfen Konturen seines Gesichts. Die schmalen, angespannten Lippen. Den akkuraten Mittelscheitel. Die beinahe unsichtbaren Augenbrauen. Die schwarzen Augen. Ich weiß jetzt, was sich hinter diesen Zügen verbirgt. Desillusion, Narzissmus und Einsamkeit. Ein schwerkranker Mensch mit Wahnvorstellungen, die ihn für alle, die ihm nahekamen, gefährlich machten (S. 269).“

Der Prolog endet mit einem ultimativen Vorsatz:

„Sie (seine Frau und seine Kinder) sind der Grund, weshalb ich hier gelandet bin. Sie haben mir deutlich gemacht, dass ich etwas tun muss, bevor alles um mich herum zerbricht und verschwindet. Ich trage eine Wut in mir, und dagegen muss ich etwas unternehmen (S. 13).“

Gehen wir systematisch vor – unter der Maßgabe, dass ihn (den Enkel) und seinen Großvater bzw. seine Großeltern nicht nur zwei Generationen trennen, sondern ganz offenkundig ein kultureller Wandel, der mit Einflüssen des Zeitgeistes nur unzureichend zu erfassen ist. Zum Verständnis der nun folgenden Ausführungen sind grundlegende Informationen unverzichtbar:

  • Sven Stolpe (1905-1996) und seine Frau Karin Stolpe (1907-2003) – Alex Schulmans Großeltern (verh. 1931-1996) – sind ein Intellektuellenpaar, das in Schweden einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist/war. Aus ihrer Verbindung gingen drei Kinder hervor: Lisette Schulman (Alex Schulmans Mutter), Staffan Stolpe, Benkt Stolpe.
  • Zu Alex Schulman steht in Hugendubels „Büchermenschen“ zu lesen: „Längst ein Star in seiner schwedischen Heimat und international als großartige Entdeckung gefeiert: Alex Schulman, Jahrgang 1976, Blogger, Podcaster, Moderator und vor allem Bestsellerautor. Zum Kultstatus brachte er es mit seinen autobiografischen Werken wie ‚Glöm mig‘ (engl. ‚Forget about me‘, noch nicht auf Deutsch erschienen); 2017 Buch des Jahres. Nach seinem furiosen Familiendrama ‚Die Überlebenden‘ übertrifft er sich nun selbst mit seinem persönlichsten Roman: ‚Verbrenn alle meine Briefe‘, in Schweden sein bisher größer Erfolg!“

W U T – nachdem seine Frau ihn konfrontiert mit dem Zweifel, ob sie die Beziehung mit ihm weiterführen will, weil sie seine Wutausbrüche fürchte, bricht Alex Schulman (AS) auf hinter mögliche Motive und Antriebe seiner maßlose Wutausbrüche zu gelangen. In Kapitel 1 nimmt AS uns mit zur Therapie. Seine Therapeutin fragt ihn, ob er schon einmal eine Therapie gemacht habe: „Ich bin acht Jahre in Therapie gewesen“, antwortet AS und reflexartig stellt sich der Leser die Frage: „Was willst du – Alex – um Gottes Willen mit einer erneuten Therapie erreichen?“ Was sodann geschieht und geschildert wird, macht allerdings hohen Sinn. Die Therapeutin verfügt über ausgewiesene Expertise in der Methode des Familienstellens. AS benötigt lediglich sechs (6) Seiten, um deutlich zu machen, dass hier in wenigen Sitzungen der Schlüssel gefunden wird, um in bislang verborgene Bereiche (s)einer Familiendynamik vorzudringen. Der Therapeutin reicht dafür ein Flipchart, das ihr erlaubt gemeinsam mit AS alle wesentlichen Familienmitglieder zunächst einmal nur zu erfassen. Neben der Registratur reden die beiden „über Familiengeheimnisse, Trauer, Scheidungen und Todesfälle“. Es entsteht ein Tableau flankiert durch Notizen zu den Lebensgeschichten. Und AS stellt fest, dass es etwas in einem auslöse, „so viele Leben konzentriert und zusammengefasst auf einer so kleinen Fläche zu sehen.“ Zu einem Sesam-öffne-Dich gerät das Ganze durch eine schlichte Intervention der Therapeutin, indem sie AS bittet, die Verbindung der Familienmitglieder zueinander zu verdeutlichen: "Wenn Beziehungen zwischen zwei Personen gut ist, soll ich einen geraden Strich zwischen ihnen ziehen. Wenn es Konflikte gibt, eine Zickzacklinie. Der nächste Schritt gilt der Beantwortung der Frage, ob AS ein Muster erkenne, in dem was er da aufgezeichnet habe?

„Ich trete ein paar Schritte zurück. Verblüfft betrachte ich das Durcheinander von Namen, Jahreszahlen und Strichen. Ich habe es noch nie so klar gesehen, es ist beinahe, als hätte man mich einem Zaubertrick ausgesetzt, den ich nicht erklären kann. ‚Oh Gott‘, sage ich. ‚Erzählen Sie mir, was Sie sehen‘, sagt sie. Ich trete wieder an das Flipchart. Ich führe den Stift zu meinem Namen. Sehe die gerade Linie zwischen mir und meinem Vater und die gezackte Linie zwischen mir und meiner Mutter. Dann schaue ich die ganze Familie an. ‚Auf der Seite meines Vaters gibt es nur gerade Linien‘, sage ich. ‚Von meinem Vater, seinen Kindern, seinen Geschwistern und seinen Eltern aus. Alles ist harmonisch.‘ Ich führe den Stift auf die Seite meiner Mutter und ihrer Familie. ‚Aber hier…‘ Ich blicke auf ein Schlachtfeld, auf ein Durcheinander aus gezackten Linien. Überall sind Markierungen von Streit, Trennungen, und Auseinandersetzungen. Niemand wurde verschont. Hier herrscht Chaos.‘“

Wir werden Zeugen einer folgenreichen Erweckung, die in dieses Chaos Licht und Struktur hineintragen wird.

Kleiner Exkurs: Das literarische Quartett diskutiert – u.a. über Alex Schulman. Joachim Meyerhoff spielt den advocatus dei und bricht eine Lanze für Schulman. Die anderen reagieren reserviert bis ablehnend. Die Hauptbegründung liegt in der Zurückweisung des therapielastigen Plots. Der Einwand, dass Schulman der eigenen Familiengeschichte nachspürt, wird geradezu als Sakrileg empfunden – Therapie oder Literatur, das ist hier die Frage. Immerhin räumen Thea Dorn und Mithu Sanyal eine gewisse erzählerische Qualität ein, während ein gewisser Philipp Tingler kein gutes Haar an Schulmans unlauterem Versuch lässt, den Schreibakt als therapeutisches Setting zu missbrauchen. Aber Tingler hat gerade auch gar nichts verstanden. Meyerhoffs Hinweis, dass das Leben immer noch die authentischsten Dramen schreibt, erstickt Tingler in dem absurden Vorwurf, alle Figuren und Protagonisten seien viel zu statisch angelegt und insofern vollkommen entwicklungsarm bzw. –resistent. Schulman habe mit seinem Großvater den großen, bösen, weißen Mann als Generalabsolution entdeckt. Vielleicht steckt ja in Tingler selbst zu viel toxische männliche Ignoranz, um wenigstens in Erwägung zu ziehen, dass Figuren wie Sven Stolpe gerade dadurch hervortreten, dass ihre gesamte Wahrnehmung, ihr Handeln und ihre Weltdeutung ihren Ausgang findet von einer kränkungsgewaltigen Traumatisierung im intergenerativen Kontext. Keiner der ExpertInnen – Joachim Meyerhoff eingeschlossen – lässt sich dazu herab, diesen gewaltigen intergenerativen Sog in Schulmans Rekonstruktion zu markieren:

Sven Stolpes gigantisches Tagebuchunterfangen (die Rede ist von 10.000 Seiten – zu veröffentlichen zwanzig Jahre nach seinem Tod) wird von Karin Stolpe dem Reißwolf übereignet. Lediglich eine einzige Kladde entgeht ihrem verständlichen Vernichtungsfuror:

„Darin geht es um Kindheitserinnerungen, die bis dahin unbekannt gewesen waren. Der zehnjährige Sven Stolpe kommt von der Schule nach Hause und stellt fest, dass etwas anders ist als sonst. Er ruft nach seinen Eltern, doch niemand antwortet. Er geht ins Zimmer seines Vaters und sieht, dass es leergeräumt worden ist. Alle Spuren von ihm sind beseitigt. Im Wohnzimmer, zusammengekauert auf einem Sessel, sitzt seine Mutter und erzählt ihm unter Tränen, dass der Vater sie für eine andere Frau verlassen hat. Ich versuche den Jungen vor mir zu sehen, wie er mitten im kahlen Zimmer steht und ihm allmählich aufgeht, was das bedeutet. Papa ist fort und wird nie mehr zurückkehren. Ich versuche den ultimativen Verrat zu begreifen, dem er sich plötzlich ausgesetzt sieht. So entsteht die Wunde, der Schrecken nimmt Gestalt an. Und in diesem Moment beschließt Sven: Das darf nie wieder geschehen.“

So schreibt Stolpe sein Leben lang „mit glühender Wut über den Verrat… Und alle Abscheu richtet sich gegen eine einzige Person, und das ist nicht etwa der Vater, der die Familie verlassen hat – sondern die Frau, die er für sie verlassen hat. Die verdorbene Frau, die seine Familie zerstört hat, wird zum Feindbild (S. 295f.).“

Wer mag sich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, ob Literatur (von Rang) sich auf autobiografische Weise mit familien- und beziehungsdynamischen Prozessen auseinandersetzten soll/darf? Büßt eine formal ambitionierte Auseinandersetzung mit existentiellen Grundfragen allein deshalb schon an Wertschätzung ein, weil sie sich offen als solche zu erkennen gibt? Den Protagonisten des literarischen Quartetts – im vorliegenden Fall mit Ausnahme von Joachim Meyerhoff – sei nahegelegt von ihrem hohen Ross abzusteigen und anzuerkennen, dass Alex Schulman auf gleichermaßen legitime wie beeindruckende Weise einen Stoff zum klingen und schwingen bringt, der dazu taugt sehr grundlegende Fragen zu stellen; Fragen im Übrigen, die eine gesellschaftliche Brisanz in sich bergen, denen sich Karl Otto Hondrich seinerzeit halb soziologisch halb literarisch gestellt hat (siehe: Meine Lieben, in: Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft, Frankfurt 2004).

Wie gelingt es nun Alex Schulman - formal ambitioniert und für mich auf beeindruckende Weise, einen komplexen Stoff in den Griff zu bekommen? Hier geht es weiter: Teil II
   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund