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Ausbruch aus dem generativen Gefängnis – Alex Schulman: Verbrenn alle meine Briefe (Teil V)

Siehe hier: Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV

1988

Alex Schulman ist zwölf Jahre alt. Er ist - wie so häufig zu Besuch bei seinen Großeltern, und er ist gern bei seinen Großeltern; vor allem bei seiner Großmutter: "Ich liebe es bei meinen Großeltern zu frühstücken... Oma betritt die Küche. Als sie mich sieht, strahlt sie... Meinen warmen Kakao bereitet Oma mit so feierlicher Sorgfalt zu, als folge sie einem uralten Rezept." Alex scheint eine feine Beobachtungsgabe zu haben. Er schildert die Gewohnheiten, Rituale und Marotten seiner Oma mit inbrünstiger Anteilnahme:

"Ich habe noch nie jemanden so Brot essen sehen wie Oma. Sie schneidet die Scheibe in Vierecke, die sie sich anschließend in den Mund steckt. Kleine quadratische Häppchen. Es ist sehr zeitaufwendig. Wenn sie fertig ist, schichtet sie die übrig gebliebenen Kanten zu einem ordentlichen Haufen auf den Teller, für die Vögel."

Und dann ist da dieser Großvater. Alex wäscht sich die Hände.

"Als ich zurückkomme, sehe ich bereits durch die Glastür, dass Großvater am Frühstückstisch Platz genommen hat. Ich bleibe stehen und betrachte meine Großeltern einen Moment lang durch die Scheibe. Großvater streicht sich eine Scheibe Brot, und als er den Käseteller haben will, zeigt er darauf, und Oma Reich ihn ihm. Dann essen sie schweigend weiter. Schauen auf die Tischplatte hinunter [...] Ich fühle mich plötzlich so unglücklich, denn ich begreife, dass das das wahre Bild ist: So ist es, wenn ich nicht bei ihnen bin. Wenn sie niemanden sonst zum Reden haben. Was ich sehe ist ihre Endstation. Weiter können sie sich nicht voneinander entfernen. Ein vages Gefühl, dass da etwas ist, das ich nicht verstehe. Warum reden sie nicht miteinander? Wann ist es so still zwischen ihnen geworden?"

Eines Tages 1988. Alex beschreibt und erinnert die besonderen Momente; Momente, in denen die Oma ihm ihre Schatztruhen öffnet:

"Hier liegt Omas gesammelte Korrespondenz. Jeder Karton entspricht einem Jahr ihres Lebens. 'Na, dann schau mal, ob du etwas Neues entdeckst.' [...] Seit ich acht bin, sammle ich Briefmarken. Meine Sammlung umfasst drei Alben mit Marken aus aller Welt (die Oma als renommierte Übersetzerin korrespondiert in alle Herren Länder, Verf)." Alex entdeckt eine kleine Kiste: "In der Kiste liegt ein kleines Bündel mit etwa zehn Umschlägen. Sie sind mit einem rosa Seidenband verschnürt. Ich öffne die Schleife. Die Briefe sind sehr alt und an eine 'Ka Larsson' (postlagernd) adressiert. Auf manchen Umschlägen kleben die schönen Fünfzehn-Öre-Briefmarken mit dem ehemaligen König drauf. Davon habe ich noch keine, ein Schauer überläuft mich. Ich renne ins Wohnzimmer hinunter. Großvater sitzt auf einem Sessel und liest die Morgenzeitung und Oma daneben. Das Radio läuft. 'Oma, schau mal, was ich gefunden habe! Darf ich diese Marken haben?' Oma blickt von ihrem Kreuzworträtsel auf. Dann geht alles ganz schnell. Sie eilt zu mir. 'Die nehme ich mal lieber an mich', sagt sie. Sie reißt mir das Bündel aus der Hand. Panik in ihrem Blick. Ich bin es so gewohnt, Situationen zu deuten, bevor sie passieren. Aber jetzt begreife ich nichts mehr. Oma läuft zur Tür. Großvater dreht sich zu ihr um. 'Was sind das für Briefe?', fragt er (Seite 217ff.)."
"Oma und Großvater, zwei kleine alte Leute mitten in ihrer großen Küche. Großvater sieht Oma scharf an, und sie blickt zu Boden [...] Oma hält den Kopf gesenkt, die Hände hängen zu beiden Seiten herab. Sie will Großvater nicht in die Augen blicken [...] Er baut sich wie ein Riese vor ihr auf. Er hält ihr das Bündel Briefe vors Gesicht. 'Du hast eure Briefe aufgehoben?'

Nun müsst Ihr selber weiterlesen - nur mit Blick auf Alex möchte ich diese Schlüsselszene noch einmal aufgreifen:

"'Und du'", sagt er dann zu mir, 'wo hast du sie gefunden?' Großvater geht auf mich zu. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich verstehe immer noch nicht, was hier auf dem Spiel steht. 'Keine Ahnung.' 'Keine Ahnung? Lagen sie in Karins Schreibtischschublade? Oder auf ihrem Nachttisch?' 'Ich weiß es nicht mehr.' 'Wie bitte?' Seine Stimme kippt ins Falsett. 'Du weißt es nicht mehr? Du hast sie doch eben erst gefunden!' 'Aber ich weiß es nicht mehr.' Ich will Oma nicht verraten. 'Dann schauen wir doch mal', sagt Großvater... (Seite 2337ff.)."

In detektivischer Kleinstarbeit fügt Alex Schulman mehr als zwanzig Jahre nach dem Tod seines Großvaters und mehr als zehn Jahre nach dem Tod seiner Oma Puzzleteil für Puzzleteil zusammen.

Exkurs (auch zur dilletantischen Würdigung Alex Schulmans im Literarischen Quartett):

Fritz B. Simon, Ulrich Clement und Helm Stierlin haben 1999 die fünfte, völlig überarbeitete und erweiterte Auflage der Sprache der Familientherapie - Ein Vokabular - Kritischer Überblick und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden (Klett-Cotta, Stuttgart 1999) herausgegeben. Auf Seite 26 wenden sie sich dem Begriff der Affektlogik zu:

Nach Luc Ciompis Konzept - ist zu lesen - bestehe die Psyche aus einem "hierarchisierten Gefüge von 'affektlogischen Bezugssystemen', d.h. von internalisierten Denk-, Fühl- und Verhaltensschemata mit untrennbar verbundenen kognitiven und affektiven Anteilen. Sie stellen einen gleichzeitigen (synchronen) Niederschlag der lebensgeschichtlich nacheinander (diachron/synchron) gemachten Erfahrungen dar." Dabei erfasse Gefühl in erster Linie Ganzheiten und Muster; es entstehe und vergehe langsam; sein Instrument und Sitz sei vorwiegend der Körper. Hingegen erfasse das Denken vor allem Teile und Relationen. Und nun kommen entscheidende Hinweise, die die Frage nach dem merkwürdigen Zusammenhang zwischen der Familiendynmik in Alex Stolpes Herkunftsfamilie und den nicht ohne weiteres erklärbaren affektlogischen Irritationen in Alex Schulmans Persönlichkeitsstruktur beantworten könnten:
Nach der Auffassung Luc Ciompis ist die Wirklichkeit von einem Individuum dann verhaltensökonomisch und harmonisch erfasst, "wenn diese beiden Erfassungsmodi >das gleiche sagen<. Aus ihrer Diskrepanz in Wahrnehmung und Kommunikation ergeben sich spannungsvolle Disharmonien, die zu einer Verwirrung der internalisierten affektlogischen Bezugssysteme und des darauf gegründeten Verhaltens führen können."

"Aber jetzt begreife ich nichts mehr."

 

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund