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Ausbruch aus dem generativen Gefängnis – Alex Schulman: Verbrenn alle meine Briefe (Teil VI)

Siehe hier: Teil ITeil II, Teil IIITeil IV, Teil V

"Aber jetzt begreife ich nichts mehr." 

Seite 189ff. - wir schreiben den 29. Juni 1932:

"Endlich kommt Sven aus dem Bad, und ihre Blicke treffen sich kurz, als sie aneinander vorbeigehen. Er wirkte nicht wütend. Seine Augen sind ausdruckslos. Als sie gerade die Badezimmertür hinter sich schließen will, hält er diese fest und öffnet sie weit. Sie sehen einander an. 'Wenn du mir jemals untreu bist, werde ich als Erstes ihn erschießen. Dann dich. Und zuletzt mich selbst.'"

Was folgt im engen Zeitfenster des Aufeinandertreffens im Stiftungshaus Sigtuna ist die kalkulierte Vorwegnahme - die Antizipation und die rückblickende Gewissheit, dass er Opfer des immer gefürchteten, des immer herbeigeredeten sexuellen Attentats wird - ja immer schon war. Sven Stolpe offenbart seine pathologische Ich-Bessesenheit, seinen Verfolgungswahn und seinen radikal-rücksichtslosen Vernichtungswillen, indem er in einem Akt unvorstellbarer Demütigung Karin Stolpe, seine Frau, in einer öffentlichen Lesung vor den Stiftungsgästen hinrichtet - hinrichtet auch deshalb weil sich Ahnungen und Gewissheiten in einen unauflösbaren Sprengsatz verdichten (die Gewissheit resultiert aus dem Wissen um eine Abtreibung, die Karin bereits vor ihrem Kennenlernen auf sich genommen hat). Die Ahnung - Olof Lagercrantz - hat Sven Stolpe fest im Blick - eine self-full-filling-prophecy!

"Sven liest vor dem andächtig lauschenden Publikum über Dinge, die für niemand anderen gedacht gewesen sind. Sie muss eine Möglichkeit finden, zu sich zurückzukehren, einen Halt für ihre Füße zu finden [...] Sven liest immer langsamer, je näher es auf das Ende zugeht, mit hoher Intensität. In der letzten Szene erwürgt der Held seine untreue Frau (Seite 199)."

Seite 263ff. - wir schreiben den 9. Juli 1932:

"'Bitte, Sven, sagt Karin, 'fahr langsamer!' Er antwortet nicht. Er beschleunigt, sie sieht seinen finsteren Blick, er ist nicht mehr erreichbar. 'Halt an und lass uns in Ruhe reden.' 'Ich habe nicht vor, mit einer Frau zu leben, die mich betrügt', brüllt er."

Die Zeit scheint sich ins Endlose zu denen, eine Einkrümmung in die finale Verdrehung des Sven Stolpe:

"Ein langer, runder Vokal dringt aus Svens Kehle, er beginnt kaum hörbar, wird aber lauter, je näher sie der Kuppe kommen. Das Auto durchbricht die niedrige Leitplanke. Karin reißt schützend die Arme vors Gesicht. Als würde das irgendetwas nützen. Mit hundert Stundenkilometern fährt Sven über den Abgrund."

Beide überleben den Unfall. Schwer verletzt werden sie in ein Krankenhaus eingeliefert und notoperiert. Sie liegen nebeneinander im selben Krankenzimmer. Es wird Abend und Sven versucht sich Karin zuzuwenden:

"'Karin', sagt er. Sie antwortet nicht. 'Ich wollte überholen. Ich habe den entgegenkommenden Wagen zu spät gesehen. Deshalb musste ich ausweichen, und so sind wir von der Fahrbahn abgekommen. Es war ein schrecklicher Unfall.' Karin schaut zur Decke. Sieht, dass die Lampe nicht funktioniert, wahrscheinlich müsste die Birne gewechselt werden. Lautlos beginnt sie zu weinen. 'Sind wir uns einig?', fragt er. 'Ja', antwortet sie."

Und Alex Schulman beginnt zu begreifen.

   
   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund