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Benedict Wells: Kurve und/oder Linie
Benedict Wells widmet der Frage Kurve und/oder Linie zweieinhalb Seiten in Die Geschichten in uns - Vom Schreiben und Leben (Diogenes - Zürich 2024). Er schreibt nicht sozusagen mitten aus dem Leben, sondern er nimmt konsequent die Perspektive bzw. Haltung eines Erzählers ein, der sich bezogen auf Kurve und/oder Linie einige Fragen beantworten muss. Gleichwohl zweifelt wohl kaum jemand daran, dass die Figuren, die Hauptprotagonisten mit diesem binären Unterscheidungsmerkmal - Kurve und/oder Linie - unterschieden werden können. Und es ist auch so, dass Benedict Wells unsere eigene Vergangenheit zum Bezugspunkt macht:
"Denken wir an unsere eigene Vergangenheit, die irgendwann zu unserem Jetzt wurde, schreiben wir uns gern ein logische Entwicklung zu [...] Wir wünschen uns eine charakterliche Entwicklung [...] Aber wir sind beim Schreiben nicht der Sklave dieses Wunsches. Wir sollten die Erwartungen kennen, die wir mit unserer Geschichte bei den Leser:innen wecken - dann können wir damit spielen." (S. 283)
Aber Benedict Wells weist im gleichen Atemzug darauf hin, dass die Wirklichkeit nie so nachvollziehbar und konsequent sei wei in einem Roman: "Oft entwickeln sich Menschen nicht und machen die gleichen Fehler wieder und wieder. Und fast immer enden die Dinge anders, als wir es uns wünschen: zufälliger, chaotischer, weniger logisch." Umgekehrt störe es ihn, dass pessimistische Geschichten als realistischer gelten, den in der Wirklichkeit sei beides gleichermaßen möglich:
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Mascha Schilinski: Die Geheimnisse ganzer Generationen
Hannah Pilarczyk fällt die Aufgabe zu uns In die Sonne schauen näher zu bringen (SPIEGEL, 35/25 - Die Geheimnisse ganzer Generationen, S. 108-110). Wir können in ihrer Hommage Sätze lesen wie:
">In die Sonne schauen< erzählt von einem Bauernhof in der Altmark Sachsen-Anhalt, auf dem junge Frauen zwischen den Ansprüchen ihrer Familien, der Arbeit und der Zeitläufe zerrieben werden." Oder: "Einen ambitionierteren Film als >In die Sonne schauen< hat es im deutschen Kino tatsächlich schon lange nicht gegeben."
Ich bin zwar 73 Jahre alt, aber ich besitze keine cineastische Expertise. So jemanden beeindruckt ein Zitat, das die Bedeutung dieses Films - auch für einen lausigen Kinogänger - irgendwie begreiflich macht: "Nach In die Sonne schauen müsse man das Wesen des Films neu denken, schrieb der Branchendienst >The Hollywood Reporter<."
Und dann begreife ich sehr schnell, dass hier über einen Film gesprochen wird, dessen vergleichbares Format - Hildes Geschichte - ich schon seit Jahrzehnten in mir trage. Hanna Pilarzyk schreibt:
">Transgenerationale Traumata< lautet das aktuelle Stichwort dazu. Doch von der didaktischen Aufbereitung eines zeitgeistigen Themas könnte In die Sonne schauen in seiner wilden, assoziativen Poesie nicht weiter entfernt sein. Man spürt den Film mehr, als dass man ihn versteht. >Louise (Schilinskis Co-Autorin) und mich hat beschäftigt, dass man in seinem Leben manchmal stellvertretend Themen verhandelt, die gar nicht zwingend in der Biografie zu verorten sind, vondern von wa ganz anders herzukommen scheinen<, sagt Schilinski. >Als würde man für seine Vorgänger etwas ausfechten, was diese in ihrem Leben vielleicht selbst nicht bewältigen konnten.< Als >leises inneres Beben< beschreibt sie dieses Gefühl, ihm habe sie in ihren Figuren nachspüren wollen. >Wo verbergen sich Geheimnisse in der Familiengeschichte? Wo ist etwas so schambehaftet, dass man es nicht erzählen kann - nicht einmal auf dem Sterbebett?<"
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Reiseimpressionen hinein ins Leben und wieder hinaus - und immer dabei mit Dank für Hildes Geschichte
Da kommt der eine Opa mit seinen Enkeln vom anderen Opa, der sich im BWZK von einer verletzungsbedingten Blutvergiftung erholt, und dem man die freudestrahlende Zufriedenheit anmerkt, ob des Besuchs seiner Enkel und seines Pendants nach Hause; hocherfreut dort seiner jüngsten Enkelin mit ihrer hochschwangeren Mutter zu begegnen, die die Oma besuchen. Als dann noch der Schwiegersohn hinzukommt und beide mitnimmt, ist der Tag so rund, wie es Konrad Gold am 24. Juli in einem Leserbrief an die ZEIT (31/25, S. 15) auf den Punkt bringt:
"Auf ein ziemlich langes Leben zurückblickend stelle ich fest: Im Vergleich im Glück mit Kindern (und inzwischen Enkeln) ist alles Monetäre, alles beruflich Erreichte einer bemerkenswerten Beduetungslosigkeit anheimgefallen. Geblieben ist die Begeisterung fürs Weitergeben des Lebens an Folgegenerationen. Notfalls hätte ich fürs >Kinder bekommen dürfen< sogar Luxussteuer bezahlt."
Eingedenk der Familiendynamiken, der unvermeidbaren und notwendigen Individuation mit und gegen die bedeutsamen Anderen, ist gewiss nicht alles Gold, was da glänzt. Und erst im langen Atem, der die eigenen Kindern erfahren lässt, dass unverbrüchliche Zugehörigkeit und nestwarme Geborgenheit verbürgt sind und sich ausschleichen, sich wandeln und erhalten dürfen hinein in die Selbstständigkeit selbstverantwortlicher Individuen, die dann ihrerseits das Erfahrene weiterzugeben vermögen - nach unten wie nach oben - zeigt sich, was Konrad Gold so altruistisch feiert: Der Mensch ist, weil er sich verdankt und im Dank jenen Modus findet, in dem sich Herkunft und Zukunft begegnen. Die Volljährigkeit - zu meiner Jugend noch mit dem Erreichen des 21sten Lebensjahr verbunden - war in diesem Sinne immer ein Anlass zum Feiern - Inititationsritus und Ausstoßung zugleich.
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Jonathan Lear: Dankbar? Wofür?
Bei meiner nach 13 Jahren erneuten, kommentierten online-Präsentation von Hildes Geschichte ist Halbzeit - in Kapitel 15/16 erleben wir, wie das Leben von Hildes Tochter angestoßen wird. Da kommt mir - sozusagen als Reflexionsimpuls die - Anregung Jonathan Lears gerade recht. Denn es stellt sich natürlich die Frage, warum diese erneute Auseinandersetzung? Warum gerade jetzt? Nun: der Todestag meiner Mutter hat sich am 27. Juli zum 22sten Mal gejährt. Meine Schwester, Hildes Tochter, ist am 5. Juni 83 Jahre alt geworden, und sie hat sich in dieser Woche erfolgreich einem Eingriff am Herzen unterzogen - da darf man auch schon einmal nachdenklich werden und dankbar zurückschauen. Hinzu kommt die fulminante Auseinandersetzung Henning Sußebachs mit seiner Urgroßmutter, in der er den zentralen Begriff der Vorleistung einführt. Dies hat mich noch einmal zutiefst in der schon lange habitualisierten Haltung bestärkt, dass der Mensch ist, weil er sich verdankt. Und dazu hält in der Tat Jonathan Lear interessante Anregungen bereit:
Jonathan Lear, geboren 1948 in New York, hat über Aristoteles promoviert, ist heute Professor für Philosophie an der Universität Chicago und praktiziert als Psychoanalytiker. So stellt ihn die ZEIT 35/25 vor. Der Untertitel des Interviews, dass Elisabeth von Thadden mit ihm führt, lautet: Jonathan Lear ist Philosoph und Psychoanalytiker. Jetzt denkt der 76jährige über einerstaunliches Thema nach: DankbarkeitElisabeth von Thadden stellt zu Beginn die Frage, was denn für den Analytiker an Dankbarkeit interessant sei. Lear antwortet, dankbar zu sein, habe zentral mit der Natur des Menschen zu tun:
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Henning Sussebach - Danke für: Danke, Anna! - gewidmet Michael, Ann-Christin, Laura, Kathrin, Anne (und ihren Kindern) und: Danke für Hildes Geschichte
Henning Sussebach gehört dem Jahrgang 1972 an. Er ist damit 20 Jahre jünger als ich - und 10 Jahre jünger als mein Neffe. Denselben erwähne ich an dieser Stelle, weil wir in langer, langer Verbundenheit die Neigung teilen, Geschichte auch als Sozialgeschichte zu begreifen. Er verfügte bis zur Ahrflut 2021 über eine erlesene Bibliothek und erweist sich - in manchen historischen Spezialgebieten (z.B. mit Blick auf die Weimarer Republik) weitaus belesener als ich. Unter anderen ihm widme ich diesen Beitrag, in dem mich Henning Sussebach zutiefst bestätigt in meinem ganz persönlichen Bemühen, die Geschichten von Menschen zu bewahren, die für uns in Vorleistung gingen.
Es geht bei Henning Sussebach um: Anna oder: Was von einem Leben bleibt. erschienen im Verlag C.H. Beck - es geht in diesem Buch um Henning Sussebachs Urgroßmutter Anna Raesfeld. Wenn Henning Sussebach in seiner Rückschau dem überaus bemerkenswerten Leben seiner Urgroßmutter ein ganzes Buch widmet, dann erlaubt er uns damit einen Blick in die Geschichte - in Sonderheit in die Sozialgeschichte, in die Emanzipationsregungen im ausgehenden 19. hinein ins beginnende 20. Jahrhundert. Und darüber hinaus setzt er aus den von ihm geborgenen Mosaiksteinen die ganz persönliche Lebensgeschichte, die Lebensumstände, Lebensentscheidungen und Schicksalsschläge seiner Urgroßmutter zusammen. Bemerkenswert erscheint mir sein Resümee:
