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Reiseimpressionen hinein ins Leben und wieder hinaus - und immer dabei mit Dank für Hildes Geschichte

Da kommt der eine Opa mit seinen Enkeln vom anderen Opa, der sich im BWZK von einer verletzungsbedingten Blutvergiftung erholt, und dem man die freudestrahlende Zufriedenheit anmerkt, ob des Besuchs seiner Enkel und seines Pendants nach Hause; hocherfreut dort seiner jüngsten Enkelin mit ihrer hochschwangeren Mutter zu begegnen, die die Oma besuchen. Als dann noch der Schwiegersohn hinzukommt und beide mitnimmt, ist der Tag so rund, wie es Konrad Gold am 24. Juli in einem Leserbrief an die ZEIT (31/25, S. 15) auf den Punkt bringt:

"Auf ein ziemlich langes Leben zurückblickend stelle ich fest: Im Vergleich im Glück mit Kindern (und inzwischen Enkeln) ist alles Monetäre, alles beruflich Erreichte einer bemerkenswerten Beduetungslosigkeit anheimgefallen. Geblieben ist die Begeisterung fürs Weitergeben des Lebens an Folgegenerationen. Notfalls hätte ich fürs >Kinder bekommen dürfen< sogar Luxussteuer bezahlt."

Eingedenk der Familiendynamiken, der unvermeidbaren und notwendigen Individuation mit und gegen die bedeutsamen Anderen, ist gewiss nicht alles Gold, was da glänzt. Und erst im langen Atem, der die eigenen Kindern erfahren lässt, dass unverbrüchliche Zugehörigkeit und nestwarme Geborgenheit verbürgt sind und sich ausschleichen, sich wandeln und erhalten dürfen hinein in die Selbstständigkeit selbstverantwortlicher Individuen, die dann ihrerseits das Erfahrene weiterzugeben vermögen - nach unten wie nach oben - zeigt sich, was Konrad Gold so altruistisch feiert: Der Mensch ist, weil er sich verdankt und im Dank jenen Modus findet, in dem sich Herkunft und Zukunft begegnen. Die Volljährigkeit - zu meiner Jugend noch mit dem Erreichen des 21sten Lebensjahr verbunden - war in diesem Sinne immer ein Anlass zum Feiern - Inititationsritus und Ausstoßung zugleich.

Jonathan Lear: Dankbar? Wofür?

Bei meiner nach 13 Jahren erneuten, kommentierten online-Präsentation von Hildes Geschichte ist Halbzeit - in Kapitel 15/16 erleben wir, wie das Leben von Hildes Tochter angestoßen wird. Da kommt mir - sozusagen als Reflexionsimpuls die - Anregung Jonathan Lears gerade recht. Denn es stellt sich natürlich die Frage, warum diese erneute Auseinandersetzung? Warum gerade jetzt? Nun: der Todestag meiner Mutter hat sich am 27. Juli zum 22sten Mal gejährt. Meine Schwester, Hildes Tochter, ist am 5. Juni 83 Jahre alt geworden, und sie hat sich in dieser Woche erfolgreich einem Eingriff am Herzen unterzogen - da darf man auch schon einmal nachdenklich werden und dankbar zurückschauen. Hinzu kommt die fulminante Auseinandersetzung Henning Sußebachs mit seiner Urgroßmutter, in der er den zentralen Begriff der Vorleistung einführt. Dies hat mich noch einmal zutiefst in der schon lange habitualisierten Haltung bestärkt, dass der Mensch ist, weil er sich verdankt. Und dazu hält in der Tat Jonathan Lear interessante Anregungen bereit:

Jonathan Lear, geboren 1948 in New York, hat über Aristoteles promoviert, ist heute Professor für Philosophie an der Universität Chicago und praktiziert als Psychoanalytiker. So stellt ihn die ZEIT 35/25 vor. Der Untertitel des Interviews, dass Elisabeth von Thadden mit ihm führt, lautet: Jonathan Lear ist Philosoph und Psychoanalytiker. Jetzt denkt der 76jährige über einerstaunliches Thema nach: DankbarkeitElisabeth von Thadden stellt zu Beginn die Frage, was denn für den Analytiker an Dankbarkeit interessant sei. Lear antwortet, dankbar zu sein, habe zentral mit der Natur des Menschen zu tun:

Henning Sussebach - Danke für: Danke, Anna! - gewidmet Michael, Ann-Christin, Laura, Kathrin, Anne (und ihren Kindern) und: Danke für Hildes Geschichte

Henning Sussebach gehört dem Jahrgang 1972 an. Er ist damit 20 Jahre jünger als ich - und 10 Jahre jünger als mein Neffe. Denselben erwähne ich an dieser Stelle, weil wir in langer, langer Verbundenheit die Neigung teilen, Geschichte auch als Sozialgeschichte zu begreifen. Er verfügte bis zur Ahrflut 2021 über eine erlesene Bibliothek und erweist sich - in manchen historischen Spezialgebieten (z.B. mit Blick auf die Weimarer Republik) weitaus belesener als ich. Unter anderen ihm widme ich diesen Beitrag, in dem mich Henning Sussebach zutiefst bestätigt in meinem ganz persönlichen Bemühen, die Geschichten von Menschen zu bewahren, die für uns in Vorleistung gingen.

Es geht bei Henning Sussebach um: Anna oder: Was von einem Leben bleibt. erschienen im Verlag C.H. Beck - es geht in diesem Buch um Henning Sussebachs Urgroßmutter Anna Raesfeld. Wenn Henning Sussebach in seiner Rückschau dem überaus bemerkenswerten Leben seiner Urgroßmutter ein ganzes Buch widmet, dann erlaubt er uns damit einen Blick in die Geschichte - in Sonderheit in die Sozialgeschichte, in die Emanzipationsregungen im ausgehenden 19. hinein ins beginnende 20. Jahrhundert. Und darüber hinaus setzt er aus den von ihm geborgenen Mosaiksteinen die ganz persönliche Lebensgeschichte, die Lebensumstände, Lebensentscheidungen und Schicksalsschläge seiner Urgroßmutter zusammen. Bemerkenswert erscheint mir sein Resümee:

Kurzweil mit: KI - KI - KI - KI - KI - KI - KI - KI - KI 

Ich habe keine Ahnung von KI. Die ZEIT 32/25 hilft dabei, mein rudimentäres Nichtwissen zu einem defizitären Halbwissen zu entwickeln. An dem langen, langen Interview Kerstin Kohlenbergs (der vorstehende Link zu Kerstin Kohlenberg stammt aus dem Jahr 2016 und war schon seinerzeit der Briefempfängerin zugedacht, die weiter unten in Erscheinung tritt) und Stephan Leberts mit Ray Kurzweil (77), interessiert mich alles und nichts - vor allem aber die Passage, an der Ray Kurzweil uns prophezeit, dass wir auf eine neue Schnittstelle von KI und unseren Gehirnen zusteuern.

Dazu eine kleine Impression: Vorgestern sind wir morgens früh mit der Fähre von Juist nach Norddeich-Mole gefahren - gemeinsam mit Laura, Thomas und Anouk, unserer jüngsten Enkelin - (die/der) allerjüngste wird uns im September beglücken. Diese beiläufig erscheinende Info ist allein deshalb schon wichtig, weil (alle) unsere Enkelkinder in jene Welt hineinwachsen, die Ray Kurzweil in besagtem Interview skizziert. Jedenfalls drängte sich von meinem Platz auf der Fähre immer wieder eine großer, ovaler Tisch in mein Blickfeld. An diesem Tisch saß eine Reisegruppe - bestehen aus einem knappen Dutzend Frauen mittleren Alters. Früher hätten mich vielleicht die Frauen selbst interessiert - an diesem Morgen war es ihr auffällig-unauffälliges Verhalten. Alle - ohne Ausnahme - saßen phasenweise still auf ihrem Platz, den Blick gesenkt. Sie schauten auf ihre Handys, daddelten wo auch immer herum und vermittelten den Eindruck mit sich und der Welt im Einklang zu sein; ja mit sich und der Welt (da draußen im www). Es wurde auch gelacht, zwischendurch geredet. Immer wieder aber senkte sich Schweigen über die Gruppe, begleitet von Kaubewegungen und fingerschnellen Tastvorgängen.

Nun zu der Schlüsselstelle in besagtem Interview und der Verlagerung von Schnittstellen. Kerstin Kohlenberg und Stephan Lebert fragen bzw. bemerken:

Jussi Adler-Olsen - Reden wir über den Tod

In wenigen Tagen - am 2. August - wird Jussi Adler-Olsen fünfundsiebzig Jahre alt. Reden wir über den Tod - Wie macht man weiter, wenn man unheilbar krank ist? Der Bestsellerautor über seinen Kampf gegen den Knochenmarkkrebs. Man kann das in der akteullen ZEIT-Ausgabe (31/25) nachlesen. Jussi Adler-Olsen ist fast 1 1/2 Jahre älter als ich. Ich habe ältere Freunde, einer der engsten hat mir eröffnet, dass er seit geraumer Zeit Mitglied der Gesellschaft für humanes Sterben (DGHS) ist. Wir reden viel über den Tod - eigentlich vergeht kein Tag, ohne dass er gemeinsam mit uns am Tisch sitzt (siehe: Leben und Sterben, wo ich hingehöre). Natürlich sterben signifikant mehr Menschen im Umfeld, in den Alterskohortem der jungen Alten und der alten Alten. Für die meisten von uns markiert der Tod der eigenen Großeltern und Eltern und naher Verwandter jene Wegmarken, die manchmal den Charakter und die Bedeutung von Wendepunkten annehmen. Im Kontext so gravierender gesellschaftlicher Veränderungen wie sie Andreas Reckwitz mit: Verlust - Ein Grundproblem der Moderne (Suhrkamp-Verlag, Berlin 2024) aufgreift, mag mich das nicht verwundern. Die Verwunderung hält sich deshalb in Grenzen, weil ich von jenem Wendepunkt an, der mit dem Tod meines Bruders im Jahre 1994 verbunden ist, mein eigenes Leben nicht nur der Achterbahn ausgesetzt habe, sondern es einer radikalen Neuorientierung unterzogen habe.

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund
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