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Als Dilemma wird eine Situation bezeichnet, aus der es zwei Auswege gibt. Beide führen nicht zum gewünschten Ergebnis.

Der erste Satz dieser aus zwei Sätzen bestehenden Definition bildet eine Ausgangsituation ab, eine Situation, in der ich aktuell, das heißt gegenwärtig stehe. Lebenslaufbezogen ist das eine Ausgangslage, die dessen Gegenwart - die Gegenwart des Lebenslaufs - repräsentiert; ein Punkt, von dem aus man eine vergangenheitsabhängige Zwischenbilanz ziehen kann, und von dem aus man zukunftsorientierte Visionen entwickeln kann. Der zweite Satz repräsentiert eine ex-post-factum-Perspektive: Ganz gleich von welchem (zukünftigen) Zeitpunkt seines eigenen Lebenslaufs man zurückblicken wird, sein Verlauf wird nach dieser Definition in keinem Fall ein/das gewünschte(s) Ergebnis offenbaren.

Man muss gegebene - auch durchaus schwierige - Situtionen nicht als Dilemma-Situationen empfinden. Ob man dazu neigt, hängt vermutlich von einer Persönlichkeitsstruktur ab, in der sich kognitive, rationale und emotionale Sicht- und Erlebensweisen auf je unterschiedliche Weise mischen. Andererseits können wir durchaus in prekäre Entscheidungssituationen geraten, die Dilemma-Qualität haben.

Gehen wir einmal davon aus, dass wir durchaus eingestehen, platonisch gedacht, unsere andere Hälfte gefunden zu haben, denjenigen- oder diejenige, der/die wie kein(e) andere(r) zu uns passt, dann kann es ein mächtiges, ja übermächtiges Motiv sein, mit diesem Menschen bis an das Ende unserer Tage zusammenleben zu wollen. Wir wissen aus der empirischen Forschung genauso wie aus unseren Alltagserfahrungen, dass solche Motive in der modernen Gesellschaft häufig flüchtig sind, dass z.B. mehr als die Hälfte aller Ehen geschieden werden, weil eine - ober auch beide - Hälften irgendwann die Überzeugung/Einsicht gewinnen, dass das alles doch nicht so gut ist, wie man es erhofft hatte. Irritationen dieser Art müssen dabei nicht einmal dem Umstand geschuldet sein, dass auf einmal andere Menschen unser Interesse gewinnen; auch das soll es ja durchaus geben, so dass man vielleicht die Überzeugung gewinnt, jemanden gefunden zu haben, der besser passt. Irritationen profaner Art ergeben sich häufig aus erodierender Passung: der eine will Kinder, will eine Familie gründen, der andere nicht. Der eine erweist sich als bodenständig und ortsgebunden, der andere als jemand, der aus beruflichen und privaten Erwägungen heraus der Seßhaftigkeit gegenüber grundlegende Vorbehalte hat und die Welt erobern will.

Als Dilemma wird eine Situation bezeichnet, aus der es zwei Auswege gibt. Beide führen nicht zum gewünschten Ergebnis! Wie findet man einen praktischen, pragmatischen und emotional vertretbaren Weg aus dem Dilemma, dass die beiden Hälften ganz offenkundig schon Ecken und Kanten aufweisen, die der Illusion einer komplentären Passung den Boden entziehen. Und vor allem, warum könnten die Erfahrungen der Elterngeneration hier hilfreich sein?

Dazu müsste man folgende Ausgangsprämissen in Erwägung ziehen:

  • Es gibt mit Blick auf solch prekäre Zwickmühlen, die sich in jungen Jahren wie ein unüberwindbares Gebirge auftürmen können, keine Generalrezepte. Alles, was Alte Jungen hier raten werden, ist entscheidend beeinflusst und geprägt von den jeweils eigenen Lebens- und Liebesgeschichten.
  • Auch Ratschläge - hat jemand einmal gesagt - sind Schläge. Um sie einschätzen zu können, sollte man etwas wissen über die Lebensführung und Lebenserfahrung derer, die da um Rat gefragt werden bzw. die sich als Ratgeber anbieten.
  • Letztlich muss ein jeder die Wendepunkt-auslösenden Entscheidungen in seinem Leben selbst treffen. Damit sind jene Entscheidungen gemeint, die wir selbst treffen können, also unter Kontingenzgesichtspunkten die beliebigkeitszufälligen. Die schicksalszufälligen Wendepunkte im Leben entziehen sich unserer Entscheidungshoheit. "Wir alle sind weit mehr unsere Zufälle als unsere Wahl", kommentiert Odo Marquardt diese Ausgangslage.

Kann man dies sehen, wird man seine Entscheidungen einnorden müssen zwischen die Pole rational begründeter bzw. begründbarer Vorhaben auf der einen Seite und emotional geleiteter Entscheidungen auf der anderen Seite - natürlich nicht in Reinform, sondern in der Regel als intensive Mischung beider Spannungspole mit unterschiedlichen Gewichtungen der einen oder der anderen Seite.

Nehmen wir mal neutrale Anlässe und Beschreibungen: Kerstin Kohlenberg kenne ich nicht. Sie veröffentlicht in der aktuellen Ausgabe der ZEIT (51/2016, S. 64) einen Brief, den sie an ihre sechsjährige Tochter schreibt. Kerstin Kohlenberg ist seit Juni 2014 die Korrespondentin der ZEIT in den USA. Der Brief trägt autobiografische Züge, er enthält eine Erklärung dafür, warum die Tochter Nina, in den USA groß wird, zur Schule geht und dass sie US-Bürgerin ist. Es geht in diesem Brief auch um früh erlittene und später ausgelebte Lebenssituationen, die in abgemilderter Form etwas dilemmaartiges an sich haben/hatten: Kerstin Kohlenberg ist ein deutsches Beamtenkind, das seine Kindheit - vor allem mit Blick auf die Eltern, die Großeltern von Nina, mit selektiven, aber offensichtlich aus dem eigenen Blickwinkel zentralen Erinnerungen der eigenen Tochter vermitteln möchte. Das hört sich so an:

  • "Du hast Deinen deutschen Opa nie kennengelernt, aber ich habe Dir schon mal erzählt, dass er immer sehr sehr ängstlich war. Ich bin das, was man in Deutschland ein Beamtenkind nennt. Die sind superzuverlässig, aber sie haben Angst vor allem, was neu ist. Mein Vater hat mir beigebracht, überall Gefahren zu sehen und ihnen aus dem Weg zu gehen. Ich habe die Angst meines Vaters immer gehasst, weil sie die Welt so klein machte. Aber sie saß auch in mir, ganz tief. Jeder Versuch, sie zu überwinden, endete mit Geheule. Dann stand ich im Schlafanzug mitten in der Nacht wieder vor unserer Hautstür. Weil das Bett der Oma doch nicht da eigene war."
  • "Nach dem Abitur habe ich die Freiheit zuerst in Frankreich gesucht. Das war nicht weit weg von zu Hause, und ich war mit meinen Eltern oft im Urlaub dort gewesen. Um Geld zu verdienen, habe ich für eine reiche Familie die Kinder gehütet. Ich habe sogar bei ihnen unterm Dach gewoht. Aber die Eltern dieser Kinder sahen es gerne, wenn ich nicht mit ihnen, sondern auf meinem Zimmer aß. Ich habe mich dort gefühlt wie in einem Deiner Märchenbücher mit den bösen Stiefmüttern. Nach vier Monaten stand ich heulend wieder vor der Tür meiner Eltern."

In den Mittelpunkt rückt nun Amerika - "Amerika war groß, mutig, und stolz. Und es war offen. Es war so ganz anders als mein Zuhause"

"Die Angst vor der Freiheit habe ich erst in Amerika verloren."

Kerstin Kohlenberg erzählt von ihren ungewöhnlichen, ganz normalen Erfahrungen, die sie als junge Frau auf ihrer Erkundung dieses "riesengroßen Amerikas" gemacht hat. Sie erzählt, wie sie ihre Angst besiegt hat. Dabei haben ihr ganz normale, ganz gewöhnliche Amerikaner durch ihre Offenheit geholfen:

  • "In einer Kleinstadt in South Carolina schaute ein älterer Schwarzer in mein verunsichtertes Gesicht und sagte nur 'Smile!' Ich war alleine, aber es fühlte sich nicht so an. Keiner fragte, was ich denn hier verloren hätte. Jeder, dem ich begegnete, ging selbstverständlich davon aus, dass ich schon wisse, was ich tue. Die Leute, so schien mir, hatten mehr Vertrauen in mich, als ich selbst."
  • "Dann habe ich in Louisiana einen Unfall gebaut, und ein Pick-up-Truck verlor seine Stoßstange. Für mich war klar, das war das Ende meiner Freiheit. Aus dem Pick-up kam ein bulliger Mann in Arbeitshose heruas. Der Mann öffnete meine Tür und fragte: 'Are you okay?' ich konnte nur stottern: 'Sorry!, sorry!' Er halft mir aus dem Auto heraus und blieb bei mir, bis ich mich gefangen hatte. Dann schmiss er die Stoßstange auf seine Ladefläche und sagte: 'It's okay, baby.'"

Mit Kerstin Kohlenberg begegnet uns jemand, der das Dilemma des aufbrechenden Lebens in sich trägt und eindrücklich schildert. Sie überwindet die tief in ihr sitzenden Ängste - das Erbe ihres ängstlichen Vaters - und begegnet dem Leben neugierig, offen und mit Zuversicht. Um wieviel schwieriger mag es sein, wenn sich zwei Menschen in Liebe begegnen und finden und dabei feststellen: Ängste, das Bedürfnis nach Sicherheit und Berechenbarkeit prägen die eine Hälfte sehr viel massiver als die andere. Die andere Hälfte kennt sehr wohl diese Ängste, hat aber durch ihre eigene Lebensgeschichte früh schon gelernt mit Verlusten umzugehen. Sie hat einen Weg zurückgelegt, der die eigene Identität schöpft und kreiert aus klaren Vorstellungen, worauf diese Identität gründen soll. Es ist zum wenigsten eine ererbte Identität, sondern vielmehr eine, die sich dem unbändigen Willen und der Anstrengung verdankt, die eigene (berufliche) Existenz Schritt für Schritt auf eigenen Erfolgen und Bemühungen zu gründen. Es sind nicht - wie bei Romeo und Julia - verfeindete Familien, die das Glück der Liebenden vereiteln, sondern es sind Lebensentwürfe, die auf einer je eigenen mehr oder weniger überzeugenden Logik fußen.

Und nun kann natürlich der alte Onkel, der auf ein langes, bewegtes Leben zurückschaut, all dies auch sehen. Er hat Abstand und sieht sich geläutert durch all die Ereignisse und Kämpfe in seinem Leben. Er sieht in der unabwendbaren Kontingenz, die einen Lebenslauf ausmacht - wir alle sind weit mehr unsere Zufälle als unsere Wahl - das Hauptmotiv, den Jungen zuzurufen: Habt Mut, Euch nicht nur Eures Verstandes zu bedienen, sondern wagt das Unmögliche, das Verrückte, das Aussichtslose. Andernfalls werdet Ihr all die Chancen, all die Überraschungen, all die Beglückungen schon im Keim ersticken, die dem Leben das Salz in der Suppe sind. Einen Lebenslauf wie auf dem Schachbrett zu entwerfen und dabei alle Eventualitäten einer fiktiven ex-post-factum-Perspektive zu unterwerfen - das ist der Tod jeder lebendigen Liebe. Er geht sogar soweit zu sagen, dass eine Liebe, die ihre Bewährung im vorhinein schon definierten Bedingungen aussetzt, keine Liebe ist. Andererseits darf man Arnold Retzers "Lob der Vernunftehe" nicht ignorieren. Aber das ist eine Anregung für Paare, die darüber nachdenken, wie sie weiter zusammenleben können und wollen.

Sie beantwortet aber nicht die grundlegendere Frage, was denn die Menschen in einer Gesellschaft, die sich höchster Rationaliät - manche nennen es Vernunft - verpflichtet fühlt, dazu bewegt, gerade Beziehungen zwischen Menschen auf so etwas Flüchtiges zu gründen, wie Liebe; übrigens eine Frage, die den von mir sehr verehrten Karl Otto Hondrich zu lesenswerten Überlegungen angeregt hat. Aber selbst der rationalste Mensch, der sich wiederfindet in all den quälenden Vorstellungen sein künftiges Leben ohne den anderen zu fristen, den er als seine andere Hälfte wähnt, der weiß, dass es hierauf keine Antwort gibt, außer der, die die Liebe(enden) selbst gibt/geben. Spätestens hier muss jeder Versuch, die Erfüllung der Liebe an Bedingungen zu knüpfen, an der unergründlichen und rational nicht fassbaren Kraft der Liebe zerschellen. Die ex-post-factum- Perspektive gewinnt erst hier ihre Berechtigung: Im Blick des alten und gereiften Menschen auf sein Leben, verbunden mit der Frage, was er durch sein (rational begründetes) Zaudern verloren hat. Der bitterste Blick zurück ist der auf Versäumtes, weil allein der Verstand das Regiment geführt hat.

So rufe ich Euch also zu: Ich weiß es noch! Und selbst, wenn ich mit Engelszungen redete, und hätte der Liebe nicht... ich wäre ein tönernes Erz und ein armer Tropf!

Und dies alles geschieht eingedenk der Tatsache, eigentlich in solchen Angelegenheiten den Imperativ zu vermeiden!

Eine Woche später: Diejenige, die mich um Rat gefragt hat und derjenige, der möglicherweise mittelbar betroffen ist, sind eigentlich nicht diejenigen, denen meine Zurufe gelten oder denen sie überhaupt Sinn bzw. Unsinn machen würden. Können denn zwei Menschen gemeint sein, die mit großem Fleiß und auf höchst verantwortliche Weise ihre Lebenspläne verfolgen? Der eine, der ein Erbe antritt und dieses Erbe bewusst annimmt und den Preis dafür bezahlt - und die andere, die mit großem Ehrgeiz ihren eigenen beeindruckenden Weg geht und für sich selbst sorgt. Zweiffellos markiert dies eine Ausgangslage, die auf den ersten Blick die gemeinsame Schittmenge minimiert. Beackert der eine buchstäblich die eigene Scholle und ist mit dieser zwangsläufig verwachsen, schreibt sich die andere in eine flüchtige Welt, in der nicht nur die Nachrichten rauschen, sondern in der ihre Produzenten jener Flexibilität und Mobilität ausgesetzt sind, die man im besten Fall für eine bestimmte Zeit zu einem festen Bestandteil seines Lebens macht; zumal wenn man jung ist!

Kommt einem dann die Liebe dazwischen oder gar quer, zeugt dies zumindest davon, dass man zu jenen Wesen gehört, die sich wundern, was mit ihnen geschieht bzw. warum dies auch zu schmerzhaften Selbterfahrungen führen kann. Es ist im übrigen nicht nur die von Karl Otto Hondrich gestellte Frage, wie die Menschen denn darauf kommen, ihr Leben auf etwas so Flüchtigem wie Liebe zu gründen, sondern es führt zu der Frage, wer man sein will, und wer man sein kann. Dass beides in der Regel nicht zur Deckung gebracht werden kann, führt zu jenen Entwicklungsprozessen, die wir gemeinhin als Erwachsenwerden begreifen. Dies bedeutet, seine Grenzen zu erfahren - die beliebigkeiteszufälligen genauso wie die schicksalszufälligen.

Wenn mir also nach meinem eigenen Empfinden das Schicksal begegnet in Gestalt der ersehnten anderen Hälfte, und ich dann bemerke, dass diese Hälfte mich zwar anzieht wie ein unwiderstehlicher Magnet, dass sie sich aber eben nicht als komplementär erweist - nicht wirklich passt, dann muss ich mich entscheiden. Zu den Passungskriterien gehört der Umgang mit Ratio und Vernunft. An diesen Orientierungsmarkern reiben sich irrationale auf Emotionen gründende Motive und Befindlichkeiten. Ob ein Paar an dieser Stelle wirklich eine Chance hat, wird entscheidend davon abhängen, ob es ihm gelingt diese beiden unversöhnlichen Antreiber zu zähmen und die daraus resultierenden Spannungen auszuhalten. Im Kölschen Grundgesetz sind solch widerstreitende Grundhaltungen aufgehoben (nix bleiv, wie et es - un et hätt noch immer jot jejange). Sie führen offenkundig zu einer Lebensart, wie sie General Harras in des Teufels General (Carl Zuckmayer) schon jenem jungen Fliegeroffizier ins Stammbuch geschrieben hat, der an der Unvereinbarkeit von Herkunft und Liebe zu verzweifeln drohte. Er hat seinen Weg im Übrigen gefunden, indem er sich gegen die von ihm zunächst Auserwählte entschieden hat. Das Zitat füge ich bei Gelegenheit an:

   

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