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Gebrauche niemals den Imperativ!

Eine weitere Hommage an Niklas Luhmann - dieses Mal über den auch schon 2004 verstorbenen Dietrich Schwanitz

Dietrich Schwanitz? Natürlich! Der Campus (Frankfurt 1995) – der ein oder die andere wird sich an Sönke Wortmanns Verfilmung von Schwanitzens Erstling (mit Heiner Lauterbach, Axel Milberg, Martin Benrath, Barbara Rudnik und Sibylle Canonica) erinnern; eine Posse, eine Satire auf den Mikrokosmos Universität. Ich komme vielleicht darauf zurück; oder Schwanitzens umstrittene Vorstellung von "Bildung". Mich hat Schwanitz beeindruckt mit seiner ganz persönlichen Totenrede auf Niklas Luhmann (vorliegend nur im Rahmen der Hördokumentation: Freiburger Reden - Denker auf der Bühne: Niklas Luhmann - Beobachtungen der Moderne, vertrieben  vom Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg - die anderen Vorträge sind 2010 unter dem Titel: Luhmann-Lektüren im Berliner Kadmos Verlag erschienen). Schwanitz vergleicht Luhmann mit Shakespeare und Shakespeare mit Luhmann. In diesem dreiviertelstündigen Vortrag geht er u.a. auf Luhmanns Kommunikationstheorie ein. Ich inszeniere mein allseits bekanntes Interviewdesign auf der Grundlage des von mir erstellten Transskripts und beginne mit dem Verweis, dass Niklas Luhmann die Kommunikation als die „Grundoperation sozialer Systeme“ versteht (vgl. auch die "Luhmannsche Lektion").

Diesmal muss ich es selbst machen. Adrian steckt nicht tief genug in der Materie. Er hat in Paris einen Kongress zu Ehren von Jürgen Habermas besucht und bemüht sich noch die konsensorientierte Verstehenes-Dimension in Habermasens Theorie des kommunikativen Handelns zu ergründen; verstanden hat er allerdings kaum etwas – der Großteil der Vorträge lief auf französisch.

Josef:    Lieber Dietrich Schwanitz, sie referieren die Luhmannsche Behauptung, die Grundoperation sozialer Systeme bestehe aus Kommunikation. So weit, so gut. Aber was ist daran neu?

Schwanitz:         Scharf gestellt wird diese Grundannahme erst durch eine Doppelung: Kommunikation kann sowohl auf etwas anderes Bezug nehmen, das ist dann eine Information über die Welt; Luhmann spricht dann immer von „Fremdreferenz“ – als auch auf sich selbst, dann ist sie eine Mitteilung über sich selbst, also über die Kommunikation oder über den Kommunizierenden, also über Absichten und Eigenschaften des Mitteilenden („Selbstreferenz“).

Josef:    Auch das scheint mir ziemlich trivial. Friedemann Schulz von Thun hat vor mehr als zwanzig Jahren in „Miteinander Reden“ sein Kommunikationsquadrat vorgestellt. Es verdeutlicht, dass Sender und Empfänger mindestens über „vier Seiten einer Nachricht“ miteinander kommunizieren. Dabei geht es immer um die Sache, also den Informationsgehalt einer Nachricht, und es ist klar, dass jeder kommunikative Akt Aspekte von Selbstoffenbarung, Aspekte von Erwartungen/Forderungen (Appellseite) und Aufschlüsse über die Beziehung zwischen alter und ego transportiert.

Schwanitz:         Luhmann argumentiert deutlich radikaler und lässt keinen Zweifel daran, dass ausschließlich der Adressat entscheidet, als was sie – die Kommunikation – gesehen wird. Und vor allem: er macht es immer anders, als der Sprecher will und auch als Habermas will. Er bricht jede Mitteilung – und sei sie auch noch so neutral (und als reine Information gemeint) durch die Hinsicht auf den Sprecher. Er beobachtet ihn gewissermaßen als Hinterbühne der Kommunikation und interpretiert von da aus dann die Botschaft – immer neu. Der Sprecher sagt zum Beispiel – und es stimmt, was er sagt (ich nehme etwas ganz Neutrales) – er sagt: „Es ist heiß hier.“ Das klingt neutral. Der Hörer aber übersetzt: „Will er, dass ich mich ausziehe – will er mit mir anbändeln – soll ich das Fenster aufmachen – typisch für ihn, solche Plattheiten zu sagen, man merkt ja, dass es heiß ist.!“

Josef:    Das hört sich aber eher nach Chaos als nach geordneter, an Verständigung orientierter Kommunikation an.

Schwanitz:         Für Luhmann ist Kommunikation chaotisch. Kommunikation pur ist reines Chaos, praktisch nicht anschlussfähig, ein Wirbel von isolierten und flüchtigen Ereignissen. Sich selbst überlassen würde sie zerfallen (wie in der Wohngemeinschaft). Verständigung, Anschlüsse, Sequenzen kämen dabei nicht zustande. Sie wären bei der Möglichkeit der Kommunikation nach allen Seiten hin auszubrechen, einfach zu unwahrscheinlich.

Josef:    Aber wir erleben doch tagtäglich, dass Verständigung möglich ist. Sie ist ja letztlich auch unverzichtbar, um einem permanenten Chaos zu entgehen bzw. vorzubeugen!

Schwanitz:         Um das Unwahrscheinliche nun dennoch wahrscheinlich zu machen, greifen nach Luhmann zwei Mechanismen ein. Und die sind dann für das Design der Systemtheorie entscheidend: Erstens die Attribution. Das heißt die Kommunikation wird interpunktiert und dem Sprecher als Handlung zugeschrieben. Die Aufnahme der Kommunikation durch den Adressaten wird dann als Reaktion wieder gesondert verbucht. Auf diese Weise wird der Kommunikation eine Richtung vom Sender auf den Empfänger aufgeprägt und zum Prozess gemacht.

Josef:    Ich erinnere mich, dass Luhmann diesen Prozess als relativ aufwändiges Verfahren beschrieben hat. Er geht natürlich davon aus, dass Beteiligte ihre eigenen Wahrnehmungen und die damit verbundenen Situationsdeutungen in die Kommunikation einbringen können; aber eben nur nach den „Eigengesetzlichkeiten des Kommunikationssystems, z.B. nur in Sprachform, nur durch Inanspruchnahme von Redezeit, nur durch ein Sichaufdrängen, Sichsichtbarmachen, Sichexponieren – also nur unter entmutigend schweren Bedingungen.“

Schwanitz:         Das Ganze gestaltet sich noch etwas komplexer und unübersichtlicher. Das erkennen wir überaus deutlich an dem von Luhmann beschriebenen zweiten Mechanismus: der Negation! Der Adressat kann jede Kommunikationsofferte – auch wenn sie vernünftig ist – entweder annehmen oder ablehnen. Und das gilt natürlich auch vom Sender. Luhmann spricht daher von „doppelter Kontingenz“ – beide haben die Möglichkeiten anzunehmen oder abzulehnen. In ihr entspringt die Quelle der gesellschaftlichen Differenzierung – das ist der Theoriepunkt, an der die gesellschaftliche Differenzierung eingehakt wird. Doppelte Kontingenz macht die Verknüpfung der Kommunikation zu längeren Ketten, zu langen Reihen erneut unwahrscheinlich.

Josef:    Das aber würde letztlich bedeuten, dass Gesellschaft fortgesetzt an ihrer eigenen Unwahrscheinlichkeit scheitert. Wobei sich nach diesem Jahr 2014 sicherlich eine Fülle an Belegen finden lassen für ein Scheitern von Verständigungsprozessen – sowohl die große politische Bühne anbelangt als auch in vielen privaten Dramen und Tragikomödigen. Viele überwinden die damit verbundenen Traumata nie!

Schwanitz:         Luhmann behauptet, dass in der modernen Gesellschaft als Reaktion auf diesen Problemdruck Codes entstehen, sogenannte Mediencodes, die diese flüchtigen Ereignisse – die Kommunikation – verknüpfen, indem sie sie gewissermaßen auf Schienen setzen. Diese Mediencodes, wie Luhmann sie nennt, reduzieren die Möglichkeit eine Kommunikation abzulehnen, auf einen einzigen Gegensatz.

Josef:    Könnte man das etwas konkreter oder operativer beschreiben?

Schwanitz:         Nun ja, nehmen wir einmal die Unterscheidung wahr und falsch. So entsteht etwa wissenschaftliche Kommunikation. Sie ist geprägt durch wahr und falsch. In der Wissenschaft darf man eine Botschaft nur dann ablehnen, wenn sie falsch ist, aber nicht, wenn sie unschön ist, oder unfreundlich, oder unfriedlich, oder unmoralisch, oder unelegant, oder politisch unkorrekt. Dieser Mechanismus bündelt also Kommunikationstypen wie Laserstrahlen. Und so entstehen Mediencodes wie Wissenschaft, Wirtschaft, Recht, Politik, Pädagogik, Religion etc. Solche Codes kristallisieren sich an der Druckstellen gesellschaftlicher Funktionen, wie Naturbeherrschung, Traditionsbildung, Konfliktregelung etc. Und sie bilden mit den zugehörigen Institutionen Subsysteme der modernen Gesellschaft, der funktional differenzierten Gesellschaft.

Josef:   Wahr - falsch als binärer Code in der wissenschaftlichen Kommunikation; für uns alle eindringlicher und spürbarer drängt sich der binäre Code des Wirtschaftssystems auf: Zahlung - Nicht-Zahlung oder noch etwas konkreter: zahlen - nicht-zahlen! Du bekommst das Brötchen nur, wenn Du zahlst und nicht, weil du mir vielleicht schöne Augen machst. Was ist jetzt im Übrigen mit „funktional differenzierter Gesellschaft“ gemeint? Das müssen Sie bitte etwas genauer erklären!

Schwanitz:         Im Übergang von der alten Schichtengesellschaft, die noch ganze Menschen in Gruppen einteilt, gewinnt die moderne Gesellschaft das Prinzip ihrer Differenzierung an sich selbst, also am Prinzip der Kommunikation. Gesellschaft heißt Kommunikation. Und so werden nicht mehr Gruppen von Menschen differenziert, wie in der alten Schichtengesellschaft, sondern Typen von Kommunikation.

Josef: Wie denn nun? Typen von Kommunikation? Und wo ist der Mensch? Die Menschen kommunizieren doch – oder wie?

Schwanitz:         Nein, der Mensch wird aus dem Paradies der Gesellschaft vertrieben und treibt sich außerhalb herum, in der Wildnis seiner Psyche. Die Psyche gehört nicht zur Gesellschaft.

Josef:    Ja, ich erinnere mich. Die These vom bewusstseinsfreien Operieren der Gesellschaft löst immer die größten Irritationen und die nachhaltigsten Vorbehalte aus. Eine subjektfrei, bewusstseinsfrei gedachte Gesellschaft besteht ausschließlich aus Kommunikationen; nicht aus Gedanken, nicht aus Körpern, sondern ausschließlich aus Kommunikation, die an Kommunikation anschließt, die an Kommunikation anschließt und nie an irgendetwas anderes. Peter Fuchs greift diese theoretische Prämisse ebenfalls auf. Mich beeindruckt, dass er in seinen Seminaren und Vorlesungen immer nur wenige Augenblicke benötigt, um die Plausibilität dieser These zu veranschaulichen: „Sie können sich das relativ leicht vorstellen, wenn ich einen Moment schweige… so werden sie bemerkt haben, dass keine Leuchtschriften über ihre Stirnen liefen, dass niemandes Gedanken sozusagen durch die Luft schwirrten, es herrschte einfach nur eine relative Stille. Es wäre auch absurd anzunehmen, dass dieses System, das wir jetzt im Augenblick bilden, wächst, wenn ihre Fußnägel wachsen, ihre Leber arbeitet; dass das sozusagen das System beeinflusst, das als ein soziales aufgefasst werden kann.“ Das sind offensichtlich die Gründe, die Luhmann zu der Ungeheuerlichkeit veranlassen, den Menschen in der Umwelt der Gesellschaft zu positionieren. Lieber Dietrich Schwanitz, illustrieren sie doch bitte einmal an einem Beispiel, was mit „Typen von Kommunikation“ gemeint ist.

Schwanitz:         Zu den Typen von Kommunikation, die besonders unwahrscheinlich sind, gehört nun auch die Liebe. Ihr binäres Schema ist die Differenz: öffentlich – intim. Aber darüber hinaus wird auch der zuerst genannte Mechanismus wieder aktiviert, nämlich die Attribution. Und zwar so, dass die Eindeutigkeit der Zuschreibung wieder rückgängig gemacht wird. Das ist eine Spezialität der Liebe gewissermaßen. Unter der Sonderbedingung der Intimität wird die Kommunikation fast wieder in ihren Urzustand versetzt. Und das geschieht dann durch Paradoxierung.

Josef:    Bitte etwas genauer und konkreter! Hat es etwas mit der Zuspitzung zu tun, die sich Peter Fuchs in der Formulierung erlaubt, dass intime Kommunikation auf "wechselseitiger Komplettberücksichtigung im Modus von Höchstrelevanz" beruhe - oder noch drastischer: "Wir zwei" auf der einen Seite und der "Rest der Welt" auf der anderen Seite?

Schwanitz:         Ja, mit durchaus paradoxen Konsequenzen: Hektische Liebesaktivität wird als Leiden getarnt oder – um den korrekten Terminus zu gebrauchen – als Passion. Damit wird Liebeskommunikation zur reinen Oszillation. Sie wird opakisiert, wie Luhmann das nennt, so dass unklar bleibt, wer handelt und wer leidet. Deshalb muss ständig neu geklärt werden, wer auf wen reagiert, wer was verschuldet hat, wer zu was verpflichtet ist und was von alledem absichtlich ist und unabsichtlich. Für alles findet man dann Gründe bei sich selbst und beim anderen. Damit wird Liebeskommunikation zum eigenen Thema, sie wird sofort Metakommunikation. Das zwingt sie auf die Bahn der Autonomie; sie muss gewissermaßen selbstständig werden und sich von der Welt der Gründe isolieren. Allein Liebe entscheidet dann über den Beginn, die Fortsetzung und das Ende der Liebe. Sie darf nicht von außen entschieden werden. Von da aus begründet sich die Affinität der Liebe zur Literatur. Es gibt ja keinen Gegenstand, den die Literatur so intensiv bearbeitet hat, wie die Liebe. Liebe gibt es nämlich nur als Geschichte. In ihr erhält alles einen Verweis ins Temporale, also alle Deutung ist temporalisiert. Das heißt, es wird bedeutend über den Zeitstellenwert, als Aufschub, als Versprechen, als Verzögerung, als Hoffnung, als Erinnerung an vergangene Hoffnung, als antizipierte Gegenwart und dergleichen.

Josef:    Aber dann ist doch immer schon alles vorbei. Der Schritt zu einer "Metakommunikation", wie Sie andeuten, bedeutet doch bereits, dass der Zauber vorbei ist und dass man beginnt sich Fragen zu stellen: Liebst du mich noch? Oder, dass man sich mit Fragen konfrontiert sieht: Liebst du mich noch? Ach ja, lieber Dietrich Schwanitz: Liebe gibt es nämlich nur als Geschichte - das ist auch bei mir so! "Ich weiß es noch" oder "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete..."

Schwanitz:      Ja, zweifellos in jeder neuen Kommunikation steht alles wieder neu auf dem Spiel. Die Paradoxie von Freiheit und Zwang ist dann radikale Unwillkürlichkeit. Sie wird so radikal gedacht, dass selbst eigene Motive nicht als Grund für Liebe identifiziert werden dürfen. Man darf also nicht lieben wollen. Deshalb darf Liebe nicht geplant werden. Sie muss dann zufällig ausbrechen. Außerdem muss sie in beiden gleichzeitig entstehen, damit die Liebe des einen nicht Grund für die Entstehung der Liebe im anderen ist. Sie wird dann also zum Blitzschlag und entzündet sich durch Autokatalyse in Form einer momentanen Eskalation. Romeo und Julia machen das vor – blitzartig. In der sozialen Reflexivität wird die Freiheit beider wieder als Zwang paradoxiert. Liebe wird deshalb als süße Gefangenschaft, willkommene Knechtschaft, als Sklaverei stilisiert. Und diese Paradoxierung zwischen Freiheit und Zwang, zwischen Aktivität und Passivität ist wieder besonders gut an das Sehen anschließbar. Denn auch Sehen kann zwischen der Aktivität des Beobachtens und Passivität des Beeindruckt-Werdens unentschieden gehalten werden. Die Augensprache der Liebe ist deshalb reine soziale Reflexivität. Sie sieht ihn an und sieht dabei, dass er sie sieht und dabei sieht, dass sie ihn ansieht. Wurde im Petrarcismus die Liebe durch die göttlichen Eigenschaften der Geliebten ausgelöst, wird bei Shakespeare inzwischen schon die reine Wechselseitigkeit zum Auslöser der Liebe. Man liebt sich als Liebende. Auch das paradoxiert das Sehen: Obwohl man sieht, macht Liebe blind. Romeo weiß, dass Julia zur verhassten Sippe der Capulet gehört ebenso, wie Desdemona sieht, dass Othello schwarz ist. Aber das macht keinen Eindruck mehr. Was in der normalen Welt eine Rolle spielt, wird in der Liebe depontenziert, spielt keine Rolle und umgekehrt.

Josef:    Vor der Liebe sollte man sich also hüten!? Zumindest bekommt eine Vorstellung davon, wenn man den Unterschied zwischen Liebe, Partnerschaft und Freundschaft in der Kommunikation beobachtet: „Obwohl man sieht, macht Liebe blind.“ Das ist im Übrigen ja nur die simple Variante der Vorbehalte, die sich auf die Möglichkeit einer verlässlichen Selbst- oder Fremdbeobachtung bezieht. Sloterdijk veranschaulicht die Grenzen am schlechterdings „anspruchsvollsten Beispiel“: „Es gibt kein menschliches Gehirn, und es kann aus prinzipiellen Gründen keines geben, das bis ins Einzelne wüsste, wie es selbst funktioniert, geschweige denn eines, das sich bei laufendem Betrieb eine komplette Repräsentation seiner historischen und strukturellen Betriebsbedingungen im Sinne eines hier jetzt aktuellen in Totaltransparenz zu sich gekommenen Geistes gegenwärtig halten könnte, weil die dem Bewusstsein vorauslaufende, die dunkle von ihm abgewandte Autopoiesis des Systems einen uneinholbaren Vorsprung vor seinen Selbstrepräsentationen im Bewusstsein besitzt. Deshalb ist evident, dass Selbstbezüge immer schon und vorrangig als Ausrichtung an den Bauplänen der eigenen Lebenstypik wirksam sind und dies in aller Normalität und weit vor allen Problemen maligner Selbstbetonung.“ Lieber Dietrich Schwanitz, können sie diesen Zusammenhang etwas schlichter zusammenfassen?

Schwanitz: Nun ja – zweifelsfrei gelangen wir nun zu dem zentralen Konzept aller zentralen Konzepte bei Luhmann, nämlich der Selbstreferenz:Selbstreferenz oder Selbstbezüglichkeit ist aber bis heute für viele ein Privileg des Subjekts; das Subjekt habe ein Monopol auf Selbstreferenz. Luhmann nimmt dem Subjekt diesen Monopolanspruch und spricht Selbstbezüglichkeit allen Systemen zu. Deshalb können bei ihm etwa auch das Rechtssystem oder das Wirtschaftssystem sich beobachten und sich selber beschreiben. Die Gesellschaft beschreibt sich selbst; Organismen beschreiben sich selbst. Dies stellt nun eine der größten Verständnisbarrieren für das Verständnis der Systemtheorie dar. Versteht man es als Privileg des Subjekts, dass es selbst über die Differenz zwischen Fremdreferenz – also Außenbezug – und Selbstreferenz – also Selbstbezug – unterscheidet und somit die Grenze zwischen sich und der Welt intern nochmal wiederholt, trifft das z.B. auch auf das Shakespeare-Theater zu: das Spiel im Spiel in der Mausefallenszene im Hamlet demonstriert es (damit disponiert das Theater darüber, ob es sich auf sich selbst oder die Welt bezieht, wie das Subjekt). Zugleich eröffnet es damit die Unendlichkeit interner Reflexivität, die es – wie später auch das Subjekt – in den Abgrund des infiniten Regresses führt: barocke Entwirklichungsproblematik und theatrum mundi-Methaphorik markieren das Problemfeld: All the world's a stage and all the men and women merely players. Die Universalisierung des Theaters geht der Universalisierung des Subjekts voran…

Josef:    Das heißt Selbstreferenz ist also keineswegs auf das Subjekt beschränkt?

Schwanitz:         Korrekt! Luhmann nimmt dem Subjekt das Monopol auf Reflexivität und spricht Selbstbezüglichkeit z.B. auch dem Sozialsystem zu. Das heißt auch soziale System können sich selbst beobachten und auch beschreiben. Sie konstituieren sich geradezu – muss man das verschärft sagen – durch ihre Selbstbeobachtung. Selbstbeobachtung – so habe wir eben gesagt – ist immer Selbstvereinfachung. Mit ihr wiederholt das System die Komplexitätsdifferenz zwischen seiner Umwelt und sich selbst noch mal in sich selbst. Das komplexe Beobachtete wird durch die weniger komplexe Beobachtung gedoubelt.

Josef:    Langsam, das heißt, es gibt keinen Beobachter mehr, der sozusagen von außerhalb der Gesellschaft – von einem privilegierten Beobachterstandpunkt aus – Gesellschaft als Ganze beobachten und beschreiben könnte?

Schwanitz:         Wo sollte der sich befinden? Die Folge ist schlicht, dass wir Gesellschaft selbst nicht sehen, denn wir sehen nur die Selbstbeobachtung der Gesellschaft. Sie ist uns nur indirekt in den mannigfaltigen Formen ihrer Selbstvereinfachung zugänglich. Der gemeinsame Titel für all die Selbstvereinfachungen heißt: Handlung!

Josef:    Langsam – wieso jetzt Handlung? Erklären Sie bitte den Zusammenhang zwischen Kommunikation – Attribution – Handlung!

Schwanitz:          Das, was durch die Selbstvereinfachung verdeckt wird, das haben wir schon genannt: das ist Kommunikation. Mit ihrer trinitarischen Struktur aus Information über die Welt, also Fremdreferenz, Mitteilung über den Mitteilenden, also Selbstreferenz und Verstehen – Teilung von Beiden durch den Adressaten, deren Dominanzen ständig wechseln, ist Kommunikation für geordnete Prozesse zu unordentlich. So vereinfacht sie sich durch Attribution – so hatten wir gesagt – zu einer Serie von Handlungen, die man Personen zuschreiben kann, um sie dann als zeitpunktfixierte Ereignisse behandeln zu können. Personen sind deshalb eine Erfindung der Kommunikation. Personen sind Selbstvereinfachungstechniken für Selbstbeobachtung der Kommunikation, damit man Adressen hat, damit man jemanden hat, der schuldig ist.

Josef:    Jetzt nähern wir uns also wieder dieser Aussichtslosigkeit, in der die Kommunikation als Chaos erfahrbar wird, in dem ständig darum gerungen wird, wer nun schuld hat und wer nicht?

Schwanitz:         Ja, durch die Verdoppelung der Ablehnungsmöglichkeiten im Reaktionszusammenhang von ego und alter sind und bleiben Zuschreibungen in der Kommunikation immer umkämpft. So transformiert der Dissens den Problemdruck der Unordentlichkeit in einen Überschuss von Ablehnungsmöglichkeiten, um sich dann rekursiv wieder zur Selbstvermeidung zu zwingen. Deshalb ist die Reproduktion der Möglichkeiten zum Dissens Bedingung der Möglichkeit für soziale Autopoiesis, also für Gesellschaft überhaupt. Und deshalb kann Luhmann – nicht wie Habermas – Gesellschaft vom Konsens her denken. Konsens würde unter dieser Prämisse zum sozialen Wärmetod führen…

Josef:    Aber damit wird Kommunikation doch zu etwas völlig Unberechenbarem, kaum Greifbaren – allenfalls beobachtbar unter Aspekten von Interpunktion und Attribution – wer ist schuld?

Schwanitz:         Die pulsierende, fluktuierende und liquide Kommunikation bleibt hinter den konkreten Ausformungen der Organisationsstrukturen und Mediencodes unsichtbar. Kommunikation ist gewissermaßen das chaotische Unterbewusste des Sozialsystems, die untergründige dionysische Unordnung aus der die apollinische Ordnung der Gesellschaft, die wir dann sehen, als Selbstvereinfachung aufsteigt, wie die Venus aus dem Schaum des Meeres. Wie im Fall der Entdeckung der Sprache macht das auch die Entdeckung der Gesellschaft zu einer ganz unwahrscheinlichen Tatsache. Und damit plausibilisiert Luhmann, dass erst sie (die Entdeckung der Gesellschaft) ihm gelang. Für ihn ist also die Hinterbühne nicht Anlass für Entlarvungen der Vorderbühne, solche Entlarvungen, die die Vorderbühne dann diskreditiert Vielmehr ist sie wie der Spiegel nur die unsichtbare Quelle des Sichtbaren, die sich im Rauschen des Problemdrucks als Überforderung durch Kontingenz, als Drohung des Chaos und des Zerfalls und als Versprechen überbordender Möglichkeitsfülle bemerkbar macht. Gesellschaft ist also das, was als gemeinsame Unterströmung der Kommunikation alle gesellschaftlichen Subsysteme und Organisationen miteinander vergleichbar macht.

Josef:    Wo bleibt dann die Gesellschaft als Ganzes? Gibt es keine Instanz mehr, in der sich Gesellschaft selbst als Ganze repräsentieren könnte?

Schwanitz:         Nein, Diese Generaldifferenz transformiert Luhmann in eine Stufenfolge von Hintergrund-Vordergrund-Verhältnissen, von Medium und Form. Die Stelle der Hinterbühne nimmt dann der Hintergrund ein, den jedes Medium für jede Form bildet: das Geschwätz für die Gedichte, der Krach für die Sprache, die Spielregeln des Schachspiels für die konkrete Partie und das Meer der Möglichkeiten für die Insel der Wirklichkeit. Dieser Hintergrund aber ist – wie der Spiegel – unsichtbar. Man kann ihn nicht beobachten. Wie bei einem Vexierbild ist der Hintergrund nur das Negativ für die Prägnanz der Form. Der Hintergrund hat keinen eigenen Umriss. Wenn der Grafiker Escher z.B. Fischschwärme zeichnet, bei dem die Zwischenräume die Konturen von Vögeln haben, verschwinden die Fische, wenn man die Vögel entdeckt. Diese Unsichtbarkeit des Hintergrunds hat bei Luhmann einen Namen: Es ist die Gesellschaft.

Josef:    Aber noch einmal: Warum ist die Gesellschaft unsichtbar? Hängt es damit zusammen, dass die Konstitution von Gesellschaft durch die Selbstbeschreibung ihrer Subsysteme sichtbar, aber zugleich immer auch relativiert wird? Hängt es mit unserer Sehnsucht zusammen, endlich einen Standpunkt zu finden, der uns Recht gibt und den anderen die Unhaltbarkeit ihrer Position offenbart?

Schwanitz:         Bei Luhmann wird eine weitere Version der Selbstreferenz durch die Formel von der Reduktion der Komplexität genannt. Beobachtung ist selbst eine Komplexitätsreduktion; sie ist also immer Vereinfachung. Hinter dem Beobachteten steckt immer etwas viel Komplexeres. Und Beobachtungen zu beobachten heißt Vereinfachungen zu durchschauen, indem man das Komplexe dann wieder hinzudenkt. Gegenüber dem Komplexen ist jede Beobachtung limitiert.

Josef:    Was heißt das nun: Die Gesellschaft ist unsichtbar? Wo ist sie dann?

Schwanitz:         Nun, sie ist in demselben Sinne unsichtbar, in dem die Identität eines Menschen hinter seinen verschiedenen Rollen verschwindet. Es gibt keine Rolle für Identität. Die Identität sieht man nicht an sich. Sie ist vielmehr das, was sich gleich bleibt, beim Wechsel aller Rollen.Die „Rollen“ der Gesellschaft nun sind die Subsysteme, von denen wir vorher gesprochen haben: das Recht, die Kunst, die Wissenschaft, die Politik, die Wirtschaft, die Kleinfamilie, die Religion etc. Außerhalb dieser Teilsysteme gibt es nichts, was darüber hinaus noch Gesellschaft wäre. Auch das läuft auf ein Paradox hinaus: Dass in dem Moment, in dem die funktionale Differenzierung die Einheit der Weltgesellschaft hergestellt hat, sich ihre Identität in der Pluralität der Subsysteme aufzulösen scheint.

Josef:    Das erinnert stark an den von Ihnen erwähnten „Abgrund des infiniten Regresses“, an die Ortlosigkeit, an die Kerbe im Boot, mit der die Schatzsucher den Ort markieren, an dem sie ihre Schätze im Meer versenkt haben.

Schwanitz:         Wenn man sich auf die Luhmannsche Lektion einlässt, wenn man den Abgrund der unendlichen Reflexion nicht fürchtet, an den Hamlet auf dem Felsen von Elsinor geführt wird, so kommt man vielleicht darauf, dass es die Selbstreferenz ist, die zugleich der Fall ist auf der Vorderbühne und die auf der Hinterbühne dahinter steckt. Sie nimmt dann bei Luhmann verschiedene asymmetrische Fassungen ein. Eine dieser Fassungen ist die Differenz zwischen Medium und Form. Das Medium – das ist relativ spät entwickelt worden im Theoriedesign bei Luhmann – besteht aus lose gekoppelten Elementen. Die Form schreibt sich darin durch strikte Koppelung der Elemente ein; zum Beispiel: die Geräusche bilden das Medium für die Form der Sprache, die Sprache ist das Medium für die Form des Verses. Und hier verwandelt sich Luhmann in Aristoteles, der ungefähr dasselbe über das Verhältnis von Form und Stoff sagt. Wie bei Aristoteles ist auch bei Luhmann das, was in der einen Hinsicht Form ist in der anderen Hinsicht Medium. Und wie bei Aristoteles handelt es sich auch bei Luhmann um eine Stufenfolge, der fortschreitenden Bestimmung des Unbestimmten – oder in der Sprache der Systemtheorie – um eine Überführung des Unwahrscheinlichen in das Wahrscheinliche. Aus dem Rauschen des Geschwätzes entsteht plötzlich ein Gedicht; aus dem Durcheinander der Kommunikation entsteht plötzlich die amerikanische Verfassung; sehr unwahrscheinlich an sich, aber nicht mehr, wenn bestimmte Strukturen vorliegen. Immer aber bildet dieses Rauschen den Hintergrund der Form – denken Sie an das erwähnte Beispiel des Gafikers Escher.

Josef:    Und wie verhält es sich mit der angeblichen Unüberbrückbarkeit der Gegensätze zwischen Habermas und Luhman?

Schwanitz:         Mit der Entdeckung der unsichtbaren Hinterwelt der Kommunikation kehrt Luhmann die vertraute Optik um. Er denkt Gesellschaft nicht mehr von Identität aus, sondern von Differenz, nicht mehr von Kontinuität aus, sondern von Diskontinuität, nicht mehr vom Prozess her, sondern vom Ereignis, nicht mehr als stabiles, sondern als dynamisches System, das von Sekunde zu Sekunde über die Möglichkeit seines Zusammenbruchs triumphiert, also unwahrscheinlich ist. Wie die avantgardistische Kunst lehrt uns Luhmann die Unwahrscheinlichkeit des Normalen zu sehen. Damit entautomatisiert er die Wahrnehmung und die Beobachtung und verfremdet das Vertraute durch Beobachtung zweiter Ordnung. Liest man Luhmann wird man überwältigt von der Unwahrscheinlichkeit, dass eine so prekäre Aktion, wie die Kommunikation (und damit Gesellschaft), überhaupt gelingt. Er zeigt, dass sie wie der Tanz auf dem Seil ein ständiger Sieg über die Schwerkraft ist, ein fortwährend verhindertes Fallen und ein unwahrscheinliches Schweben. Und so enthüllt sich an der Gesellschaft das Akrobatische, das Artistische, das Poetische, aber natürlich auch das Clownekse einer ständig vermiedenen Katastrophe. Entgegen einem mir völlig unverständlichen Vorurteil hat Luhmanns Optik die Kraft zu verzaubern. Es ist eine pulsierende, eine dynamische Welt, die man da zu sehen bekommt, in der die feinen Unterschiede im permanenten Tanz der Gesellschaft sich gruppieren und umgruppieren. Dieses avantgardistische Flair wird durch die antihumanistische Wende und die Entthronung des Subjekts als Monopolist der Reflexion noch verstärkt.

Zum Schluss geben Dietrich Schwanitz und der Josef Euch einen Rat mit auf den Weg, damit Ihr aufbrechen könnt in die Welt, in der der Vertraute Fremd und das Fremde merkwürdig vertraut erscheint: „Gebrauche niemals den Imperativ“ … Denn mit solchen Sätzen verlässt man den Garten der Logik und begibt sich in die Wildnis, in der – laut Shakespeare – die Liebhaber der drei Gorgonen herumstreifen: Der Wahnsinnige, der Liebhaber und der Dichter!

   

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