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Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete, und hätte der Liebe nicht…

Das letzte Kapitel meines letzten Lyrikbändchens „Die Mohnfrau" - Die Originalversion ist natürlich noch spannender, weil sie alle Gedichte enthält!

Es gibt im Übrigen auch die korrespondierende Variante, die zeigt, wie man mit paartherapeutischer Beratung (hier durch Detlef Klöckner) und einer guten Portion Humor schwere See in der Paardynamik meistert (siehe: "Monheimer Schnittchen")

 

Liebe Claudia,

die sieben folgenden Briefe besingen das Glück, dich dreißig Jahre kennen zu dürfen; das Glück, dich gewonnen zu haben; das Glück, dass du meine Frau werden wolltest und vor allem geblieben bist – auch in Zeiten meines Wahns; das Glück, dass aus meinen Irrungen und Wirrungen ein Weg in die Klarheit und Entschiedenheit geworden ist, das Glück, dass diese Entschiedenheit uns auch durch die letzten Jahre begleitet hat, das Glück, um deine Entschiedenheit zu wissen, an der ich nur einmal kurz zweifeln durfte, als Sturmtief „Emma“ mir durch Hirn und Herz fegte. Anders als André Gorz nehme ich mir das außerordentliche Privileg und Recht, unsere Liebe mitten im Leben zu besingen – und hoffentlich nicht an seinem Ende, denn auch über uns allen schwebt das „mors certa – hora incerta“.

Vor 40 Jahren berührte mich Karl Jaspers mit seinen philosophischen Reflexionen über Liebe und Tod. Über ein langes Leben lichten sich die aufgeworfenen Fragen und bilden den basso continuo für jene Antworten, in die wir uns hineingelebt haben. So malen diese Briefe in der Art eines Regenbogens ein buntes Bild und runden dieses Buch ("Die Mohnfrau") und unsere Erfahrungen.

P.S.: Auch wenn es Liebesbriefe sind und diese Briefe vielleicht etwas von dem Geheimnis unserer Liebe preisgeben, bleibt unsere gemeinsame Welt dahinter voller Geheimnisse. Sie bleibt unsere Welt und damit unser beider Mysterium. Den Briefen habe ich an einigen Stellen ein Präservativ übergezogen und sie einem milden Hygienewaschgang ausgesetzt. Auch was jetzt noch übrig bleibt, ist ein hohes Lied der Liebe mit interessanten Aussichten in eine Welt, von der André Gorz zu spät erkannt hat, dass man sie nicht in die Zukunft verschieben soll.

Dein Josephus

Der erste Brief am 21.3.2008

Liebe Claudia, der Liebesperlen besonderste und einzigartigste!

heute, am 21.3.2008 beginne ich eine Serie von kleinen Briefen, die sich zu einem Ganzen zusam-menfügen werden. Uns ganz normalen „Menschenkindern“ ist es nicht gegeben, die Welt mit Sprache wirklich neu zu erfinden, zu „vermessen“, an die Grenzen zu stoßen – vielleicht steckt das in dem ein oder anderen Gedicht, indem es Erfahrung verdichtet und durch Sprache auf einer emotionalen oder intellektuellen Ebene anders sehen, erleben und fühlen lässt. Mir ist es zum Glück immer wieder eine Möglichkeit gewesen, mit Hilfe der Sprach- und Denkbemühungen anderer etwas verstehen und vielleicht auch vermitteln zu können, was uns ansonsten verborgen bliebe. Mit Blick auf die existentiellen Grunderfahrungen war es im März 1988 und fortan, in der Auseinandersetzung mit dem Tod (meines Vaters), Karl Jaspers, der mir ein Fenster geöffnet hat, durch das ich seither schauen kann.

Merkwürdigerweise hat es mich jetzt, im März 2008, also fast genau auf den Tag 20 Jahre später, wieder zu Karl Jaspers hingezogen; aber dieses Mal zu Kapitel XI „Liebe“. Und es ist eine gleichermaßen beeindruckende und berührende Erfahrung daraus geworden, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Vor 20 Jahren ging es um einen ersten gravierenden Abschied, den Tod meines Vaters. Heute geht es um ein Ankommen im Leben, wobei ich manchmal das Gefühl habe, dass ich 1988 die ersten zaghaften Schritte zum Erwachsenwerden getan habe, und dass ich nunmehr – 20 Jahre später – die letzten Schritte zu einem erwachsenen selbst- und mitverantwortlichen Leben getan habe. „Mitverantwortlich“ heißt dieses „philosophische Lesebuch“, das irgendwann in den 60er Jahren eine von Karl Jaspers selbst autorisierte Auswahl von Schriften zusammenfasst. Zwischen den Seiten 180 und 181 liegen noch heute getrocknete Gräser, ausgebleicht, aber immer noch blühend und sich selbst in ihrer Urgestalt treu; Textmarker gab es damals, bei meiner Erstlektüre noch nicht – ich habe die Seiten erst jetzt aktuell „versaut“. Von der ersten Auseinandersetzung mit diesem Text zeugen akribisch vorgenommene Unterstreichungen mit Bleistift, die mir heute noch anzeigen, was mir seinerzeit bedeutsam erschien. Dass ich das meiste von dem, was Karl Jaspers uns dort anbietet, erst heute verstehe, ist schlicht der Tatsache geschuldet, dass inzwischen fast 40 Jahre der Irrungen und Wirrungen hinter mir liegen, deren Verarbeitung auch die Schätze bergen kann, die Karl Jaspers für uns zusammengetragen hat.

Heute beginne ich mit der Einführung in den Text, in deren Rahmen Karl Jaspers das anklingen lässt, was den Menschen im christlichen Kulturkreis schon immer intellektuelle, spirituelle und auch emotionale Verzückung zuteilwerden ließ:

„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wär ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle: Und wenn ich alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich all meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.“ (Der Liebeshymnus des Paulus, 1. Kor. 13)

Diese Worte bleiben demjenigen, der sie jemals in seinem Leben gehört hat – da stimmen wir mit dem Karl Jaspers überein – unvergesslich: „In unserer Liebe sind wir, was wir eigentlich sind. Alles was in uns Gewicht hat, ist im Ursprung Liebe.“ Diese einleitende Feststellung Karl Jaspers hat heute noch einmal eine andere Färbung und ein anderes Gewicht angenommen.

Liebe Claudia, mit den Briefen, die folgen werden, möchte ich das zeigen, mit einer Sprache, die ich Karl Jaspers entlehne, und die ich wenden werde zu meiner eigenen reflektierten Erfahrung, in denen sich das Glück manifestiert, dich dreißig Jahre kennen zu dürfen; das Glück, dich gewonnen zu haben; das Glück, dass du meine Frau werden wolltest und vor allem geblieben bist – auch in Zeiten meines Wahns; das Glück, dass aus meinen Irrungen und Wirrungen ein Weg in die Klarheit und Entschiedenheit geworden ist, das Glück, dass diese Entschiedenheit uns auch durch das letzte Dreivierteljahr begleitet hat, deine Entschiedenheit, an der ich nur einmal kurz zweifeln durfte, als „Emma“ mir durch Hirn und Herz fegte.

So wird jeder dieser Briefe auf eine bestimmte Weise eine Liebeserklärung sein und zwar ein bisschen so, dass Karl Jaspers mich dabei begleitet, mir dabei seine Worte schenken wird wie weiland Cyrano de Bergerac seinem tumben, liebestrunkenen Dummkopf.

Dein Josephus

 

Der zweite Brief am 22.3.2008

Liebe Claudia, der Liebesperlen besonderste und einzigartigste!

„Wird der Mensch sich seines Menschseins voll bewusst, dann verletzt er den Menschen im Partner, wenn er, ob als Mann oder als Frau, ihn nur als Mittel seiner Geschlechtlichkeit benutzt.“ (Karl Jaspers, Mit-verantwortlich, 183) Du kannst dir vorstellen, dass ich mir diese Textstelle als 18-Jähriger fett markiert habe – es gab ja keinen entschiedeneren Moralisten als mich! Dass man jemanden primär wegen seiner überaus präsenten und möglicherweise auch offensiven „Geschlechtlichkeit“ wahrnimmt und auch annimmt, das haben wir beide in jungen Jahren gleich-ermaßen erfahren. Da brauche ich keine Namen zu nennen, aber in unserer Erinnerung und in unserer erinnerten und erzählten Geschichte spielen diese Menschen keine Rolle mehr, selbst ihre Gesichter mögen keine Gestalt mehr annehmen. So ganz trägt diese Realitätskonstruktion freilich auch nicht. Auch unsere Paargeschichte ist von intensiven Phasen der Fort- und Weiterbildung geprägt, die sich glücklicherweise aus dem ein oder anderen Stolperstein ergeben haben.

Karl Jaspers, das habe ich schon mehrfach bemerkt, spricht in Teilen seiner Analyse eine ungemein klare und nüchterne Sprache. Und er erhebt auch diesen Anspruch: „Ein Schema der geschlechtlichen Erscheinungen unterscheidet: Sexualität, Erotik, Ehe. Die Pedanterie des Schemas ist unumgänglich für die Klarheit des Sprechens. Kümmerlich gegenüber der Wirklichkeit, vermag es doch vor Verwechslungen zu schützen.“ (ebd., 183)

Die Unterscheidungen, die er jetzt vornimmt, finde ich interessant. Wenn man sie in den Kontext solcher Ideen und Beschreibungen stellt, wie sie von Arnold Retzer (Das Wunder der Ehe) und anderen vertreten werden, dann entstehen vielleicht auch andere Perspektiven, die eine Integration der jetzt folgenden Unterscheidungen auch in eine alte Ehe, eine gewachsene, patinierte „Old Love“ möglich erscheinen lassen:

Sexualität wird von Jaspers (ebd., 183) relativ neutral beschrieben als ein Phänomen, das allem Lebendigen gemeinsam ist: „Sie ist in ihren Funktionen biologisch, physiologisch und psychologisch zu erforschen, vom Menschen medizinisch-hygienisch planmäßig zu regeln (da muss man z.B. an das „Gummigebot“ beim „Fremdvögeln“ denken, das ist eine Bemerkung vom „Schnulli“).“

Und jetzt kommt vom ollen Jaspers so richtig was für uns, denn er schwingt sich auf die Höhen unserer gegenwärtigen Bemühungen um erotischen Landgewinn. „Erotik ist der unendliche Reichtum der geistigen Formung. Der Sexualakt wird kunstvoll. Er selber und was zu ihm führt, wird Schönheit. Das indische Kamasutra lehrt die Gestalten geschlechtlichen Genusses, Ovids Ars armandi das reizvolle Spiel.“ (ebd., 183)

Die Ehe ist dann für Karl Jaspers schließlich „die Ordnung der sexuellen und erotischen Realitäten zur Schaffung der Welt der Familie, in die Kinder hineingeboren werden (unsere Kinder, Anm. des Verf.) und zu sich erwachen. […] Die Ehe will Dauer. Sie ist ein Moment der Gesellschaft (ebd., 183).“

Ich vermute, dass Arnold Retzer bei seinem letzten Aufsatz „Das Wunder der Ehe“ ein bisschen beim ollen Jaspers abgekupfert hat: „Die Liebenden wollen in Hausgemeinschaft den Alltag miteinander formen, nicht je nach Situation und neuen Erlebnissen wieder auseinanderlaufen. Sie wollen in der menschlichen Gesellschaft als Ehe anerkannt sein. Daher die rechtliche, vom Staat geschützte Institution. Die Ehe, dieses kostbare Gut, ist eines der Wunder der Geschichte.“ (ebd., 183)

Den zweiten Brief möchte ich beschließen, indem ich Jaspers folge und mich mit ihm, wie er sagt, von den „Realitäten“ (Sexualität, Erotik und Ehe) löse und von der Liebe selbst spreche.

Nach den dreißig Jahren, die wir uns „kennen“, in der Erinnerung unserer Anfänge und nach den letzten vier Wochen kann ich Jaspers folgen, wenn er meint, die Liebe selbst habe ihren Ursprung nicht in dieser Welt, sie sei empirisch nicht zu fassen:

„Sie wird erfahren als das Unbegreifliche, das den Menschen überfällt, aber so, dass er erst in ihr er selbst wird.“ (ebd., 183)

Oder an anderer Stelle:

„Die Liebe schlägt in der Erscheinung der Zeit ein wie ein Blitz, den niemand sieht. Aber durch ihn wird den Getroffenen offenbar, was von Ewigkeit her schon ist.“ (ebd., 184)

Das sind starke Bilder und es wird noch stärker und fassbar, nur für Menschen, die wie wir zurückblicken können – zurückblicken müssen und dabei erkennen dürfen, dass Karl Jaspers vielleicht das Wesen der Liebe sprachlich fühlbar werden lässt und auf den Punkt bringt:

„Diese Liebe, sich bewusst als Gegenwart des Ewigen, wandelt die Erscheinung ihrer an sich gleich bleibenden Wirklichkeit in der Folge der Lebensalter: In der Jugend geht vorher die Befangenheit vor dem Eros. Das Einzige soll nicht vergeudet werden, bevor der Augenblick da ist, in dem es sich wahrhaft verschwendet im Treffen derer, die sich als von jeher zueinander gehörend erkennen, einzig, geschichtlich in ihrer ersten und zugleich letzten Liebe. Sie sind sich dessen gewiss und wissen es doch nicht. Sie finden sich in ihrer vollkommenen Freiheit absolut gebunden, weil sie sich gleichsam aus dem vorzeitlichen Ursprung wieder erkennen. Diese Liebe ist kein Besitz. Sie bringt die Liebenden hervor, aber steht nicht zu ihrer Verfügung. Man kann sie nicht wollen. […] Denen sie geschenkt wird, die haben kein Verdienst.“

Aber sie gewinnen eine Demut vor dieser Größe, die uns als Einzelwesen übersteigt. Und neben die Demut rückt das Glück: Das Glück, dich dreißig Jahre kennen zu dürfen; das Glück, dich gewonnen zu haben; das Glück, dass du meine Frau werden wolltest und vor allem geblieben bist – auch in Zeiten meines Wahns; das Glück, dass aus meinen Wirrungen und Irrungen ein Weg in die Klarheit und Entschiedenheit geworden ist, das Glück, dass diese Entschiedenheit uns auch durch das letzte Dreivierteljahr begleitet hat, deine Entschiedenheit, an der ich nur einmal kurz zweifeln durfte, als „Emma“ mir durch Hirn und Herz fegte.

Dein Josephus

P.S. Ich hab mit Interesse gelesen, was der olle Jaspers zur Erotik geschrieben hat und werde ihn zum Paten erheben beim Eindeichen und Gewinnen einer Kultur des Eros.

 

Der dritte Brief am 1.4.2008

Liebe Claudia, der Liebesperlen besonderste und einzigartigste!

„Die Liebe ist kein Besitz. Sie bringt die Liebenden hervor, aber steht nicht zu ihrer Verfügung. Man kann sie nicht wollen… Denen sie geschenkt wird, die haben kein Verdienst.“

Damit endete der letzte Brief und Karl Jaspers weist darauf hin, dass Liebende, denen diese gemeinsame Erfahrung zu Teil wird, für andere immer etwas wunderlich und langweilig erscheinen (dass dies bei uns nicht so ist, hat der schöne Tag mit Hiltrud und Georg wieder einmal eindrücklich bewiesen). Jaspers spricht davon, dass solchermaßen „Liebende“ über eine Grundverfassung, einen „basso continuo“ verfügen, die/der in den Anfängen ihrer Liebe dasselbe sagen würde wie im höchsten Alter; er beschreibt damit ein Phänomen, das „psychologisch nicht existent ist und daher unglaubwürdig ist“. Er nähert sich nun dem Versuch, einmal zu zeigen, wie eine solche „meta-physische Liebe“ denn in der Welt erscheinen würde. Und er meint weiter, eine solche Liebe, die als Realität nicht aufzeigbar sei, könne man nur zweideutig umkreisen. Und seine Beispiele sind spannend!

  • Erotische Leidenschaft und metaphysische Liebe, beide – meint Jaspers – entzünden sich in der Jugend. Aber in der Leidenschaft liege das phantastische Ewigkeitsbewusstsein des Rausches, in der Liebe hingegen der Wille zur Dauer in der Zeit. Die Leidenschaft sei gebunden an das Erlebnis, komme und gehe! Die Liebe hingegen habe „den tiefen Sinn des ‚für immer‘ und ‚von jeher‘. Sie kommt einmal im Leben und nie wieder.
  • „Die Leidenschaft ist an entscheidender Stelle blind, die Liebe hellsichtig im Ganzen.“

Jetzt kannst du sehen, dass ihr beiden Verliebten im Februar im Modus der Leidenschaft gelebt habt, eben an entscheidender Stelle blind. Ich war der Liebende, hellsichtig im Ganzen. Ich bin froh, dass du so schnell wieder hellsichtig geworden bist. Und auf die Fragen, die Karl Jaspers an-schließt, haben wir kraftvolle und gnadenreiche Antworten gefunden.

Denn bei Karl Jaspers beginnen jetzt die Fragen:

  • „Kann die Gewissheit metaphysischer Liebe ein Irrtum der Leidenschaft sein? Kann ein treuloser Partner den Liebesursprung zerstören, der der gläubig Liebende nun an ihn vergeudet hat? Kann trotzdem nach Erfahrungen des erotischen Scheiterns nun erst die Begegnung der aus dem Ursprung her zueinander gehörenden Liebenden stattfinden, die sich erkennen und rückblickend ihre Irrungen durchschauen, sie übernehmen und aufheben?“

Karl Jaspers spricht von „unheimlichen Fragen“. Und beim Lesen dieser alten Texte, die ich vor 40 Jahren zum ersten Mal gelesen und bearbeitet habe, kommt nun eine fett angestrichene Stelle, die mir heute das Gefühl gibt, dass ich im Sinne Rilkes die Fragen gelebt habe, um dabei allmählich in die Antworten hineinzuleben:

  • „Der Zufall der Begegnung ist das Geschick, dem das Ewige in der Zeit unterworfen ist. Der Zufall ist beliebig und doch als einziger nicht austauschbar. […] Dann verlangen Zeit und Ordnung ihr Recht. In die Ehe geht die Liebe ein durch den Entschluss für immer, der mehr ist als was Moral und Eherecht fordern.“

Ich finde es beeindruckend und beglückend, dass wir das heute miteinander sehen und erleben können. Und ich finde es beeindruckend, dass Karl Jaspers Brücken baut und vor langer Zeit schon der Auffassung war, dass in die Ehe die Liebe eingehe, und zwar durch den „Entschluss für immer“, der dann aber mehr ist und sein muss, als was Moral und Eherecht fordern.

Nur so schimmert und schillert und fließt in „Old Love“ ein Glück, das uns vor 11 Jahren – und das war schwer genug –, und das uns erst recht nicht im Februar 2008 hat scheitern lassen an kleinka-rierten und engstirnigen moralischen Vorbehalten. So kommt zum Glück die Liebe und zur Liebe das Glück: Das Glück, dich dreißig Jahre kennen zu dürfen; das Glück, dich gewonnen zu haben; das Glück, dass du meine Frau werden wolltest und vor allem geblieben bist – auch in Zeiten meines Wahns; das Glück, dass aus meinen Wirrungen und Irrungen ein Weg in die Klarheit und Ent-schiedenheit geworden ist, das Glück, dass diese Entschiedenheit uns auch durch das letzte Drei-vierteljahr begleitet hat, deine Entschiedenheit, an der ich nur einmal kurz zweifeln durfte, als „Emma“ mir durch Hirn und Herz fegte.

Dein Josephus

 

Der vierte Brief am 4.4.2008

Liebe Claudia, der Liebesperlen besonderste und einzigartigste!

Der vierte Brief beginnt – inspiriert durch Karl Jaspers – mit einem Hinweis, der offensichtlich auf eine Bedingung hinweist, ohne die eine „glückliche“ Ehe noch nicht einmal vorstellbar ist. Jaspers weiß ja etwas von der „Verliebtheit“ und vom Rausch der Leidenschaft. Soll es dabei aber nicht sein Bewenden haben, so folgert er, dann verlangen Zeit und Ordnung ihr Recht: „In die Ehe geht die Liebe ein durch den Entschluss für immer, der mehr ist als was Moral und Eherecht fordern.“

So endete ja der letzte Brief und man kann sich leicht vorstellen, dass an der Stelle natürlich auch so etwas in den Blick kommt, was viele Paartherapeuten heute mit dem Unwort „Beziehungsarbeit“ meinen. Jaspers kann’s ein wenig prosaischer, wenn er meint, dann beginne der „liebende Kampf“ in den Realitäten der Welt, die gemeinsame Bewältigung der Situationen. Ja, das ist zweifellos unsere Stärke, das ist unsere „Bank“, wo die Schätze lagern. Jene Schätze, die wir Verlässlichkeit, Verantwortungsbereitschaft und liebevolle Fürsorglichkeit nennen, also die Schätze, ohne die wir keine der von uns gewollten (unsere Kinder) und der uns zugemuteten Situationen bewältigen würden – heute besser und souveräner, mit mehr geläuterter Erfahrung als früher.

Und Karl Jaspers entwirft die Perspektive, die all dies eint und die all die Färbungen zu Fenstern macht, durch die wir zuversichtlich schauen können, weil wir schon so ein gewaltiges Stück des Wegs gemeinsam gegangen sind:

  • „Dann geht der Weg durch die Lebensalter. Die vitale Schönheit der Jugend schwindet dahin. Aber nun, in der lebenswährenden Erscheinung existentiell geprägt, liegt in der Schönheit des Alters mehr als die nur erinnerte Jugend. Es gilt Kierkegaards Satz: „Die Frau wird mit den Jahren schöner. Aber es sieht nur der Liebende.“

Von wegen! Da in deiner Schönheit nicht nur erinnerte Jugend eine Ahnung bleibt, sondern real in Erscheinung tritt, bin ich auch nur einer von denen, die eine schöne Frau sehen; einer von vielen, von sehr vielen, von zu vielen!!!

  • Und dennoch gebe ich natürlich Karl Jaspers auch Recht, weil es ja nicht nur um den Anschein und die Erscheinung geht, sondern um so viel mehr: „Sexuelles Begehren, das Spiel der Erotik, die Leidenschaft, die Ordnung der Ehe, die ewige Herkunft in der Verbindung zweier, alles ist in dem Wort ‚Liebe’ beschlossen.“

Jawohl, und wenn man „das Ganze“ nimmt, dann, ja dann werde ich zu eben diesem Einzigartigen Einzigen und dann gilt Kierkegaards Satz: „Die Frau wird mit den Jahren schöner. Aber es sieht nur der Liebende!“

So schimmert und schillert und fließt in „Old Love“ doch und immer wieder ein Glück: Das Glück, dich dreißig Jahre kennen zu dürfen; das Glück, dich gewonnen zu haben; das Glück, dass du meine Frau werden wolltest und vor allem geblieben bist – auch in Zeiten meines Wahns; das Glück, dass aus meinen Wirrungen und Irrungen ein Weg in die Klarheit und Entschiedenheit geworden ist, das Glück, dass diese Entschiedenheit uns auch durch das letzte Dreiviertel-jahr begleitet hat, deine Entschiedenheit, an der ich nur einmal kurz zweifeln durfte, als „Emma“ mir durch Hirn und Herz fegte.

Dein Josephus

 

Der fünfte Brief am 8.4.2008

Liebe Claudia, der Liebesperlen besonderste und einzigartigste!

Wenn dich jetzt schon die jungen Mädels in Güls an prominenter Stelle mit viel Überblick mit dem Hinweis begrüßen: „Da kommt die schönste Frau von Güls!“ – ja was soll das noch werden? Oder: Das kann ja heiter werden! Aber Spaß bei Seite. Mir hat es ja schon gereicht, zu einem ernsthaften Mitbewerber in heiratsrelevante Konkurrenz treten zu müssen/dürfen – und ob der olle Jaspers da gegenwärtig in mir die rechten Impulse weckt, das bleibt ja noch abzuwarten. Zur Erinnerung oder besser in dieser Form als Variation eines Begriffs von Liebe hält Karl Jaspers fest:

  • „Sexuelles Begehren, das Spiel der Erotik, die Leidenschaft, die Ordnung der Ehe, die ewige Herkunft in der Verbindung zweier, alles ist in dem Wort ‚Liebe’ beschlossen.“

Logisch das Jaspers bei diesem galaktischen Anspruch die Frage nachschiebt, ob dies alles in eins fallen könne: die metaphysische Herkunft, der Entschluss, das Versprechen, der juristische Vertrag, die erotische Leidenschaft, die sexuelle Erfüllung? Auch seine Antwort ist relativ klar, wenn er meint, dass eine solche Vorstellung „weder vorstellbar noch denkbar“ sei. All diese Momente treten seiner Erfahrung nach miteinander in Kampf.

Jetzt könnten wir beide ja sagen: Wir, die wir durch so viele Feuer gegangen sind, wir kreieren ihn doch gerade, den idealtypischen Paarlauf!

 

Schau, das Paar und seine Kreise –

Wie es sprüht und lebt

Und auf synchrone Weise

Über allen Niederungen schwebt …

 

Da ist sexuelles Begehren, das Spiel der Erotik – Halleluja, die Leidenschaft, die Ordnung der Ehe, die ewige Herkunft in der Verbindung zweier – Halleluja, siehe unseren Mythos und was wir daraus gemacht haben – es ist eine Liebe, wie sie vielleicht einziger nicht sein kann und sie (über)lebt selbst die eigene Herkunfts- und Gegenwartsfamilie.

An dieser Stelle zwingt sich ein kleiner soziologischer Exkurs auf, der zur nüchternsten Definition von Familie führt, die ich bislang gelesen habe. Dirk Baecker, ein Luhmann-Schüler, hat einen Aufsatz geschrieben, den er „Familienglück“ nennt. Zum Schluss fasst er zusammen:

  • „Man wird also, so viel ist sicher, noch viel weniger wissen als bisher, worauf man sich einlässt, wenn man eine Familie kennenlernt. Das erhöht Reiz und Risiko des Einheiratens nicht unerheblich. Und man wird noch weniger wissen als bisher, wann man es bereits mit einer Familie und wann man es mit einer Clique, einer Wohngemeinschaft, einem Team oder einer Projektgruppe zu tun hat. Man wird jedoch als Form der Bewältigung dieser Ungewissheit wissen, dass man es genau dann mit einer Familie zu tun hat, wenn man auf Leute stößt, die Verantwortung dafür übernehmen, wie der andere geboren wird, lebt und stirbt.“ (Baecker 2007, 205)

Ich bin der tiefen Überzeugung, dass diese reduzierte Form der Definition etwas Großes enthält, etwas, was wir intuitiv seit geraumer Zeit begonnen haben zu leben; im Übrigen inzwischen auch mit dem nötigen Humor.

Bei Karl Jaspers gerät das Widerstreiten der oben definierten Momente von Liebe zu dem, was viele Paare sattsam kennen. Jaspers als Realist: „Häufig sieht das Bild so aus: Sexualität wird krank in ihrer Funktion und belastet das Selbstbewusstsein [na davon können auch wir eine Lied singen]. Erotische Leidenschaft ohne Dauer droht dem Menschen seinen Kern zu nehmen. Der Ehebruch zeigt seine Unverlässlichkeit. […] Das Leben der Liebe wird verworren.“

Ich sehe es heute ein wenig anders: Dass wir die sexuelle Beziehung zu einem jeweils anderen Menschen heute mit Reimer Gronemeyer noch als „Ehebruch“ bezeichnen können (siehe Gronemeyer, 128ff.) spricht ja eher dafür, dass der Gedanke der Exklusivität und der Einzigartigkeit noch einer ist, der für uns Bedeutung hat – und erst recht für andere.

Beim ollen Jaspers liegt es auf der Hand, dass der Ehebruch – Heimspiel hin, Heimspiel her – nicht nur eine bloße Metapher ist, sondern, wie auch bei Bert Hellinger zu lesen, häufig in herbe Gewissensnöte führt:

  • „Da aber der Mensch als sinnliches Verstandeswesen der vollendeten Liebe nicht fähig ist, sich in seiner Liebe immer wieder missverstehen kann, sie verletzt und schwach werden lässt, so braucht er auch noch in seiner Liebe die Kontrolle durch das Bewusstsein oder das Gewissen.“

Manchmal soll das Menschen sogar zu einer regelrechten „Beichte“ führen. Eine Haltung, die von Susanne Gaschke wiederum eher abgelehnt wird, wenn sie meint, dass es verboten sein müsste, „dass Partner einander ihr Privatleben aufdrängten, um sich moralisch zu entlasten“. Andererseits müsste aus ihrer Sicht das „Kreuzverhör“ dann ebenso tabu sein (in: Die ZEIT, 1/1999). Aber auch die Gegenrede von Karl Jaspers hat sicherlich einiges für sich:

  • „Die Liebe hat keine Instanz über sich. Sie selbst beurteilt ihre Erscheinung mit Hilfe des Gewissens, unerbittlich, aber mit liebendem Gewissen.“

Vielleicht ist es eben doch für uns ein Glück, dass wir aus „Zweierlei Glück“ (Weber, 1997) doch wenigstens ein bisschen gelernt haben; auch wenn du nach wie vor den Dyonisos verharmlost und an dieser Stelle die alten weisen Männer und Frauen von Luhmann über Hellinger und Weber und Jellouschek und Welter-Enderlin nicht so recht ernst nehmen magst. Denn die wussten immer schon:

  • „Das Sicheinlassen auf sexuelle Beziehungen dagegen erzeugt Prägungen und Bindungen, die ins Unglück führen. Die Tragik liegt nicht mehr darin, dass die Liebenden nicht mehr zueinander kommen; sie liegt darin, dass sexuelle Beziehungen Liebe erzeugen und dass man weder nach ihr leben noch voneinander loskommen kann.“ (Niklas Luhmann, in: Liebe als Passion)

Was das „Loskommen“ angeht, hoffe ich für alle Beteiligten das Beste, eben den Ertrag aus einer intensiven Fort- und Weiterbildung in Liebes- und Familiensachen. Ein Glück, dass wir en passent zu „Sachverständigen“ in Liebesdingen geworden sind; fast so ein großes Glück, wie es schimmert und fließt in „Old Love“:

Das Glück, dich dreißig Jahre kennen zu dürfen; das Glück, dich gewonnen zu haben; das Glück, dass du meine Frau werden wolltest und vor allem geblieben bist – auch in Zeiten meines Wahns; das Glück, dass aus meinen Wirrungen und Irrungen ein Weg in die Klarheit und Entschiedenheit geworden ist, das Glück, dass diese Entschiedenheit uns auch durch das letzte Dreivierteljahr begleitet hat, deine Entschiedenheit, an der ich nur einmal kurz zweifeln durfte, als „Emma“ mir durch Hirn und Herz fegte.

Dein Josephus

 

Der sechste Brief am 5.5.2008

Liebe Claudia, der Liebesperlen besonderste und einzigartigste!

In allen fünf Briefen, die ich dir bisher geschrieben habe, ist es mir immer gelungen, die Kurve zum „Glück“ zu nehmen. Du weißt, dass das „Glückskind“ ein starkes Motiv in meinem Selbstbild ist, auch wenn sich gerade in meiner Herkunftsfamilie das pure Glück nie so recht einstellen mochte und neben Schicksalsschlägen viel hausgemachtes Elend für kräftige Eintrübungen sorgt. Und dennoch: Zu einem glücksgeschwängerten Selbstbild trägst du in zunehmendem Maße bei.

Du weißt ja inzwischen, wie ich das meine, wenn ich nämlich von dem Glück spreche, dich dreißig Jahre kennen zu dürfen; dem Glück, dich gewonnen zu haben; dem Glück, dass du meine Frau werden wolltest und vor allem geblieben bist – auch in Zeiten meines Wahns; dem Glück, dass aus meinen Wirrungen und Irrungen ein Weg in die Klarheit und Entschiedenheit geworden ist, dem Glück, dass diese Entschiedenheit uns auch durch das letzte Dreivierteljahr (aus dem unterdessen ein ganzes geworden ist) begleitet hat, deine Entschiedenheit, an der ich nur einmal kurz zweifeln durfte, als „Emma“ mir durch Hirn und Herz fegte.

Die ersten fünf Briefe verdanken sich in ihren inhaltlichen Anregungen einer neuerlichen Auseinandersetzung mit dem, was mir Karl Jaspers mit seinen philosophischen Reflexionen zur Liebe schon vor 40 Jahren angeboten hat. Gestern habe ich dir ein kleines Büchlein gezeigt, das mich in manchen Passagen zutiefst beeindruckt hat: Mut zur Endlichkeit – Sterben in einer Gesellschaft der Sieger. Am Ende dieses Büchleins entwickelt der Autor, Fulbert Steffensky (Jahrgang 1933) einen Gedankengang, der mich jetzt dazu veranlasst, die „Glücksformel“ am Ende meiner Briefe um ein Motiv zu erweitern, das in meinem ganzen Leben eine zentrale Rolle spielt und auch uns beide in besonderer Weise verbindet. Zum oben beschriebenen Glück gesellt sich dann der Dank hinzu:

„Die große Grundfähigkeit des Lebens ist der Dank. Der Dank lehrt uns das Leben zu lieben.“ Fulbert Steffensky erzählt dazu eine eigene Geschichte, in der er einen „dramatischen Zusammenbruch“ seiner Frau zehn Jahre vor ihrem Tod erwähnt: „Wir haben Wochen um ihr Leben gebangt. Dann erholte sie sich, langsam und vollständig. Sie und wir haben gelernt, dass das Leben eine Frist ist. Und dies gab unserem Leben eine neue Intensität. Wir lernten die Selbstverständlichkeiten des Lebens als große Gaben zu schätzen. Dass ein neuer Morgen kam, war nicht mehr selbstverständlich, das Lachen unserer Enkel und dass wir zusammen weiter leben durften, waren nicht mehr selbstverständlich. Der Alltag hatte einen neuen Glanz. Wir haben die Bäume anders gesehen, wir haben unsere Liebe intensiver erfahren, wir haben gelernt, was Brot und was Zeit ist. Wir haben die Gaben des Lebens als uns ungeschuldete und als unverdienbare kennen gelernt. Die Dankbarkeit ist wie eine neue Schöpfung der Dinge. Und auch der nach zehn Jahren erfolgte Tod meiner Frau hat diese Dankbarkeit nicht durchstreichen können. Wer weiß, dass er sich verdankt, ist des Lebens fähig, vielleicht auch des Sterbens.“

Es muss nicht unbedingt die eigene Bedrohung oder die Bedrohung des Geliebten sein, um diese Wende zum Wesentlichen und zum Unbedingten auszulösen, obwohl wir um die Osterzeit auch damit ansatzweise konfrontiert worden sind. Und dennoch sind es die Besuche bei Michel und die Auseinandersetzung, die Barbara führt, die mir die Einsichten Fulbert Steffenskys so nahebringen.

Ich bin dankbar für alle (!) Jahre mit dir, für die Jahre mit unseren Kindern (!) und besonders für die letzten 9 ½ Wochen. Es gab mal einen Erotik-Thriller mit dem Titel „9 ½ Wochen“ mit Mickey Rourke und Kim Basinger. Adrian Lyne hat in diesem Film die 9 ½ Wochen einer sexuellen Obsession inszeniert, die im Beziehungschaos und im SM-Dilemma endet. Du kannst dir vielleicht vorstellen, wie dicht und unendlich erfüllend der Dank sein muss, den ich empfinde, wenn sich in den letzten 9 ½ Wochen und den Monaten davor eine Liebesgeschichte entwickelt und erfüllt, wie man sie sonst nur als „großes Kino“ serviert bekommt. Denn auch wenn du immer wieder den „Heimspielcharakter“ des letzten Wochenendes im Februar betonst, das lange Vorspiel und die intensive Wende machen ja als Differenzerfahrung die Besonderheit und die Tiefe unseres neuen-alten Glücks aus. Über Fulbert Steffensky und die Umstände, in denen sich Michael und Barbara gegenwärtig vorfinden, lernen wir in der Tat die oben erwähnten Selbstverständlichkeiten des Lebens als große Gaben zu schätzen. Da mir kein neues Gedicht eingefallen ist, möchte ich an eines erinnern, das ich vor vielen Jahren einer Stimmung nachempfunden habe und das ich „Liebe? Ode an ein Brötchen“ genannt habe – es fällt mir jetzt ein, weil es nur eine Marginalie ausdrückt, aber eben keine Selbstverständlichkeit!

Ja, Glück, Dank und F R E U D E !

Ich freu mich, dass es dich gibt,

Ich freu mich, dass es uns gibt,

Ich freu mich, dass es uns alle gibt!

Ich freu mich immer – auf nachher und jetzt!

Dein Josephus

 

Der siebte Brief am 2.7.2008

Liebe Claudia, der Liebesperlen besonderste und einzigartigste!

Ja, so beginnt auch der siebte (und hier – zum Schutze des Mysteriums – nur gekürzt wiedergegebene) Brief. Ich schreibe ihn in der Nacht zum 2. Juli und das bekannte Ende schicke ich voraus, indem ich das Glück noch einmal besinge, dich dreißig Jahre kennen zu dürfen; das Glück, dich gewonnen zu haben; das Glück, dass du meine Frau werden wolltest und vor allem geblieben bist – auch in Zeiten meines Wahns; das Glück, dass aus meinen Wirrungen und Irrungen ein Weg in die Klarheit und Entschiedenheit geworden ist, das Glück, dass diese Entschiedenheit uns auch durch das letzte Dreivierteljahr begleitet hat (und aus dem inzwischen mehr als ein ganzes geworden ist), deine Entschiedenheit, an der ich nur einmal kurz zweifeln durfte, als „Emma“ mir durch Hirn und Herz fegte.

Ich habe mir in den vergangenen Nächten das zweifelhafte Vergnügen gegönnt, André Gorz’ „Brief an D. – Geschichte einer Liebe“ zu lesen. Das ist der Brief, den du nicht mit mir lesen wolltest – und du hast vielleicht gut daran getan. Dieses so sehr von den Medien gelobte hohe Lied auf eine Liebe ist im Großen und Ganzen ein einziges „Inkonsistenzbereinigungsprogramm“ eines alten Mannes, der im Rückblick erkennt, wie viel Scheiße er gebaut hat, und ich erinnere mich, dass in der ZEIT das Resümee so lautete: „Was hat dieser Mann für ein Glück gehabt, dass sie blieb.“ Elisabeth von Thadden, die ZEIT-Redakteurin, endet allerdings angesichts der Tatsache, dass ihre Kräfte nachlassen bis hin zur Pflegbedürftigkeit: „Was hat diese Frau für ein Glück, dass er blieb.“ Nachdem André Gorz sich über viele Seiten entschuldigt hat für ein Leben, das der Wissenschaft und dem Egotrip geweiht war, kommt er auf den letzten Seiten zu einer späten Einsicht:

„Bestimmt bin ich nicht immer auf der Höhe der vor dreißig Jahren getroffenen Entscheidung gewesen: mitten in der Gegenwart zu leben, vor allem auf den Reichtum unseres gemeinsamen Lebens zu achten. Jetzt durchlebe ich noch einmal mit einem Gefühl der Dringlichkeit die Augenblicke, in denen ich diese Entscheidung getroffen hatte. Ich habe kein größeres Werk in Arbeit. Ich will nicht mehr ‚das Leben auf später verschieben‘, wie George Bataille geschrieben hat. Ich möchte Dir meine ganze Aufmerksamkeit schenken und die Deine zu gewinnen suchen wie in unseren Anfängen. Du hast mir Dein ganzes Leben und alles, was Du bist, geschenkt; ich möchte Dir in der Zeit, die uns noch bleibt, alles von mir schenken können:“

Die Tragik dieser Willensbekundung wird in den folgenden Sätzen deutlich. André Gorz fährt fort: „Soeben bist Du zweiundachtzig geworden. Und immer noch bist Du schön, anmutig und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag.“

Den Rest erspare ich dir jetzt, weil das, was dann kommt, mit dem Ende zu tun hat, und uns (noch) nicht betrifft. Die letzten Passagen sind mir nahegegangen, und ich hatte in den letzten Nächten Gelegenheit, mir noch einmal vorzustellen, wie denn ein Leben ohne dich möglich wäre. Und ich merke, dass sich die Nuancen des: „Ich liebe dich, weil ich dich brauche“ bzw. „Ich brauche dich, weil ich dich liebe“ sanft in eine Grauzone verschoben haben, an deren Ende, ähnlich wie bei André Gorz, die Symbiose droht (nach Erscheinen des Briefs an D. hat das gemeinsame Leben von André Gorz und seiner Frau D. übrigens noch ein knappes Jahr gedauert, bevor sie gemeinsam den Freitod gewählt haben).

Was mich bei alldem irritiert, das habe ich in vielen Gesprächen schon angedeutet. Die Ereignisse im März 2008 haben mich verändert! Am 18. März habe ich versucht, uns in einem langen Tagebucheintrag auf die Spur zu kommen:

… Aber diese Tagebucheintragungen bleiben unser beider Geheimnis. Meine Liebesbriefe stellen vielleicht – ähnlich wie der Brief von André Gorz an D. – ein Bekenntnis, eine besondere Form der Entschiedenheit in den Raum. Sie stehen für meinen intensiven Lernprozess in den letzten Jahren. Die Textstellen, die nur für deine Augen und für dein Herz bestimmt sind und die hier präserviert bleiben sollen (präservieren – laut Duden „schützen, vor einem Übel bewahren“, siehe auch: Präservativ – laut Duden u.a. „Schutzmittel“), bestärken dieses Bekenntnis ganz sicher noch. Und anders als die Karl Jaspers und vielen anderen zu dankenden Hinweise rühren sie an jene Geheimnisse, die einer Liebe ihre besondere Aura und Tiefe verleihen.

So kann ich getrost verweisen auf das, was ich dir mit Karl Jaspers, mit Karl Otto Hondrich, mit Reimer Gronemeyer und mit Arnold Retzer versucht habe zu sagen und zu zeigen – und letztlich zeige ich es auch mit André Gorz – trotz aller Vorbehalte. Der Unterschied ist halt der, dass wir (noch) keine 80 sind, und dass es bei uns hohen Sinn gibt, wenn wir sagen, dass wir das Leben nicht auf später verschieben wollen. Elisabeth von Thadden, die ZEIT-Redakteurin, gesteht André Gorz zu, dass dieses Buch auf seinen wenigen Seiten von dem vielleicht begehrtesten aller Güter erzählt: von der Liebe, die dauerhaft ist:

„Dem Pakt fürs Leben, der aus Liebe geschlossen wird, von der Ehe also, die die Liebe nicht austreibt, sondern gedeihen lässt. Das soll es geben. Auch wenn die dauerhafte Liebe den allermeisten längst als ein Widerspruch in sich selbst gilt. Wer Körper und Seele, Begehren und Sicherheit, Freiheit und Bindung, Augenblick und Ewigkeit vereint wissen will, setzt sich selbst diesem Widerspruch aus, solange es halt geht.“

Ich freu mich, wenn du zurück bist aus Oberstdorf – es ging mir nicht anders als dir, als du heute, am Dienstagabend, gesagt hast, dass du schon am Donnerstag kommst: Mein Herz weitete sich und hüpfte vor Freude!

Dein Josephus

   

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