debekabanner.svgcafe hahn bannerreuffel banner

Ich weiß es noch!

Woran erinnert ihr euch, wenn ihr alt seid – wo habt ihr gelebt, geliebt, gelitten – gegen alle Vernunft, irritiert, glücklich, verzweifelt, fasziniert, geblendet, aufgelöst, gesammelt, ergriffen, außer euch?

Mit einer kleinen Vorrede

In seinem Buch „Systemische Paartherapie" (Stuttgart 2004) spricht Arnold Retzer im Kapitel „Liebesmythen und ihre Funktion" einen „modernen, wenn auch nicht ganz jungen Mythos" an; den des „Fortschritts, der Autonomie und der vernünftigen Beherrschung der eigenen Lebensbe-dingungen" (Retzer, 33ff.). In Anbetracht dieses Mythos erscheine die Liebe natürlich als ein Skandal, der alles radikal in Frage stelle. All die Bilder, die den von der Liebe Überwältigten als kopflos oder kopfverdreht bezeichnen, all die drastischen Bewertungen eines Zustandes als „schwanzgesteuert" – „Steht der Schwanz, schweigt der Verstand" – oder in seiner sanfteren, umschreibenden Variante, die davon ausgeht, dass der Kopf wohl in die Hose gerutscht sei, suggerieren, dass die leidenschaftliche Liebe nicht gut angesehen ist, dass man sie gar – wie Roland Barthes kritisch anmerkt – als eine Krankheit betrachte, von der man geheilt werden müsse.

Grenzt die Liebe ihrerseits eine (selbst-)beherrschende Vernunft aus, so weist Arnold Retzer darauf hin, dass Ausgrenzungsversuche gegenüber der Liebe notwendig erscheinen, um dann wieder der gerade geltenden gesellschaftlichen Vernunft Genüge zu tun – allerdings mit durchaus ambivalenten Folgen: „Sprichwörtlich sind die abenteuerliche Geschichte des jungen Mannes, der (um zu vergessen) in die Fremdenlegion geht, oder der jungen Frau, die ins Kloster geht. Aber auch das hat natürlich wiederum seinen Preis. Es besteht bei dieser Ausgrenzung der unvernünftigen Liebe die Gefahr, daß nur noch ein vernünftiger, in keiner Weise mehr liebender Mensch zurückbleibt, für den umgekehrt aber auch die Gefahr nicht allzu groß ist, geliebt zu wer-den." (Retzer, 34)

Arnold Retzer spricht im Fortgang davon, dass all diese Herausforderungen des „vernünftigen Ausgrenzens der unvernünftigen Liebe und des unvernünftigen Ausgrenzens der Vernunft durch die Liebe" allbekannte Themen der abendländischen Kultur seien. Eine dieser Vernunftstrategien bestehe in der Überlistung der zerstörerischen Seite des Begehrens. Es werde der Versuch unternommen, die unbeherrschbare Liebe und die herrschende Vernunft, die sich wechselseitig auszugrenzen versuchen, in Einklang zu bringen: „Versuche, Antworten zu finden und diese im Experiment des Lebensvollzugs zu überprüfen, halten an. Die Ehe kann als eine solche zur Institution gewordene Vernunftstrategie betrachtet werden: An den Mast gefesselt, setzt man sich der unwiderstehlichen Verführung auf eine ungefährliche Weise noch einmal aus." (Retzer, 34)

Dies beantwortet allerdings noch nicht die Frage, wie man denn überhaupt hineingelangt in die Ehe und wie man denn den Ausgang findet aus Beziehungen, deren Sinn von einem der beiden Partner in Frage gestellt wird, und wie man denn womöglich den Übergang aus der einen in die andere Beziehungswelt so gestaltet, dass eine „Schädigung" der Beteiligten – auch in Form von „Langzeitschäden" – möglichst gering gehalten wird. Arnold Retzer formuliert in „Liebesproblem 6" unter der Leitdifferenz „Liebesehe", gesellschaftlich herrsche heutzutage weitgehend das Postulat der Einheit von Liebe und Ehe: „Wer heiratet, sollte sich vorher lieben; wer liebt, kann die Ehe nicht verweigern." (Retzer, 54) Die Liebe werde zur einzig legitimen Begrün-dung einer Ehe. Und so ist es den meisten unter uns denn auch vertraut. Nach Retzer erzeugt der Liebescode eine neue Form sozialer Organisation: eine Paarbeziehung, die ihre Legitimität weder aus der Vergangenheit noch aus einer Ursache außerhalb des Paares beziehen könne, sondern sich selbst autonom begründen müsse. Er schlussfolgert, dass damit die Widersprüche und nicht selten auch die Probleme ihren Anfang nähmen und die Liebesbeziehung aufhöre: „Die Liebe wird durch etwas begründet (durch die Liebe), auf das man selbst keinen Einfluß hat, auf das man aber Einfluß nehmen soll, damit es auch in Zukunft, für die das Ehepaar als autonomer Gestalter seiner selbst auch selbst verantwortlich ist, Liebe geben kann. Wir haben es hier – bei der Liebesehe – mit der problematischen Verwicklung zweier unterschiedlicher Kommunikationssysteme zu tun, die unterschiedlichen Logiken gehorchen und verschiedene Sinnsysteme hervorbringen. Wir haben es aber auch mit der problematischen Verknüpfung von etwas spontanem/unwillkürlichem (der Liebe) mit dem kontrolliert/willkürlichen Herstellen und Aufrechterhalten der Ehe zu tun, einer Sei-spontan-Paradoxie." (Retzer, 54)

Um es mit den Worten Julia Onkens zu sagen: „Im Zustand des Verliebtseins fallen meist sämtliche verstandesmäßigen Überlegungen aus: Sie werden von den ungeheuerlichen Eroskräften einfach hinweggespült, damit wir an das Ziel der sexuellen Vereinigung gelangen... Es ist eine sinnvolle Einrichtung, dass die Triebkräfte eine solch gewaltige Kraft über uns ausüben. Das gibt uns einen gehörigen Stoß, uns auf den Weg zu machen, um zu Liebenden zu werden." (Onken, 159) Bei Julia Onken scheint in der Folge wenigstens noch partiell ein sanfter, harmonischer Übergang möglich. Sie spricht von der Fortsetzung des Weges, indem sich „Eros" relativiert und „Philia" an Einfluss gewinnt; „Philia als das Zusammenschwingen der Seelen in Sympathie, Freundschaft, menschlicher Wärme, wohlwollendem Zugeneigtsein". Darin manifestiere sich eine konsequente Weiterführung aus der gegenseitigen erotisch-sexuellen Mann-Frau-Bezogenheit (natürlich auch Mann-Mann und Frau-Frau) in den Bereich der Freundschaften; Philia als Weiter-entwicklung und Verfeinerung der körperlichen Liebe: „Bei den meisten Menschen zeigt sich ein natürliches Bedürfnis, die geschlechtliche Bezogenheit zu erweitern und in den Bereich des menschlichen Miteinander zu gelangen. Wenn das nicht möglich ist, weil sich einer der beiden weigert, wird es früher oder später in der Beziehung zu Problemen kommen." (Onken, 159)

Was hier als „Übergang" gedacht wird, klingt bei Arnold Retzer in einer systemtheoretisch inspirierten Sichtweise zunächst einmal sehr viel nüchterner. All die mit der Liebe verbundenen Probleme könnten seiner Auffassung nach den resignierenden Schluss nahe legen, „daß die Liebe zwangsläufig aufhört und durch gemäßigtere Formen des Zusammenlebens ersetzt werden müsse" (Retzer, 55). In der „Partnerschaft" sieht Retzer diese „gemäßigtere Form". Sie stelle einen radikal anderen Kommunikationscode bereit, der zu gänzlich anderen Sinnverweisen und Kommunikationen führe: „Wir haben es also hier – bei der Liebesbeziehung einerseits und der Partnerschaft andererseits – mit zwei wesentlich unterschiedlichen Systemen zu tun, obwohl die Teilnehmer an beiden identisch sein können." (Retzer, 55)

Für diese Nahtstelle zwischen „Eros" und „Philia" im Sinne Julia Onkens bzw. zwischen „romantischer Liebe" und „Partnerschaft" im Sinne von Arnold Retzer lassen sich wohl keine einfachen Lösungen denken. Niklas Luhmann hat dies zu dem Hinweis veranlasst, das Sicheinlassen auf sexuelle Beziehungen erzeuge Prägungen und Bindungen, die ins Unglück führten. Die Tragik liege dabei nicht mehr darin, dass die Liebenden zueinander kommen; sie liege vielmehr darin, dass sexuelle Beziehungen Liebe erzeugen und dass man weder nach ihr leben noch voneinander loskommen könne (siehe Niklas Luhmann, 203). Peter Fuchs (1999, 48) verweist nüchtern darauf, dass das „Ge-setz der Höchstrelevanz" den Körper selbstverständlich einschließe. Deswegen sei es nicht unproblematisch, „den je eigenen Körper andere Weiden abgrasen zu lassen, solange man Umwelt eines bestimmten Intimsystems ist". Er weist allerdings gleichzeitig darauf hin, dass dies keine „normative Rede" seinerseits sei, sondern nur der Hinweis darauf, dass dies die „Formalpräskription" sei, gegen die die Katastrophen „real existierender" Intimsysteme verständlich würden: „Natürlich wird fremdgegangen, aber das Entscheidende ist der Verschweigezwang, der aus der Vor-schrift resultiert." Hält man sich nicht an den „Verschweigezwang" sind „Katastrophen" häufig unausweichlich.

 

So wie auch in der folgenden Geschichte:

Just in jenen Jahren, da Roland Barthes anhob, die Abwertung des verliebten Menschen zu beklagen und Fragmente einer Sprache der Liebe entwarf (Frankfurt 1984), da Niklas Luhmann begann, mit einem „Was nun? Probleme und Alternativen" (Liebe als Passion, Frankfurt 1982, 197-223) erstmals praktische Hinweise zu geben zur Organisation von Intimsystemen, just in diesen Jahren schwang sich ein junger Mann dazu auf – von alledem nichts ahnend – jenes Gebirgsmassiv zu erstürmen, das sich die Unvernunft nennt und das den Zugang zum lieblichen Tal der romantischen Liebe versperrte. Blindlings und getrieben von den Urmächten des Eros schrieb er nolens volens eine moderne Variante jener Balkonszene, die zum unvergleichlichen Symbol (tragischer) romantischer Liebe geworden ist. Und wenn Roland Barthes seinerzeit meinte, der Verliebte sei äußerlich nicht mehr zu erkennen, so sprechen alle Argumente für diese Hinsicht, erschien doch unser Verliebter bei all seinem Tun eher als undurchsichtige Figur in einem Hintertreppenroman, nämlich als jemand, für den die Polizei mehr Interesse aufgebracht hätte als alle die, die an die romantische Liebe auch heute noch glauben. Und da schon einer dabei war die „Ordnungen der Liebe" (Bert Hellinger) infrage zu stellen, fühlte er sich auch so, nämlich als jemand, der etwas zu verbergen hatte, der etwas tat, was aller Vernunft widersprach. Und er tat es als jemand, der nichts wusste und nichts wissen wollte, von dem, was sein Tun bedeutete und auszulösen vermochte. Weil er geschrumpft war und gewachsen gleichermaßen zu einem Nasenmenschen, der den Einhauchungen atavistischer Urinstinkte folgte, so wie die Elefantenbullen seit Jahrtausenden den Wegen folgen, die sie zur Kuh und zur letzten Ruhe leiten. Und tief im limbischen System ruhten die Handlungsanweisungen dafür, nicht nervös, hektisch und unruhig zu reagieren, sondern mit traumwandlerischer Sicherheit das Richtige im falschen Augenblick und das Falsche im richtigen Augenblick zu tun.

An jenem Samstag im März des Jahres 1979 war der Zielort schon im Visier, normale Vorkehrungen zum Einlaufen in fremde Gewässer schon getroffen. Da war nur der Klingelknopf zu betätigen, und nichts in der Welt deutete da-rauf hin, zu welchen Verrücktheiten sich ein junger, verliebter Kerl in der Folge aufwerfen würde.

Aber an diesem Abend bleibt der Türöffner stumm. Kein noch so zaghaftes, kein noch so stürmisches, forderndes Streicheln und Traktieren des Klingelknopfes löst das kurze metallische „Tak" aus, mit dem sich die Türe aus der Verriegelung löst und den Weg freigibt, um nur noch der Nase zu folgen. Alle Erwartung wird enttäuscht und die Vorfreude zieht sich an einem kühlen Märzabend zurück auf konsequente Beharrlichkeit. Schon beginnt mit dem Klingel-knopf auch die Birne heißzulaufen – ruhig bleiben, ganz ruhig: Erst einmal ein paar Schritte zurückweichen, den Kontext weiter fassen, auf der belebten Straße die Seite wechseln, die beiden großen Fenster im ersten Obergeschoss über der Metzgerei ins Visier nehmen, nach irgendwelchen Lebenszeichen Ausschau halten. Während rechts, in O.'s Zimmer offensichtlich alles ruhig und dunkel scheint, lassen sich auf der linken Seite feinste Unterschiede erahnen; möglicherweise im Schein einer Kerze, ein unscheinbares, eher unwirkliches „Flackern", das sinnesmächtig wird nur im Vergleich zum toten unterschiedslosen Grau nebenan – oder doch nur eine Fata Morgana im belebten Lichterspiel der Hauptgeschäftsstraße? Erneute Klingelorgie! Jetzt bahnt sich die eigenmächtige Gedankenlawine ihren Weg – und präsentiert eine Auswahl von Möglichkeiten.

Ich bin nicht der einzige Aspirant – dafür gab es schon früh, bei der ersten, frechen Avance untrügliche Hinweise. Beeindruckend, wie die eingespielte und eingeschworene Wohngemeinschaft von G. und C. zusammenspielte. Immerhin war mein Besuch „angemeldet", eingefädelt. Da werde ich von G. schon an der Wohnungstüre abgefangen und in ihr Zimmer gelotst. C. sei gleich so weit, ich solle noch ein wenig Geduld haben. Ich habe dort eine halbe Stunde gesessen und mit feuchten Händen und klopfen-dem Herzen auf meine Audienz gewartet. Viel später erst habe ich erfahren, dass einer meiner „Kontrahenten" in der Küche – nur in der Küche – saß, sich begriffsstutzig zeigte und das Feld nicht räumen wollte.

Nur eine Möglichkeit: Ich war noch nicht drin und schon wieder draußen. Diese Frau, begehrt, jung, schön, lebendig hatte eine andere Wahl getroffen! Nein, Unsinn, so sicher war ich ihrer und meiner, dass ich mich auf diese Absurdität nicht einlassen wollte. Sie war einfach nicht da, noch nicht da! Sie verspätete sich – von wo, wieso, weshalb; es war schon später am Abend, zwischen 22.00 und 23.00 Uhr! Nun, manchmal bleibt man in einer Kneipe halt hängen, weil es gerade passt, der Wein und die Worte laufen, das Kerzenlicht und die Blicke flackern... Unsinn, Quatsch! Ich habe gesagt, zwischen 21.00 und 22.00 Uhr bin ich da! Aber irgendetwas stimmt hier nicht. Ihre Vorfreude ist mindestens so groß wie meine. Natürlich! Sie kann nicht reagieren, irgendetwas hält sie ab, hindert sie. Sie schläft!? Das wäre zwar ein starkes Stück, aber immerhin denkbar. Was tun? Was tun??? Schlüsselgewaltig bin ich noch nicht, aber liebestoll, von Sinnen, was ein klares, vernunftgeleitetes Denken eindeutig behindert. Gut so – auf diese Weise können die Urinstinkte das Heft in die Hand nehmen und aus Angsthasen flügelbewehrte Adler machen. Und Adler steigen keine Treppen – aber Adler überwinden jedes Hindernis!

Klar, die Rückseite! Dieser Wohnblock hat zwei Zugänge: einen ordentlichen über die Eingangstüre auf der Hauptgeschäftsstraße und einen über den Hinterhof. Ich muss um den Häuserblock herum. Da siehst du schon von weitem aus wie eine zwielichtige Gestalt, die sich zu schaffen macht, die unsicher wirkt, nach Schleichwegen und Zugängen sucht, die der nicht braucht, der sich schlüsselfertig Einlass verschafft. Verwinkelte Gänge, Mülltonnen, düstere, leblose Hinterhofatmosphäre. Aber die Türe steht offen – die liebenswerten Chaoten der oberen Geschosse haben ihren Sinn für die Ordnung in einem ordentlichen Haus ausgerechnet heute vernachlässigt. Mir soll's recht sein. Ich bin im Haus und steige die Treppe bis zum ersten Obergeschoss hinauf, bin an der Wohnungstüre, an der Klingel und klingele: einmal, zweimal... fünfmal... zehnmal! Ja klar, wo ist der Unterschied? Es gibt keinen Unterschied und mit der Klingel keinen Einlass ins Paradies. Und die Wohnung ist zu verwinkelt, als dass Klopfen einen Unterschied machen würde. Da sind zwei Türen dazwischen und eine lange, lange Diele, und der Schall wird dreimal gebrochen. Ehe ich mir auf diese Weise Gehör verschaffe, ist das ganze Haus auf den Beinen und möglicherweise die Polizei schon benachrichtigt. Das Hirn läuft heiß und steht kurz vor dem Kollaps. Alle Möglichkeiten werden erwogen. Nein, hier ist nichts mit Erwägung – ich will hier rein! Und hier sucht sich die Nase die Fährte, sie nimmt Witterung auf wie ein guter Jagdhund, der es mit jedem Gegner aufnimmt, blindlings und ohne jedes Kalkül. Es ist die Trance eines Unbeirrbaren, der eine Mission hat.

Ja, auf halber Höhe im Treppenaufgang gibt es ein Fenster zum Hinterhof hinaus; nach unten verkommene Glasdachungen, die Andock- und Entsorgungsstelle für den Metzgereibetrieb, nach oben der enge Lichtschacht eines sechsstöckigen Hauses. Und von diesem Fenster aus über mir, vielleicht ein bis zwei Meter entfernt, allerdings um gut einen Meter in der Höhe nach oben versetzt, ein weiteres Fenster. Das ist das Fenster zum Bad, G.'s und C.'s Badezimmerfenster. In Reichweite vom Treppenhausfenster verläuft das Regenfallrohr. Genau da muss ich ran, dann ein Meter in die Höhe und die knapp zwei Meter bis zum Badezimmerfenster – hoffentlich nur angelehnt. Mit Dach-rinnen und Regenfallrohren kenne ich mich aus, die sind in gewissen Abständen mit Schellen in der Wand verankert – dieses hier hoffentlich so gut, dass es mich aushält. Wenn ich hier abstürze, werde ich's vermutlich überleben, aber das Getöse eines zerplatzenden und zersplitternden Glasdaches wird ringsum für Aufruhr sorgen, einmal ganz abgesehen von den Verletzungen, die ich mir zufügen könnte. Aber da ich schon waidwund bin und – wie der Stier – nur zur Kuh will, kann mir ein noch so drohendes Ungemach nicht mehr den Schneid abkaufen.

Mit einer Länge von 1,87 Meter – und mit 74 kg leicht und elastisch wie eine Feder – bin ich prädestiniert, die Erklimmung des Olymp zu wagen. Das Regenrohr in meiner Reichweite hält und ich klammere mich wild entschlossen an dieses Himmelsrohr. Jetzt muss es nur noch die Kraftan-strengung aushalten, die mich zu dem schmalen Sims bringt, der gerade breit genug ist, um meinen Fußspitzen Halt zu geben. Die Jahreszeit kommt mir entgegen. Die steifen Sohlen meiner Totschläger lassen mich Halt finden, die eine Hand am Regenrohr, die andere sich vortastend zur Fensterbacke. Jetzt den Punkt erwischen im Ausbalancieren, der es erlaubt das Rohr zu lassen und mit dem rech-ten Arm so viel Schwung zu entfalten, dass ich meine 74 Kilogramm soweit verlagern kann und Griff am Fenster-sims bekomme. Nur ja kein Übergewicht nach hinten riskieren, sonst bleibt der Bock auf der Strecke!!! Ja, Himmel und Hölle sei Dank, die Fensterbank hat sie noch, die Aus-kerbung, an der sich das Regenwasser sammelt und die jetzt meinen Fingern den Zugriff bietet, um mich zu halten. Nur noch das Fenster aufstoßen, hineinklettern und sammeln für das, was kommen mag. Aber die Mädchen sind vorsichtig. Das Fenster ist verriegelt und gibt keinen Milli-meter nach. Lange kann ich mich so nicht mehr halten: Entweder unsicherer Rückzug, Sturz ins Glas, oder??? Ja, wenn schon Glas, dann nach meinen Konditionen. Mit der einen Hand Halt und Balance gleichzeitig suchen und mit dem Parka-geschützten Ellenbogen des anderen Armes einen gezielten Schlag führen, in dem alle Kraft, alle Wut und Enttäuschung sich entladen kann. Ein kurzes Klirren – das Aufschlagen und Zerspringen von Scherben auf Porzellan und Fliesen. Alles bleibt ruhig. Meine Hand tastet sich zum Fenstergriff vor, entriegelt und öffnet das Fenster. Ich bin drin! Fast. Aber jetzt kann nichts mehr schief gehen. Die linke Hand umklammert den Rahmen, als hinge die Welt daran.

Sekunden später stehe ich im Bad der Wohnung und versuche mich zu sammeln. Es ist totenstill, über allem lastet eine unheimliche Ruhe, nichts rührt sich. Aber spätestens jetzt hätte doch jemand in der Wohnung aufmerksam werden müssen!

Ein zutiefst beklemmendes Gefühl kriecht in mir hoch. Aus meiner Trance gerate ich wie mit einem Fingerschnipp in die Welt, in die ich eingebrochen bin. Jetzt auf einmal verlässt mich mit einem Schlag die Sicherheit des Tuns, das Eigen-mächtige weicht zurück und ich bin nichts als ein Einbre-cher – mit welchem Recht, mit welcher Legitimation??? Ich verletze die Privat- und Intimsphäre eines fremden Menschen. Ich bekomme weiche Knie. Was soll ich tun? Was geschieht, wenn ich diesen Raum, diese Schleuse verlasse und die Wohnung betrete? Welche Unterstellungen haben mich in diesen Wahn getrieben, alles vergessen lassen, was mein Leben bindet und einbindet in vorgespurte Bahnen – kein Gedanke an das Leid, das ich auslöse, kein Gedanke an die Optionen einer Frau, die ich nicht kenne, deren Witterung mir die Sinne betäubt und offensichtlich auch das, was von meinem Verstand noch übrig ist.

Was, wenn dort im „Sesam-öffne-dich" jemand anders regiert, Hof genommen hat und ich nicht nur zum Einbrecher, sondern auch noch zum gehörnten Deppen, zum betrogenen Betrüger geworden bin? Unschlüssig und unsicher nähere ich mich der Türe, öffne sie einen Spalt, so dass die Türe zur Küche in meinen Blick fällt. Sie ist halb geöffnet und der Schimmer des Lichts bricht so eben das Dunkel. Er hat die sanfte Unruhe eines Oszillierens zwischen dem Sein und dem Nichts der beginnenden Dämmerung. Dies kann alles bedeuten und alles verheißen...

   

Zurück

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund